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StartseiteHintergrundFlüchtlinge - gebraucht, aber ausgebremst22.09.2015

Deutscher ArbeitsmarktFlüchtlinge - gebraucht, aber ausgebremst

Um Flüchtlingen den Einstieg in den deutschen Arbeitsmarkt zu erleichtern, sollen in Erstaufnahmeeinrichtungen bald Berater der Arbeitsagenturen präsent sein. Qualifikationen erkennen, Defizite durch Förderung ausgleichen - das ist das Ziel. Ein Berliner Modellprojekt geht es jetzt schon an.

Von Susanne Arlt und Gerhard Schröder

Zumeist aus Syrien stammende Flüchtlinge warten am 11.09.2015 vor der zentralen Erstaufnahmeeinrichtung des Landes Mecklenburg-Vorpommern in Horst bei Boizenburg (Mecklenburg-Vorpommern). (picture alliance / dpa - Jens Büttner)
Ein Problem: Berufsabschlüsse, die Flüchtlinge in ihren Heimatländern erworben haben, werden in Deutschland oft nicht anerkannt (picture alliance / dpa - Jens Büttner)
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Dossier: Flüchtlinge

"Herzlich willkommen, ich bin Ines Harbauer von der Agentur für Arbeit."

Die 32-jährige Frau lächelt den Syrer Mohammed al Sayed freundlich an, bittet ihn, Platz zu nehmen. Seit August bietet Job-Coach Ines Harbauer ihre Beratungsgespräche nicht mehr bei der Arbeitsagentur in Berlin-Mitte an, sondern direkt beim Bundesamt für Migration. Der gemeinsame Plan der beiden Bundesbehörden, die mit Frank-Jürgen Weise seit Kurzem auch denselben Chef haben: Flüchtlinge schneller in Arbeit bringen. Präferiert werden bei der Beratung jedoch Jobsuchende, die aller Wahrscheinlichkeit nach auch eine Aufenthaltserlaubnis, also Asyl, erhalten.

"Die Agentur für Arbeit hat nix mit dem Ministerium für Migration zu tun, das hier ist ein unabhängiges Projekt und die Teilnahme ist freiwillig."

Eine Dolmetscherin übersetzt für den 23-jährigen Syrer. Ines Harbauer erläutert ihm das weitere Prozedere. Welche Berufserfahrungen und Schulkenntnisse er hat, will sie von ihm wissen. Diese Informationen werden dann weiter geschickt an die Kollegen in die Agentur-Zentrale. Dort sitzt ein neu gegründetes, elfköpfiges, sehr sprachbegabtes Spezialteam. Die Mitarbeiter sprechen Farsi, Arabisch, Türkisch und natürlich Englisch. Sobald Mohammed al Sayed seine Aufenthaltserlaubnis hat, überlegen sie gemeinsam mit ihm, wie er möglichst schnell an Arbeit kommt, welchen berufsbezogenen Sprachkurs er dazu braucht oder ob er vielleicht vorher ein Praktikum absolviert. Mohammed al Sayed ist verblüfft. Mit diesem Angebot habe er hier gar nicht gerechnet, sagt der junge Mann. Eigentlich wollte er heute nur seinen Asylantrag abgeben. Christian Henkes, Pressesprecher der Berliner Arbeitsagentur, erläutert die Idee des Berliner Modellprojekts.

"So können die Asylsuchenden gleich wissen, wie kann ich meine Qualifikationen und Fähigkeiten einbringen, wie finde ich Zugang zum Arbeitsmarkt, was muss ich überhaupt mitbringen? Wo kann ich meine praktischen Fähigkeiten unter Beweis stellen? Das ist natürlich hier in Deutschland eine sehr hoch entwickelte, komplexe Materie. Es gibt sehr sehr viele unterschiedliche Zuständigkeiten. Wer bietet was an, welche Institutionen sind für was zuständig? Und um sich in diesem Dschungel eben zurechtzufinden ist es natürlich sinnvoll, so früh wie möglich anzusetzen."

"Möchte er mitmachen? "

Mohammed al Sayed nickt. Zuallererst aber will er Deutsch lernen.

"Okay und hat er da so etwas wie eine Ausbildung gemacht?"

Der Syrer schüttelt den Kopf. Nach dem Abitur habe er als Hilfsarbeiter gearbeitet. Er hat Wohnungen renoviert, Stuck restauriert und Wände gestrichen. Ines Harbauer schaut erfreut. Maler und Lackierer würden in Deutschland derzeit händeringend gesucht, erklärt sie ihm. Jetzt lächelt auch Mohammed al Sayed.

