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StartseiteInterview"Die Ökonomie zeigt im Wesentlichen ihre Hilflosigkeit"10.06.2012

"Die Ökonomie zeigt im Wesentlichen ihre Hilflosigkeit"

Wirtschaftswissenschaftler plädiert für Änderungen des Finanzsystems

Die Ökonomie habe ihre Wurzeln im vorigen Jahrhundert und sei nicht mehr geeignet, die heutigen Herausforderungen zu meistern, sagt der Wirtschaftswissenschaftler Fredmund Malik. Mit den vermeintlichen Rettungsmaßnahmen halte man in Wirklichkeit jenes System aufrecht, das zu dem Desaster geführt habe.

Fredmund Malik im Gespräch mit Burkhard Müller-Ullrich

Eine der Hauptursachen der Krise sei die Aufblähung des Finanzwesens, sagt Fredmund Maliki.  (AP)
Eine der Hauptursachen der Krise sei die Aufblähung des Finanzwesens, sagt Fredmund Maliki. (AP)

Burkhard Müller-Ullrich: Eins, zwei, drei, vier: erst Griechenland, dann Irland, dann Portugal und seit gestern also Spanien. Das vierte Land, das sich seine Schulden von Europa mit seinen diversen Rettungsschirmen bezahlen lässt. Gestern Abend, wir haben es gerade in den Nachrichten gehört, beschlossen die Finanzminister der Eurozone nach einer dreistündigen Telefonkonferenz, dass sie Spanien bis zu 100 Milliarden Euro zur Verfügung stellen. Am Telefon ist der Wirtschaftswissenschaftler Fredmund Malik, der an der Universität St. Gallen lehrte und in St. Gallen eine eigenen Managementfirma gegründet hat.
Herr Malik, es wird mal wieder Zeit gekauft, zu steigenden Preisen, 100 Milliarden Euro sind ja kein Pappenstil und um mal ganz praktisch zu beginnen: Werden die europäischen Regierungen denn überhaupt in der Lage sein, dieses Geld an den Kapitalmärkten zu beschaffen?

Fredmund Malik: Nun, Sie werden das jetzt, wie schon mehrfach, jedenfalls versuchen. Das wird immer schwieriger. Es kann sein, dass man noch etwas Zeit hinzubekommen kann. Aber es sind bis heute keine Lösungen. Es ist erstaunlich, dass noch immer nicht gesehen wird, dass der Weg, den man mit Griechenland eingeschlagen hatte, wo man noch hoffen durfte, dass es eine Lösung sein wurde, dass es eben keine ist und nun kommt das Vierte, ein großes Land hinzu und daher ist vollkommen klar, dass dies nicht zu Lösungen führen wird. Bedauerlich, dass man das nicht sieht.

Müller-Ullrich: Das Problem ist natürlich, dass man gar keine Lösungen weiß. Es gibt jede Menge Theorien und wir sprechen ja mit vielen Wirtschaftswissenschaftlern in dieser Zeit. Die Lösungen sind sehr gegensätzlich. Auch die Regierenden hören das und müssen irgendwie entscheiden. Münzen werfen, oder wie?

Malik: Die Ökonomie zeigt im Wesentlichen ihre Hilflosigkeit. Das hat sich schon dadurch gezeigt, dass im Voraus, im Vorfeld zu dieser Krise seitens der Ökonomie kaum etwas angekündigt, vorhergesagt worden war. Und als sie dann, das hat sich ja von langer Zeit her aufgebaut, diese Schuldengebirge sind über 15 oder gar 20 Jahre entstanden, das konnte man jeden Tag beinahe mitverfolgen und danach ist eben die ganze Hilflosigkeit der Ökonomie in dieser Situation ausgebrochen. Das ist keine Kritik an den Ökonomen, sondern es haben sich die Bedingungen für die Applikationen, für die Anwendung dieser Theorien geändert. Nur wenige Stichwörter: Globale Vernetzung, explodierende Komplexität, eine beschleunigenden Dynamik der Umstrukturierung von hochkomplexen Themen. Dafür ist diese Ökonomie nicht gebaut. Sie hat ihre Wurzeln tief im vorigen Jahrhundert und ist nicht mehr geeignet, die heutigen Herausforderungen zu meistern.

