Dienstag, 23.01.2018
StartseiteTag für Tag"Ohne Freiheit können wir uns nicht entscheiden"02.01.2018

Ethik des Alltags"Ohne Freiheit können wir uns nicht entscheiden"

Sittliche Entscheidungen setzen Freiheit voraus. "Sonst gibt es keine Schuld", sagte der Bonner Erziehungswissenschaftler Volker Ladenthin. Hätten wissenschaftlichen Strömungen recht, die Menschen als determiniert betrachten, "bräuchten wir keine Gerichte und Gefängnisse mehr."

Volker Ladenthin im Gespräch mit Andreas Main

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Der Erziehungswissenschaftler Volker Ladenthin, Professor für für Historische und Systematische Erziehungswissenschaft an der Universität Münster, aufgenommen am 02.10.2009 während der Aufzeichnung der ZDF-Talksendung "Nachtstudio" (dpa-Zentralbild / Karlheinz Schindler)
Volker Ladenthin hat eine "kleine Ethik für den Alltag" vorgelegt (dpa-Zentralbild / Karlheinz Schindler)
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Andreas Main: So sind wir Menschen nun mal in unseren Breitengraden. Wir feiern das neue Jahr. Wir fassen Vorsätze, reden über unsere guten Vorsätze. Wir wollen, dass das eine oder andere anders oder vielleicht sogar besser wird. Was aber bringt das? Und warum brauchen wir das? Darüber spreche ich an diesem zweiten Januar - das Jahr ist noch recht frisch - mit Volker Ladenthin. Er ist Professor für historische und systematische Erziehungswissenschaft an der Universität Bonn und er hat ein Buch vorgelegt mit dem Titel "Mach's gut? Mach's besser! - Eine kleine Ethik für den Alltag". Darin geht es nicht um Vorsätze - und es ist auch kein billiger Ratgeber, ganz im Gegenteil. Aber den einen oder anderen Rat sollte Volker Ladenthin uns geben können. Guten Morgen, Herr Ladenthin.

Volker Ladenthin: Schönen guten Morgen, Herr Main.

Main: Welchen Sinn haben aus Ihrer Sicht all die guten Vorsätze zum Jahresbeginn?

Ladenthin: Es sind Vorsätze, mit denen wir unser Handeln planen. Und wir Menschen können ja sehr weit vorausplanen. Und insofern sind Vorsätze gut. Aber wir sollten nicht moralische Dinge damit verbinden, keinen moralischen Anspruch damit verbinden, sondern erst einmal nur einen ganz pragmatischen. Ob das moralisch ist oder nicht, was wir uns vorgenommen haben, das hängt von der Situation ab, in der wir uns entscheiden müssen.

Ob wir uns zum Beispiel vornehmen, dass wir abnehmen wollen, weil wir zu schwergewichtig sind, dann kann es später in der Situation die Entscheidung geben, ob man Stress bewältigt mit Schokolade - oder abnimmt? Und manchmal kann es dann besser sein, nicht abzunehmen. Also, ich bin skeptisch gegenüber solchen Vorsätzen.

Main: Also, auf gar keinen Fall mit der Moralkeule?

Ladenthin: Nein, überhaupt nicht.

Main: Welchen guten Vorsatz haben Sie sich gemacht? Was nehmen Sie sich vor für 2018?

Ladenthin: Ich habe mich leider schon verraten - mit dem Abnehmen.

"Wir brauchen keine Vorbilder"

Main: In Ihrem Buch geht es von der ersten bis zur letzten Seite darum, wie wir es besser machen können. Dennoch sagten Sie mir im Vorfeld, Sie wollten eben nicht wirken wie ein Moralapostel. Das haben Sie eben auch schon angedeutet. Wovor genau haben Sie Angst?

Ladenthin: Ich glaube, dass das Wissen über Moral in der Gesellschaft ein Wissen ist, das darin besteht, bestimmte Regeln auf den Alltag anzuwenden. Also, wir glauben: Es gibt kluge Leute, die uns sagen, was moralisch ist. Und das müssen wir dann tun. Es gibt Vorbilder, denen wir nacheifern. Und dagegen möchte ich eigentlich vorgehen. Wir wissen selbst sehr gut, was moralisch ist. Wir müssen in Situationen entscheiden, was moralisch ist, brauchen keine Vorbilder. Aber - und das will ich mit meinem Büchlein zeigen - wir müssen bestimmte Regeln bedenken, die man bei moralischen Urteilen fällt. Und die wollte ich darstellen.