"Natürlich ist das gut, so schnell eine Unterstützung und Hilfe zu bekommen, denn ich möchte ja so bald wie möglich Arbeit finden, oder eine Ausbildung machen oder noch besser: studieren."

Zunächst plante al Sayed, in Schweden Asyl zu beantragen. Aber seine Freunde meinten, in Deutschland seien die Arbeitsmöglichkeiten viel besser. Ob er hier tatsächlich Asyl erhält, ist aber noch ungewiss. Harbauers Kollegin Karla Loose ist es vor allem wichtig, Flüchtlinge in Deutschland ganz grundsätzlich willkommen zu heißen.

"In den nächsten Jahren kriegen wir sehr viele Leute aus aller Welt hierher, die bei uns bleiben wollen, die sich integrieren wollen, wo ich das einfach wichtig finde, dass sie in den ersten Tagen spüren, zumal wir selber uns übrigens in diesem Prozess auch einfach verändern. Es sind nicht die Bittsteller, sondern es kann sich Partnerschaft entwickeln."

Sechs Milliarden Euro will die Bundesregierung bereitstellen

Eine Sichtweise, die auch Bundeskanzlerin Angela Merkel teilt. Viele der Flüchtlinge, die jetzt zu uns kommen, werden dauerhaft in Deutschland bleiben, sagte die Regierungschefin Anfang September im Bundestag.

"Und wir sollten aus den Erfahrungen der 60er-Jahre, als wir Gastarbeiter zu uns gerufen haben, lernen und sollten von Anfang an der Integration allerhöchste Priorität einräumen."

Sechs Milliarden Euro will die Bundesregierung bereitstellen. Drei Milliarden sollen an Länder und Kommunen gehen, die für winterfeste Unterkünfte sorgen müssen. Weitere drei Milliarden Euro werden notwendig sein, um den Unterhalt und die Integration der Flüchtlinge zu organisieren, kalkuliert Arbeitsministerin Andrea Nahles:

"Aus den Flüchtlingen sollen möglichst Nachbarn und Kollegen werden. Lange Asylverfahren und die Abhängigkeit von staatlicher Hilfe, das ist für die betroffenen Menschen frustrierend. Und es ist die schlechteste Lösung für unser Gemeinwesen, auch übrigens für die öffentlichen Kassen."

Was bislang in Modellprojekten wie in Berlin ausprobiert wurde, soll deshalb vom kommenden Jahr an flächendeckend praktiziert werden. Berater der Arbeitsagenturen sollen in sämtlichen Erstaufnahmeeinrichtungen präsent sein und den frühen Kontakt zu den Flüchtlingen suchen. Mit dem Ziel, sie möglichst schnell in einen Job zu vermitteln. Es geht darum, sprachliche und berufliche Qualifikationen zu erkennen, Defizite zu benennen und durch gezielte Förderung auszugleichen.

Eine schwierige Aufgabe für Arbeitsagenturen und Jobcenter. Sie brauchen mehr Geld und mehr Personal, um die Herausforderung zu meistern. Zwei Milliarden Euro braucht es, um den Unterhalt der Flüchtlinge im nächsten Jahr zu finanzieren, schätzt die Bundesagentur für Arbeit. Eine weitere Milliarde sei nötig für Betreuung und Qualifizierung. Macht insgesamt drei Milliarden. Auf ähnliche Größen kommt Arbeitsministerin Nahles. Im Bundeshaushalt sind diese Zahlen allerdings noch nicht berücksichtigt.

"Wir stehen hier vor einer nationalen Aufgabe, es wird am Geld nicht scheitern", versichert Martin Jäger, der Sprecher von Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble.

Wichtige Fragen aber sind noch ungeklärt. Zum Beispiel die Finanzierung der Sprachkurse für Flüchtlinge. Ohne die sind alle Bemühungen um Integration zum Scheitern verurteilt. Raimund Becker, Vorstandsmitglied der Bundesagentur für Arbeit:

"Hier haben wir wirklich einen Engpass, bei den Integrationskursen haben wir zum Teil unterschiedlich lange Wartezeiten. Diese Integrationskurse vermitteln ein Sprachniveau, dass man sich allgemein unterhalten kann. Das reicht aber nicht, um eine Berufsausbildung zu machen."

