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StartseiteHintergrundZwischen Hilflosigkeit und Überforderung 18.03.2017

Die UNO-Mission im SüdsudanZwischen Hilflosigkeit und Überforderung

2011 erlangte der Südsudan die Unabhängigkeit, seit drei Jahren herrscht dort Bürgerkrieg. Hunderttausende wurden vertrieben und leben seitdem unter dem Schutz von 13.500 UNMISS-Polizisten und -Soldaten in Lagern. Die Blauhelme können aber ihrer Aufgabe kaum nachkommen.

Von Björn Blaschke

Südkoreanische UNO-Soldaten verteilen Wasser an ein Flüchtlingslager im Südsudan, das aus vielen Zelten und Hunderten Menschen besteht. (dpa picture alliance / Yna)
UNO-Blauhelme versorgen Flüchtlinge im Südsudan mit Wasser. (dpa picture alliance / Yna)
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Die Stimmung: aufgeheizt. Zwei Jungs – 13, 14 Jahre alt - versuchen sich zu befreien. Aus den Armen von Soldaten. Freunde der Teenager rufen durcheinander. Ein Auto muss stoppen, weil alles auf der Mitte der Straße passiert. Blauhelme: voll im Einsatz.

Schnitt! Und aus! Die gestellte Szene ist im Kasten. Das chinesische Kamera-Team und die Blauhelm-Soldaten aus China fahren weiter. Mutmaßlich zum nächsten Drehort für den Film, der schon bald über die Bildschirme an der chinesischen Heimatfront flimmert, um die Arbeit der roten Truppe unter blauem UN-Banner zu zeigen.

Juba, Hauptstadt des Südsudans - der Einsatz, den die chinesischen Blauhelme für das Kamerateam inszenierten, spielte in einem Lager für Binnenvertriebene; also für Menschen, die im eigenen Land geflohen sind: Vor einem Bürgerkrieg, den sich Kämpfer verschiedener Volksgruppen im Südsudan liefern. Die Menschen in dem Camp waren Gewalt ausgesetzt. Und sie sind es oft noch immer. Obwohl die UNMISS-Blauhelme das verhindern sollten.

Die Mission ist mehrfach in die Schlagzeilen geraten

Es sind gut 13.500 Soldaten und Polizisten aus der ganzen Welt, die für die Vereinten Nationen in den Südsudan abkommandiert wurden. Sie sollen das Mandat der UN-Mission im Südsudan, kurz UNMISS, umsetzen – allen voran diese Punkte:

"Schutz von Zivilisten, Beobachtung und Untersuchung von Menschenrechten und deren Verletzungen, Schaffung der notwendigen Bedingungen zur Verteilung von humanitärer Hilfe."

In den zurückliegenden Jahren ist die Mission mehrfach in die Schlagzeilen geraten, zum Beispiel im vergangenen Juli, als südsudanesische Soldaten ein Hotel in Juba angegriffen hatten, in dem Mitarbeiter internationaler Organisationen untergebracht waren. Dabei wurden Zivilisten vergewaltigt, gefoltert, ermordet. UN-Blauhelme hatten sie weitgehend im Stich gelassen. Ein Vorfall, den der damalige Generalsekretär Ban Ki Moon heftig kritisierte. Der Ruf von UNMISS war ruiniert. Fragen kamen auf: Warum schützt die Mission Menschen nicht? Kann sie nicht? Weil sie unfähig ist? Überfordert? Und: Treibt mangelnder Schutz Flüchtlinge nicht zu einer weiteren Flucht – vielleicht Richtung Europa?