Main: Welche Regeln sind das?

Ladenthin: Dass man erst einmal den Sachverhalt prüft. Also, die meisten moralischen Diskussionen sind überflüssig, weil es Sachprobleme gibt, die zu klären sind. Und das wäre der allererste Schritt.

Der zweite Schritt ist, nach den Folgen unserer möglichen Handlung zu fragen. Also, was bewirke ich damit, wenn ich so handle, wie ich handle? Und dann muss man fragen, ob diese Wirkung ein menschliches Leben ermöglicht, ob wir, wenn wir das tun, was wir tun, miteinander gut umgehen, sodass wir alle vernünftig leben können.

Und dann kommt erst, wie Sie sagen, die moralische Keule. Dann kommt erst die moralische Frage: Ist das, was uns guttut, auch sittlich vertretbar? Können wir es mit unserer Würde verbinden?

"Natürlich muss Politik moralisch sein"

Main: Politik wird in unseren Tagen moralisiert, sagen immer mehr kluge Köpfe. Und die schreiben dann Bücher über Hypermoralismus oder Helikoptermoral oder sie warnen vor einer Moralisierung in Kirche und Politik oder vor der - Zitat – "Kirche als Moralagentur". Der schrille Ton moralischer Empörung scheint auch Ihnen fremd zu sein. Oder widersprechen Sie dieser These vom gesellschaftlich grassierenden Moralismus?

Ladenthin: Nein, natürlich muss Politik moralisch sein. Das ist ja das Ziel und überhaupt der Sinn von Politik, moralisch sein. Aber eben in dem beschriebenen Sinne, nicht im Sinne, dass wir schon vorher wissen, welche Entscheidung richtig ist und was wir zu tun haben, sondern in dem Sinne, dass der Politiker prüfen muss, welche Folgen sein Handeln hat und dann abwägen muss, ob diese Folgen erwünscht oder nicht erwünscht sind.

Aber von vornherein zu sagen - ich mache ein Beispiel – 'mit Diktatoren spricht man nicht', das halte ich für falsch. Man muss in der Situation abwägen, welche Lösungsmöglichkeit den größeren Nutzen für die Menschen hat. Und insofern ist Politik moralisch, übrigens genauso moralisch wie wir selbst im Alltag auch entscheiden.

Main: Sie ist quasi per se moralisch, wollen Sie sagen?

Ladenthin: Sie ist per se moralisch, weil sie aus moralischen Gründen entstanden ist, nämlich den Kontakt der Menschen untereinander zu regeln, und zwar so zu regeln, dass es dem Gemeinwohl dient.

Main: Ihr Buch hat den Untertitel "Eine kleine Ethik für den Alltag". Was unterscheidet Moral von Ethik?

Ladenthin: Moral nennt man eigentlich dasjenige an Wissen, was man so hat, um den Alltag zu bestehen, also die Gewohnheiten, die Sitten, die Üblichkeiten. Und die Ethik wäre die Regel über das richtige Handeln, das Regelbuch, wie man denn richtig handelt.

Main: Auch das Reflektieren darüber?

Ladenthin: Das Reflektieren, was man bedenken muss, ganz genau. Also, Moral, schlicht gesagt, ist das, was allgemein üblich ist und die Ethik denkt darüber nach, ob es denn wirklich sinnvoll ist, wie es üblich ist.

"Der Väter Sitte"

Main: Herr Ladenthin, Sie sprechen viel von Sittlichkeit, von sittlich. Damit meinen Sie eben auch nicht Sitte. Sitte kann unsittlich sein. Weil Sittlichkeit aber jetzt nun nicht ein Begriff ist, den wir ständig im Munde führen, definieren Sie mal bitte für uns, was Sie unter Sittlichkeit verstehen.

Ladenthin: Ja. Der Abgrenzungsbegriff - Sie haben es bereits erwähnt - ist die Sitte, also das, was in der Gesellschaft normal verwendet wird, "der Väter Sitte" sagen wir vielleicht ein bisschen antiquiert umgangssprachlich. Und Sittlichkeit ist die Entscheidung darüber, also Reflektion darauf, wie wir denn in einer Gesellschaft vernünftig und so handeln, dass die Würde gewahrt ist. Also, Sittlichkeit ist auch hier das Nachdenken darüber, wie wir denn richtig handeln oder die Anwendung des Nachgedachten darüber, wie wir sittlich handeln.