Nötig sind also berufsbezogene Sprachkurse, doch da hapert es. Wie auch am Personal in den Jobcentern. 2.800 zusätzliche Stellen wünscht sich Becker. Qualifiziertes Personal, das geübt ist im Umgang mit Flüchtlingen aus anderen Kulturkreisen. Doch selbst wenn die Bundesregierung die Mittel bereitstellen sollte: Vieles kommt zu spät, fürchtet Brigitte Pothmer, die Arbeitsmarktexpertin der Grünen:

"Wenn das weiter alles seinen sozialistischen Gang geht, dann werden wir Ende November den Haushalt beschließen, dann wird das Geld Anfang Januar zur Verfügung stehen. Bis dieses Geld dann beim ersten Flüchtling ankommt, ist es Juli 2016."

Nahles hat vorgeschlagen, die Vorrangprüfung vorübergehend auszusetzen

Doch es geht nicht nur ums Geld. Zuviel Bürokratie, zu viele komplizierte Regelungen verhinderten, dass Flüchtlinge auf dem Arbeitsmarkt Fuß fassen könnten, kritisiert Pothmer und nennt die sogenannte Vorrangprüfung als Beispiel.

"Sie ist eine bürokratische Hürde, die dazu führt, dass Arbeitgeber, die einem Flüchtling einen Arbeitsplatz zur Verfügung stellen wollen, erst nachweisen müssen, dass für diesen Arbeitsplatz kein Deutscher oder EU-Bürger zur Verfügung steht. Das ist sehr aufwendig und viele Arbeitgeber verzichten dann auch darauf."

Arbeitsministerin Andrea Nahles hat deshalb vorgeschlagen, die Vorrangprüfung vorübergehend auszusetzen, scheiterte damit jedoch am Widerstand des Koalitionspartners. Karl Schiewerling, der Arbeitsmarktexperte der CDU, erklärt, warum CDU und CSU an der umstrittenen Regelung festhalten wollen:

"Dahinter steht auch der Wunsch, dass nicht in unserer Gesellschaft der Eindruck entsteht, die die bei uns leben werden schlechter behandelt als die, die zu uns kommen. Das darf nicht sein."

Sabine Zimmermann von der Linkspartei hält das für ein überholtes Denken aus Zeiten, als Deutschland sich abschotten wollte. Jetzt müssen wir unseren Arbeitsmarkt aber öffnen, sagt sie und bemüht das Beispiel Schweden. Dort dürfen Flüchtlinge vom ersten Tag an arbeiten, bei uns frühestens nach drei Monaten:

"Das Wichtigste ist erst einmal die ganzen Barrieren abzubauen, die wir haben, um den Arbeitsmarktzugang zu gewährleisten. Solange wir die Barrieren haben, werden die Leute in Schwarzarbeit landen, und das hilft der Wirtschaft dann auch nicht. Deshalb ist das der wichtigste Punkt."

Ein weiteres Problem: Berufsabschlüsse, die Flüchtlinge in ihren Heimatländern erworben haben, werden in Deutschland oft nicht anerkannt. Ein Fehler, sagt die Grünen-Politikerin Pothmer:

"Wir haben immer noch die Situation, dass es Ärzte gibt, die Pizza ausfahren, dass es Physikerinnen gibt, die als Putzfrau arbeiten. Da gehen uns Potenziale verloren, deswegen müssen wir etwas dafür tun, dass die im Ausland erworbenen Abschlüsse schneller anerkannt werden."

Klingt gut, ist in der Praxis aber nicht ganz einfach, gibt Raimund Becker von der Bundesagentur für Arbeit zu bedenken.

"Die Menschen, die zu uns kommen, die kommen aus Afghanistan, Syrien, Irak, Eritrea. Länder, in denen die duale Berufsausbildung keinen Stellenwert hat, die Differenziertheit der Berufe nicht da ist, sodass wir, wenn wir die Menschen als Fachkräfte integrieren wollen, feststellen müssen, was sie können. Und dann ist es wichtig, mal die Teile anzuerkennen, die sie beherrschen, wo Kompetenzen vorhanden sind, und dann dieses Gap herauszufinden: Was muss man denn noch tun, um sie zu einem richtigen Berufsabschluss führen?"

