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StartseiteCampus & Karriere"Diese Politik hilft eher den politischen Institutionen"27.06.2013

"Diese Politik hilft eher den politischen Institutionen"

DIW-Experte über Europas Weg aus der Jugendarbeitslosigkeit

Bis 2020 will die EU jugendliche Arbeitslose mit sechs Milliarden Euro in Lohn und Brot bringen - macht pro Kopf 174 Euro. Nach Ansicht des Arbeitsmarktexperten Karl Brenke steht Brüssel unter dem Druck, Aktionen vorzuweisen. Ob diese sinnvoll seien oder nicht, sei eine andere Sache..

Karl Brenke im Gespräch mit Manfred Götzke

Viele junge Spanier finden in der Heimat keine Arbeit und gehen deshalb nach Deutschland. (picture alliance / dpa)
Viele junge Spanier finden in der Heimat keine Arbeit und gehen deshalb nach Deutschland. (picture alliance / dpa)

Manfred Götzke: Eine Jobgarantie für jeden Jugendlichen in Europa? Eine Nummer kleiner geht’s offenbar nicht im Kampf gegen die dramatische Jugendarbeitslosigkeit in den Krisenländern. Heute und morgen wollen die Staats- und Regierungschefs der EU auf ihrem Gipfel dazu das beschließen, was man in solchen Situationen immer gern beschließt: ein Maßnahmenpaket. Was da genau an Maßnahmen drin steckt, das ist noch nicht so ganz klar, klar ist nur eine Summe: Sechs Milliarden Euro von 2014 bis 2020 soll’s geben. Karl Brenke ist Arbeitsmarktexperte beim Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung, und mit ihm möchte ich das obskure Paketchen mal aufschnüren. Herr Brenke, kann man mit sechs Milliarden Euro der Jugend in Europa eine Jobgarantie geben?

Karl Brenke: Natürlich nicht. Das Politbüro kann nicht beschließen, wir schaffen jetzt für jeden einen Arbeitsplatz, insbesondere wenn er jung ist, das funktioniert so nicht. Man kann allenfalls Maßnahmen auflegen, um das Problem der Jugendarbeitslosigkeit zu mildern. Da fragt man sich dann natürlich, was können das für Maßnahmen sein. Sind das Maßnahmen, die der Statistik helfen, oder sind es Maßnahmen, die tatsächlich den Jugendlichen helfen? Und Maßnahmen, die letztendlich den Jugendlichen helfen, die sind eher rar. Wir kennen das ja selbst in Deutschland aus der Zeit nach der deutschen Vereinigung, da wurde vieles an Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen, an Weiterbildung aufgelegt – letztendlich viel geholfen haben sie nicht, jedenfalls den betroffenen Menschen nicht. Und es wurde nach außen hin gezeigt, dass die Politik tätig ist, aber man kann mit Arbeitsmarktpolitik letztendlich keine Arbeitsplätze schaffen. Und darum geht es.

Götzke: Ja, wenn man sich das ganz genau anguckt, das Geld soll ja bis 2020 ausgegeben werden, rechnet man das auf jeden jugendlichen Arbeitslosen herunter, bleiben für jeden 174 Euro – dann kann man es vielleicht auch gleich lassen.

Brenke: Ja, nee, ich meine, Brüssel steht unter einem gewissen Rechtfertigungsdruck, und wenn man unter einem Rechtfertigungsdruck steht, muss man eben Aktionen vorweisen. Ob die Aktionen sinnvoll oder nicht sind, ist eine andere Sache. Man nimmt eben ein bisschen weiße Salbe, um nach außen hin zu zeigen, wir tun etwas, aber letztendlich, die Probleme der Jugendarbeitslosigkeit in Europa sind zum einen, die Jugendarbeitslosigkeit ist nicht isoliert, sondern Ausdruck der Arbeitslosigkeit insgesamt und ist in Südeuropa besonders hoch. Zum Zweiten, die Jugendlichen haben es deswegen schwerer auf dem Arbeitsmarkt als Erwachsene, weil ihnen die praktische Berufserfahrung fehlt, und anders als in Deutschland, wo wir eine duale Ausbildung haben, stehen die Jugendlichen am Anfang ihres Berufslebens eben ohne solche praktischen Erfahrungen in Südeuropa, aber auch in Teilen Osteuropas da. Und hier muss man drüber nachdenken, ob man das Ausbildungssystem nicht grundsätzlich reformiert, und das dauert Zeit und das wird man auch nicht mit kurzfristigen arbeitsmarktpolitischen Maßnahmen in die Wege leiten können.

Götzke: Dennoch ist es ja ziemlich interessant, Sie haben es ja auch schon angedeutet, dass die Jugendarbeitslosigkeit in den Krisenländern oft doppelt oder noch höher ist als die eigentliche, die allgemeine Arbeitslosigkeit. Kann man dieses Problem tatsächlich lösen, indem man das deutsche Ausbildungssystem exportiert, oder braucht Südeuropa so eine Art Agenda 2010?

