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StartseiteHintergrundUngewisse Zukunft07.10.2017

Deutsche WindkraftbrancheUngewisse Zukunft

Die deutsche Windkraftbranche ist nach ihrem rasanten Aufstieg erstmals in einer Krise. Werke werden geschlossen, die globale Konkurrenz nimmt zu und neue gesetzliche Regelungen hemmen die Produktion. Dabei ist die Windenergie für die Klimaziele Deutschlands eine wichtige Technologie.

Von Johannes Kulms

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Schnell drehen sich Windenergieanlagen vor dunklen Gewitterwolken unweit dem brandenburgischen Jacobsdorf (Oder-Spree), aufgenommen am 01.07.2009. (dpa / Patrick Pleul)
Wachsen oder untergehen? Experten halten es für wahrscheinlich, dass es zunehmend Fusionen auf dem deutschen Windkraftmarkt gibt (dpa / Patrick Pleul)
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Der Lack ist ab. Mehr noch: Auch die Buchstaben sind weg. Nur noch mit viel Fantasie lassen sich die Umrisse des Schriftzugs auf dem blauen Fabrikgebäude erahnen.

Ende August hat der Windkraftanlagenbauer Senvion sein Werk in Husum geschlossen. Auf dem Parkplatz vor dem Firmengelände herrscht nun gähnende Leere. An einem überdachten Fahrradständer rostet ein Mountainbike vor sich hin.

Nicht nur das Werk in Husum hat das Hamburger Senvion-Management dichtgemacht. Auch der Standort im brandenburgischen Trampe wurde geschlossen. Bei der Unternehmenstochter Powerblades in Bremerhaven stellt Senvion zu Beginn des kommenden Jahres die Rotoren-Fertigung ein. Insgesamt 650 Arbeitsplätze will das Unternehmen an den Standorten abbauen.

Helge Jürgensen war zuletzt Betriebsratsvorsitzender der Senvion Deutschland GmbH. An diesem Samstag hätte er in Husum sein zwanzigjähriges Dienstjubiläum in der Windkraftbranche gefeiert - wenn es denn das Werk noch geben würde.

Ende einer Erfolgsgeschichte

"Angefangen habe ich am siebten Oktober auf der Husumer Schiffswerft. Weil mir der damalige Betriebsleiter den dritten Oktober nicht bezahlen wollte. Also, war ein sehr interessantes Unternehmen, hat viel Spaß gebracht."

Bereits Ende der 80er Jahre hatte die damals noch existierende Husumer Schiffswerft begonnen, neben Schiffen auch Windkraftanlagen zu produzieren. Für die Stadt an der strukturschwachen Schleswig-Holsteinischen Westküste eine Erfolgsgeschichte. Helge Jürgensen erlebte diese Entwicklung mit, sah, wie das Husumer Werk immer wieder Besitzer und Namen wechselte. Doch meistens ging es aufwärts.

"Nach den zwei Jahren wurde hier die Husumer Schiffswerft übernommen von Jacobs Energie. Zu dem Zeitpunkt waren wir 45 Mitarbeiter insgesamt. Mit Jacobs Energie und Husumer Schiffswerft. Das hat sich in kürzester Zeit also aufgestockt mit Produktion, und ich meine, dann waren wir innerhalb von zwei, drei Jahren 150 Mitarbeiter."

Doch in den letzten Jahren lernte die Husumer Belegschaft auch andere Seiten kennen. Ab 2009 zum Beispiel: Da sollten die Mitarbeiter plötzlich dreieinhalb Stunden mehr arbeiten. In der Woche. Und das ohne Lohnausgleich, erzählt der 46-Jährige. Die damalige Unternehmensführung habe die Mitarbeiter an den beiden Standorten in Husum und im brandenburgischen Trampe gegeneinander ausgespielt.

"Also, wenn der eine nicht unterschreibt wird der andere platt gemacht. Und demnach haben beide unterschrieben, die Mitarbeiter haben dreieinhalb Stunden mehr gearbeitet für zwei Jahre. Und da war eigentlich schon der erste Knackpunkt. Dann wurde vom damaligen Vorstand erzählt, dass wir das alles auf Heller und Pfennig zurückbekommen, was die Mitarbeiter in Trampe und Husum natürlich nicht bekommen haben."

