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StartseiteInterview"Es sieht also gar nicht so schlecht aus"15.07.2010

"Es sieht also gar nicht so schlecht aus"

Bohrtechnik-Experte über die Bekämpfung der Ölpest im Golf von Mexiko

Der neue Metallzylinder über dem sprudelnden Bohrloch am Meeresboden des Golfs von Mexiko scheint nach Ansicht von Matthias Reich, Experte für Bohrtechnik an der TU Bergakademie Freiberg, dicht zu sein. Eine endgültige Lösung würden allerdings erst Entlastungsbohrungen bringen.

Matthias Reich im Gespräch mit Silvia Engels

Die Plattform Helix Q4000  verbrennt Öl, das nach der Katastrophe im Golf von Mexiko aus der Tiefe strömt. (AP)
Die Plattform Helix Q4000 verbrennt Öl, das nach der Katastrophe im Golf von Mexiko aus der Tiefe strömt. (AP)

Silvia Engels: Am Meeresboden des Golfs von Mexiko haben die Ingenieure des Ölkonzerns BP einen neuen Metallzylinder über dem sprudelnden Bohrloch angebracht. Noch wird über dieses neue System kein Öl aufgefangen, aber die Verantwortlichen haben mittlerweile mit Belastungstests begonnen. Sie wollen erproben, ob die neue Glocke den Druckverhältnissen standhält.

Mitgehört hat Matthias Reich, er ist Experte für Bohrtechnik an der Technischen Universität Bergakademie Freiberg. Guten Morgen, Herr Reich.

Matthias Reich: Guten Morgen, Frau Engels.

Engels: Haben Sie denn Verständnis für das lange Zögern von BP, mit diesen Tests nun zu beginnen?

Reich: Na ja, das lange Zögern – ich weiß jetzt nicht genau, worauf sich das bezieht. Es ist folgendermaßen: Die Möglichkeiten mit den besten Aussichten, die Sache unter Kontrolle zu kriegen, die bedürfen einer recht gründlichen Vorbereitung. Das, was da im Moment installiert ist, das ist eine ziemlich durchdachte und ziemlich komplexe Lösung, mit der man die Umweltverschmutzung hofft, völlig in den Griff zu kriegen, aber die musste lange vorbereitet werden und vor allen Dingen getestet werden, bevor die dort aufgebaut wird, denn man will diesmal kein Risiko eingehen, dass wieder irgendwas schiefgeht.

Die vorangehenden Methoden waren schneller zu realisieren, aber die hatten dafür auch eine geringere Erfolgsaussicht. Also es ist ein sequenzieller Prozess, bei dem man sich an immer bessere Methoden annähert. So etwas dauert halt seine Zeit und muss alles vorbereitet werden. Ich denke, diesmal hat man einen sehr guten Ansatz und es sieht ganz gut aus, dass das diesmal unter Kontrolle zu bringen ist.

Engels: Sie haben es angesprochen, Herr Reich. Wir haben ja schon mehrere Experimente mit verschieden großen Glocken gesehen, die dieses Bohrloch abdecken sollten. Was ist denn nun bei dieser komplexeren Lösung, wie Sie sagen, der Vorteil, der Unterschied zu früheren Systemen?

Reich: Ja. Die erste Haube, die man ausprobiert hat, war wie eine Abzugshaube in der Küche. Da hat man einfach über den ganzen Schrott, der auf dem Meeresboden gelegen hat, eine Abzugsglocke drübergehalten. Das hat nicht funktioniert, weil die sich mit Gashydraten zugesetzt hat.
Die nächste Glocke, die bis vor kurzem darauf war, die war nur so auf den Rohrstummel am Meeresboden draufgesetzt und war offensichtlich nicht dicht, es kam überall etwas heraus.

Diese neue Haube jetzt hier, die ist dicht mit dem Meeresboden, mit den Installationen auf dem Meeresboden verschraubt. Man hat das Ding richtig angeflanscht, mit dicken Schrauben fest verbunden. Es ist eine dichte Verbindung zwischen dem, was auf dem Meeresboden war, und dieser neuen Glocke. Man hat, wie Sie schon in der Einführung erwähnt haben, mit dieser neuen Installation auch die Möglichkeit, das Bohrloch erst mal zu untersuchen. Man kann also verschiedene Ventile bedienen und öffnen und schließen und überhaupt erst mal richtig verstehen, wo das Öl tatsächlich genau austritt.