Brenke: Nein, mit der Agenda 2010 ist Südeuropa nicht geholfen. Man muss eben dafür sorgen, dass die Jugendlichen praxisnah an den Arbeitsmarkt herangeführt werden, und man sieht es auch: In Deutschland, in Österreich, in den Niederlanden, in Luxemburg ist die Jugendarbeitslosigkeit viel geringer und die Differenz ist auch nicht so groß zwischen der Arbeitslosigkeit der Jugendlichen und der der Erwachsenen, wie etwa in Italien. Der Arbeitgeber, der weiß ja, was kann ein Jugendlicher, wenn er bei mir gelernt hat, und es ist bei uns selbstverständlich, dass oftmals eben der Auszubildende vom Betrieb übernommen wird. Und in so einer Situation sind eben die Jugendlichen in solchen Ländern, in denen vor allen Dingen die Ausbildung schulisch geschieht, nicht.

Götzke: Aber kann Südeuropa tatsächlich so viel von Deutschland lernen oder haben die jungen Leute hier einfach das Glück, dass a) die Wirtschaft brummt und b) der demografische Wandel für Fachkräftemangel sorgt?

Brenke: Natürlich ist es schon so, dass erstens die Wirtschaft brummt, das ist klar. Was auch noch dazukommt, das ist völlig richtig, die Zahl der Jugendlichen wächst nicht mehr, in manchen Regionen, insbesondere im Osten, schrumpft sie schon, und das führt natürlich dazu, dass der Arbeitsmarkt entlastet wird. Aber das Kernproblem ist hohe Arbeitslosigkeit generell im Süden und unzureichende Ausbildungssysteme im Süden.

Götzke: Lassen Sie uns trotzdem noch mal auf die Maßnahmen, die jetzt konkret beschlossen werden sollen in Brüssel, zu sprechen kommen. So ganz genau ist das ja noch gar nicht klar, was es für Beschäftigungsprogramme geben soll, die mit diesen ominösen sechs Milliarden Euro finanziert werden sollen. Was könnte man sinnvollerweise aus Ihrer Sicht mit sechs Milliarden Euro machen?

Brenke: Ja, man sollte zuerst mal die Frage stellen, ob Arbeitsmarktpolitik wirklich das erreichen kann, was man von ihr erwartet, und ich glaube, da sind die Erwartungen jetzt überzogen. Diese Politik hilft eher den politischen Institutionen und sie hilft vielleicht auch der Statistik. Natürlich kann man auch im ein oder anderen Fall mit Weiterbildung der Jugendlichen helfen und zu der schulischen Ausbildung und dem Abschluss, den sie dort erworben haben, ihnen praktische Erfahrungen vermitteln. Das wären die Möglichkeiten, die ich sehe, aber dringend abraten würde ich von Maßnahmen, wie wir sie gerade in Ostdeutschland nach 1990 massenhaft gehabt haben. Die Jugendlichen wissen ja auch, ist diese Maßnahme sinnvoll oder ist sie es nicht. In vielen Fällen war sie ja nicht sinnvoll.

Götzke: Es gibt noch einen anderen Vorschlag, vielleicht ist der ja etwas besser: Die EU-Kommission erwägt, Mittelständlern vergünstigte Kredite zu geben über die Europäische Investitionsbank, wenn sie ausbilden – guter Vorschlag?

Brenke: Da muss man vorsichtig sein. Die Mittelständler müssten eigentlich darauf selbst orientiert sein, sie müssten selbst ein Interesse haben, beruflich auszubilden. Wenn man das gleich mit Subventionen verbindet, dann, nach aller Erfahrung, ist es so: Man gewöhnt sich an die Subvention und bildet in Zukunft dann nur noch aus, wenn es die Subvention gibt. Zum Teil haben wir dieses Problem in Deutschland ja auch noch, gerade in Ostdeutschland, ein erheblicher Teil der Ausbildungsstellen wird noch subventioniert, und ich bin da skeptisch, sondern es sollte eigentlich reichen der Appell an die Unternehmen: Bitte, bildet selbst aus, versucht, die Jugendlichen zu qualifizieren. Natürlich, ich sehe die Probleme, bei einer sehr hohen Arbeitslosigkeit in Portugal, Spanien oder Italien wird sich manch ein Arbeitgeber denken, warum soll ich überhaupt ausbilden, es gibt reichlich qualifizierte Arbeitskräfte auch auf dem Arbeitsmarkt.

Götzke: Die Maßnahmen, die die europäische Politik in Sachen Jugendarbeitslosigkeit beschließen will, sind eher symbolischer Natur und Ausdruck einer gewissen Hilflosigkeit, meint Karl Brenke, Arbeitsmarktexperte des DIW. Danke schön!


Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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