Main: Warum ist der Begriff - so zumindest mein Eindruck - so sehr verschwunden aus unserem Sprachgebrauch?

Ladenthin: Ja, ich glaube, dass man bei sittlich sofort an Sittenpolizei denkt. Das heißt, wir haben eine Konnotation auf einen engen Bereich. Und die Sprachtradition hat wohl stärker diesen engen Bereich, der die Sexualität oder das freundschaftliche, liebevolle Zusammenleben betrifft, hervorgehoben. Aber das meint der philosophische Begriff der Sittlichkeit nicht, sondern er meint die Regelung aller menschlichen Geschäfte untereinander.

"Wir brauchen Sittlichkeit, um Werte zu bewerten"

Main: Die meisten Theologen oder Philosophen oder Ethiker, so zumindest wiederum mein Eindruck, würden heute eher von Werteorientierung sprechen und - auch recht modisch - vom Wertewandel. Warum brechen Sie aus, aus diesem Werte-Jargon - oder sagen wir lieber neutraler: aus der Wertedebatte?

Ladenthin: Die Wertedebatte wird meistens so geführt, dass es jemand Klugen gibt, der zehn Werte nennt, an die wir uns halten sollen. Aber das Problem ist, dass wir im Alltag längst diese Werte haben und uns aber zwischen Werten entscheiden müssen, zwischen Ehrlichkeit, Loyalität und Gewinn zum Beispiel, wenn man ein Unternehmen führt.

Das heißt, die Wertediskussion regelt eigentlich nicht das, was wir regeln müssen, nämlich wie wir uns in Situationen entscheiden. Werte braucht man, um herauszufinden, was einem im Leben wertvoll ist. Aber welchen Wert wir dann wählen, das können wir nicht wieder durch Werte entscheiden. Deswegen führt diese Diskussion in die Irre.

Main: Das heißt, Sittlichkeit steht über den Werten?

Ladenthin: Eindeutig. Wir brauchen Sittlichkeit, um unterschiedliche Werte zu bewerten. Ich kann gern ein Beispiel geben. Wenn wir uns auf einer Wanderung befinden oben in den Bergen und wir haben Geld dabei und wir haben Wasser dabei, dann ist mit Sicherheit das Wasser das Wertvollere. Und es ist sittlich, dieses Wasser untereinander zu teilen und nicht das Geld untereinander zu teilen.

In der Berghütte dreht sich das dann plötzlich. Da ist das Geld plötzlich das Wertvollere. Das heißt, Werte sind da …

Main: Weil wir da eine Erbsensuppe kaufen wollen.

Ladenthin: Weil wir eine Erbsensuppe, eine wunderbar nach Speck duftende Erbsensuppe kaufen wollen. Das heißt, in der Situation entscheiden wir uns aufgrund von Sittlichkeit zu einem anderen Wert.

"Wenn alles determiniert ist, ist alles sinnlos"

Main: Herr Ladenthin, in Ihrer "Kleinen Ethik des Alltags" kämpfen Sie geradezu dafür, den freien Willen gegen alle Bedenken zu verteidigen. Der freie Wille wird von diversen Denkschulen infrage gestellt. Welche ist aus Ihrer Sicht zurzeit am wirkmächtigsten?

Ladenthin: Wir haben einen ganz starken Einfluss der Gehirnforschung, die nachzuweisen sucht, dass unser Verhalten vorgeprägt ist, bestimmt ist, dass wir nicht frei sind, dass unsere Entscheidungen für ein Glas Bier oder ein Glas Orangensaft längst gefällt sind, bevor wir uns aktiv entscheiden, bevor wir das äußern. Und das würde in letzter Konsequenz bedeuten, dass wir determiniert sind, dass eine Frage, wie Sie sie gerade stellen, also sinnlos ist, weil meine Antwort völlig uninteressant ist, denn sie ist ja vorherbestimmt.

"Entscheidungen für oder gegen etwas setzen Freiheit voraus"

Main: Also, das ist der Punkt, den Sie entscheidend dagegenhalten, dass es ein logischer Denkfehler sei?