Bis zu 20.000 Jobs in Gefahr

2014 änderte der Eigentümer des Husumer Werks seinen Namen und hieß von nun an Senvion. Schon zuvor war das Unternehmen an die Börse gegangen. Nun, knapp 30 Jahre nach dem Beginn der Windkraftproduktion in Husum, wurde deren Keimzelle geschlossen. Die Kommunikationsabteilung des Unternehmens begründet die Werkschließungen und den Stellenabbau mit einem Markt, der sich dramatisch verändert habe. Und einem Wettbewerb, der immer "brutaler" werde.

Der Husumer Hafen (Johannes Kulms / Dlf Kultur)Erst Schiffswerft, dann Windkraftanlagen-Produzent - 2014 wurde das Werk in Husum geschlossen (Johannes Kulms / Dlf Kultur)

Der frühere Betriebsratsvorsitzende Helge Jürgensen wirft dem Management vor, sich nicht fair verhalten zu haben. Gesprächen sei die Führungsebene aus dem Weg gegangen. Und das Alternativkonzept, das die Belegschaft ausgearbeitet hatte, kam nicht zum Zuge.

"Zur Werftpleite war das wesentlich menschlicher. Da hat sich der Geschäftsführer hingestellt und gesagt, wenn ich den Auftrag nicht 'rankriege, dann muss ich zum Insolvenzverwalter und dann muss ich Insolvenz anmelden. Und das fand ich fair und ehrlich. Und nicht so eine hinterlistige Tour wie das hier gewesen ist."

Die Streichungen bei Senvion haben für Aufsehen gesorgt. Und doch sind sie bei weitem nicht die einzigen in der Branche. Gleich mehrere große deutsche Hersteller haben Einschnitte angekündigt. So will das Unternehmen Nordex 400 bis 500 Stellen streichen. Siemens-Gamesa, aus einer Fusion im vergangenen April entstanden und seitdem Weltmarktführer, will 600 Arbeitsplätze in seinem dänischen Werk abbauen. Insgesamt 20.000 Jobs seien in der Branche in Gefahr, warnt der Bundesverband Windenergie.

Schon seit Jahren steigt der Kostendruck in der Branche. Technische Innovationen werden immer wichtiger. Doch dieses Jahr ist für die Hersteller ein besonderes: Der Markt ist in Bewegung, Unternehmen könnten von anderen geschluckt werden oder sich mit anderen Firmen zusammentun.

"Ich sehe nicht, dass uns der Laden um die Ohren fliegt. Aber natürlich ist die Branche in Turbulenzen."

  ... sagt Patrick Graichen, Direktor des Thinktanks Agora Energiewende.

Die Windkraft spiele bei der Energiewende eine zentrale Rolle. 2022 - also in fünf Jahren - sollen in Deutschland die letzten Atomkraftwerke vom Netz gehen.

"Wir haben insgesamt in Deutschland schon knapp 30.000 Windräder, die drehen. Und wir wissen, dass wir im Zuge der Energiewende sicherlich den Großteil unseres Stroms von Wind- und von Solar bekommen werden. Und dabei mehr von Wind als von Solar."

Die deutschen Hersteller von Windkraftanlagen haben fleißig entwickelt und Anlagen geliefert für Windparkprojekte auf dem Festland und auf hoher See - also onshore und offshore. In den vergangenen Jahren lag der Zubau stets deutlich über den Ausbauzielen der Bundesregierung. Zwischen 2014 und 2016 wurden an Land laut Bundeswirtschaftsministerium Anlagen mit einer Gesamtleistung von rund 12.500 Megawatt in Betrieb genommen. Die Bundesregierung hatte für diese Zeit eine Menge von 7.500 Megawatt anvisiert.

"Wenn wir nach der wirklich derzeitigen Lage gefragt sind, müssen wir erstmal sagen, sie ist gut. Denn wir haben dieses Jahr einen Rekordzubau, der wird ungefähr bei 5.000 Megawatt liegen. Und wir haben zumindest für die erste Hälfte nächsten Jahres aus dem alten EEG auch noch eine gute Auftragslage."

 ... sagt Matthias Zehlinger, Geschäftsführer von VDMA Power Systems und dessen energiepolitischer Sprecher. Der Verband Deutscher Maschinen- und Anlagenbau, kurz VDMA, vertritt rund 3.200 Unternehmen und repräsentiert damit auch die Interessen der Hersteller von Windkraftanlagen

Husum, Mitte September: In einem großen abgedunkelten Saal sitzen mehrere hundert Menschen, die meisten von ihnen Herren in Anzügen. Es ist die Eröffnungsfeier der Fachmesse Husum Wind. Ein kurzer Werbefilm zeichnet den Weg nach, den die Windkraftbranche seit dem Bau der ersten Testanlage genommen hat.

