Interview / Archiv /

 

"Er war einfach nicht der geistige Führer"

Hans Küng über die Bilanz der Amtszeit von Benedikt XVI.

Fragen von Gerd Breker an Hans Küng

Der Theologe Hans Küng, aufgenommen am 6. Oktober 2004 auf der Buchmesse in Frankfurt am Main (AP Archiv)
Der Theologe Hans Küng, aufgenommen am 6. Oktober 2004 auf der Buchmesse in Frankfurt am Main (AP Archiv)

Der Schweizer Theologe Hans Küng anerkennt Papst Benedikt VXI. als großen Theologen. "Die Schwäche liegt ja nicht bei seinen intellektuellen Fähigkeiten, sondern seine Leadership-Qualitäten", sagt er. Er habe nicht regiert, das sei auch in der Kurie bekannt gewesen.

Gerd Breker: Am Telefon sind wir nun verbunden mit dem Schweizer Theologen Hans Küng. Guten Tag, Herr Küng!

Hans Küng: Ja, guten Tag, Herr Breker!

Breker: Benedikt XVI. gilt als Intellektueller auf dem Heiligen Stuhl, ein großer Theologe, der dem katholischen Glauben neues Gewicht verliehen hat und zu neuer Tiefe verholfen hat. Ist das eine Meinung, die Sie teilen können oder fällt es Ihnen schwer, da zuzustimmen?

Küng: Ja, dem kann ich im Prinzip schon zustimmen. Die Schwäche liegt ja nicht bei seinen intellektuellen Fähigkeiten, sondern seinen Leadership-Qualitäten. Er war einfach nicht der geistige Führer, Leader, den wir erwartet haben, der in dieser Zeit hätte einerseits die Kurie zusammenhalten können, andererseits auch in die Welt hinein, in die Kirche hineinwirken, und so dann schließlich auf die Welt hätte besser einwirken können. Er war einfach der Mann, von dem es in der Kurie hieß: Non governa – er regiert nicht.

Breker: Herr Küng, das Zweite Vatikanische Konzil, die Öffnung der Kirche, ist das eine Chance, die Papst Benedikt verpasst hat?

Küng: Ja, ich glaube, ich muss sagen, leider. Ich habe ja mit ihm ein vierstündiges Gespräch gehabt in Castel Gandolfo, kurz nach seiner Wahl. Und ich hatte gehofft, er würde auf die Linie des Zweiten Vatikanums wieder einschwenken. Aber das hat getäuscht, er hat sich praktisch nach rückwärts gewendet. Und er halt also nicht die Impulse des Zweiten Vatikanischen Konzils aufgegriffen und hat also nichts getan für die Reform der Kirche innerlich, für die Strukturreformen der Kirche. Er hat nichts getan für die ökumenische Annäherung, dass die effektiv voranschreitet. Und er hat sich also dafür lieber den Piusbrüdern, diesen konservativen Ultras, zugewendet. Das haben wir alle eigentlich in der Kirche nicht verstanden. Und gerade die letzte Papstreise in Deutschland war dann insofern eine Enttäuschung, weil außer Spesen doch nicht sehr viel gewesen ist.

Breker: Herr Küng, Sie sagen rückwärtsgewandt. Sie haben einmal gesagt, Ratzinger und die Seinen leben geistig immer noch im Mittelalter. Unterschreiben Sie das noch oder müssen wir das jetzt korrigieren?

Küng: Nein, ich glaube, Ratzinger selber würde das in etwa auch unterschreiben. Er hat ja als große Kirchenvorbilder in der Theologie den Augustinus und Bonaventura – also das sind beides Leute aus dem Mittelalter –, er hat eine Lithurgieauffassung wie im Mittelalter, das dann wieder zurück hinter das Zweite Vatikanum rückt, zu Latein und vielen überflüssigen Dingen. Und er hat ja auch sonst in Bezug auf den Autoritarismus, den Zentralismus der mittelalterlichen Päpste vor sich. Das alles ist also keine Verleumdung, sondern er ist ein Mann, wie ich sagen will, des mittelalterlichen Paradigmas. Und das heißt, er hatte wenig Sinn für das Paradigma der Reformation, das anschließend kam. Und noch weniger Sinn für das Paradigma der Aufklärung und der Moderne, das anschließend kam, das war die ganze Problematik seines Pontifikats. Er konnte sich nicht öffnen richtig gegenüber den Anliegen der Reformatoren und auch nicht gegenüber denen, die eine moderne Welt gestaltet haben.

