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StartseiteInterview"Gegebenenfalls alles ehrenwert"14.06.2014

Elektro-Mobilität"Gegebenenfalls alles ehrenwert"

Der Elektroauto-Hersteller Tesla will Patente verschenken. Stefan Bratzel von der Fachhochschule Bergisch Gladbach erklärte im DLF, er sehe zwei Gründe für den Schritt: den guten Willen zum Ausbau der E-Mobilität - und eine kluge PR-Strategie.

Stefan Bratzel im Gespräch mit Jochen Fischer

Das Elektroauto Tesla P85+ steht an einer Ladestation während der Internationalen Auto Show in Detroit. (afp / Stan Honda)
Der Elektro-Auto-Hersteller Tesla veröffentlicht seine Patente. (afp / Stan Honda)
Weiterführende Information

Elektroautos: Ideen zu verschenken (Deutschlandfunk, Wirtschaft am Mittag, 13.06.2014)

E-Mobilität: Die Elektroauto-Batterie (Deutschlandfunk, Wirtschaft im Brennpunkt, 27.04.2014)

Genfer Autosalon: Autobauer rechnen mit Absatzsteigerung (Deutschlandfunk, Wirtschaft und Gesellschaft, 03.03.2014)

Jochen Fischer: Eine Million Elektroautos will die Kanzlerin bis 2020 auf deutschen Straßen sehen – ein ehrgeiziges Ziel. Die deutschen Autofahrer halten sich beim Kauf zurück. Das hat Gründe. So ist der Preis für ein Elektroauto gegenüber dem Verbrennungsmotor sehr viel höher, die Reichweite gering und das Laden dauert lange. Es gibt aber eine Ausnahme: Der US-Hersteller Tesla bietet ein Modell an mit einer Reichweite von 500 Kilometern - mit dem Preis von deutlich über 60.000 Euro allerdings kein Schnäppchen. Überraschend hat Tesla-Chef Elon Musk angekündigt, seine Elektroauto-Patente zu verschenken oder zumindest, sie wohlwollend zugänglich zu machen.

Darüber möchte ich nun sprechen mit dem Automobilexperten Stefan Bratzel. Guten Abend!

Stefan Bratzel: Schönen guten Abend!

Fischer: Tesla-Konzernchef Musk öffnet also die Schatztruhe seiner Patente. Jetzt kann man ja rätseln: Warum macht er das? Aus reinem Gutmenschentum, oder ist es geschäftlich geschickt? Was meinen Sie?

Bratzel: Ich glaube, es ist vielleicht so eine Kombination von beidem. Natürlich hat er gesehen, dass das Thema E-Mobilität nur sehr schleppend in der Industrie vorankommt, und er sucht Mittel und Wege, um hier eine Beschleunigung dieses gesamten Themas hinzubekommen. Insofern ist es sicherlich auch ein Stück weit im Geschäftsinteresse, denn wenn das Thema eine öffentliche Verbreitung findet, dann profitiert indirekt auch Tesla von diesem Thema. Aber das ist sicherlich nicht alles. Ich glaube, dass auch Musk eine Vision ein Stück weit hat, die durchaus, wenn man so will, ein Stück weit Gutmenschentum auch ist. Man hat durchaus eine Vision der E-Mobilität, die gesellschaftlich sicherlich auch relevant ist, entsprechend hier den CO2-Verbrauch beispielsweise zu senken. Insofern ist das gegebenenfalls alles ehrenwert. Insbesondere ist es natürlich auch eine interessante Marketing-Idee, die er hier hat. Tesla ist dadurch wieder in aller Munde.

Fischer: Es könnte sein, dass dahinter eine ganz andere Idee steckt, zum Beispiel sich die Konkurrenz mit ins Boot zu holen, um sie klein zu halten.

Bratzel: In der Tat ist es ja so, dass ein Stück weit Definitionsmacht natürlich auch in Patenten liegt. Das heißt, wenn ein Automobilhersteller jetzt Patente von Tesla benutzt, schließt er sich ja ein Stück weit der Denke von Tesla an, und Musk sieht es ja völlig richtig: Technologieführerschaft wird nicht durch Patente sichergestellt, sondern das Problem ist, dass ein Patent nur eine technische Lösung ist, die man auch geschäftlich realisieren muss, kommerzialisieren muss, und da ist Tesla ja ein ganzes Stück weiter als die anderen Automobilhersteller. Und wenn sich der eine oder andere anschließen würde an der Technologie, dann könnte man sagen, na ja, da ist Tesla ein Stück weit vorne, weil die Erfahrungen, die Tesla mit der eigenen Technologie, mit den Patenten die letzten Jahre gemacht hat, die müssen die Nachfolger erst noch tun.

Fischer: Musk sagt ja auch, die Konkurrenz sei der Verbrennungsmotor, nicht etwa die anderen E-Mobil-Hersteller. Hat er damit recht?

Bratzel: Damit hat er völlig recht. Das Thema E-Mobilität kommt global gesehen nur sehr, sehr langsam voran. Man hat vielleicht ein Stück weit überschätzt, dass das Thema E-Mobilität sich sehr schnell entwickelt, und zwar hat man unterschätzt, dass natürlich in dem Maße, indem auch E-Mobile an den Markt kommen, gleichzeitig der Verbrennungsmotor weiter optimiert wird, und das hat genau in den letzten sieben, acht Jahren im extremen Maße stattgefunden. Auch Benzin- und Dieselmotoren sind spritsparender geworden und insofern hat man so eine Art Hase-Igel-Spiel gehabt. Zwar ist die E-Mobilität in dem einen oder anderen Fall jetzt an den Markt gekommen, aber gleichzeitig hat sich der Verbrennungsmotor technisch verbessert und ist auch attraktiver geworden. Insofern hat Musk völlig recht, dass eigentlich der Verbrennungsmotor der Feind von Tesla ist und nicht ein weiteres E-Mobilitätsunternehmen.

