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Die Last des doppelten Erbes

Die Uraufführung von Joël Pommerats "Ma chambre froide" in Paris

Von Eberhard Spreng

Roter Vorhang in einem Theater (Stock.XCHNG / Nihan Aydin)
Roter Vorhang in einem Theater (Stock.XCHNG / Nihan Aydin)

Der Chef eines kleinen Firmenimperiums erfährt von seiner unheilbaren Erkrankung. Er vermacht sein Eigentum an seine Angestellten mit der Auflage, einmal im Jahr einen Akt des Gedenkens für ihn auszurichten. Klug inszeniert Joël Pommerats die Last des doppelten Erbes.

"- Qui êtes vous ?
- Je suis comme vous !
- C’est à dire, vous vous appelez commet ?
- Estelle
- On eine vous connaît pas mademoiselle
- Vous pourriez retirer votre voile s’il vous plaît ..."

Ein 17-jähriges Mädchen hat sich in einem Kloster heimlich unter die Ordensschwestern gemischt und wird entlarvt. Die Oberin stellt sie zur Rede und erkundet Estelles Motivation für diese Infiltration. Aber Estelle glaubt nicht an Gott, sie ist gekommen, weil sie gerne glauben würde. Erbost vertreibt man sie, weil es im Kloster nur Menschen geben darf, die gar nicht anders können, als zu glauben.

Mit dieser symbolischen Szene aus Estelles Jugend beginnt Joël Pommerats neues biografisch angelegtes Stück: Es geht um eine junge Frau, die in einem Einkaufszentrum einen Job als Putzfrau hat. Leise Geräusche aus dem Verkaufsbereich und dem Kühlraum mischen sich in die rasch skizzierten Szenen. Es sind Szenen mit Angestellten aus der Belegschaft eines kleinen lokalen Firmenimperiums, zu dem außer dem Einkaufszentrum ein Schlachthof, eine Zementfabrik und ein Nachtclub gehören. Deren Eigentümer, Monsieur Blocq, erfährt von seiner unheilbaren Krankheit und beschließt, sein Eigentum an seine Supermarktangestellten zu vermachen. Einzige Kondition: Einmal im Jahr soll sich die so entstehende Eigentümergemeinschaft seiner erinnern: Eine Erlösung von einem alten Fluch erhofft sich der unbeliebte, einsame Mann von einem Akt kollektiven Gedenkens.

Und Estelle, die immer schon von Visionen und bilderstarken Träumen heimgesucht wurde, soll die frisch entstandene Genossenschaft auf eine Theateraufführung vorbereiten. Aber an einem Tag für das wirtschaftliche und das geistige Wohl zu sorgen, überfordert die Mitglieder: Wer acht Stunden an der Kasse gearbeitet hat, will nicht dann noch bis halb zwölf nachts Theater proben.

Klug mischt Pommerat die neuen unternehmerischen Probleme der Belegschaft mit Themen des seelischen Heils. Blocqs doppeltes Erbe, Erhalt des materiellen Eigentums und Erfüllung eines kultureller Auftrags überfordert die Truppe: Eine lässt Geld aus der Kasse mitgehen, ein anderer will in dem halb-illegalen Nachtclub für Ordnung sorgen und erliegt dabei selbst dem Charme der Stripteaseusen. Der Schlachthof schreibt rote Zahlen: Soll man dort die Kollegen entlassen um seinen Job im Supermarkt zu behalten, oder stützt man den maroden Betrieb mit dem Risiko, alles zu verlieren. Erliegt man der attraktiven Verlockung das Terrain der Kalkfabrik an einen Immobilieninvestor zu verkaufen und dabei reich zu werden, wird man selbst Kapitalist, oder übt man sich in proletarischer Solidarität. Gerade, wo Pommerat die ökonomische Rolle seiner Akteure untersucht, erinnert sein Stück an Bertold Brecht: Der freie Wille stößt rasch an die Grenzen der ökonomischen Gesetze.

Eine dramaturgische Ortsbestimmung seiner Protagonistin Estelle fällt deutlich schwieriger aus. Mal mag man in der Frau, die an Entsprechungen von kosmischen und biografischen Ereignissen glaubt, Mystikerinnen wie Hildegard von Bingen erkennen, oder eine Bernadette Soubirous mit ihren Jungfrauenvisionen von Lourdes. Aber Pommerats komische Heilige mit dem kosmischen Namen Estelle ist keine Figur, mit der ein klares Heilsversprechen verbunden wäre. Ihr Mann wird ermordet im Kühlraum des Supermarktes aufgefunden, dem titelgebenden Ort, der für die finstersten Abgründe in den Seelen der Akteure steht.

Wie in seiner vorangegangenen Arbeit versammelt Joël Pommerat das Publikum in einer kleinen Manege, in der die rasche Szenenfolge mit äußerst sparsamen spielerischen und regielichen Mitteln vorangetrieben wird. Und dennoch bekommt das Geschehen um die ökonomischen Nöte dieser Genossenschaft immer wieder magische Momente: Es sind Reminiszenzen aus der Vergangenheit, die finsteren Mächte der Kindheit, die vor allem Blocq und Estelle nicht loslassen. Pommerats Theater ist ein zauberhaftes Faszinosum: Es führt die Zuschauer im Handumdrehen von dem Lachen der Farce ins epische Abenteuer, vom kruden Supermarktrealismus zu den Dämonen der Seele. Es ist komisch und tiefgründig zugleich und bleibt bis zum Schluss ein spannendes Rätsel. Und es funktioniert anders als das Kloster vom Anfang: Hier ist jeder Atheist willkommen, der gerne etwas glauben möchte.

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