So ein Bohrloch ist eine relativ komplexe Installation im Untergrund und bis heute ist noch nicht ganz hundertprozentig klar, durch welche Kanäle das Öl nach oben tritt. Da ist man gerade dabei, das durch diesen Ventilkopf genau zu untersuchen. Und je besser man versteht, wo das Öl tatsächlich sich den Weg nach oben sucht, desto effektiver kann man dann hinterher reagieren.

Die neue Haube hat außerdem noch die Möglichkeit, wenn ein Hurrikane kommt, dass man das Ganze sicher schließen kann. Man kann dann vorübergehend das Bohrloch schließen und erst mal warten, bis der Hurrikane vorbei ist. Das ist ja auch ganz wichtig. Vor allen Dingen ist diese neue Installation im Vorfeld schon ausführlich getestet worden, damit man weiß, wie alles wirklich funktioniert und zusammengebaut werden muss.

Engels: Sie sprechen es an: Die Haube selbst ist getestet. Aber ist so etwas in 1500 Metern Tiefe de facto auch Neuland für die Ingenieure?

Reich: Man hat es sozusagen im Hafen getestet, den reinen Prozess des Zusammenbaus und dass das alles unter Wasser auch richtig zusammenpasst und alles funktioniert, aber man hat in eineinhalb Kilometer Wassertiefe so etwas noch nicht gemacht. Das muss jetzt alles durch ferngesteuerte Fahrzeuge gemacht werden, aber die ersten Schritte haben ja bislang erst mal funktioniert. Es sieht also gar nicht so schlecht aus.

Engels: Sprechen wir über die Risiken. Da fürchten ja die Beobachter, dass möglicherweise der Druck zu stark sein könnte für dieses neue System, dass am Ende möglicherweise die ganze Aufsatztechnologie dort explodieren könnte, und dann wäre es schlimmer als vorher. Sie sind da optimistischer?

Reich: Na gut, hier müssen wir ein bisschen etwas unterscheiden. Diese Absaugglocken, welche auch immer Sie betrachten, waren keine Methode, um das Bohrloch wieder unter Kontrolle zu kriegen, sondern das ist nur eine Maßnahme gegen die Umweltverschmutzung. Das Öl tritt aus, dagegen können auch die Glocken eigentlich nichts Nachhaltiges bewirken. Aber wenn das Öl schon austritt, dann soll es wenigstens gezielt abgeführt werden, anstatt ins Wasser zu gelangen.

Die Maßnahme, mit der man das Bohrloch richtig unter Kontrolle kriegt, ist eine andere. Das sind die sogenannten Entlastungsbohrungen; vielleicht hat man schon etwas davon gehört. Das sind Bohrungen, die seit Anfang Mai schon in Arbeit sind, und das sind eigentlich Bohrungen, die in fast sechs Kilometer Tiefe unter der Meeresoberfläche die havarierte Bohrung anbohren. Man sucht eine 20 Zentimeter kleine Rohrleitung irgendwo tief im Untergrund und muss die treffen und anbohren. Dann kann man unten direkt am Ausgang der Lagerstätte eine schwere Bohrspülung reinpumpen und später Zement, und da kann man dann die Lagerstätte an ihrem Austritt direkt verschließen. Das ist eigentlich die Maßnahme, wo wir jetzt alle hinsehen, und es wird erwartet, dass wir im August in der Lage sind, diese Lagerstätte an ihrem jetzigen Ausgang zu verschließen. Erst dann kommt wirklich überhaupt kein Öl mehr nach oben und dann ist das Problem wirklich gelöst.

Engels: Herr Reich, Sie selbst haben einmal für eine US-Firma gearbeitet, die Bohrtechnik für Ölplattformen liefert. Hatte man in Ihrer Firma, oder hatten Sie generell ein Szenario für solche Unfälle vorbereitet?