Breker: Herr Küng, Sie haben seine letzte Reise nach Deutschland erwähnt. Diese Erwartung in Sachen Ökumene, sind das eigentlich deutsche Erwartungen an eine Weltkirche, die vielleicht doch ein bisschen überzogen ist?

Küng: Nun, es gibt natürlich in den verschiedenen Ländern sehr verschiedene Erwartungen, das ist ja selbstverständlich. Aber das betrifft eigentlich den ganzen globalen Norden, kann man sagen, dass man da doch endlich mal die Kontroversen des 16. Jahrhunderts hinter sich lassen will und vor allem auch die des 11. Jahrhunderts mit den Orthodoxen. Die Erwartungen sind ja in Amerika mindestens so groß wie bei uns. Und auch in England, Großbritannien, Irland, Skandinavien, alles, was ich kenne, hat man erwartet, er wird da voranmachen. Es ist tragisch, dass gerade ein deutscher Papst, der aus dem Land der Reformation kommt, dass der nicht mehr getan hat, um wirklich auch zur Rehabilitation von Martin Luther und zur Rehabilitation der Reformation allgemein beizutragen. Und vor allem hat er nichts getan, um die Anerkennung der evangelischen, protestantischen Kirchenämter und unverständlichzu tun. Ich habe immer erwartet, wenn er nach Deutschland kommt, gibt er ein Gastgeschenk. Und habe das auch öfter geschrieben, er hat das zur Kenntnis genommen, aber er hat ja dann in Erfurt sehr ausführlich erklärt, mit sehr viel Umständlichkeit, warum er kein Gastgeschenk bringen kann, das alles hat ihn doch sehr, sehr enttäuscht.

Breker: Herr Küng, wenn ich Sie noch mal zitieren darf, Sie haben ja einmal gesagt: "Die Kirche ist wirklich krank, wenn man da eine Diagnose macht, dann sieht man, dass sich da vieles nicht mehr fügt, es ist einfach nötig, eine Radikalreform zu erreichen. Dieser Mitgliederschwund, die Missbrauchs- und die VatiLeaks-Affäre sind ja nur die Phänomene einer tiefen Strukturkrise." Ist die Kirche aus Ihrer Sicht krank, weil dieser Papst die Zeichen der Zeit nicht erkannt hat?

Küng: Die Kirche ist krank, das habe ich in meinem Buch "Ist die Kirche noch zu retten?" in aller Deutlichkeit analysiert, aber das liegt nicht nur an Papst Ratzinger. Die Kirche ist eigentlich krank, weil sie im Grunde seit dem 11. Jahrhundert eine bestimmte Linie verfolgt hat, die weder die Reformation noch die Aufklärung überwinden konnte innerhalb der Kirche. Wir haben seit dem 11. Jahrhundert der sogenannten gregorianischen Reform von Gregor VII. haben wir ein päpstlichen Absolutismus und Zentralismus, wir haben zweitens einen forcierten Klerikalismus, Investiturstreit damals und ist heute eine Oberhoheit des Klerus, und drittens das Zölibatsgesetz, das ist auch im 11. Jahrhundert durchgesetzt worden. Und das wäre schon längst an der Zeit gewesen, das aufzuheben in eine positive Lösung. Das Zweite Vatikanische Konzil hat versucht, den Zentralismus und Autoritarismus zu überwinden durch einen Begriff der Kollegialität, aber in der römischen Kurie wurde die Kollegialität darauf vernachlässigt. Und wir haben ständig eine One-Man-Show mit einem Einzelnen. Und es ist einfach nicht mehr möglich, dass ein Einzelner allein all die Fragen und Probleme einer Weltkirche von über einer Milliarde Menschen, Katholiken, übersehen kann. Das braucht wirklich eine kollegiale Kirchenleitung. Und es braucht mehr Dezentralisierung der Probleme.

