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StartseiteInterview"Ein ziemlicher Schlag"05.02.2008

"Ein ziemlicher Schlag"

Transparency-Gründer Eigen hofft auf schnelle Klarheit bei UNICEF

Der Gründer von Transparency International, Peter Eigen, warnt angesichts der Unstimmigkeiten bei UNICEF Deutschland vor einem Vertrauensverlust von Wohltätigkeitsorganisationen. "UNICEF hat ein großes Problem, und darüber sind wir alle sehr traurig", sagte Eigen, der den in die Kritik geratenen UNICEF-Geschäftsführer Dietrich Garlichs als "sehr tüchtig" verteidigte.

Peter Eigen. (AP)
Peter Eigen. (AP)
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UNICEF-Vorsitzender stellt sich hinter Geschäftsführer

Sandra Schulz: Am Telefon ist nun Professor Peter Eigen, der Gründer von Transparency International, heute bei einer Nichtregierungsorganisation, die für Transparenz in der Rohstoffindustrie kämpft. Guten Morgen!

Peter Eigen: Guten Morgen!

Schulz: Herr Eigen, hat UNICEF ein Problem mit dem Thema Transparenz?

Eigen: Na ja, UNICEF hat ein großes Problem, und darüber sind wir alle sehr traurig. Was Transparenz bedeutet in einer Organisation wie UNICEF, kann von verschiedenen Beteiligten verschieden ausgelegt werden. Ich persönlich meine, dass eine Organisation, die so stark auf Vertrauen und insbesondere auch auf Spenden angewiesen ist, da muss ein besonders hoher Maßstab angelegt werden. Insofern ist es für uns alle ein ziemlicher Schlag, dass wir jetzt beobachten, dass der sehr tüchtige Geschäftsführer, den wir kennen in der Nichtregierungsszene, Dietrich Garlichs und Frau Simonis, diese starke Persönlichkeit aus der Politik, dass die jetzt so aneinandergeraten. Das Ganze mutet fast an wie ein griechisches Drama, in dem sich zwei Welten gegenüberstehen. Die eine, in der eben unternehmerisch gedacht werden muss, schnelle Entscheidungen getroffen werden müssen, dass man gelegentlich auch auf Zuruf oder auf mündliche Verabredungen sich verlassen muss, während die andere eben angetreten ist, alles was mit Unregelmäßigkeiten zu tun hat, gerade angesichts auch der großen Summen, die da eine Rolle spielen, auszumerzen.

Schulz: Tenor vieler Berichte ist es ja, so klang es auch in dem Interview gestern mit Reinhard Schlagintweit (Text/ MP3-Audio) an, ihr habt es mit den Vorschriften nicht so genau genommen. Ist das so bei Hilfsorganisationen, dass Kontrollmechanismen da nicht so gut funktionieren?

Eigen: Grundsätzlich ist es eine riesige Schwierigkeit für ein politisches Kontrollorgan, meist mit ehrenamtlichen Beteiligten, die nicht ihre ganze Arbeitszeit einsetzen können für diese eine Aufgabe, und auf der anderen Seite den sehr tüchtigen unternehmerisch denkenden Geschäftsführern von solchen Organisationen ein gutes Verhältnis herzustellen. Ich habe das in vielen anderen Nichtregierungsorganisationen auch gesehen. Und da gibt es einfach eine verschiedene Kultur. Zum Beispiel in vielen großen Nichtregierungsorganisationen in Großbritannien, da ist es häufig der Geschäftsführer, der das Wort führt, der alles besser kennt, weil von morgens bis abends mit einem großen Stab er sich um die Dinge kümmert und dann die Leiter etwa der Kontrollorgane häufig Schwierigkeiten haben, alles genau zu verstehen und alles genau zu kontrollieren und zu überwachen. Meines Erachtens hat es in diesem Fall genau dieses Problem gegeben.

Schulz: Herr Eigen, die Verstöße, die es gegeben hat, sind die reine Schlamperei, oder steckt mehr dahinter?

Eigen: Das ist sehr schwer für mich, das zu sagen. Ich meine, wenn KPMG bestätigt, dass von fünf untersuchten Sachverhalten es bei vieren Unregelmäßigkeiten gegeben hat, dann muss man davon ausgehen, dass insofern Frau Simonis Recht hatte, dass diese Unregelmäßigkeiten ausgemerzt werden müssen. Und dabei musste sie, dazu war sie verpflichtet, mit aller professioneller Macht musste sie dagegen vorgehen. Dafür ist sie auch verantwortlich als Vorsitzende des Vorstandes.

Schulz: Aber was kann man daraus machen? Wir haben in dem Bericht gehört von Christine Heuer (MP3-Audio), es haben Beratungsfirmen ihre Arbeit aufgenommen, ohne dass die nötigen Unterschriften da waren. Können Sie sich das im Geschäftsleben vorstellen, dass Beraterfirmen so arbeiten?