Müller-Ullrich: Ist das System denn ein solches, dass man überhaupt nicht mehr durchblicken kann?

Malik: Ja, das ist ein solches. Man kann das System, so wie es heute ist, nicht mehr wirklich im Einzelnen verstehen. Das bedeutet aber nicht, dass es nicht Lösungsansätze gibt. Aber sie liegen auf einer vollständig anderen Ebene. Ein Stichwort dazu: Es sind die vielen Organisationen, die wir in einer hochkomplexen Gesellschaft haben, die anders handeln müssen, damit Maßnahmen auch nur im Entferntesten wirken können. Ich gebe eine Zahl: Wir haben in Europa 500 Millionen Einwohner. Und soweit ich weiß hat noch nie jemand nachgefragt, wie viele Organisationen haben wir eigentlich? Es sind rund 20 Millionen. Viele dieser Organisationen sind, nicht nur in Griechenland, überall…

Müller-Ullrich: Was meinen Sie mit Organisationen? Jede Art von organisierter Einheit? Dazu gehören auch Firmen, oder?

Malik: Richtig, das sind natürlich die Wirtschaftsorganisationen, die das noch am ehesten meistern können. Aber dann haben wir diese unendlich zahlreichen und verschiedenartigen öffentlichen Organisationen, die Regierungen, die Verwaltungseinheiten, die sozialen Organisationen, das Bildungswesen, Schulen, Universitäten, Forschung. Wir leben in einer Welt, in einer Gesellschaft, nicht mehr nur von Konsumenten und Produzenten, sondern in einer Welt von Organisationen. Und diese benötigt man, um Maßnahmen umzusetzen. Es gibt Methoden, mit denen man Organisationen doppelt so gut zum Funktionieren bringt, mit der Hälfte der bisherigen Ressourcen. Dort liegen die eigentlichen Ansatzpunkte, die in diesem Falle.

Müller-Ullrich: Also, ich sehe, der Überblick ist schwer zu bekommen, wegen der vielen Agenten, wegen der vielen Handlungsträger, wobei Wirtschaft eigentlich immer so funktionierte, dass ganz viele Unterschiedliche Handlungsträger so ein Netz, ein Gewusel eigentlich, und ein schwer zu durchschauendes Gewusel erzeugten. Lassen Sie uns mal zum konkreten Problem der Überschuldung kommen. Denn darum geht es ja. Es ist ja ein Schuldengebirge, hatte Sie gerade selbst gesagt.

Malik: Diese Schulden sind in einem erheblichem Umfang einem fehlgeleiteten Management zu verdanken. Das ist eben eine Dimension, der man bis heute noch nicht nachgegangen ist. Ich sehe die Hauptursache, eine der Hauptursachen, im sogenannten Shareholder-Value-Ansatz. Das ist der Kern der amerikanischen Managementlehre. Dort hat es begonnen, dass die Mittel, das Kapital – später auch menschliche Ressourcen – fehlgesteuert wurden, nämlich heraus aus der Realwirtschaft hinein in die explodierende Finanzwirtschaft. Das ist mit Kapital so geschehen, dass ist, wie gesagt, auch mit den besten Köpfen so geschehen. Und darum ist heute die Finanzwirtschaft ein Vielfaches größer als die Realwirtschaft und als die Realwirtschaft es brauchen würde. In der Finanzwirtschaft besteht aber keine wirkliche Wertschöpfung. Die entsteht in der realen Wirtschaft. Und so haben wir eine der größten Fehlallokationen von wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Ressourcen, die es je gab.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

Das vollständige Gespräch mit Fredmund Malik können Sie bis zum 11. November 2012 als MP3-Audio in unserem Audio-On-Demand-Player nachhören.

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