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StartseiteInterview"Die Leute wollen diesen Prozess auch mitverfolgen"26.03.2013

"Die Leute wollen diesen Prozess auch mitverfolgen"

Türkischer Journalist hofft beim NSU-Prozess auf Video-Übertragung

Das Oberlandesgericht München hat türkische Medienvertreter nicht zum NSU-Prozess akkreditiert, der in drei Wochen beginnt. Der Berlin-Korrespondent der türkischen Zeitung "Zaman Avrupa" hofft, dass das Gericht einen Weg findet, auch türkischen Journalisten Zugang zum Prozess zu verschaffen.

Azamat Damir im Gespräch mit Tobias Armbrüster

Der Gerichtssaal in München muss  für den NSU-Prozess umgebaut werden - mehr Plätze gibt es dadurch nicht (dpa / Peter Kneffel)
Der Gerichtssaal in München muss für den NSU-Prozess umgebaut werden - mehr Plätze gibt es dadurch nicht (dpa / Peter Kneffel)

Tobias Armbrüster: In gut drei Wochen beginnt in München der Prozess gegen Beate Zschäpe, das einzige noch lebende Mitglied des rechtsextremen NSU. Zehn Morde werden dieser Terrorgruppe zur Last gelegt, die meisten davon an türkischen Kleinunternehmern in Deutschland. Großes Interesse also an diesem Prozess in der Türkei, aber gestern hat die Justiz in München überraschend bekannt gegeben: Türkische Journalisten bekommen keinen festen Platz im Gerichtssaal. Sie waren mit ihren Akkreditierungsanträgen nicht erfolgreich.

Am Telefon ist jetzt Azamat Damir, Deutschland-Korrespondent bei der türkischen Zeitung "Zaman Avrupa". Schönen guten Tag, Herr Damir.

Azamat Damir: Schönen guten Tag, Herr Armbrüster.

Armbrüster: Herr Damir, die Münchener Behörden sagen, die türkischen Medien haben sich nicht rechtzeitig um einen Platz gekümmert, jetzt sind alle Plätze für diesen Prozess vergeben. Was sagen Sie dazu?

Damir: Ja es mag sein, dass dieses Verfahren nach Eingang der Journalisten erfolgt ist. Aber erstens ist das nicht transparent genug. In so einem Fall, den es in der deutschen Geschichte noch gar nicht gab, sollte man, denke ich, auch mehr achtgeben, weil unter den zehn Opfern sind acht türkische Opfer und in diesem Fall wird dieser Prozess von der türkischen Community sowohl in Deutschland als auch in der Türkei sehr nahe verfolgt. Deswegen wird das nicht so angenommen und da gibt es auch kein Verständnis dafür.

Armbrüster: Was sollte jetzt Ihrer Meinung nach passieren?

Damir: Ich hoffe, dass das OLG in München seine Entscheidung anders überdenkt und auch mehreren Journalisten Zugang ermöglicht. Das wäre, denke ich, im Sinne der Sache. Für Deutschland wäre es gut, weil Deutschland wird ja in dem Fall durch ein Gericht vertreten und die ganze Welt schaut auf diesen Prozess. Eingangs wurde auch gesagt, auch größere internationale Nachrichtenagenturen und Zeitungen haben noch keinen Zugang, nicht nur türkische. Das wird auch als Skandal bewertet.

Armbrüster: Welches Licht ganz allgemein wirft dieses Vorgehen auf Deutschland und auf die deutsche Justiz?

Damir: In der türkischen Community spricht man über verlorenes Vertrauen, und dieses Vertrauen wollte man und will man durch Aufklärung, lückenlose Aufklärung wiederherstellen. Eine der Aufklärungsarbeiten ist ja auch der Prozess in sich und die Leute wollen diesen Prozess auch mit verfolgen, und die einzige Möglichkeit für mehrere Millionen Menschen sind die Medien. Und wenn die Medien auch keinen Zugang dort haben, das würde auch für Verschwörungstheoretiker ein gutes Mittel sein, um ihre Theorien noch zu erweitern und zu verbreiten, dass Deutschland auf dem rechten Auge blind sei und dass Deutschland kein Interesse an der Aufklärung dieser Arbeit habe. Das würde dann auch Deutschland schaden und das würde auch nicht gut in der türkischen Community in der Türkei ankommen.

Armbrüster: Herr Damir, es steht allerdings die Frage im Raum: Warum haben sich die türkischen Medien, und zwar alle interessierten türkischen Medien, nicht einfach rechtzeitig um eine Akkreditierung gekümmert?