Ladenthin: Ja, ganz genau. Die Hirnforschung selber ist ja aufgrund von einer Entscheidung entstanden. Und man hätte sich ja auch dagegen entscheiden können. Man kann sich auch weiterhin dagegen entscheiden. Und diese Entscheidung für oder gegen etwas zu sein, setzt eine Freiheit voraus. Sonst gibt es keine Entscheidung mehr, übrigens auch keine Schuld. Dann brauchen wir keine Gerichte mehr, keine Gefängnisse. Dann ist alles so, wie es ist und wir müssen die schlimmsten Verbrechen mit einem Schulterzucken akzeptieren und sagen: 'Tja, ist halt so.'

Main: Das heißt, Ethik setzt Freiheit voraus?

Ladenthin: Ja, ganz genau. Ohne Freiheit können wir uns nicht entscheiden und brauchen wir uns auch nicht zu entscheiden. Deswegen sind diese Versuche … das sind ja … es gibt ja viele Versuche. Im Materialismus hat man das im 19. Jahrhundert versucht. In der Ökonomie versucht man es, dass man sagt, der Markt regelt es so, als wenn wir uns dort auch nicht entscheiden müssen. Es gibt immer Versuche, diese Freiheit auszuhebeln. Da muss die Ethik Einspruch erheben und sagen: Das ist nicht logisch. Denn schon die Entscheidung zur Ökonomie ist ja eine freie Entscheidung.

Main: Der Freiheitsbegriff ist sehr schillernd. Was ist für Sie richtig verstandene Freiheit?

Ladenthin: Freiheit ist immer die Möglichkeit, sich zu etwas zu entscheiden. Dass wir in politischen Verhältnissen leben können, in denen wir zum Beispiel unfrei sind, das ist eine historische Tatsache. Da braucht man gar nicht groß drüber zu diskutieren. Aber das ist nicht der Freiheitsbegriff, den ich meine, sondern es ist die Freiheit zur Entscheidung.

Und diese Freiheit zur Entscheidung muss man voraussetzen. Die kann man vielleicht nicht mal nachweisen. Man muss sie voraussetzen, weil sonst die gesamte menschliche Geschichte identisch mit der Naturgeschichte wäre. Also, es gäbe gar keine Geschichte, denn die Menschen hätten sich ja nicht frei entscheiden können. Und ich bestehe auf diesem Begriff der Freiheit, des Willens, sich zu etwas Entscheidens – zwischen Wahrheit und Lüge. Eine Diskussion, die im Hinblick auf die Vereinigten Staaten ja ganz stark geführt wird und Freiheit voraussetzt. Und natürlich die Entscheidung zwischen Gut und Böse, die ebenfalls diskutiert wird, wenn wir Politik besprechen. Auch die Diskussion wäre sinnlos, wenn wir keine Freiheit hätten.

"Entscheidungen, die auf Wahrheit fußen"

Main: Was ist für Sie missverstandene Freiheit?

Ladenthin: Das ist der Versuch, sich Zwängen unterzuordnen, sich freiwillig Zwängen unterzuordnen oder aber auf Entscheidungen zu verzichten. Beispiel ist etwa die postmoderne Diskussion, die davon ausgeht, dass es Wahrheiten - im Plural - gibt, die gegeneinander nicht zu verrechnen wären. Und das ist eine falsche Vorstellung von Freiheit in meiner Auffassung, weil sie den Geltungsanspruch löscht. Damit meine ich, dass sie gar nicht mehr die Frage richtig und falsch entscheiden will. Aber, wenn ich mich im Alltag entscheide, ob ich die Zahnschmerzen mit einer Aspirin behandele oder zum Zahnarzt gehe, dann ist das schon eine Entscheidung, die auf Wahrheit fußt. Ich suche die bessere. Also, das halte ich für einen falschen Ansatz.

Und der andere Weg ist, sich zu entschulden. Wir sehen das häufig in Versuchen sich naturwissenschaftlich zu entschulden. In der Verhaltensforschung der Biologie zu sagen: Menschliches Verhalten ist angeboren. Mag sein, dass vieles angeboren ist, aber wir haben die Freiheit zwischen diesem Angeborenen zu unterscheiden und uns für oder gegen etwas zu entscheiden.

