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Seit 09:30 Uhr Essay und Diskurs
StartseiteInterview"Es wirkt wie gewachsen"04.01.2010

"Es wirkt wie gewachsen"

SZ-Architekturkritiker: Turm in Dubai ästhetisch gelungen

Gerhard Matzig hält das gerade eröffnete welthöchste Gebäude in Dubai "für eines der schönsten Häuser der Welt". Gleichwohl sei der "Burj Dubai" mit seinen über 800 Metern Höhe kein intelligentes Gebäude.

Gerhard Matzig im Gespräch mit Tobias Armbrüster

Blick vom 800 Meter hohen Turm von Dubai. (AP)
Blick vom 800 Meter hohen Turm von Dubai. (AP)

Tobias Armbrüster: Es ist wahrscheinlich der Traum eines jeden Luxus-Immobilienmaklers: Quadratmeterpreise von bis zu 20.000 Dollar und Ausblicke aus 160 Stockwerken. Das ist Weltrekord und dieser Rekord hat einen Namen: Er heißt Burj Dubai, der Turm von Dubai. Er ist der höchste Wolkenkratzer der Welt und heute wird er in Dubai eröffnet. Am Telefon bin ich jetzt verbunden mit Gerhard Matzig, dem Architekturkritiker der Süddeutschen Zeitung. Schönen guten Tag, Herr Matzig.

Gerhard Matzig: Schönen guten Tag. Grüß Gott!

Armbrüster: Ist das Größenwahn, Herr Matzig, was wir da heute in Dubai erleben?

Matzig: Ja. Das größte Haus muss auch in einer Form von Größenwahn errichtet worden sein, aber ich würde das nicht nur negativ sehen. Das größte Haus, da steckt auch die modernste Technologie dahinter, neue Flügeltechnik, neue Konstruktionsprinzipien. Dieses Streben nach Höhenrekorden, das ist per se natürlich auf der Suche, in der Sehnsucht nach Größe und damit größenwahnsinnig. Es wohnt dem ein absolut irrationales Moment inne. Das gilt aber seit Anbeginn der Geschichte des Hochhausbaus. Die ersten Hochhäuser sind im 16. Jahrhundert im Grunde entstanden mit mehrgeschossigen Häusern. Es war immer sozusagen ein irrationales Moment in dieser Geschichte.

Armbrüster: Was genau, Herr Matzig, ist daran irrational?

Matzig: Irrational daran ist, hohe Häuser haben eine bestimmte Funktion. Sie können sehr ökologisch sein, weil sie auf minimalem Grundriss ein Maximum an Raumangebot unterbringen. Das ist natürlich interessant in ökologischer Hinsicht, wenn man sich vorstellt, dass die Menschen in höheren Häusern wohnen, also nicht mehr in die Breite diese Zersiedlung geschieht, wo jeder in seinem kleinen Einfamilienhaus sitzt, sondern eben in größerer Dichte. Es gibt für alle eine Infrastruktur, man ist näher an den Stadtzentren mit den hohen Häusern, das ist eigentlich alles ein richtiger Gedanke und auch hohe Häuser können sehr ästhetisch sein, können sehr funktional sein, sehr wirtschaftlich. Das gilt aber nur bis zu einer gewissen Größe. Die Experten, Ingenieure, Städtebauer, wie zum Beispiel Albert Speer, nennen als diese kritische Höhe 300 Meter. Bis dahin sind Hochhäuser absolut sinnvoll, darüber wird es irrational, darüber geht es dann wirklich nur noch um das Ausstechen anderer, dass man jetzt noch einmal höher ist als das Hochhaus in Taipei. Das ist ein völlig irrationales Moment, das durch nichts mehr gedeckt ist. Man will einfach sich darstellen als Bauherr eines solchen Hauses, als derjenige, der das höchste Haus gebaut hat. Das ist ein nicht rationales Moment.

Armbrüster: Was genau ist denn daran irrational, höher als 300 Meter zu bauen? Ist das einfach zu teuer, die Steine oder die Baustoffe dort hochzubringen?