Reich: Sie haben Recht: Ich habe für eine Firma gearbeitet, die dort Sachen liefert, und zwar die Bohrer, also alles, was mit der Bohrtechnik da unten zu tun hat. Aber diese Firma, die war eher so für die Richtbohrtechnik zuständig. Das ist das, was man jetzt bei der Entlastungsbohrung braucht, dass man ganz gezielt Kurven im Untergrund bohrt und gezielt auch kleine Ziele treffen kann. Das funktioniert. - Die großen Sicherheitseinrichtungen sind eher Sache der Betreiber der großen Ölbohrinseln.

Engels: Waren da die Sicherheitsstandards speziell in den USA auch im Vergleich zu Europa zu gering?

Reich: Ich würde nicht sagen, dass sie grundsätzlich zu gering sind, aber es gibt schon kleine Unterschiede. Meiner Erfahrung nach sind die Standards in der Nordsee am strengsten und hier und da gibt es kleinere Unterschiede, wo man in anderen Ländern nicht ganz so streng darauf guckt. Aber auch in diesen Ländern sind die Sicherheitsstandards durchaus als sehr hoch einzuschätzen und es gibt in jedem Fall immer mehrere redundante Systeme. Das heißt, wenn irgendwo ein System nicht funktioniert, greifen immer automatisch andere Systeme ein.

Engels: So hätte es ja auch sein sollen bei dem Unfall der Deepwater Horizon. Ist mittlerweile Ihrer Ansicht nach genug Aufklärung, warum es da nicht geklappt hatte, geleistet?

Reich: Das Problem auf der Deepwater Horizon ist meiner Einschätzung nach nicht die Technik gewesen, sondern ich denke mal, da haben die Menschen die Technik nicht so eingesetzt, wie es eigentlich vorgesehen ist, sondern da sind so ein paar Sachen passiert, die dürfen eigentlich nicht passieren. Darum muss man sich ganz genau angucken, wie man in Zukunft sicherstellen kann, dass die bestehende Technik und die bestehenden Vorschriften noch viel pingeliger eingehalten werden können, als das bisher der Fall schon gewesen ist.

Engels: EU-Energiekommissar Oettinger hat gefordert, man solle neue Bohrungen in der Nordsee in der Tiefe erst einmal stoppen, bis man eben die Sicherheitsstandards überprüft hat. Ist das Ihrer Ansicht nach angemessen?

Reich: Ich bin mir darüber nicht sicher, ob das angemessen ist. Die Nordsee kann man mit dem Golf von Mexiko eigentlich in mehrerer Hinsicht nicht direkt vergleichen. Das liegt zum Beispiel daran, dass die Nordsee viel flacher ist als die Tiefsee. In der Nordsee sind die tiefsten Stellen vielleicht 250 Meter tief und an fast jedem Ort der Nordsee können sie Taucher runterschicken. Sie haben also direkten Zugriff zu allem, was da passiert. Weiterhin können sich in der Nordsee keine Gashydrate bilden, weil die Druck- und Temperaturverhältnisse ganz anders sind. Das heißt, Absaugglocken, wenn man die einsetzen würde, könnten sich gar nicht zusetzen, wie das im Golf von Mexiko passiert ist. Außerdem sind die meisten Felder in der Nordsee schon erschöpft. Wir sind da schon in den 80er-Jahren über das Fördermaximum rübergekommen.

Engels: Aber die neuen Experimente gehen ja auch in tieferes Wasser.

Reich: Da beziehen Sie sich wahrscheinlich auf die Gewässer noch nördlich von Schottland und so weiter.

Engels: Genau.

Reich: Das ist dann natürlich nicht mehr richtig die Nordsee. Aber dort kommt man dann auch in tieferes Wasser, wo man entsprechende Szenarien sich vorstellen könnte. Das ist wohl richtig.

Engels: Matthias Reich, Experte für Bohrtechnik an der Technischen Universität Bergakademie Freiberg. Vielen Dank für Ihre Einschätzungen.

Reich: Bitte schön!

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