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StartseiteInterview"Dieses Ziel wird eine große Anstrengung erfordern"09.07.2009

"Dieses Ziel wird eine große Anstrengung erfordern"

Klimaforscher zur Zwei-Grad-Begrenzung der G8-Staaten

Der Klimaforscher Professor Ottmar Edenhofer hat die Einigung der G8-Runde in L'Aquila auf das Zwei-Grad-Ziel begrüßt. Es handele sich um einen guten Indikator, gefährlichen Klimawandel zu vermeiden. Jetzt müssten die Länder eine Roadmap vorlegen, wie sie dieses Ziel erreichen wollten.

Ottmar Edenhofer im Gespräch mit Sandra Schulz

Qualmwolken kommen  in Jena aus dem Auspuff eines Fahrzeuges. (AP)
Qualmwolken kommen in Jena aus dem Auspuff eines Fahrzeuges. (AP)

Sandra Schulz: Heute, am zweiten Gipfeltag im italienischen L'Aquila, soll der Klimaschutz dann in noch größerer Runde besprochen werden. Mit Vertretern unter anderem aus China, Indien und Brasilien wollen die Staaten zusammenkommen, die weltweit für die meisten Emissionen verantwortlich sind. Über Zwischenstand und weitere Perspektive der Verhandlungen wollen wir sprechen mit dem Klimaforscher Professor Ottmar Edenhofer. Er leitet beim Weltklimarat IPCC die Arbeitsgruppe für Klimaschutzstrategien. Guten Morgen!

Ottmar Edenhofer: Guten Morgen!

Schulz: Von einem Durchbruch hat gestern ja schon mal Bundesumweltminister Gabriel gesprochen, war das eine Übertreibung?

Edenhofer: Nein, das war keine Übertreibung. Wenn sich die G8 und dann hoffentlich auch irgendwann mal die G20 auf dieses Zwei-Grad-Ziel einigt, ist es in der Tat ein großer Durchbruch. Und man wird jetzt sehen, wie dieses Ziel umgesetzt werden muss, denn dieses Ziel zu erreichen, wird eine große Anstrengung erfordern, und das ist alles andere als leicht.

Schulz: Warum hängt denn von diesen zwei Grad eigentlich so viel ab?

Edenhofer: Na ja, zunächst mal ist das Zwei-Grad-Ziel sicherlich eine pragmatische Festlegung, das ist so wie mit einer Geschwindigkeitsbeschränkung in Wohngebieten. Man kann natürlich immer drüber streiten, ob's 30 Stundenkilometer oder 40 sein sollen, aber es soll deutlich unter 180 sein. Und wir wissen eben, dass diese Zwei-Grad-Marke ein ganz guter Indikator dafür ist, um gefährlichen Klimawandel zu vermeiden. Und das heißt, dass wir dann in der Lage sind, zu verhindern, dass die sogenannten Kippschalter im Erdsystem aktiviert werden, also zum Beispiel die Versauerung der Ozeane oder das Austrocknen des Regenwaldes im Amazonas, die Veränderung der Monsundynamik in China und Indien, das Abschmelzen des Grönlandeisschildes und des antarktischen Eisschildes. Das sind alles Effekte, die man dann verhindern kann. Und ich meine, selbst wenn wir diese zwei Grad zulassen, heißt das ja noch lange nicht, dass wir Klimawandel überhaupt vermeiden, sondern wir lassen ja dann auch einen erheblichen Restklimawandel zu, der vor allem den Entwicklungsländern und vor allem Afrika doch erhebliche Schwierigkeiten bereiten wird und diese Länder auch unter einen erheblichen Anpassungsdruck setzt.

Schulz: Wenn wir jetzt auf die Vorlage sozusagen von gestern Abend blicken: Bis 2050 sollen die G8 ja ihren Schadstoffausstoß um 80 Prozent zurückfahren, das ist ja noch 41 Jahre hin. Bräuchten wir nicht viel konkretere Ziele?

Edenhofer: Ja, also ich bin da ein bisschen anderer Auffassung. Ich glaube, es ist sehr wichtig, dass man sich solche langfristigen Ziele setzt. Man kann sich das noch mal auf eine etwas plastischere Weise vorstellen. Wenn wir das Zwei-Grad-Ziel erreichen wollen, dann dürfen wir bis zum Ende des Jahrhunderts noch etwa so 1200 Gigatonnen CO2 in der Atmosphäre ablagern. Das ist dann eben wie ein Kuchen, und der wird dann eben auf verschiedene Länder verteilt. Aber dieses Kohlenstoffbudget, das wir uns gewissermaßen als Weltgemeinschaft als Ganzes zugestehen und dann eben auch verschiedenen Ländern, dieses Kohlenstoffbudget muss dann den Ländern auch erlauben, dass sie in großer zeitlicher Flexibilität versuchen, dann dieses Ziel zu erreichen. Es ist klar, dass für die Schwellenländer China und Indien jetzt kurzfristig andere Prioritäten durchaus Raum haben dürfen und dass man dann eben sagt, na gut, ihr könnt dann eben später reduzieren.