"Freiheit heißt nicht Beliebigkeit"

Main: Wenn Entscheidung, Unterscheiden und Ethik ohne Freiheit undenkbar ist, braucht es aber dennoch Verbote. Nicht alles ist möglich. 'Unfreiheit etwa gehört verboten' – schreiben Sie.

Ladenthin: Ja, ganz genau. Der Gedanke der Freiheit impliziert, dass alles verboten ist, was die Freiheit beeinträchtigt. Das habe ich ja auch gerade deutlich gemacht, indem ich zwei philosophische Richtungen dargestellt habe, die ich für falsch halte. Also, Freiheit heißt nicht Beliebigkeit und Zulassen von allem, sondern heißt, die Möglichkeiten, die sich realgeschichtlich bieten, nun mehr danach zu sortieren, was für den Menschen gut und was für den Menschen schlecht ist und damit das Böse auszuschließen.

"Offenbarungstexte und ihr diffuses Angebot"

Main: Herr Ladenthin, ein Kapitel Ihres Buches fragt: "Wie passen Ethik und Religion zusammen?"

Ladenthin: Ja. Da habe ich allerdings erhebliche Probleme, weil wir in allen auratischen Schriften - also, das sind die Offenbarungsschriften der Schriftreligionen - eigentlich ein so diffuses Angebot von möglichen Verhaltensweisen haben, dass sie schon vorher wissen müssen, nach welcher sie suchen.

Also, die auratischen Texte, die Offenbarungstexte, die Bibel, der Talmud oder der Koran sagen nicht, was wir tun sollen in einer bestimmten Situation, sondern die zeigen uns an immer neuen Beispielen, dass wir etwas tun sollen. Die Personen, etwa im Alten und Neuen Testament, handeln immer unter der Maßgabe, eine richtige Handlung zu finden. Also, die Vorstellung, dass die Religion sittliche Regeln vorgibt und die setzen wir dann nur noch um, das ist eine wahrscheinlich historisch antiquierte Vorstellung, die sich auch aus den Texten nicht belegen lässt.

"Das sind Glaubensakte"

Main: Aber was machen wir mit Konfessionsfreien, die die Frage, wie Ethik und Religion zusammenpassen, dahingehend beantworten dürften, dass sie als Atheist oder als Agnostiker auch werteorientiert sind?

Ladenthin: Ja, wir haben bei der Ethik ein ganz bestimmtes Problem. Die schlichte Frage, warum wir eigentlich ethisch sein sollen. Warum sollen wir uns denn um den anderen bemühen? Und diese Frage kann wieder nicht durch die Ethik beantwortet werden, denn wir wollen ja die Ethik begründen. Deswegen können wir sie nicht da schon anwenden. Wir müssen also fragen: Warum handeln wir so? Und nun muss es dafür ein Motiv geben, eine Motivation. Und diese Motivation finden wir ja nicht im Alltag einfach vor, sondern wir denken sie uns. Wir sagen, wir sind sittlich, weil es der Freiheit dient, weil es dem Menschen dient, weil es dem Fortschritt dient.

Aber auch das sind Glaubensakte. Und insofern unterscheiden sich diejenigen, die nicht an eine ganz bestimmte Konfession glauben, nicht von denen, die das tun. Sie haben auch eine Voraussetzung, die sie nicht beweisen können. Wieso gibt es Fortschritt? Wer hat diesen Fortschritt geschaffen? Woher kommt er? Das sind ja Fragen, die durchaus analog in den Konfessionen verhandelt werden. Also, mir ist ganz wichtig, ich möchte niemanden an eine Konfession binden, aber ich möchte ihn schon binden an die Frage: Warum handelst du eigentlich sittlich? Und da bin ich immer gespannt auf die Antworten, die kommen.

Main: Aber da sagen Sie letztlich, dass alle Menschen, die sich als konfessionslos verstehen und die keine wie auch immer gearteten metaphysischen Kräfte am Werk sehen und sich dennoch um sittliches Handeln bemühen, dass die quasi religiös sind, ohne es zu merken.

Ladenthin: Ja, ganz genau. Sie setzen etwas voraus, was sie nicht wiederbegründen können. Und das wäre für mich eine Definition dessen, was wir im Christentum Gott nennen - etwas vorauszusetzen, was gilt, was aber nicht wiederbegründbar ist, weil es alles andere begründet. Ich glaube, das ist eine treffliche Definition der Vorstellung von Gott. Und eine solche analoge Vorstellung haben auch diejenigen, die nicht in einer Konfession sind. Sie machen also auch metaphysische Voraussetzungen, die sie nicht wiederbegründen können.

