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StartseiteUmwelt und VerbraucherFracking auf dem Prüfstand26.02.2016

ErdgasFracking auf dem Prüfstand

In Deutschland ist die Fracking-Technologie zur Förderung von Erdgas umstritten. Umweltschützer fürchten erhebliche Risiken für Umwelt und Gesundheit und fordern ein absolutes Fracking-Verbot. Die Bundesregierung hält dagegen und möchte die Gasfördermethode unter strengen Auflagen genehmigen.

Von Alexander Budde

Ein Plakat mit der Aufschrift «Stop Fracking» steht am 03.06.2014 in Brünen (Nordrhein-Westfalen) am Niederrhein in einem Feld. (picture alliance / dpa / Martin Gerten)
Stop-Fracking-Plakat (picture alliance / dpa / Martin Gerten)
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Im Vergleich zu Fördergiganten wie Russland oder den Golf-Staaten ist die heimische Branche ein Zwerg. Nach jüngsten Angaben ihres Verbands WEG deckt Deutschland gerade einmal 12 Prozent seines Verbrauchs mit Erdgas aus heimischer Förderung. Zum Beispiel aus dem Erdgasfeld Völkersen, östlich von Bremen im Landkreis Verden gelegen. In Völkersen wird Methan, also Erdgas, aus einer Lagerstätte in rund 5.000 Metern Tiefe gefördert. Zunächst senkrecht, in der Tiefe dann horizontal raspelt sich der Diamant-besetzte Bohrmeißel in das Reservoir.

"Wir sind guter Hoffnung!", freut sich Bohrbetriebsführer Henning Brandt bei einer Besichtigung des 62 Meter hoch aufragenden Förderturms im vorigen Jahr. Doch guter Hoffnung sind Spezialisten wie Brandt schon lange nicht mehr. Völkersen ist eines von gerade noch drei Bohrprojekten in ganz Deutschland, die im Vorjahr noch aktiv vorangetrieben wurden.

Bürgerproteste verhindern neue Projektanträge

Weil die Zapfstellen versiegen, bedürfte es neben der horizontalen Bohrung dringend auch einer "hydraulischen Stimulation", damit das Erdgas wieder von sich aus in die Bohrlöcher strömt. Bei rund 300 Fracks in den letzten 50 Jahren habe es nicht eine einzige Havarie gegeben, sagt WEG-Cheflobbyist Gernot Kalkoffen. Doch wegen der Bürgerproteste hielt sich die Branche seit 2011 mit neuen Projektanträgen zurück. Die Folge: Kurzarbeit und Personalabbau auch bei der Zulieferindustrie. Kalkoffen sieht mit den Bohrcrews auch das Knowhow schwinden:

"Seit jetzt 5 Jahren haben wir Stillstand in Deutschland. Unsere Produktion hat sich in diesem Zeitraum fast halbiert, unsere Industrie leidet Not! Wir haben versucht, gemeinsam konstruktiv mit der Politik an einer Lösung zu arbeiten, wie wir in Deutschland ein neues Gesetzespaket schnüren können. Wir sind auch dafür, das Grundwasser- und Trinkwasserschutz die höchste Priorität hat. Und insofern sind wir schon dafür, dass wir strengere Regeln brauchen - aber wenn ich alle Industrieproduktion aus Deutschland verjage, dann habe ich im Prinzip ja nichts gewonnen!"

Die Bundesregierung und das erdgasreiche Niedersachsen wollen auf die umstrittene Gasfördermethode nicht gänzlich verzichten. Zwar soll Fracking in Wasserschutzgebieten ebenso verboten sein, wie die Förderung von Schiefergas. Bei der sogenannten konventionellen Gasförderung im Sandgestein soll Fracking jedoch weiter genutzt werden dürfen - unter strengen Auflagen wie Umweltverträglichkeitsprüfungen samt öffentlicher Anhörung.

Die Berliner Koalitionäre hatten bereits im letzten Sommer eine gesetzliche Regelung angekündigt, doch der Streit um den Gesetzentwurf zieht sich quer durch die Fraktionen. Sascha Müller-Kraenner, Geschäftsführer der Umweltorganisation Deutsche Umwelthilfe geißelt den Entwurf als Einknicken vor der Lobbymacht - insbesondere das Vorhaben, Pilotprojekte zu Forschungszwecken auch oberhalb von 3.000 Metern Tiefe zu ermöglichen.

"Die Absicht, die dahinter steht ist natürlich, Akzeptanz zu schaffen für die spätere industrielle Förderung. Und insofern lehnen wir auch diese Pilotphase ab. Was überhaupt nicht akzeptabel ist, dass der Bundestag, der Gesetzgeber seine Gesetzgebungskompetenz auslagert an eine Experten-Kommission, die dann wahrscheinlich auch besetzt sein wird vor allem mit Fracking-Befürwortern. Dadurch stiehlt sich die Politik aus der Verantwortung."

Die Grünen wollen Risiken des Frackings nicht akzeptieren

Nach aktueller Rechtslage hätten die Energieunternehmen ein Anrecht auf die Genehmigung ihrer Förderanträge. Ein Verbot ist nur auf Bundesebene durch eine Änderung des Bundesberggesetzes durchsetzbar. Genau darauf zielt ein eigener Gesetzentwurf, den die Grünen heute im Bundestag einbringen wollen. Fraktions-Vize Oliver Krischer spricht von erheblichen Risiken für Umwelt und Gesundheit, gefordert sei ein absolutes Fracking-Verbot, das die Erforschung, Aufsuchung und Förderung von Erdgas umfasst.

"Wir sehen keine energiepolitische Notwendigkeit für Fracking. Es gibt genug Gas auf der Welt, auf dem Gasmarkt. Und auf der anderen Seite gibt es keine Bereitschaft in der Bevölkerung, die Risiken des Frackings mit dem Gift zu akzeptieren. Es kann nicht sein, dass die Menschen seit einem Dreivierteljahr auf die Regelung warten, das Rechtsunklarheit in der ganzen Republik herrscht – und deswegen haben wir diesen Entwurf eingebracht, um noch einmal deutlich zu machen, der Bundestag muss jetzt endlich handeln und die Große Koalition darf das Thema nicht länger aussitzen."

Doch genau das erwarten Beobachter. Zumindest vor den anstehenden Landtagswahlen im März wird es mit Sicherheit keine Entscheidung über das allseits ungeliebte Thema Fracking geben. 

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