Riek Machar (l.) mit Präsident Salva Kiir bei der Zeremonie zur Einsetzung einer neuen Einheitsregierung im April 2016. Im Juli flammten neue Kämpfe auf und Machar wurde als Vizepräsident entlassen. (dpa)Rivalen: Ex-Vizepräsident Riik Machar (l.) und Präsident Salva Kiir, hier bei der Zeremonie zur Einsetzung einer neuen Einheitsregierung im April 2016. (dpa)

Anflug Flughafen Malakal, eine Stadt, die zweitgrößte des Südsudans, ganz im Norden des Landes: Seit drei Jahren herrscht in dem Staat, der erst 2011 ausgerufen wurde, Bürgerkrieg. Hauptsächlich zwischen den Kämpfern zweier Bevölkerungsgruppen: Zwischen den Dinka und den Nuer. Zu den Dinka gehört auch Präsident Salva Kiir; sein Rivale und Ex-Vizepräsident Riik Machar entstammt den Nuer. Sie streiten vor allem um eines: um die Macht im Land. Die gut zwölf Millionen Einwohner haben sie damit ins Elend getrieben: Etwa jeder fünfte Südsudanese ist auf der Flucht. Derzeit kommt es selten zu offenen Kämpfen; vielmehr attackieren Soldaten und Milizionäre die Zivilsten der jeweils anderen Seite; vertreiben sie, rauben ihnen Vieh- und Ackerland, vergewaltigen, morden. Vor dieser Gewalt suchen Menschen Schutz in Lagern – nicht nur in Juba, sondern auch überall sonst im Land – und eines der größten Lager befindet sich kurz vor der Grenze zum Sudan. Es wird Malakal genannt – nach dem Namen der Stadt, die nur sieben Kilometer von dem Camp entfernt ist.

Die Bevölkerungsgruppen leben durch Zäune getrennt

Mehr als 33.000 Menschen – überwiegend von den Volkgruppen der Nuer und der Shillouk - hausen im Lager Malakal. In Hütten aus Pappe, Wellblech, Holz – und in Zelten, deren Stoffbahnen von der Sonne ausgeblichen und verschlissen sind. Dazwischen, an den Hauptgassen: primitive Waschgelegenheiten und Klo-Häuschen, deren Abwässer in stinkenden Gräben münden; gackernde Hühner und Wasserstellen, an denen Frauen Kanister und Eimer mit ihren täglichen Wasserrationen füllen – 15 Liter pro Person und Tag. Ein Wall umgibt das Lager von Malakal - aus gigantischen, grünen Sandsäcken; alle hundert, zweihundert Meter: Wachtürme. Das Lager von Malakal – es wirkt wie ein Gefangenen-Camp. Doch: es sind UNMISS-Blauhelme, die Posten auf den Wachtürmen und an den Stahltoren bezogen haben; sie sollen Menschen vor Menschen schützen. Entstanden ist das Lager 2013 - zwei Jahre nachdem der Südsudan unabhängig geworden war. Sabeel Nabela hat ihre Haare kurz geschoren, weil das hygienischer ist. Einst war sie Lehrerin in der Stadt Malakal; heute backt sie Fladenbrot, um das im Lager Malakal zu verkaufen – für ein Taschengeld. Sie erzählt, was sie 2013 hierher trieb:

"Damals wohnten wir noch in der Stadt Malakal, sieben Kilometer von hier. Wir bekamen am 15. Dezember 2013 Anrufe aus der Hauptstadt Juba. Es hieß: Präsident Salva Kiir und seine Männer von den Dinka wollten Vize-Präsident Riik Machar und dessen Milizionäre von den Nuer entwaffnen. Die wehrten sich. Damit begann in Juba der Bürgerkrieg, der kurz darauf auch Malakal erreichte: Die Bevölkerung unserer Stadt war gemischt: Dinka, Nuer und Schilluk. Weil hier damals schon UN-Soldaten stationiert waren, bin ich am 24. Dezember die sieben Kilometer aus Malakal hierher gelaufen - zu den Blauhelmen, um bei ihnen Schutz zu suchen. Damals war hier noch alles Wüste."