"Alles beginnt im Jahre 198. Growian erblickt das Licht an der Nordsee. Husum, zu diesem Zeitpunkt als die graue Stadt am Meer bekannt, soll die Wiege der Windenergie werden."

Der Besuch auf der Messe zeigt: Die Windenergie ist in Deutschland eine Branche, die gewaltig gewachsen ist. Was das Selbstbewusstsein angeht - aber auch das Geld, das hier inzwischen im Spiel ist. Doch derzeit dominiert das Gefühl der Unsicherheit. Das hat mit den neuen Vergabe-Regelungen zu tun, nach denen künftige Windparkprojekte vergeben werden. Diese Vorschriften sind seit Jahresbeginn in Kraft. Die Frage, die zum Ende des Eröffnungsfilms gestellt wird, dürfte gerade auch vielen Herstellern durch den Kopf gehen.

"Doch was bringt die Zukunft?"

Die Befürchtung der Hersteller: Viele der gerade vergebenen Projekte werden am Ende gar nicht gebaut - und die Auftragsbücher der Unternehmen bleiben leer.

Weniger Förderung, mehr Wettbewerb

Bis vergangenes Jahr war die Festvergütung die Regel. Das bedeutet: Die Betreiber von Windkraftanlagen bekommen für den Strom, den sie ins Netz einspeisen, einen festen Abnahmepreis garantiert. Dieses System habe durchaus funktioniert, sagt Eva Hauser, stellvertretende wissenschaftliche Leiterin beim Izes , dem Institut für Zukunfts- Energie und Stoffstromsysteme in Saarbrücken.

"Diese Festvergütung war ja im Grunde genommen an eine jährliche Degression gekoppelt. Das heißt, hier ging die Festvergütung jedes Jahr um einen gewissen Prozentsatz runter. Und dieser Prozentsatz war der Branche bekannt. Und dementsprechend hat man durchaus auch Kostensenkungen bei der Windenergie gehabt."

Seit diesem Jahr nun gilt: Den Zuschlag für ein Windparkprojekt erhält jener Bieter, der bereit ist, für den geringsten Preis die Anlagen zu errichten. Der damalige Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel hatte an das neue Verfahren vor allem eine Hoffnung geknüpft.

"Es ist natürlich falsch, ein Technologiefördergesetz, das man für eine Nischentechnologie wie die Erneuerbare erfunden wurde, quasi einfach fortzuschreiben in die Zukunft weil - wie einige sagen - es sich bewährt hat. In einer Zeit, in der die Erneuerbaren den Hauptpfeiler der Energiewende oder der Energiepolitik stellen. Es geht nicht mehr darum, junge Welpen zu schützen, sondern das sind Gott sei Dank schnelle Jagdhunde geworden. Und die müssen jetzt am Markt operieren. Wir müssen in Ausschreibungen kommen, bei denen dann diejenigen, die sich dort bewerben, nicht mehr anhand eines staatlich festgesetzten Preises ihren eigenen Teil ausrechnen und fordern können."

Auch die Hersteller tragen den Wettbewerbsgedanken mit. Matthias Zehlinger vom VDMA:

"Denn für uns ist das simpel: Dieser Wettbewerbsdruck, der entlang der ganzen Wertschöpfungskette ja auch bei den Projektierern, selbst bei denjenigen, die Land zur Verfügung stellen, als Kostendruck ankommt, dieser Wettbewerbsdruck ist ein Innovationstreiber. Deshalb: Ja zur Ausschreibung, aber gut gemeint ist nicht immer gut gemacht."

Felder mit zahlreichen Windkraftanlagen bei Husum in Schleswig-Holstein (dpa picture-alliance/ Daniel Reinhardt)Lange Jahre boomte die Windkraftbranche (dpa picture-alliance/ Daniel Reinhardt)

Tatsächlich scheint die Neuregelung auf den ersten Blick aufzugehen. Die ersten beiden Ausschreibungsrunden nach dem neuen Verfahren verzeichneten einen hohen Wettbewerb, wie die Bundesnetzagentur mitteilte.

Beim Großteil der Ausschreibungen konnten sich Bürgerenergiegesellschaften durchsetzen. Für diese hat der Gesetzgeber Sonderbedingungen vorgesehen.

