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"Es ist ein Grenzzwischenfall"

Harald Kujat ruft in der Syrien-Türkei-Krise zu Besonnenheit auf

Harald Kujat im Gespräch mit Dirk Müller

General Harald Kujat, ehemaliger Vorsitzender des NATO-Militärausschusses.
General Harald Kujat, ehemaliger Vorsitzender des NATO-Militärausschusses. (AP-Archiv)

Der ehemalige Vorsitzende des NATO-Militärrates, Harald Kujat hält es für entscheidend, dass die Situation zwischen Syrien und der Türkei nicht noch angespannter werde. Momentan gebe es keine Anzeichen für einen Krieg. "Es ist eindeutig, dass Ankara nicht davon ausgeht, dass Syrien einen groß angelegten Angriff auf die Türkei vorbereitet", so Kujat.

Dirk Müller: Am Telefon mitgehört hat Ex-General Harald Kujat, ehemals Vorsitzender des NATO-Militärausschusses. Guten Morgen.

Harald Kujat: Guten Morgen, ich grüße Sie.

Müller: Herr Kujat, ist das jetzt schon Krieg?

Kujat: Nein, das ist kein Krieg. Es ist ein Grenzzwischenfall, das muss man sehr deutlich unterscheiden. Syrien hat nicht die Türkei angegriffen, um das Land zu besetzen oder zu erobern, sondern das ist ein Grenzzwischenfall. Mehr nicht, auch wenn das …

Müller: Das hört sich ja nicht schlimm an!

Kujat: Bitte?

Müller: Das hört sich ja nicht so schlimm an.

Kujat: Das hat mit schlimm nichts zu tun. Man muss einfach die Dinge, glaube ich, mit kühlem Kopf betrachten. Wir dürfen uns jetzt auch nicht in eine Situation hineindiskutieren, die nicht besteht, sondern es geht darum, dass wir diese Krise – es ist kein Konflikt, auch das muss man betonen, es ist eine Krise -, dass man diese Krise unter Kontrolle bekommt und eine Ausweitung zu einem Konflikt verhindert. Das ist entscheidend. Und wenn man hier starke Worte findet für die Situation, stärker als die Situation das eigentlich hergibt, dann managt man nicht diese Krise, sondern man eskaliert im Grunde genommen.

Müller: Was spricht dafür, Herr Kujat, dass man Baschar al-Assad unter Kontrolle bekommt?

Kujat: Den bekommen wir nicht unter Kontrolle. Die Krise müssen wir unter Kontrolle bekommen.

Müller: Aber er ist ja beteiligt!

Kujat: Das wissen wir nicht.

Müller: Sagen Sie uns warum.

Kujat: Wissen Sie, wer tatsächlich geschossen hat? Ich weiß es nicht.

Müller: Sie meinen die Rebellen?

Kujat: Ich meine, es sind drei Möglichkeiten hier. Es ist die Möglichkeit, dass Assad tatsächlich die Türkei in diesen Konflikt mit hineinziehen wollte; das ist an sich nicht besonders logisch, denn er hat genug Probleme im eigenen Land mit den Rebellen. Das zweite ist, dass es tatsächlich ein Versehen war, eine Fehlfunktion, sage ich jetzt einmal, der syrischen Streitkräfte; das ist sehr wahrscheinlich. Und dann hat die Türkei in diesem Fall wirklich angemessen reagiert und alles andere muss dann politisch unter Kontrolle gebracht werden, so wie es auch geschehen ist, völlig korrekt mit der Anrufung des UN-Sicherheitsrates. Der UN-Sicherheitsrat hat angemessen auf die Situation reagiert, er hat das Vorgehen verurteilt. Damit haben wir zunächst mal eine gewisse Stabilisierung erreicht, die Lage hat sich etwas beruhigt, was natürlich nicht heißt, dass das morgen nicht wieder anders aussehen kann. Aber zunächst mal haben wir dort die Konfliktgefahr, die Kriegsgefahr etwas reduziert, und das ist wichtig.