Menschen an der Wasserstelle in einem Flüchtlingslager am Rand von Juba im Südsudan (Deutschlandradio / Björn Blaschke)Menschen an der Wasserstelle in einem Flüchtlingslager am Rand von Juba im Südsudan. (Deutschlandradio / Björn Blaschke)

Viele Männer von Malakal nahmen den Kampf auf gegen die jeweils anderen Männer – der Dinka, der Nuer oder der Schilluk. Sie verschanzten sich – im Busch oder in den Dörfern rund um die Stadt Malakal. Die meisten Frauen, Kinder und auch die älteren Männer machten es wie Sabeel: Sie suchten Schutz nahe einer Basis von UN-Blauhelmen. Die internationale Staatengemeinschaft leistete Nothilfe und versorgte die Flüchtlinge aus dem Ort Malakal, der zur Geisterstadt wurde, mit dem Nötigsten. Das Lager Malakal entstand. Und heute wohnen hier verschiedene Bevölkerungsgruppen, untereinander noch einmal durch Zäune getrennt. Mitarbeiter internationaler Organisationen bieten ihnen Grundnahrungsmittel und medizinische Versorgung; UNICEF, das Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen, sorgt für Schulunterricht. Und die Blauhelmsoldaten, im Südsudan UNMISS-Einheiten genannt, sollen die Bewohner des Lagers schützen. Das müssen sie auch - obwohl Präsident Salva Kiir und sein ehemaliger Vize Riik Machar vor einem Jahr unter internationalem Druck einen Friedensvertrag schlossen. Aber der wird faktisch nicht respektiert. Wie sich hier, im Lager Malakal vergangenes Frühjahr zeigte. Ein älterer Mann, der zur Gruppe der Schilluk gehört und seinen Namen nicht nennen möchte, erinnert sich:

"Die Leute haben versucht, sich zu verstecken - Frauen und Kinder. Aber wir Männer sind mit Speeren aufeinander losgegangen. Wir, die Nuer und die Schilluk, haben den Dinka einige Gewehre abgenommen. Ausgelöst wurde der Kampf durch einen Streit von zwei Leuten. Das hat sich dann zu einem Stammeskampf gesteigert."

Wer mehr haben will als das Allernötigste, muss dazu verdienen

UNMISS griff in die Fehde nicht ein. Sie endete erst, als sich die Bevölkerungsgruppen, die einst miteinander in der Stadt Malakal wohnten, vollends trennten: Die eine Gruppe, die der Dinka, zu denen auch der Präsident gehört, verließ das Lager. Frauen, Kinder und die wenigen Männer zogen in die Stadt Malakal zurück; bevölkerten sie wieder. Die anderen zwei Gruppen, Nuer und Shilluk, blieben im Lager. Immer wieder kommt es seither zu Gefechten zwischen den verfeindeten Seiten. Daher auch, so sagt der Mann, der seinen Namen nicht nennen will, traue er sich nicht mehr, vom Lager in die Stadt gehen. Er selbst wirkt dabei wie ein erfahrener Kämpfer: Hochgewachsen, breitschultrig, durchtrainiert.  

"Männern ist es komplett verboten dahin zu gehen. Uns droht der Tod. Wir können da nicht hingehen."

Die Oberen der Stadt Malakal bestreiten das. Die Frage, ob Frauen und Männer aus dem Lager unbehelligt in die Stadt kommen können, bejahen sie. Umgekehrt sei es für sie gefährlich in Richtung Lager zu gehen.