"Wir sind mit unserer Natur religiös"

Main: Dann ist jeder Mensch religiös. Und das ist schon eine interessante Eingemeindungsstrategie.

Ladenthin: Ich will nicht eingemeinden, aber es ist richtig. Genauso, wie jeder Mensch sich ethisch entscheiden muss. Es gibt keine Situation, in der man das nicht muss. Genauso, wie jeder Mensch sich ästhetisch entscheiden muss, genauso muss sich jeder Mensch im religiösen Sinne entscheiden.

Wir sind mit unserer Natur religiös. Wir können das gar nicht abstreifen. Mir ist nur wichtig, das noch mal vom Konfessionellen zu unterscheiden. Religiös heißt nicht zwingend, einer bestimmten Konfession anzugehören, sondern heißt, dass ich darüber nachdenke, wie ich mit diesen letzten Fragen umgehe.

Main: Jetzt freue ich mich schon auf die Hörerpost und wir müssten eigentlich mal ein Gespräch vereinbaren, in dem Sie mit jemandem streiten, der konfessionsfrei ist.

Ladenthin: Sehr gerne, ja. Das würde mich auch reizen.

"Unser Handeln darf die Würde von Menschen nicht verletzen"

Main: Mit oder ohne Religion, wie kommt sie denn nun zustande, die sittliche Entscheidung?

Ladenthin: Die sittliche Entscheidung ist der Versuch, das eigene Leben und das Leben der anderen in Bezug zueinander zu setzen und nach einer Regel zu finden. Und diese Regel ist an eine oberste Maxime, wie das die Philosophie nennt, an eine oberste Regel gebunden, nämlich, dass unser Handeln die Würde der anderen Menschen und übrigens auch unsere eigene Würde nicht verletzen darf. Und man kann - im Grunde sehr einfach - immer fragen: Ist das, was ich vorhabe, geeignet, die Würde meiner Person, der anderen Person zu fördern oder gefährde ich die Würde der anderen Person?

"Aufgabe der Kirchen: das Mahnen"

Main: Jetzt mal grundsätzlich, welche Rolle spielen aus Ihrer Sicht die Kirchen oder die Religionsgemeinschaften mit Blick auf ethische Debatten?

Ladenthin: Die finde ich sehr wichtig, weil sie dieses Thema am Leben erhalten, weil sie dieses Thema immer wieder einbringen, und weil sie ja versuchen, mit ihren Grundüberlegungen uns auf die Aufgabe aufmerksam zu machen, uns auch wirklich sittlich zu entscheiden.

Machen wir uns nichts vor! Im Alltag sind so viele Routinen, Dinge, die eingeschliffen sind, Üblichkeiten. Der Spruch "das macht man hier immer so" - haben wir alle gehört, als wir Berufsanfänger waren. Und die Aufgabe der Kirchen ist es, hier eine Frage zu stellen. Warum machen wir es denn immer so? Ist es denn richtig, wie wir es immer so machen?

Es ist also die Aufgabe des Mahnens, des Aufmerksam-Machens, des Sensibilisierens für moralische Probleme. Und das finde ich wichtig. Und das muss auch in einer institutionalisierten Form geschehen, weil es dann eine größere gesellschaftliche Bedeutung und auch eine größere gesellschaftliche Macht hat, um sich in dieser Vielfältigkeit von Stimmen überhaupt bemerkbar zu machen.

"Was uns eint: der Gedanke an die Würde des Menschen"

Main: Die institutionalisierte Form, die Sie ansprechen: Es gibt Ethiker an theologischen Fakultäten. In Ethikräten tummeln sich neben anderen auch Theologen. Von Werten wird ohnehin seit Jahren geredet - ohne, dass klar ist, was damit gemeint ist. Was wäre denn so etwas, was uns, die wir hier in der Bundesrepublik Deutschland leben, was uns zusammenhalten könnte, so etwas wie ein Commitment, eine gemeinsame sittliche Basis?

Ladenthin: Ich glaube, allein die Frage, dass wir in allen Bereichen des Alltags inzwischen Kommissionen haben, die diese ethische Frage stellen, kein ärztliches, medizinisches Forschungsprojekt ohne Ethikkommission, kein wissenschaftliches Projekt, das nicht noch mal abgeprüft wird, das finde ich einen Fortschritt gegenüber früheren Zeiten, in denen das dem Zufall überlassen war.