Verkürzung des Arbeitsverbotes für Flüchtlinge

Tatsächlich hat die Bundesregierung in den vergangenen Wochen so manche Hürde zumindest verkleinert. So wurde das Arbeitsverbot für Flüchtlinge von 15 auf drei Monate verkürzt, Jugendliche, die eine Ausbildung beginnen, sollen eine Bleibeperspektive erhalten. Zunächst für ein Jahr, mit der Option auf Verlängerung. Hans-Peter Wollseifer, der Präsident des Zentralverbands des Deutschen Handwerks, hätte sich hier aber eine noch großzügigere Regelung gewünscht:

"Wir brauchen für die Ausbildung eine Planungssicherheit, eine Rechtssicherheit. Wir brauchen nicht nur die Duldung von Jahr zu Jahr, wir brauchen ein Aufenthaltsrecht während der Ausbildung. Das muss die Politik leisten."

Raimund Becker von der Bundesagentur für Arbeit geht noch einen Schritt weiter:

"Noch schöner wäre es natürlich, dass wenn die Ausbildung absolviert ist, der junge Mensch zwei Jahre in Deutschland bleiben darf, um sich einen Arbeitsplatz zu besorgen. Das würde Sicherheit vermitteln und würde Arbeitgeber in noch größerem Umfang motivieren, Flüchtlinge einzustellen."

Wolfgang Liedtke ist so ein Arbeitgeber. Er ist Geschäftsführer der Fletwerk GmbH, eines Unternehmens, das Wohnungen saniert und Hausmeisterdienste anbietet. Liedtke hat zum ersten September dieses Jahres Achmed Saliouh als Auszubildenden eingestellt. Der 30-Jährige ist vor vier Jahren aus Nigeria geflüchtet, wo eine Gruppe marodierender Fundamentalisten seine Familie umbrachte. Vor seiner Flucht hatte er drei Jahre lang als Elektriker für die staatlichen Elektrizitätswerke gearbeitet.

"Sie haben mir erzählt, dass Deutschland Elektriker braucht. Es fehlt in Berlin an Elektrikern. Viele von uns Geflüchteten haben ja eine Ausbildung gemacht oder studiert. Wir sind es einfach leid, dass wir zum Rumsitzen verdammt sind und nicht arbeiten können. Immerhin gibt es jetzt Projekte von der Bundesregierung, die uns dabei helfen, eine Arbeit zu finden. Wer wirklich Interesse hat, der kann dort zeigen, was er für Fähigkeiten hat."

Wolfgang Liedtke sucht für sein Unternehmen händeringend Elektroniker und ist froh, Achmed Saliouh als Auszubildenden gefunden zu haben. Der 30-Jährige ist allerdings über Italien eingereist, fällt also unter das Dublin-III-Abkommen. Er besitzt zwar eine Duldung, hat aber keine Aufenthaltserlaubnis. Sein Fall liegt jetzt der Härtefallkommission vor. Wolfgang Liedtke hofft auf einen schnellen, positiven Bescheid.

"Hier haben wir einen Fall, wo alle Beteiligten eigentlich froh sein könnten, wenn dieser Status legalisiert wird. Wir hätten einen engagierten Auszubildenden, einen künftigen Facharbeiter für unser Unternehmen. Er könnte sich über die Arbeit hier sehr gut integrieren. Das ist eigentlich die beste Integrationsarbeit, die man machen kann. Zusammen mit einem Kollegen jeden Tag Auto fahren, Kontakt zu Deutschen, vielleicht auch private Kontakte unter Kollegen, so funktioniert dann Integration. Aber dafür brauchen wir eine Rechtssicherheit."

Die gibt es in Achmed Saliouhs Fall aber nicht. Zumindest noch nicht. Sein Arbeitgeber Wolfgang Liedtke hofft, dass die Bundesregierung die gesetzlichen und bürokratischen Hürden für eine Arbeitserlaubnis weiter senken wird. Denn er würde gerne mehr Flüchtlinge einstellen. Egal ob aus Syrien, Afghanistan, Nigeria oder Somalia, egal ob mit Aufenthaltserlaubnis oder Duldung.

Vielen Handwerksbetrieben geht es ganz ähnlich wie Unternehmer Liedtke. 20.000 Ausbildungsplätze im Handwerk blieben in diesem Jahr unbesetzt, sagt Handwerkspräsident Hans-Peter Wollseifer:

"Wir haben Fachkräftebedarf in allen Handwerken mittlerweile. Das geht querbeet, in fast allen der 130 Berufe gibt es noch freie Stellen."

Das Humboldt-Vivantes-Krankenhaus im Norden von Berlin. Dennis Türkan zupft ihr türkisfarbenes Kopftuch zurecht, vor sich ein Wägelchen mit Waschzeug und Handtüchern. Vor vier Monaten hat die 17-jährige Kurdin hier eine Ausbildung zur Krankenpflegerin begonnen.