"Man wollte - und das ist ein sehr hehres Ziel - die Bürgerenergie schützen, das heißt, die Möglichkeit der Bürger, sich an Windenergieanlagen zu beteiligen. Und insbesondere eben - und das ist ein deutsches Spezifikum, das gibt es hier sehr, sehr stark im Vergleich zu anderen Ländern - auch die Beteiligung von Menschen eben an vielen Windkraftprojekten, die oft in Genossenschaften sich organisieren oder die in örtlichen Projekten sich organisieren. Und auf diese Art und Weise ist natürlich auch die Akzeptanz für Windkraftanlagen sehr hoch gewesen bislang."

Neue Ausschreibungsverfahren

Sagt Eva Hauser vom Izes in Saarbrücken: In diesen Sonderbedingungen sehen die Hersteller den Knackpunkt: Die Fabrikanten befürchten, dass die Auftragslage über Jahre sehr schwach bleiben könnte. Denn einerseits bekommen die Bürgergesellschaften einen extra langen Zeitraum von bis zu viereinhalb Jahren eingeräumt, innerhalb dessen sie die Windparks errichten müssen. Aber noch wichtiger: Sie brauchen keine immissionsschutzrechtliche Genehmigung, um am Verfahren teilnehmen zu können. Das Immissionsschutzrecht regelt beim Bau von Neuanlagen den Schutz von Natur und Mensch. Eva Hauser:

"Und im Moment ist es so, dass man auch durchaus noch mit Einbußen bei den Genehmigungen rechnen muss. Dass einfach Projekte nicht genehmigt werden oder dass sie nicht so genehmigt werden, wie man sie vielleicht geplant hat, weil auf Grund von Naturschutzbestimmungen oder eben mangelnder Akzeptanz im schlechtesten Fall von Gerichtsverfahren dann Projekte gestoppt oder in ihrem Ausmaß kleiner dimensioniert werden müssen."

Die Sonderbedingungen für Bürgergesellschaften könnten Ausfälle und damit auch Löcher in den Auftragsbüchern der Hersteller nach sich ziehen. Das glaubt auch Fabian Schlüter. Er betreut im Kompetenzzentrum Energie der Commerzbank in Hamburg Firmenkunden.

"Ich würde davon ausgehen, dass jetzt nicht alle Projekte, die jetzt einen Zuschlag bekommen haben, auch realisiert werden."

Vor wenigen Wochen hat das Geldhaus eine Studie vorgestellt. Die besagt: Die Erzeugerpreise für Windstrom werden weiter zurückgehen. Gleichzeitig werde es aber auch eine Verlangsamung geben beim Ausbau der Windkraft in der Bundesrepublik.

Das Bundeswirtschaftsministerium hält sich nach der Bundestagswahl mit Stellungnahmen zu dem Thema zurück. Doch es scheint so, als sei auch in Berlin die Erkenntnis angekommen: Beim neuen Ausschreibungsmechanismus ist etwas schief gelaufen.

Bereits nach der ersten Wind-Ausschreibungsrunde sei intensiv über mögliche Fehlentwicklungen diskutiert worden, teilt ein Sprecher auf Anfrage des Deutschlandfunks mit. Der Deutsche Bundestag habe noch vor der Sommerpause die Diskussion aufgegriffen und beschlossen, eines der Privilegien für Bürgerenergiegesellschaften zeitweise auszusetzen. Das bedeutet: Bei den ersten beiden Ausschreibungen im Jahr 2018 müssen Bürgerenergieprojekte eine Genehmigung nach dem Bundesimmissionsschutzgesetz vorweisen. Fragt sich nur: Wie wird es danach weitergehen?

Branche über Jahre verwöhnt

Eine Busfahrt am nördlichen Hamburger Stadtrand. Hier, wo die Landesgrenze zwischen Schleswig-Holstein und Hamburg verläuft, hat der Hersteller Nordex seinen Verwaltungssitz.

Jörg Hempel leitet bei dem Unternehmen das Deutschland-Geschäft. Wie viele in der Branche hofft auch er auf ein Nachsteuern durch eine mögliche neue Bundesregierung aus Union, FDP und Grünen.

"Wenn es zu diesen Befürchtungen gekommen wäre, Schwarz-gelb zu haben, dann hätten wir einen weiteren Sargnagel in unserer Industrie gehabt. Weil Gelb deutlich nicht für den Ausbau regenerativer Energien steht. Und so haben wir ein Regulatorium drin, das könnte Grün. Und das ist sehr positiv zu bewerten."