Und die Einigkeit, die wir haben, ist eigentlich der Gedanke an die Würde des Menschen. Wie wir das historisch auslegen, wie wir das in einer Gesellschaft auslegen, das darf man nicht vorherbestimmen. Das muss die jeweilige Generation, das müssen unsere Kinder selbst machen. Wir können Vorgaben machen, wir können Erfahrungen weitergeben, aber vorzuschreiben, was der Nukleus einer Gesellschaft ist, halte ich für ein Problem. Es sei denn, man sagt, dieser Nukleus, also der Kern einer Gesellschaft, ist die Aufforderung sittlich zu handeln. Mehr braucht man eigentlich nicht.

Main: Haben all die Kommissionen, all die Ethikräte uns sittlicher gemacht? Also, ich habe da meine Zweifel, wenn ich mir nur den Alltag und unser Verhalten in der Öffentlichkeit anschaue.

Ladenthin: Das ist eine Frage, wie man das messen kann, ob man das überhaupt messen kann. Ich glaube, wir gehen in den ethischen Fragen miteinander eigentlich sehr gut um. Wir haben vielleicht sogar manchmal eine übersteigerte Erwartung, wenn es Diffamierungen gegenüber der Politik gibt, wenn es Unterstellungen gibt. Dann habe ich immer das Gefühl, da geht es gar nicht mehr um Sittlichkeit, sondern um Rechthaberei, um Blamieren des anderen. Also, ich sehe das eher fortschrittlich im Sinne einer weiteren Humanisierung, einer Möglichkeit, ethische Fragen anzusprechen. Also, wie gesagt, in der Wissenschaft können sie nichts mehr erforschen, ohne das ethisch abzusichern. Das war vor 60, 70 Jahren, wo es schreckliche Experimente mit Menschen gab, nicht so. Und das sehe ich als Fortschritt an.

Main: Rund um die Festtage oder auch sonst haben sich wieder Kirchenvertreter zu Wort gemeldet, auch eben auf Wunsch von uns Medien-Menschen. Und die Kirchenvertreter wissen dann natürlich ganz genau, was ethisch geboten sei. Sollten sie uns, diese Bischöfe zum Beispiel, mit ihren semipolitischen Einlassungen in Ruhe lassen? Oder ist das womöglich gerade eben ihre Aufgabe, uns auch in Fragen von Flüchtlingen, von Energiesparlampen Orientierung zu geben?

Ladenthin: Also, ich fange mal mit einem Satz an, der ein bisschen frech ist. Auch Bischöfe sind Menschen. Und als Menschen haben sie das Recht und auch die Pflicht, Dinge zu kommentieren. Und, wenn sie den institutionellen Rückhalt haben, dass man auf sie hört, ist das ja eine ideale Situation. Nur die Vorstellung, dass das sittliche Verhalten ex cathedra, also von der Kanzel, verkündet werden soll, was wir jetzt tun sollen, das ist falsch.

Aber, wenn ich das richtig beobachte, vermeiden das ja kirchliche Vertreter auch. Sie geben Ratschläge. Sie geben ihre Sicht auf die Dinge. Sie mahnen. Und das finde ich eine ganz wichtige Funktion. Aber sie verlautbaren nicht mehr, wie ich es noch aus den 50er-Jahren kenne, von der Kanzel, was denn nun das richtige Handeln sei. Aber sie mahnen an. Sie stellen immer wieder infrage. Und das finde ich eine ganz wichtige Funktion. Und deswegen höre ich das gerne, weil es eine Herausforderung ist, weil man das eigene Handeln, das eigene Denken noch einmal überdenken muss, aufgrund eines Argumentes, das man vielleicht noch nicht kannte.

Main: Einschätzungen waren das von Volker Ladenthin, Professor für Erziehungswissenschaft an der Uni Bonn. Herr Ladenthin, danke, dass Sie sich die Zeit genommen haben und machen sie's gut.

Ladenthin: Ja, sehr gerne, Herr Main.

Volker Ladenthin: "Mach's gut? Mach's besser! – Eine kleine Ethik für den Alltag"
Echter Verlag, 216 Seiten, 14,90 Euro

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