"Ich kann schon sagen, dass es immer mein Traumwunsch war, schon als ich sieben Jahre alt war. Ich mag es, mit den Leuten zu arbeiten, ihnen zu helfen. Und wenn man ins Zimmer rein geht und sie einen anlächeln, das ist doch schon was."

Vor vier Jahren ist sie mit ihrer Mutter aus dem Osten der Türkei nach Deutschland gekommen, hat den mittleren Schulabschluss gemacht. Ob sie ihre Ausbildung bei Vivantes beenden kann, weiß sie aber nicht. In sechs Wochen, am 1. November endet ihre Aufenthaltsgenehmigung. Auch ihre Mutter und ihr Bruder sind von Abschiebung bedroht:

"Ich weiß nicht, ob ich morgen noch hier bin. Ob ich morgen abgeschoben werde. Ich hab ja das Probehalbjahr bestanden, aber ich weiß nicht, was die Ausländerbehörde zu mir sagt."

Gesellschaftliche Verantwortung und Fachkräftemangel

Ulrich Söding kennt diese Ängste. Als Ausbildungsleiter bei Vivantes hat Söding schon vor zehn Jahren begonnen, verstärkt junge Ausländer als Nachwuchskräfte zu gewinnen. Aus gesellschaftlicher Verantwortung, sagt er, aber auch aus Eigeninteresse:

"Auch an uns geht der Fachkräftemangel nicht vorbei. Und das ist natürlich auch ein Aspekt, der diese Arbeit betrifft. Fachkräfte, die über unsere Partnerorganisationen zu uns kommen und dann als Pflegekräfte bei uns arbeiten, helfen uns den Fachkräftemangel ein wenig abzumildern."

Der Fachkräftemangel wird sich in den nächsten Jahren noch verschärfen. Wenn wir nichts tun, schrumpft die Zahl der Erwerbspersonen bis zum Jahr 2030 um sechs Millionen auf 38 Millionen, sagt der Arbeitsmarktexperte Herbert Brücker vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung. Ein Problem nicht nur für die Unternehmen, sondern für die gesamte Gesellschaft:

"Es ist dann so, dass immer weniger Beschäftigte immer mehr Menschen finanzieren müssen, die nicht mehr im Erwerbsleben stehen. Das führt zu Verteilungskonflikten zwischen den Generationen. Wir werden mehr Altersarmut haben. Insgesamt gehe ich davon aus, dass die Einkommensungleichheit zunehmen wird und es wird stärker, als wir das heute kennen, Armut geben."

Durch Einwanderung könnte diese Entwicklung zumindest abgefedert werden, meint Brücker. Dafür müssten aber jedes Jahr 500.000 Arbeitskräfte einwandern. Die Flüchtlinge, die derzeit ins Land kommen, können zwar helfen, die demografische Lücke zu verkleinern, sagt Raimund Becker von der Bundesagentur für Arbeit, aber er warnt auch vor überzogenen Erwartungen:

"Man darf jetzt nicht der Fehlannahme anheimfallen, dass die Flüchtlinge die Fachkräftelücke schließen. Dem ist nicht so. Wenn wir nur mal schauen, wo diese Menschen herkommen mit den unterschiedlichen beruflichen Bildungssystemen: Viele sind relativ jung, 70 Prozent der Menschen, die zu uns kommen, sind unter 30 Jahre, muss man aber deutlich feststellen: 80 Prozent der Menschen haben keine berufliche Qualifikation, wie wir das in Deutschland verstehen."

Untersuchungen der Bundesagentur für Arbeit haben ergeben, dass nur zehn Prozent der Flüchtlinge sofort in einen Job vermittelt werden können. 90 Prozent brauchen mehr Zeit, um die Sprache zu lernen oder berufliche Qualifikationen zu erwerben. Ministerin Andrea Nahles geht daher davon aus, dass die Arbeitslosigkeit im nächsten Jahr steigen wird. Auf mittlere Sicht aber werde Deutschland von den Flüchtlingen profitieren, sagt sie.

"Wir haben 600.000 offene Stellen, so viele hatten wir in der Geschichte der Bundesrepublik noch nie. Wir brauchen Fachkräfte. Nicht jeder Flüchtling, der kommt, ist schon automatisch eine Fachkraft, das ist richtig, viele brauchen noch Qualifizierung. Aber der Bedarf an Fachkräften ist da. Die Flüchtlinge von heute können die Fachkräfte von morgen sein. Wenn wir es richtig machen, wenn wir sie optimal integrieren."

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