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StartseiteLyrixDezember 2013: In Serie29.11.2013

Dezember 2013: In Serie

Im Dezember 2013 reist »lyrix« in das Kunstmuseum Stuttgart. Drei Gemälde der "Montaru"-Serie von Willi Baumeister bieten euch zusammen mit dem Gedicht "erschlossener Sinn" von Ulf Stolterfoht Anregung für eure Texte zum Thema "In Serie".

Das Glasgebäude des Stuttgarter Kunstmuseums vor blauem Himmel mit einer bunten Skulptur davor. (Kunstmuseum Stuttgart)
Das Stuttgarter Kunstmuseum zeigt noch bis 2. März eine Ausstellung von Willi Baumeister. (Kunstmuseum Stuttgart)

Serien begegnen uns an vielen Stellen, zum Beispiel im Fortsetzungsroman, in Comics, Hörspielen und auch im Fernsehen. Gerade hier gab es in den vergangenen Jahren einen Boom sehr aufwendig produzierter Serienformate wie beispielsweise Lost.

Auch in der bildenden Kunst taucht das Serielle als zeitgenössische Kunstgattung auf, die ihren Ausdruck in serienmäßigen Reihungen, Wiederholungen, Verdoppelungen und Variationen desselben Themas oder Gegenstands findet. Durch konstante und variable Elemente oder Prinzipien wird eine ästhetische Wirkung erzielt.

Willi Baumeister war ein Künstler, der sein Werk in Serien erarbeitet und verstanden hat. Das Kunstmuseum Stuttgart widmet ihm aktuell eine noch bis zum 2. März 2014 laufende Ausstellung. Bei der Auswahl der Gemälde wurde ein Schwerpunkt auf das für Baumeister typische serielle Arbeiten gelegt. Baumeister selbst hat seine Werkgruppen immer wieder in so genannten "Bilderwänden" zusammengestellt und fotografisch dokumentiert.

Als prägnantes Beispiel für das Serielle bei Baumeister gilt seine "Montaru"-Werkgruppe. Der lautmalerische Titel "Montaru" setzt sich aus dem lateinischen Wort "Mons", der Berg, und dem biblischen Berg "Ararat" zusammen.

Kennzeichnend für die "Montaru"-Serie ist die große schwarze Fläche als Bildmittelpunkt. In den Grundfarben Rot, Blau und Gelb legen sich verschiedengestaltige kleinere Flächen teils neben, teils auf das Schwarz, manche ragen auch darüber hinaus. Kleine, von Baumeister so genannte "Protuberanzen" - feine schwarze Linien, die aus der schwarzen Fläche heraustreten - werden ergänzt durch farbige Punkte und Pünktchen. Sie bilden einen spielerischen, geradezu poetischen Kontrapunkt zu der mattschwarzen, das Bild beherrschenden Masse. Bei längerem Ansehen kann dem Betrachter diese dunkle Fläche optisch entgegenkommen oder sich wie ein schwarzes Loch zurückziehen.

Auch in der Lyrik taucht Serialität beispielsweise als Strategie des Verkettens von unterschiedlichen oder auch zusammenhanglosen Ereignissen auf. In der deutschsprachigen Gegenwartslyrik gilt Ulf Stolterfoht als ein Spezialist für Serielles. 1998 debütierte er mit seinem Gedichtband "fachsprachen I-IX", der anschließend auch in Serie ging. Mittlerweile sind drei weitere "fachsprachen"-Gedichtbände erschienen. In seinem Text "erschlossener Sinn" arbeitet Ulf Stolterfoht mit Wiederholungen und wiederkehrenden Themen bzw. Bildern.

Wie seid ihr in eurem Alltag schon einmal der Serialität bzw. seriellen Prinzipien begegnet? Vielleicht in Form einer Buchreihe oder einer Fernsehserie? Gibt es Wiederholungen von Ereignissen oder Themen, die euch immer wieder konfrontieren?

Wir freuen uns auf eure Gedichte!

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erschlossener sinn

schöner tag. das obst schreit in den gärten. extreme nomen- bewegung über dem kopf. linz liegt erschöpft im elsaß rum.
zunge erzeugt den schnellen brüll. was tut sich noch? an und für sich das gedachte. herrlicher tag. das liebe proletariat.
wurmnächtigung im apfel. der abschaum. und wie er uns zu

herzen geht. alles scheint heute gedreht. schöner tag. die dinge wagen einen schrei. warum nennst du dich fahrenheit? keine antwort. schöner tag. quitten beginnen von innen zu nässen.
schöner tag. wir stürzen durch bedeutungshöfe. schieres ver- gessen. kein käfer fährt die zangen aus. linz liegt inzwischen

neben wels. seltsame früchte im gezweig. bitter frucht. zwingli hängt bleich im kaum erreichten baum. wien bleibt wien. und eine amsel tut den ruf. schöner tag. ammernschlag. der süße sinn erschließt sich durch verfahren. knopf schiebt sich heister durch ein loch. was tut sich noch? kein käfer nähert sich dem

hund. zunge macht rasches geräusch. sensengeräusch. schöner tag. später nachmittag im juli der revolution. mit angestelltem sprinkler. united fruits enteignen - bitte jetzt! geruch nach bir- nen angefault. dann sanftes nomenrauschen. dann eine kleine politische zwischenfrage: wer führte #71 die bewegung an?

und: war das ihrer meinung nach der richtige mann? schöner tag. leuchtet stark. kaum einmal fällt ein obst vom baum. zwingli entsteigt dem treibenden haupt. calvin entzieht sich der boden.
darunter die keller so zwänglich / hänglich / unumgänglich. schö- ner tag. kein käfer öffnet den schlund. vermutlich alles aufgrund.

(aus: Ulf Stolterfoht, fachsprachen XXVIII-XXXVI, Urs Engeler Editor, Basel/Weil am Rhein 2009)

 

Kunstmuseum Stuttgart (Kunstmuseum Stuttgart)Außenansicht des Stuttgarter Kunstmuseums (Kunstmuseum Stuttgart)Das Kunstmuseum Stuttgart legt neben der Realisierung spannender Sonderausstellungen besonderen Wert auf die Arbeit mit seinen über 15.000 Werken. Das Präsentieren, Erforschen und Vermitteln der eigenen Sammlung, ihre Pflege und Erweiterung macht das Museen unverwechselbar und einzigartig. Seit Januar 2005 beherbergt das Museum das Archiv Baumeister, welches den Nachlass des Künstlers Willi Baumeister umfasst. Regelmäßig veröffentlicht das Archiv zu diesem wichtigen Stuttgarter Künstler.

 

Der Lyriker Ulf Stolterfoth, schwarz-weiß-Aufnahme (Ayse Yavas)Der Lyriker Ulf Stolterfoth (Ayse Yavas)Ulf Stolterfoht, geboren 1963 in Stuttgart, lebt in Berlin. Lyriker und Lyrikübersetzer, u.a. von Gertrude Stein, J.H. Prynne und Tom Raworth. Letzte Veröffentlichungen: "wider die wiesel", Ostheim/Rhön: Verlag Peter Engstler 2013 und "Die 1000 Tage des BRUETERICH", Solothurn: roughbooks 2013. Peter Huchel-Preis 2008 für "holzrauch über heslach". Ulf Stolterfoht ist Knappe der Lyrikknappschaft Schöneberg.

 

 Die Unterrichtsmaterialien für Dezember 2013 zum Download!

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