Damir: Das würde ich auch widerlegen. Wir hatten vorher, auch vor dem Ablauf der Akkreditierung, angerufen und nachgefragt, wann wir das zuschicken sollen. Uns wurde gesagt, dass dies rechtzeitig mitgeteilt wird, und es kommt einmal eine E-Mail, schicken Sie Ihre Unterlagen bis zum Enddatum, und danach schicken alle. Wir haben auch gehört, dass die Unterlagen sofort nach zehn Minuten geschickt worden sind, auch die, die nicht berücksichtigt wurden, und sogar von einem Haus sind zwei Akkreditierungsbogen zugeschickt worden im Intervall von fünf Sekunden, aber in der Liste steht, einer ist an 70., einer ist an 90. Stelle. Das heißt, das konnte nicht der Grund sein. Und in so einem Fall, wo es um die Mehrzahl der türkischen Opfer geht, da sollte man vielleicht auch einen anderen Weg suchen.

Armbrüster: Das heißt, sehen Sie da Unregelmäßigkeiten bei der Münchener Justiz bei der Bearbeitung dieser Akkreditierungsanträge?

Damir: Das will ich nicht vorwerfen, dass es Unregelmäßigkeiten gab. Vielleicht haben ja die Leute beim OLG München recht, dass sie sagen, man hat den Eingang der Bögen berücksichtigt. Aber ich denke mal, in so einem einzigartigen Fall sollte man auch andere Möglichkeiten und andere Wege suchen, und wir hoffen, dass das OLG München jetzt andere Wege sucht, um mehreren Journalisten einen Zugang zu ermöglichen.

Armbrüster: Aber welche anderen Wege kann es denn geben? Wir haben ja gerade schon gehört, dass es ausweichtechnisch sehr schwierig ist in München, vor allen Dingen, weil es hier um einen Prozess mit immensen Sicherheitsvorkehrungen geht. Das heißt, der Gerichtssaal steht mehr oder weniger fest, erweitert werden kann er auch nicht. Soll man deutsche Journalisten wieder ausladen?

Damir: Nein. Ich denke mal, es wurden ja 123 Journalisten oder Medien auch akkreditiert. Und diejenigen, die außerhalb der 50 da sind, die eine Akkreditierung haben, sollten vielleicht auch eine Live-Übertragung in einen anderen Raum mit verfolgen dürfen. Das wäre auch eine Möglichkeit.

Armbrüster: Damit wären Sie zufrieden?

Damir: Wie am Anfang in Ihrem Bericht auch gesagt wurde: Wir müssen Glück haben. Wir müssen hoffen, dass einer der 50 Journalisten vielleicht an dem Tag nicht kommt und vielleicht doch wir reinkommen dürfen. Ansonsten müssten wir auf der Straße warten und können so gar nichts mitverfolgen und über gar nichts schreiben können. Dann müssen wir nur über deutsche Medien berichten und das wäre zu wenig für die türkische Community. Deswegen würde ich sogar damit auch klarkommen, dass ich das live in einem anderen Raum mitverfolgen dürfte.

Armbrüster: Herr Damir, ganz kurz noch: Wie groß ist das Interesse in der Türkei an diesem Prozess?

Damir: Es ist sehr groß. Zum Beispiel unsere Zeitung ist ja marktführend in der Türkei mit über eine Million Exemplaren, und alle unsere Leser verfolgen diesen Fall sehr nahe. Und wenn wir von hieraus berichten über den NSU, über die Arbeit des Untersuchungsausschusses des Bundestages und des Untersuchungsausschusses in Thüringen, Bayern und Sachsen, das wird auch sehr nahe verfolgt. Und da kann ich von anderen Medien auch das gleiche sagen.

Armbrüster: Wie viele Leute bei Ihrer Zeitung sind dafür abgestellt, für diese Berichterstattung?

Damir: Bei uns in Berlin verfolge ich hauptsächlich das Geschehen. Ich habe über 50 Sitzungen der Untersuchungsausschüsse im Bundestag mitverfolgt. An den Tagen, wo ich nicht konnte, haben zwei meiner Kollegen das mitverfolgt. In München haben wir einen Kollegen, der nur für diesen Fall zuständig ist.

Armbrüster: Azamat Damir, Korrespondent bei der türkischen Zeitung "Zaman Avrupa" war das live hier bei uns in den "Informationen am Mittag". Besten Dank, Herr Damir, für das Gespräch.

Damir: Auch Ihnen einen schönen Tag.


Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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