Auch Hempel fordert, für sämtliche Windparkprojekte in der Zukunft eine Genehmigung nach dem Bundesimmissionsschutzgesetz auf Bewerberseite vorzuschreiben, damit die Bestellungen nicht noch weiter einbrechen. Allein bei Nordex sind die Auftragseingänge im ersten Halbjahr 2017 um rund 20 Prozent zurückgegangen.

Die Konsequenz daraus: 400 bis 500 Arbeitsplätze sollen europaweit abgebaut werden.

"Wenn man aus verschiedensten Gründen in Deutschland aufgrund des versauten Ausschreibungsverfahrens, in anderen Bereichen vielleicht durch Überkapazitäten oder wie auch immer; wenn wir weniger Anlagen verkaufen, so werden wir weniger produzieren in den Werken. Werden wir weniger produzieren, müssen wir weniger errichten, müssen wir weniger in Betrieb nehmen, es ist die gesamte Wertschöpfungskette innerhalb der Errichtung."

Es sei jetzt wichtig, Prozesse zu überprüfen, sagt Hempel. Denn er ist sicher: Die deutschen Hersteller von Windkraftanlagen sind in den letzten Jahren zu verwöhnt gewesen.

"Sowohl die Branche als auch Planer, man hat sehr viel Geld verdient in der Branche. Deswegen ist es so schlimm, deswegen tut es so weh wahrscheinlich auch. Deswegen ist ein Lernprozess auch da, dass man gemäßigt sein muss in seinen Erwartungen.

Bewegung auf dem Markt

Wie sich die aktuelle Krise auf den deutschen Markt auswirken wird, ist ungewiss. Viele Fragen sind nach wie vor ungeklärt.

Einige Beobachter gehen aber von einer Konsolidierung aus und halten weitere Fusionen für möglich. Auch Fabian Schlüter, Energieexperte bei der Commerzbank:

"Grundsätzlich ist es ja so: Der Markt wird reifer und wir wissen aus reifen Märkten, dass die Marktanteile sich unter weniger Marktteilnehmern verteilen, als es aktuell in der Wind-onshore-Branche der Fall ist."

Auch Eva Hauser, die für das Izes in Saarbrücken den deutschen Energiemarkt beobachtet, hält Fusionen für möglich. Dies könnte nicht nur größere Unternehmen betreffen. Immer wieder werde auch davon gesprochen.

 Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) berät in Berlin im Kanzleramt mit den Ministerpräsidenten über die EEG-Reform. (dpa-Bildfunk / Maurizio Gambarini)Im vergangenen Jahr hat die Bundesregierung die Vergabeverfahren für Windkraftanlagen geändert (dpa-Bildfunk / Maurizio Gambarini)

" … dass die Anbieter möglicherweise immer stärker Zulieferer aufkaufen, dass der Wettbewerb bei den Zulieferern weitaus härter wird, dementsprechend auch da sich eine Konzentration vollziehen kann."

Das Unternehmen Senvion, das hunderte Arbeitsplätze in Schleswig-Holstein, Brandenburg und in Bremerhaven gestrichten hat, macht daraus kein Geheimnis. Wir bereiten uns auf eine mögliche Übernahme vor, heißt es aus der Hamburger Kommunikationsabteilung. Dafür werde "die Braut hübsch gemacht", so ein Sprecher.

Konkurrent Nordex hat sich erst im vergangenen Jahr mit dem spanischen Unternehmen Acciona zusammengeschlossen. Der für das Deutschland-Geschäft zuständige Jörg Hempel weiß, dass der Druck zugenommen hat. Bleibt als Ausweg also nur ein Weiterwachsen?

"Das mag vielleicht so sein. Ich bin aber auch der Meinung, dass es gewisse Nischen geben wird. Und Größe allein ist nicht immer wichtig. Letztendlich ist es in dieser Branche so, dass häufig der Schnelle den Langsamen frisst. Und nicht der große den kleinen.

"Und ist Nordex ein langsamer oder ein schneller?"

"Das ist ein mittelgroßer Schneller!"

Der deutsche Markt ist in Bewegung. Es ist auch möglich, dass er in den nächsten Jahren kleiner wird und die Hersteller ihr Glück eher im Ausland suchen - zum Beispiel in Asien oder Südamerika.

Jörg Graichen, Direktor beim Thinktank Agora Energiewende, mahnt daher, dass der Ausbau der Windenergie in Deutschland nicht einbrechen dürfe.