Müller: Herr Kujat, da muss ich noch mal nachhören. Sie sagen, das könnte ein Versehen gewesen sein. Meinen Sie das ernsthaft, dass Soldaten in die falsche Richtung geschossen haben und einfach mal so draufgedrückt haben?

Kujat: Nein. Natürlich kann das der Fall gewesen sein. Es kann aber auch so sein, dass dort syrische Soldaten tatsächlich versucht haben, von sich aus die Türkei mit hineinzuziehen. Sehen Sie, Assad hat doch überhaupt keine Veranlassung dazu, nun Syrien den Krieg zu erklären. Warum sollte er das tun? Wir haben einen ähnlichen Vorfall ja im Juni erlebt, als ein türkisches Flugzeug abgeschossen wurde. Hier war die Situation ja offensichtlich ähnlich. Ich warne nur davor, Schlüsse zu ziehen, die im Augenblick jedenfalls nicht nachweisbar sind. Die Türkei weiß sicherlich, wer geschossen hat. Sie hat ja auch entsprechend reagiert. Und dass die Vereinten Nationen so reagiert haben, ist völlig korrekt. Aber ich würde nun auch nicht die Situation dramatisieren. Es ist ein Grenzzwischenfall, es ist kein Konflikt. Das müssen wir immer wieder betonen. Hier hat die Türkei nicht zu erwarten gehabt, dass es einen groß angelegten Angriff Syriens auf die Türkei gibt.

Müller: Und deswegen, Herr Kujat, war dieser Rückschlag, der Gegenschlag, wie Sie es sagen, richtig?

Kujat: Angemessen!

Müller: Angemessen?

Kujat: Jawohl!

Müller: Gerechtfertigt, weil Sie davon überzeugt sind, dass Ankara in dieser Auseinandersetzung, nein, bei diesem Zwischenfall besonnen bleibt?

Kujat: Nun, bisher ist Ankara besonnen geblieben. Das müssen wir feststellen. Alles, was wir gesehen haben, die Erklärung des Parlaments, ist Teil, sage ich einmal, des Krisenmanagements. Aber es ist eindeutig, dass Ankara nicht davon ausgeht, dass Syrien hier nun einen groß angelegten Angriff auf die Türkei vorbereitet oder dabei ist, den zu begehen. Hier kommt natürlich der NATO eine wichtige Rolle zu. Das Bündnismitglied Türkei wäre ja im Falle eines wirklichen Konflikts auf die Unterstützung der NATO angewiesen. Also muss die NATO, hier insbesondere der NATO-Generalsekretär, in dieser Situation ein sehr ausbalanciertes Krisenmanagement unternehmen. Er muss für Abschreckung gegenüber Syrien sorgen, und das auch wirklich wirksam, er muss zugleich aber auch dafür sorgen, dass sich Ankara nicht ermutigt fühlt, nun über die normale angemessene Reaktion hinauszugehen und damit den Konflikt zu verschärfen. Alle Beteiligten haben hier eine wichtige Funktion zu erfüllen. Wie gesagt, für den Moment scheint sich die Lage zu stabilisieren, aber das kann morgen oder übermorgen völlig anders aussehen und dann kann es wirklich so sein, dass Assad versucht, hier die Türkei in diesen Konflikt mit hineinzuziehen, und dann haben wir tatsächlich eine Ausweitung dieses Bürgerkrieges, den wir nicht wollen.

Müller: Herr Kujat, vielen Dank. Wir müssen ein bisschen auf die Nachrichten blicken, die gleich auf uns warten.

Kujat: Ja, völlig klar.

Müller: Ex-General Harald Kujat bei uns heute Morgen am Telefon, ehemals Vorsitzender des NATO-Militärausschusses. Vielen Dank für das Gespräch und auf Wiederhören.

Kujat: Ich danke Ihnen – auf Wiederhören.


Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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