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StartseiteTag für TagDialog zwischen den Religionen18.06.2013

Dialog zwischen den Religionen

In Berlin soll ein Bet- und Lehrhaus für Christen, Juden und Muslime gebaut werden

Das Bet- und Lehrhaus soll ein Ort werden, an dem Christen, Juden und Muslime in Dialog treten - über das, was sie verbindet, aber auch über das, was sie trennt. Zugleich soll über neue gemeinsame liturgische Formen nachgedacht werden. Das Projekt hat auch Kritiker.

Von Jan Kuhlmann

In der Charta des Bet- und Lehrhauses verpflichten sich alle Partner zu einer Kultur der Gewaltlosigkeit und Gleichberechtigung (AP)
In der Charta des Bet- und Lehrhauses verpflichten sich alle Partner zu einer Kultur der Gewaltlosigkeit und Gleichberechtigung (AP)

Der Petriplatz in Berlin-Mitte unweit des Roten Rathauses: Hier liegt die Wiege der Stadt. Hier stand früher auch die neogotische Petrikirche - bis die DDR-Führung das Gebäude Mitte der Sechzigerjahre abreißen ließ. Geblieben sind eine ungepflegte Wiese und Parkplätze an einer mehrspurigen Hauptstraße. Doch hier soll auf den alten Fundamenten der Kirche etwas Neues entstehen: ein Bet- und Lehrhaus, das Christen, Juden und Muslime gemeinsam nutzen wollen.

Wenige Gehminuten entfernt liegt die Parochialkirche, Sitz der evangelischen Kirchengemeinde St. Petri-St.Marien - hier ist die Idee für das Bet- und Lehrhaus entstanden.

Kirchenreferent Roland Stolte ist an diesem Morgen auf dem Weg in den Turmsaal der Parochialkirche. In dem staubigen Raum mit Holzfußboden steht das Modell des geplanten Bet- und Lehrhauses - ein Gebäude in schlichter Eleganz: gerade Linien, Ziegelmauerwerk, schmale hohe Fenster. Das Haus soll das Miteinander der Religionen in der Stadt zum Ausdruck bringen, sagt Theologe Stolte:

"Es gibt drei separate Räume der drei Religionen, Moschee, Kirche und Synagoge, die als eigenständige Räume geplant und ausgeführt werden, aber wie in einem Kranz an den großen Zentralraum angeordnet sind. Und das ist in der Rundform gestaltet der Zentralraum, wo der Ort der Begegnung stattfindet. Und diese Rundform des Sich-Begegnen-Könnens wird sich auf allen Geschossen wiederfinden. Im Untergeschoss wird ein Besprechungsraum in der Rundform mit einer kleinen Bibliothek angeordnet sein. Und ganz oben, das ist so eine Art Stadtloggia, die sich öffnet hin zur Stadt und auch noch mal ein Ort der Begegnung sein kann, wo man sich auch Berlins Wind und Luft um die Nase schnuppern lassen kann."

2015 soll der Bau beginnen, 2017 fertig sein, wenn alles wie geplant läuft. Das Bet- und Lehrhaus soll ein Ort werden, an dem Christen, Juden und Muslime miteinander diskutieren - über das, was sie verbindet, aber auch über das, was sie trennt. Zugleich soll hier über neue gemeinsame liturgische Formen nachgedacht werden. Gemeinsame Gottesdienste sind nichts Neues für die beteiligten Partner:

"Insofern ist da eine gewisse Offenheit da, dass man auch mal überlegen muss, an welchen Stellen man wie weit gehen wird. Die Frage ist natürlich, ob man gemeinsam Gebete feiert oder ob man sagt, dann hat man eine liturgische Form, wo erst die Muslime beten und dann die Christen beten und dann die Juden beten. Das ist ja auch das, wo in heutigen, gerade auch kirchlichen Gremien eher Konsens darüber besteht. Ob man dann noch weitergeht, das muss man dann auch sehen, wie sich das weitere Miteinander der Partner hier entwickelt."