"Es ist ja auch so, dass wir unser Klimaschutzziel 2020 verfehlen werden, wenn wir nicht noch mal ordentlich nachlegen. Deswegen bin ich der Meinung, dass es jetzt von der neuen Bundesregierung ein Sofortprogramm Klimaschutz 2020 geben sollte. Und in diesem Sofortprogramm auch zusätzliche Ausschreibungen für Windanlagen dabei sein sollten."

Ähnlich sieht es auch Eva Hauser. Die Branche brauche stabile Rahmenbedingungen von der Politik, um für die nächsten Jahre planen zu können. Und die Ziele der Energiewende müssten im Auge behalten werden.

"Wenn man in der Bundesrepublik das Ausschreibungssystem beibehält, sollte man es definitiv so machen, dass die nicht gebauten Mengen dann späteren Ausschreibungen zugeschlagen werden, damit wirklich auch der Nettozubau so sein kann."

Commerzbank: Vertrauen in Windenergie-Markt

Man werde die Ergebnisse der kommenden Ausschreibungen für Windenergie an Land inklusive der beiden ersten Ausschreibungen im kommenden Jahr genau verfolgen, heißt es vom Bundeswirtschaftsministerium. Das bedeutet: Berlin will abwarten, wie sich die erhöhten Anforderungen an Bürgerenergiegesellschaften auswirken - und über Anpassungen an weiteren Ausschreibungsbedingungen diskutieren.

Wer in Hamburg das Kompetenzzentrum Energie der Commerzbank besucht, kann sie nicht übersehen: Modelle von großen Containerschiffen, die in Vitrinen in der Eingangshalle stehen und auch auf den Etagen verteilt sind.

Die Schiffsfinanzierung hat sich angesichts von Überkapazitäten von Schiffen und der eingebrochenen Nachfrage auf Unternehmensseite in den vergangenen Jahren für viele Geldhäuser zum Alptraum entwickelt. Die Commerzbank hat sich daher aus der Schiffsfinanzierung zurückgezogen. Auf dem Feld der Windenergie rühmt sich der Konzern hingegen, einer der größten Geldgeber in Deutschland zu sein. Er habe weiterhin Vertrauen in den Markt, sagt Fabian Schlüter.

"Absolut. Wir sind weiter von der Technologie überzeugt. Erneuerbare Energien sind die Erzeugungsform, die auch in Zukunft dominierend sein wird. Und wir werden hier auch weiter aktiv sein."

Starker Innovationsdruck

Zurück an die Schleswig-Holsteinische Westküste. Vor den Toren Husums wurde vor wenigen Wochen ein Windtestfeld in Betrieb genommen. Die Hersteller können hier ihre Prototypen testen, die es so noch nicht auf dem Markt zu kaufen gibt. Da kreisen nun beispielsweise Rotoren mit sogenannten "Haifischzähnen" am Ende der Flügel, die die Anlagen leiser machen sollen.

Die Windräder auf dem Testfeld zeigen: Der Druck zu Innovationen hat sich deutlich verstärkt. Immer wieder werden Vergleiche diskutiert zwischen dem Niedergang der deutschen Photovoltaikbranche und der derzeitigen Krise in der Windenergie.

Wildgänse fliegen vor einem Windrad entlang (dpa/picture alliance/Patrick Pleul)Es gibt auch Kritik an Windrädern: Sie verursachen Lärm, irritieren Vögel - und stören das Landschaftsbild (dpa/picture alliance/Patrick Pleul)

Bei der Photovoltaiktechnik hat die Konkurrenz aus China den deutschen Herstellern arg zugesetzt. Für die Energiewende und die Senkung der Strompreise waren die günstigeren Solaranlagen aus Asien dagegen eine wichtige Triebfeder.

Allerdings gibt es Unterschiede zwischen den beiden Branchen. Die Photovoltaiktechnik lässt sich auch viele tausende Kilometer vom Einsatzort entfernt als Massenware produzieren. In der Windkraftbranche ist das allein schon wegen der Größe der Anlagen und Transportfragen anders. Trotzdem wird auch hier deutlich: Die Ziele der deutschen Umweltpolitik sind nicht automatisch deckungsgleich mit denen der Industriepolitik. Sicher scheint angesichts des immer schärferen Wettbewerbs nur: Ruhig und übersichtlich dürfte der Windenergie-Markt so schnell nicht werden.

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