Matzig: Ja. Es ist im Grunde nicht mehr vertretbar. Der Aufwand, dort oben Wohnraum oder Büroraum zu schaffen, wird unproportional hoch. Sie sehen das ja auch am Burj Dubai, der nur deswegen so schön ist im Gegensatz zu vielen herkömmlichen Hochhäusern, weil er da oben eigentlich minimalen Raum hat. Er verschlankt sich so enorm, dass da oben fast kein vernünftiger Quadratmeter mehr unterzubringen ist. Für den brauchen sie aber trotzdem einen 800 Meter hoch aufragenden Lift und sie brauchen natürlich diese ganzen statischen Sicherungen. Die Statik wird extrem teuer, die Logistik wird extrem teuer, das Versorgen mit Energie von diesen Geschossen in dieser Höhe wird extrem teuer und das alles ist dann sehr unmaßstäblich und nicht vernünftig.

Armbrüster: Als ich mir die Bilder von diesem Turm angesehen habe, von diesem Wolkenkratzer, da hat mich das Ganze zuerst mal an hohe Orgelpfeifen erinnert, die man ganz nah aneinanderstellt, Säulen, die eben ganz nah zusammenstehen, wo dann die höchste eben 800 Meter in den Himmel ragt. Finden Sie das schön?

Matzig: Ich finde das Gebäude extrem ästhetisch, sowohl aus der Nahsicht als auch in der Fernsicht. In Dubai selbst, wenn man auf das Gebäude schaut, wirkt es sehr organisch, es wirkt wie gewachsen. Das bedingt sich aus den statischen Prinzipien und weil sie in 800 Meter Höhe natürlich dem Wind nicht mehr so viel Angriffsfläche bieten können. Dadurch verjüngt es sich und es ist extrem elegant. Ich halte es für eines der schönsten Häuser der Welt, im Prinzip auch das schönste Hochhaus der Welt. Es ist nur leider auch kein intelligentes Gebäude. Wie gesagt, ab 300 Meter fängt die Dummheit nach oben an.

Armbrüster: Könnte so etwas in dieser Art auch in Deutschland stehen?

Matzig: Nein. Ich glaube, Europa wird sicher, hat eigentlich seit zehn Jahren schon eine Hochhausdebatte. In jeder Stadt in Europa wird diese Debatte geführt. Das gilt für Paris, für Wien, für München, für alle Städte. Europa muss sich verdichten, auch in den Städten, und wird über höhere Häuser nachdenken müssen. Das kann nicht ausbleiben. Wir können nicht weiter in die Breite unsere Landschaften versiegeln. Das ist völlig unökologisch, eigentlich ausgeschlossen. Deswegen ja, höhere Häuser, aber sicher nicht superlativ. Das muss auch nicht sein. Auch die jüngeren Bauvorhaben etwa für Moskau, wo ja auch viel Geld jedenfalls bis vor Kurzem noch war und auch wieder sein wird, sind schon klügere Hochhäuser. Es gibt ein sehr enorm intelligentes Gebäude von Rem Kohlhaas, das steht in Peking. Das ist zwischen 200 und 300 Meter hoch, ist eine neue Generation von Hochhäusern, ist sozusagen nicht nur ein Turmhaus, sondern ist eine räumliche ganz andere Situation. Man bekommt da in einer Art Skulptur, in einer Dreidimensionalität viel mehr klugen Raum unter, was eben auch ökologisch vertretbar ist und ökonomisch vertretbar ist. Diese klügeren Hochhäuser sind die neue Generation und von daher ist das, was wir in Dubai sehen, eigentlich so ein Abgesang auf die Geschichte der höchsten Häuser. Das erinnert alles noch mal an die Wettbewerbe, die das Chrysler-Building und das World Trade Center sich geliefert haben. Das ist eigentlich alles 20. Jahrhundert, es ist nicht 21. Jahrhundert.

Armbrüster: Herr Matzig, ganz kurz in einem Satz. Was schätzen Sie, wie lange wird dieser Turm das höchste Gebäude der Welt bleiben?

Matzig: Obwohl ich gerade das Gegenteil behauptet habe, was die Entwicklung angeht, es wird sicher jemanden geben, der 1000 Meter hoch baut und das wird in den nächsten zehn Jahren der Fall sein. Aber es wird nur noch vereinzelt geschehen.

Armbrüster: Heute wird in Dubai der höchste Wolkenkratzer der Welt eröffnet, über 800 Meter hoch. Wir sprachen darüber mit Gerhard Matzig, dem Architekturkritiker der Süddeutschen Zeitung. Vielen Dank nach München.

Matzig: Ich danke Ihnen. Auf Wiederhören!

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