Tatsächlich sind es jedoch im Falle Malakals meistens die Frauen aus dem Lager, die Opfer von Verbrechen werden. Aber: Sie müssen regelmäßig aus dem Camp und seinen Schutzwällen heraus. Mitarbeiter der Vereinten Nationen und von NGOs, also Nichtregierungsorganisationen, versorgen sie mit dem Nötigsten; täglich gibt es Essensrationen; Reis, Hirse, Gemüse. Das Existenzminimum. Aber: Wer mehr haben will als das Allernötigste, muss dazu verdienen. Die einzige Möglichkeit ist der Busch, draußen vor dem Lager. Da beackern zumeist Frauen den Boden, bauen Gemüse an, oder suchen nach Brennholz. In einem kleinen See fischen sie. Ihren Ertrag verkaufen sie auf dem kleinen Markt des Lagers. Aber draußen, im Busch, sind Frauen der Gefahr sexueller Übergriffe ausgesetzt.

Immer wieder vergewaltigten Männer der einen Seite Frauen der anderen. Dinka-Männer Nuer-Frauen; Nuer-Männer Dinka-Frauen. Das sagt auch diese Frau, die unerkannt bleiben will. Sie hat so Schreckliches erlebt, dass sie das Lager Malakal nicht mehr verlässt:

"Als ich beim letzten Mal rausgegangen bin, hatten sich Soldaten im Busch versteckt, um Frauen anzugreifen. Auch mich. Wir sind dann in Richtung einer UNMISS-Stellung gerannt. Die haben uns nicht rein gelassen. Von hinten schossen die Angreifer auf uns. Ich habe dadurch eine Nichte verloren. Wir sind daraufhin auseinander – und in unterschiedliche Richtungen weitergerannt. Dann sind wir in das Lager hierhergekommen. Es sind Menschen auf dem Weg hierher gestorben."

Wer als Ausländer leicht erkennbar die Soldaten und Polizisten von UNMISS anspricht, erlebt die meistens als sehr zugänglich. Zum Beispiel diesen Mann. Die Hoheitszeichen an seiner Uniform-Jacke, zeigen, dass er aus Sri Lanka für UNMISS in den Südsudan geschickt wurde. Die Uniform – Kaki-Hose und dunkel-blaue Jacke – weisen ihn als Polizisten der UN-Mission aus. Der kleine, gedrungene Mann mit dem ordentlich gescheitelten Haar erzählt, er sei seit acht Monaten hier stationiert; vier Monate habe er noch. Er habe schon verschiedene Gewaltausbrüche erlebt; Gefechte auch im Lager Malakal. Daher sei er ganz froh, wenn seine Dienstzeit im Südsudan endet. Man könne einfach nicht sagen, wie es in diesem Land weitergeht.

Eine Art Polizei-Ersatz für mehr als 33.000 Menschen

Besuch bei der "Gemeinschaftswachgruppe", die Südsudanesen gebildet haben, um so etwas wie Ordnung zu schaffen; eine Art Polizei-Ersatz für mehr als 33.000 Menschen. Auf dem weißen Wellblech draußen steht denn auch - handschriftlich - "Polizei-Büro". Doch das ist – wie die meisten Behausungen im Lager von Malakal – nur eine weitere Hütte aus Holz, Pappe und Blech; die Zelle darin ähnelt einem Verschlag für Geflügel. Die Männer patrouillieren ehrenamtlich im Camp; Geld zahlt ihnen niemand dafür. Wie Charles, dessen gelbes T-Shirt ihn als Wachmann ausweist:

"Den letzten Fall hatten wir gestern. Ein junger Mann hat eine ältere Frau vergewaltigt. Ein Shillouk-Mann eine Shillouk-Frau; draußen, als sie Feuerholz suchte. Wir haben ihn hier im Lager geschnappt und ihn an UNPOL übergeben, an die Polizisten von UNMISS."

Leichte Fälle – wie kleinere Diebstähle oder Betrügereien – werden vor Lagergerichten verhandelt: Von Richtern der Nuer oder der Schillouk – je nachdem zu welcher Gruppe der Angeklagte gehört. Manchmal kommt es auch zu gemischten Verfahren, wenn Opfer und Täter unterschiedlichen Ethnien angehören. Aber mutmaßliche Vergewaltiger oder Mörder sperrt UNMISS weg.