Breker: Im Deutschlandfunk war das der Schweizer Theologe Heinz Küng. Wir haben versucht, den Papst Benedikt XVI. zu würdigen. Herr Küng, ich danke Ihnen für dieses Gespräch.

Küng: Ich danke Ihnen, Herr Breker!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

Beitrag hören

 
 
Dradio Audio
Kein Audio aktiv
 
 
 
 
 

Für dieses Element wird eine aktuelle Version des Flash Players benötigt.

Interview

Solidarität"Mitgefühl spielt in Europa keine Rolle"

Ein Obdachloser liegt auf seinem Schlafplatz auf dem Bürgersteig vor einer Filiale der Emporiki Bank in Athen (picture alliance / dpa / Michael Anhaeuser)

Der Soziologe Tobias Scholz hat nicht den Eindruck, dass sich die Bürger der EU als Solidargemeinschaft empfinden. Das flegelhafte Auftreten griechischer Politiker etwa empöre mehr als das Leiden der Bevölkerung. "Da kam es gelegen, dass man sein Mitleid woanders loswerden konnte", sagte Scholz im DLF.

EU-FlüchtlingspolitikSoziologe sieht "organisierte Nichtverantwortung"

Ein Dutzend Flüchtlinge drängen sich auf einem kleinen Boot im Mittelmeer, bevor sie auf das Schiff der Küstenwache gelangen können. (picture alliance / dpa / Alessandro Di Meo)

Der Soziologie Ludger Pries glaubt nicht daran, dass die EU sich künftig mehr um Flüchtlinge kümmert. Im Deutschlandfunk sagte er, die Beschlüsse des EU-Gipfels zeigten, dass es um Abschottung gehe. Trotzdem macht er Vorschläge, wie die EU zu einer besseren gemeinsamen Flüchtlingspolitik kommen kann.

Abgabe für KohlekraftwerkeGeschrei von einer Seite, die an der Vergangenheit festhalten will

Claudia Kemfert vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung. (Imago / Stefan Zeitz)

Der Widerstand gegen die von Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel geplante Abgabe auf ältere Kohlekraftwerke ist groß. Das passe aber nicht zur geplanten Energiewende, sagte Professorin Claudia Kemfert im DLF. Mit ihr gebe es mehr wirtschaftlichen Chancen als Risiken. Es sei aber wichtig, diesen Strukturwandel gemeinsam zu begleiten.

 

Interview der Woche

Mindestlohn"Ein großer historischer Erfolg"

DGB-Chef Reiner Hoffmann (imago/IPON)

DGB-Chef Reiner Hoffmann hat sich gegen Änderungen beim Mindestlohn ausgesprochen. Seine Einführung sei ein historischer Erfolg, von dem 3,6 Millionen Menschen profitierten, sagte Hoffmann im DLF. Die Befürchtung, dass tausende Arbeitsplätze gefährdet würden, habe sich nicht bewahrheitet.

Russland-Geschäft "Deutsche Exporte könnten leiden"

Der Vorsitzende des Ost-Ausschusses der Deutschen Wirtschaft, Eckhard Cordes. (Imago / Müller-Stauffenberg)

Der Ost-Ausschuss der Deutschen Wirtschaft hat vor einem weiteren Rückgang der Exporte nach Russland gewarnt. Der Ausschuss-Vorsitzende Eckhard Cordes sagte im Interview der Woche des Deutschlandfunks, man müsse davon ausgehen, dass die russische Wirtschaft im laufenden Jahr schrumpfen werde.

Familienministerin zu Flüchtlingen "Wir sind gut genug aufgestellt, um Schutz zu bieten"

Bundesfamilienministerin Manuela Schwesig (dpa/Maurizio Gambarini)

Der Bund müsse sich stärker für Flüchtlinge einsetzen und mehr Geld für ihre Unterbringung bereitstellen, fordert Bundesfamilienministerin Manuela Schwesig im Interview der Woche des Deutschlandfunk. Sie sehe nicht, dass Deutschland zu viele Flüchtlinge aufnehme. Schwesig verlangte aber eine bessere europaweite Lastenverteilung. Andere Länder müssten genauso viel machen wie Deutschland.