Wichtig ist - und das scheint mir das Entscheidende zu sein -, dass es jetzt eine klare Festlegung gibt, die Weltgemeinschaft als Ganzes hat sich dazu entschlossen, nur noch eine bestimmte Menge, ein bestimmtes Kohlenstoffbudget in der Atmosphäre abzulagern, und das muss jetzt heruntergebrochen werden auf die verschiedenen Länder. Und dann muss man aber auch den Ländern tatsächlich eine zeitliche Flexibilität zugestehen, wie sie dieses Ziel und wann sie dieses Ziel erreichen wollen.

Schulz: Aber dass die USA erste Schritte in punkto Klimaschutz gemacht haben, das haben wir ja schon unter Bill Clinton gesehen, dann mit der weiteren Konsequenz, dass eine der ersten Amtshandlungen von George W. Bush war, die Ratifizierung des Kyoto-Protokolls rückgängig zu machen. Macht man sich mit dieser langen Phase nicht viel zu abhängig auch von den politischen Gewichtungen?

Edenhofer: Ich sehe, dass das eine gewisse Gefahr ist, und natürlich wird man Zwischenziele vereinbaren müssen. Und ich denke, die Länder müssen auch jetzt eine Roadmap vorlegen, wie sie dieses Ziel erreichen wollen, sonst ist es natürlich nicht glaubwürdig. Wenn wir sagen, wir wollen dieses Ziel bis 2050 erreichen, heißt das ja mitnichten, dass wir jetzt einfach die Hände in den Schoß legen. Selbst dieses Ziel, dieses langfristige Ziel ist sehr, sehr schwer zu erreichen und fordert eine enorme Anstrengung, große Investitionen im Bereich der Erneuerbaren, im Bereich der Energieeffizienz, im Bereich der Kohlenstoffabscheidung. Und diese Investitionen, die dürfen natürlich nicht erst 2050 getätigt werden, sondern die müssen heute getätigt werden, damit wir dann bis zum Jahr 2020 den Scheitelpunkt bei den Emissionen erreichen und dann absenken können. Das ist vollkommen klar. Aber ich denke, es braucht eben beides, es braucht eine zeitliche Flexibilität und es braucht klare Zwischenziele und auch eine klare Ansage der einzelnen Länder, wie sie diese Ziele jetzt schrittweise erreichen wollen und vor allem, wie sie ihre Investitionsprogramme so umstrukturieren, dass dann auch diejenigen Technologien auf den Markt kommen können, die für einen ambitionierten Klimaschutz unverzichtbar sind.

Schulz: Es gibt ja auch Klimaschützer, die nicht ganz so zuversichtlich sind, die davon ausgehen, dass die zwei Grad auch gar nicht mehr einzuholen sein könnten. Gehen Sie davon aus, dass die zwei Grad als Begrenzung noch machbar sind?

Edenhofer: Also die zwei Grad als Begrenzung, die sind nur mit großer Mühe machbar, das wird sehr schwer, das zu erreichen, denn das Kohlenstoffbudget, das wir uns für die Weltgemeinschaft als Ganzes noch zugestehen, ist sehr, sehr knapp, vor allem, wenn man berücksichtigt, dass viele Länder - Russland, China, Indien, aber auch die Vereinigten Staaten - ja in den letzten fünf bis sechs Jahren sich zu einer, möchte man fast sagen, zu einer Kohlerenaissance entschlossen haben. Weltweit wird die Kohle verstärkt genutzt in der Verstromung, und das ist natürlich durchaus besorgniserregend. Und vor diesem Hintergrund, also dem Pfad, den wir eingeschlagen haben, wird es sehr, sehr knapp werden, dieses Zwei-Grad-Ziel zu erreichen. Und deswegen ist es jetzt so wichtig, dass es zu diesem Beschluss gekommen ist, denn wir brauchen ganz dringend eine Umsteuerung.

Die Wachstumsraten der weltweiten Emissionen sind in den letzten fünf Jahren nicht gesunken, sondern gestiegen, und man kann überhaupt nicht davon reden, dass die Weltgemeinschaft als Ganzes hier auf dem richtigen Pfad war. Und insofern ist es jetzt nötig, dass auf dem G8-Gipfel und dann natürlich auch im Dezember in Kopenhagen hier eine klare Vereinbarung, eine klare globale Vereinbarung erzielt wird.

Schulz: Und heute gehen die Beratungen auch im Kreise mit einigen Schwellenländern weiter. Es hat die ersten Anzeichen dafür gegeben, dass auch die Schwellenländer sich in Richtung Klimaschutz bewegen wollen. Wann würden Sie von einer Sensation sprechen?

Edenhofer: Also ehrlich gesagt, ich bin schon mit dem Zwischenergebnis sehr zufrieden. Wenn die Schwellenländer sich jetzt bereit erklären würden, dass sie, sagen wir, in den nächsten Jahren, in den nächsten fünf Jahren sich an einem solchen globalen Abkommen beteiligen und dass sie dann natürlich auch von den Industriestaaten verlangen werden, dass sie eben entsprechend dann großzügig mit Emissionsrechten ausgestattet werden - also wenn man sich einen solchen Deal vorstellen könnte, das wäre aus meiner Sicht eine große Sensation.

Schulz: Der Leiter der Abteilung für Klimaschutzstrategien beim Weltklimarat, Professor Ottmar Edenhofer vom Potsdamer Institut für Klimafolgenforschung heute in den "Informationen am Morgen". Haben Sie herzlichen Dank!

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