Eigen: Selbstverständlich. Man macht häufig Verträge mündlich, und man muss häufig sehr, sehr schnell agieren, gerade wenn es drum geht, zum Beispiel in Notsituationen einzugreifen, wie etwa bei dem Tsunami im vergangenen Jahr und so weiter. Das heißt, auch ein Unternehmer, wie der Geschäftsführer von UNICEF Deutschland einer ist, der muss da gelegentlich sehr schnell agieren. Und unter den meisten Leuten, die in diesem Bereich arbeiten, ist Herr Garlichs bekannt als ein unternehmerisch denkender Mann, wie übrigens das auch Herr Schlagintweit sagt, der gelegentlich vielleicht etwas großzügig, etwas vorschnell operiert, aber das ist meines Erachtens sozialadäquat.

Andererseits ist es aber auch völlig verständlich, dass Frau Simonis dafür sorgen muss, dass Unregelmäßigkeiten behoben werden, gerade wenn es um solche großen Aufträge an Berater geht oder wenn es um Ausschreibungsregeln geht, die auch bei UNICEF ja vorliegen. Insofern ist es wirklich eine sehr traurige Entwicklung, und ich hoffe, dass das möglichst bald vorbei ist, damit dieser Vertrauensverlust, der ja nicht nur UNICEF trifft, sondern auch andere, auf Spenden angewiesene Organisationen, dass es möglichst bald gelöst wird.

Schulz: Jetzt hat UNICEF ja vor allem gegen selbst auferlegte Regeln verstoßen. Würde eine Gesetzesänderung, würden strengere Vorschriften was bringen?

Eigen: Im Grunde genommen sind viele der Regeln, die von Nichtregierungsorganisationen durchgeführt werden, selbst auferlegt. Und UNICEF gehört zwar zu den Vereinten Nationen, ist aber in Deutschland als gemeinnütziger Verein organisiert. Insofern sind viele dieser Regeln selbst auferlegt. Es gibt jetzt, und da UNICEF auch dran mitgearbeitet, einen sogenannten Accountability Charter für große Nichtregierungsorganisationen, die weltweit von vielen Organisationen unterschrieben werden. Aber an diese Regeln muss man sich dann natürlich halten. Und insofern habe ich volles Verständnis dafür, wenn Frau Simonis angetreten ist mit der Absicht, dort ganz klares Schiff zu schaffen. Dass das aber auf Widerstände stößt in Organisationen, die seit vielen, vielen Jahren inzwischen auch mit großen Mitteln operieren und großem Sachverstand und großem Ansehen weltweit, das darf man ja nicht vergessen. Die deutsche Sektion von UNICEF ist eine der wichtigsten in der Welt, ich würde sagen, zusammen mit Japan wahrscheinlich die wichtigste, die es gibt. Und da ist sehr viel Gutes geleistet worden. Wenn da ein Außenseiter dann dazukommt, ein Politiker, und will da wie Jesus im Tempel aufräumen, dann gibt es natürlich Widerstand. Und wenn da der Vorstand nicht mitgezogen hat, dann verstehe ich das auch, dass Frau Simonis sagt, na ja, dann kann ich eben nicht weiterhin meinen Namen für dieses Amt hergeben.

Schulz: Der Streit um UNICEF ist ja auch vor allem deswegen so heikel, weil es da um Spendengelder geht. Müssen Spender, umgekehrt gefragt, von dem Glauben runter, dass jeder Euro, den ich spende, gerade bei einer so großen Organisation wie UNICEF, auch eins zu eins dem guten Zweck zugute kommen kann?

Eigen: Das ist klar, denn es kann ja gar nicht eins zu eins zugute kommen. Wer soll denn die Arbeit tun? Und dass UNICEF ein Apparat ist von hochprofessionellen Leuten, die bezahlt werden, zusätzlich eben zu diesen Tausenden von Ehrenamtlichen, das ist doch selbstverständlich, und das weiß auch jeder. Es ist nur eine Frage, wie viel abgezweigt wird. Da muss eben die Geschäftsführung sehr darauf achten, dass sie nicht den Eindruck erweckt, dass sie sich etwa durch kostspielige Umbauten selbst ein gutes Leben verschaffen oder dass sie zu hohe Provisionen zahlen für Spendensammler und so weiter.

Aber das sind in Einzelbereichen eben Ermessensentscheidungen, die von den Unternehmern, also gerade von der Geschäftsführung, getroffen werden müssen. Und da muss man denen auch eine gewisse Freiheit einräumen, dass sie es erfolgreich machen dabei. Das kann man schon daran sehen, dass das Spendenaufkommen in den letzten Jahren also auch gerade unter Herrn Garlichs sich verdreifacht hat.

Schulz: Im Gespräch mit dem Deutschlandfunk war das der Gründer von Transparency International, Peter Eigen. Vielen Dank Ihnen.

Eigen: Ich danke auch.

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