Das Gefängnis der UNMISS-Basis am Lager Malakal ist eine Ansammlung eingezäunter Container. Wer hier einsitzt, schmort im wahrsten Sinne des Wortes; bei Außentemperaturen von bis zu 40 Grad in der Trockenzeit kann keine noch so gute Klimaanlage gegen erhitztes Metall an arbeiten. Der wachhabende UNMISS-Polizeioffizier ist nicht zu sprechen; weil die Einwilligung der UNMISS-Zentrale in Juba nicht vorliegt. Aber: Inoffiziell ist im Lager Malakal zu erfahren, dass UNMISS kaum Handlungsspielraum hat: Es gibt auf der Welt wohl wenige Rechtssysteme, die so unterentwickelt sind wie das des Südsudan. Übergeben die internationalen Polizisten Verdächtige an staatliche Stellen, ist zu befürchten, dass die Delinquenten im Schnellverfahren hingerichtet werden; jedenfalls wenn sie zu einer Volksgruppe gehören, die nicht wohl gelitten ist. Aus demselben Grund kann UNMISS Verdächtige auch nicht einfach wieder ins Lager zurückschicken; sie würden wahrscheinlich gelyncht; Opfer von Rache.

Der Traum von der Flucht nach Europa

Die Menschen im Lager Malakal verzweifeln. Zunehmend. Je länger sie in dem Lager ausharren, desto weniger Hoffnung setzen sie in ein Leben jenseits des Walls aus gigantischen, grünen Sandsäcken, mit seinen Wachtürmen und stählernen Toren, hinter denen möglicherweise Vergewaltiger und Mörder auf Opfer warten.

Düstere Stimmung ist zu spüren. Umso heller die Träume der Lagerbewohner - von einem – dem - Tag, an dem sie das Camp ein letztes Mal verlassen, weiter zu fliehen - vom Südsudan in den Sudan und vielleicht noch weiter. Nach Libyen und dann über das Mittelmeer – nach Europa.

Jeder kennt im Lager Malakal den Weg von hier über die Grenze in den Sudan: Trotzdem möchte dieser Mann anonym bleiben, wenn er davon berichtet.

"Es dauert recht lange, wenn man von hier in die Hauptstadt des Sudans reisen will. Drei Tage. Man überquert in einem Boot den Nil, dann geht es im Auto die vielleicht hundert Kilometer zur Grenze mit dem Sudan im Norden. Da ist südsudanesische Grenzpolizei stationiert, die aber niemanden daran hindert, in den Sudan auszureisen. Auf der anderen Seite warten sudanesische Posten. Man zahlt ihnen 150 südsudanesische Pfund, umgerechnet nicht einmal zehn Cent. Und dann bekommt man die Erlaubnis, sich frei im Sudan zu bewegen. Der nächste Ort hinter der Grenze ist Rabbaq. Und von da aus kann man versuchen, weiterzukommen."

Flüchtlinge gehen am 15.06.2015 in Juba durch das UNO-Flüchtlingscamp (dpa / picture-alliance / Sinikka Tarvainen)Flüchtlinge in Juba im UNO-Flüchtlingscamp. (dpa / picture-alliance / Sinikka Tarvainen)

Die Flucht Richtung Sudan kostet Geld; Geld, das sich die Binnenflüchtlinge, die im Lager Malakal untergekommen sind, erst einmal verdienen müssen. Zum Beispiel mit dem Verkauf von Feuerholz aus dem Busch. Dennoch: Mehr als hundert Südsudanesen sollen sich jede Woche aufmachen, ihr Glück im Norden zu suchen – im Sudan oder noch weiter nördlich.