Im Trägerverein sitzen neben der evangelischen Kirchengemeinde noch drei weitere Vertreter: Das Abraham Geiger Kolleg aus Potsdam und die Jüdische Gemeinde zu Berlin, außerdem für die muslimische Seite das Forum für Interkulturellen Dialog, kurz FID. Doch gegen das Forum regt sich Kritik. Das FID gehört zum Netzwerk des türkischen Predigers Fethullah Gülen. Dieser will Islam und Moderne miteinander versöhnen. Gülen hat sich den Dialog der Religionen auf die Fahnen geschrieben. Seine Anhänger bauen zudem weltweit in Gülens Namen Schulen. Kritiker werfen der Bewegung vor, sie stehe für einen konservativen Islam und wolle die Gesellschaft in Wahrheit islamisieren. Theologe Stolte und seine Mitstreiter von der evangelischen Kirche haben sich intensiv mit Gülen auseinandergesetzt. Auch Stolte hält die Bewegung für theologisch konservativ:

"Alles andere, dass da extremistische Bestrebungen bestünden oder unter einem Bildungsmantel eine Islamisierung betrieben würde, das können wir aus den Erfahrungen, die wir gemacht haben, das können wir nicht bestätigen. Das ist ein schönes, freundliches, verlässliches und auch verbindliches Miteinander im Moment. Und ich hoffe, dass das so bleibt. Aber ich habe im Moment keinen Grund, was anders anzunehmen."

Keine Bedenken meldet auch das Bundesinnenministerium an, das sonst bei jedem Islamismus-Verdacht hellhörig wird. Die Behörde hat sogar einen Vertreter in das Kuratorium des Vereins entsandt. Nicht zuletzt um Kritiker zu besänftigen, hat sich das Bet- und Lehrhaus eine Charta gegeben. Darin verpflichten sich alle Partner zu einer Kultur der Gewaltlosigkeit und Gleichberechtigung, sagt Roland Stolte.

"Und dann muss man alles andere an den Früchten ablesen, wie wir hier arbeiten und wie die Partner jeweils agieren. Es sollen alle darauf gucken, was hier passiert. Und wir sind zu Diskussionen bereit, und wenn jemand da Alarmzeichen sieht, dass man irgendetwas anders machen müsste, soll er sich bei uns melden."

Das muslimische FID organisiert für gewöhnlich Dialogveranstaltungen. Auf dem Potsdamer Platz lädt es regelmäßig zu einem deutsch-türkischen Freundschaftsfest. Mit dem Bet- und Lehrhaus beteiligt sich das FID nun erstmals an einem religiösen Projekt. Doch die fehlende Erfahrung bringt Probleme mit sich. Das Forum ist an keine Moscheegemeinde angebunden und repräsentiert nur eine kleine Zahl von Gläubigen. Nicht wenige Muslime schauen mit Skepsis auf die Gülen-Bewegung. Friedmann Eißler von der Evangelischen Zentralstelle für Weltanschauungsfragen in Berlin lobt die Idee zum Bet- und Lehrhaus zwar - hat aber wegen der FID-Beteiligung Einwände:

"Auf der anderen Seite ist mit der Wahl für die Gülen-Bewegung meines Erachtens deutlich ein Weg vorgezeichnet, der für andere muslimische Gemeinschaften und Vereinigungen nicht wirklich gangbar ist. Andere werden sich dem nicht wirklich anschließen, obwohl es natürlich jetzt heißt, das ist offen für alle und das soll noch erweitert werden. Das scheint mir durch diese Vorentscheidung schwierig geworden zu sein."

Der Vorsitzende des FID, Ercan Karakoyun, sieht für diese Befürchtung keinen Grund. Das Forum und seine Mitglieder hätten gute Kontakte zu unterschiedlichen Moscheegemeinden, sagt er. Für ihn steht das Projekt im Einklang mit den Zielen des FID:

"Weil dort nicht der Moscheebetrieb oder die eigene Religion im Vordergrund steht, sondern weil dort der Dialog und die Diskussion zwischen den Religionen, das Zusammenkommen, der gemeinsame Austausch im Vordergrund steht."

Auch Tovia Ben-Chorin, liberaler Rabbiner der Jüdischen Gemeinde, ist von der Sinnhaftigkeit eines Bet- und Lehrhauses überzeugt. Seine Eltern flohen einst vor den Nazis nach Palästina. Als israelischer Soldat hat er in drei Kriegen gekämpft. Seine Lehre daraus: Konflikte lassen sich nur über den Dialog lösen:

"Natürlich, Leute, die so tief im Dialog sind, werden dann auch immer kritisiert. Am besten ist es, sich zurückzusetzen, die Arbeit von anderen machen zu lassen, und dann kommt man nicht sehr weit. Ich glaube, wir müssen erkennen, dass alle Menschen, die im Dialog stehen, irgendwo naiv sind. Und wenn das eine Sünde ist, dann bin ich bereit, sie zu tragen."

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