"Tesla hat ja das Thema E-Mobilität erst salonfähig gemacht"

Fischer: Also könnte man so weit gehen und sagen, diese E-Mobil-Patente sind Patente minderen Rechts, weil im Fahrzeugbau ist ja nun der Antrieb nicht das alleinige Kriterium.

Bratzel: Ja. Ein ganz, ganz wichtiges Thema sicherlich im Fahrzeugbau ist das Thema der Vermarktung und auch des Vertriebs von Fahrzeugen, und Tesla stößt schrittweise oder wird schrittweise natürlich auch daran stoßen, dass man eine große Lade-Infrastruktur entwickeln muss. Es gibt ja jetzt schon Probleme, dass ganz unterschiedliche Standards der Ladesäulen existieren, und das lähmt das ganze Thema E-Mobilität und ein reiner E-Mobilitätshersteller wie Tesla leidet natürlich dann doppelt unter diesen Problemen.

Fischer: Nun ist ja der Daimler-Konzern bei Tesla beteiligt und wir hören auch von Gesprächen zwischen Tesla und BMW, die mit Tesla kooperieren wollen. Was bedeutet das nun alles gemeinsam für diese beteiligten auch deutschen Firmen, die ja bisher beim Verbrennungsmotor führend sind?

Bratzel: Nun, ich glaube, dass die wie schon in den letzten Jahren durch Tesla immer stärker unter Druck gesetzt werden. Tesla hat ja das Thema E-Mobilität erst salonfähig gemacht. Vorher war es ja eher assoziiert mit Krankenfahrstühlen und als dann die ersten Manager in den Tesla Roadster damals eingestiegen sind, haben sie gemerkt, Mensch, das Thema E-Mobilität macht ja Spaß. Insofern sind diese großen Autohersteller jetzt weiter unter Druck, und Sie haben es gesagt: Daimler ist ohnehin ein Stück weit schon beteiligt an Tesla, aber hat auch die B-Klasse nun auf die Beine gestellt mit Tesla-Inside, ein Vorgang, der vor einigen Jahren noch völlig undenkbar war. Es zeigt schon einen Schritt, dass Tesla technologisch schon recht weit vorne ist. Hier spielen ja insbesondere die langen Reichweiten eine ganz, ganz wichtige Rolle. Mit 300 und 500 Kilometer Reichweite hat Tesla ja einen Vorsprung vor den hiesigen Herstellern.

Fischer: Es tut sich was auf dem Markt der E-Mobile mit Tesla. Was würden Sie sagen, was würde am ehesten den Durchbruch in der E-Mobilität bringen? Wie kriegen wir die Produzenten und auch die Menschen dazu, sich auf E-Autos einzulassen?

Bratzel: Nun, ich glaube, es sind zwei wesentliche Faktoren. Die waren schon seit Jahren ausschlaggebend und die sind es immer noch. Das eine Thema ist sicherlich das Thema Reichweite. Mit einer Reichweite von in der Spitze 150 Kilometern von BMW i. oder auch anderen wie dem E-Golf und realen Reichweiten im Winter, wenn man eine Heizung braucht, von 80 Kilometern, da kann man kaum Menschen überzeugen. Und das zweite Hemmnis, wenn man so will, ist der Preis. Die E-Autos sind doppelt so teuer als vergleichbare Fahrzeuge mit Verbrennungsmotoren. Insofern ist ein E-Auto im Moment nur ein Auto, das als Zweit- oder Drittwagen in Frage kommt und insbesondere für die Leute, die eine Garage mit Stromanschluss besitzen, und das schränkt den Nutzerkreis schon sehr, sehr stark ein. Das sind auch die Ansatzpunkte, verlängerte Reichweite und niedrigere Kosten im Vergleich zum Verbrennungsmotor, und dann natürlich der Aufbau sukzessive einer Super-Lade-Infrastruktur. Wenn die beseitigt sind, dann kann und wird höchst wahrscheinlich das Thema E-Mobilität stark vorankommen. Nach unserer Schätzung wird es aber noch einige Jahre dauern bis Elektromobilität eine erkleckliche Verbreitung in Deutschland oder auch in Europa haben wird.

Fischer: Bekommen wir denn die eine Million Fahrzeuge, die Frau Bundeskanzlerin für 2020 angekündigt hat?

Bratzel: Ich halte das für recht illusorisch, zumindest mit reinen Elektrofahrzeugen. Die Bundesregierung hat das ja mittlerweile auch gemerkt und mittlerweile zählen auch Fahrzeuge, die nur 30 Kilometer rein elektrisch fahren, sogenannte Plug-in-Hybride, jetzt auch zu dem Ziel von einer Million Fahrzeugen. Aber selbst damit wird es enorm schwer, das zu erreichen. Ich rechne nicht damit, dass man 2020 so viele Fahrzeuge in Deutschland auf den Straßen hat.

Fischer: Die Meinung des Automobil-Experten Stefan Bratzel von der Fachhochschule in Bergisch-Gladbach. Vielen Dank, Herr Bratzel, und guten Abend.

Bratzel: Danke Ihnen, Herr Fischer.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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