Der Südsudan – ein Land, in dem nach der Unabhängigkeit, 2011, kaum staatliche Strukturen aufgebaut werden konnten. Die wenigen, die geschaffen wurden, sind lahmgelegt oder zerstört – durch den Bürgerkrieg seit 2013. Polizeiarbeit im Lager übernehmen Freiwillige; Stammesrichter fällen Urteile, wo Repräsentanten eines Rechtssystems handeln sollte und, und, und. Ein Rückfall von Staats- in Clanstrukturen. Gedanken, die sich während des Rückfluges nach Juba aufdrängen. Und wieder die Frage: Warum kommt UNMISS nicht der Aufgabe nach, die das UN-Mandat in den Vordergrund stellt: Schutz für Zivilisten? Können die Blauhelme nicht, weil die überfordert sind?

Es ist eine Herkulesaufgabe für die Polizisten und Soldaten

Letzte Station der Recherche-Reise: Das UN-Haus in Juba, in dem auch einer der sechzehn deutschen UNMISS-Soldaten seinen Sitz hat: Oberstleutnant Reinhard Herrmann. Der 55-jährige Mann mit den leicht ergrauten Haaren ist militärischer Verbindungsoffizier – er soll, wenn immer nötig, vermitteln. Einerseits zwischen einheimischen Soldaten, Polizisten  und den UNMISS-Einheiten im Feld, also zum Beispiel im Lager Malakal. Und andrerseits dem Joint Operation der UN-Mission. In dieser Zentrale koordiniert sich UNMISS mit militärischen und nicht-militärischen Organisationen, insbesondere, wenn es zu Krisen kommt. Herrmanns Kameraden sind im Rahmen des UN-Mandats im Südsudan, ihre Entsendung muss alljährlich vom Bundestag neu entschieden werden. Zuständig sind sie unter anderem für Sicherheitsanalysen oder Ermittlungen von Menschenrechtsverletzungen. Aber sie verhandeln auch mit der einen oder der anderen Bürgerkriegspartei, bevor Lebensmitteltransporte auf dem Weg durchs Land gehen. Das heißt, sie ermöglichen Konvois verschiedener Hilfsorganisationen. Oberstleutnant Herrmann, der im grau-beigen Kampfanzug unterwegs ist, blickt zumeist freundlich durch eine Brille. Auch wenn er kritische Fragen hört. Zum Beispiel: Kann es tatsächlich sein, dass UNMISS-Blauhelme Frauen zurückweisen, wenn die sagen, sie seien gerade vergewaltigt worden?

"Der Auftrag ist klar: Protection of Civilians, also auch Vergewaltigungen, die hier an der Tagesordnung sind. Sie können aber auch nicht hinter jeder Frau einen Soldaten haben - das funktioniert nicht."

13.500 UNMISS-Polizisten und Soldaten für mehrere Millionen Binnenflüchtlinge und deren Versorgung: eine Herkulesaufgabe. Weil das Verhältnis nicht stimmt. Obendrein, so Oberstleutnant Herrmann, sei die Bewegungsfreiheit der UNMISS eingeschränkt – durch die Bürgerkriegsparteien. Und die Aufstockung der Blauhelmtruppe, die der UN-Sicherheitsrat im vergangenen Sommer beschlossen hat, werde vom Präsidenten und seinen Leuten sabotiert. Wobei die zusätzlichen 4.000 UNMISS-Kräfte ohnehin eher die Blauhelmtruppe sichern sollen. Ist der Einsatz unter den Bedingungen nicht fragwürdig; eine Verschwendung von Steuergeld?

"Wenn Sie mich als Soldat fragen, dann sage ich Ihnen 'Fragen Sie unsere Politiker, ob es richtig ist, dass man mich hierher geschickt hat.'"

Aber Oberstleutnant Herrmann ist auch Privatmann, deutscher Bürger, der auf die UN-Mission blickt.

 "Wenn man Elend hier jeden Tag sieht, da sage ich als Privatmann, was haben Sie denn sonst noch für Organisationen, wenn Sie versuchen wollen, der Menschheit ein klein wenig Hoffnung zu geben? Was haben Sie sonst denn noch?"

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