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StartseiteInterviewEva Herman: Habe niemals NS-Familienpolitik gelobt19.10.2007

Eva Herman: Habe niemals NS-Familienpolitik gelobt

Autorin verteidigt ihr Buch "Das Eva-Prinzip"

Die frühere TV-Moderatorin Eva Herman hat erneut die umstrittenen Thesen ihres Buches "Das Eva-Prinzip" verteidigt. Vieles in der Familienpolitik liege in Deutschland im Argen. Zentrale Werte würden nicht mehr vermittelt. Herman betonte, sie werde bewusst missverstanden und in die "rechte Ecke" geschoben von Leuten, denen ihre Sicht der Familie nicht behage.

Moderation: Christoph Heinemann

Eva Herman   (AP Archiv)
Eva Herman (AP Archiv)

Christoph Heinemann: "Nachdenken über Eva H." war in dieser Woche ein Meinungsartikel über die frühere Sprecherin der Tagesschau in der Zeitung "Die Welt" überschrieben. Eine These lautete, "das Bekenntnis einer Frau, die heute sagt, ich bin Hausfrau und das ist auch gut so, stelle mittlerweile in unserem Land ein gewagtes Coming-Out dar. Andere, ähnlich formulierte öffentliche Eingeständnisse, etwa von Lokalpolitikern, seien da inzwischen weitaus weniger verfänglich". Eva Herman und Ursula von der Leyen gebührt das Verdienst, das Thema Frau, Nachwuchs, Karriere in die Schlagzeilen gebracht zu haben. Das Thema Männer, Nachwuchs und Karriere bleibt demgegenüber weiterhin unterbelichtet, aber vielleicht kommt das ja noch. In dem Medienrummel, etwa dem Ausschluss aus Johannes Kerners Empörungsgemeinschaft, ist Eva Hermans Anliegen etwas unter die Räder geraten. Grund für uns nachzufragen. Wir haben Eva Herman vor dieser Sendung erreicht. Ich habe sie zunächst gefragt, welche ihre zentrale Botschaft in der Debatte über Kinderbetreuung ist.

Eva Herman: Es geht mir in der heutigen Zeit darum, dass Mütter wirklich die freie Wahl haben zu entscheiden, ob sie, wenn ein Kind oder mehrere Kinder auf die Welt gekommen sind, sich um die Kinder kümmert oder arbeiten geht. Diese Wahlfreiheit gibt es zurzeit nicht für die Mütter, sondern im Gegenteil: Die meisten sind unter Druck, weil sie finanziell aussorgen müssen oder überleben müssen und deswegen sich persönlich nicht um die Kinder kümmern können. Das ist der eine Punkt. Der andere ist, dass generell, was unsere Familienpolitik in Deutschland, aber auch in umliegenden Ländern angeht, vieles im Argen liegt und auch nicht besser wird. Die Entscheidungen, die auf politischer Ebene getroffen werden, kommen eben dem wahren Familienleben nicht immer zugute. Vor allem wird es schwerer gemacht, die Werte, die wir brauchen, Kultur, Tradition, das christliche Miteinander, die christlichen Wurzeln, zu leben. Das wird immer unmöglicher gemacht.

Heinemann: Schadet Kindern die Betreuung in Tagesstätten?

Herman: Man kann nicht generell sagen, dass diese Betreuung schadet. Es gibt sicherlich Familien, für die ist es segensreich, dass die Kinder in eine Krippe kommen können, weil sie dort besser betreut werden als zu Hause. Wir wissen, dass das Problem natürlich groß ist, wenn Eltern sich nicht um die Kinder richtig kümmern können, aus welchen Gründen auch immer. Aber wenn die Umstände zu Hause gut sind - und das ist in den allermeisten Fällen so in Deutschland -, dann ist es auf jeden Fall besser - und das zeigt uns die Hirn-, die Bindungs-, die Säuglingsforschung -, dass die Mutter sich persönlich um die Kinder kümmern kann und ihre Werte, die sie den Kindern vermitteln möchte, eben auch selber vermitteln kann.

Heinemann: Frau Herman, Sie sprachen eben von den Werten. Wieso beziehen Sie sich in diesem Zusammenhang auf die NS-Zeit?

Herman: Ich beziehe mich nicht auf die NS-Zeit und ich habe mich nie, was Werte angeht, auf die NS-Zeit oder wie es mir unterstellt wird auf die Politik dieser Zeit bezogen, sondern auf dieser Pressekonferenz ist die Frage gestellt worden, warum sind wir in Deutschland jetzt dort, wo wir angekommen sind, nämlich warum ist unser Land nicht familienfreundlich. Und was ich gesagt habe - und das ist auch nachzulesen im Originalzitat, welches auf meiner [url=http://www.eva-herman.de/mediendarstellung/medien_darstellung_1.html
title="Homepage Eva Herman" target="_blank"]Homepage [/url] steht -, die Werte, die uns als Menschengemeinschaft schon viele hunderte und tausende Jahre zusammengehalten hat, diese Werte vermissen wir heute und wir sehen es an der demographischen Entwicklung. Wenn wir so weitermachen, schaffen wir diese Kurve nicht mehr und sterben aus.
Wenn wir Ursachenforschung betreiben, dann müssen wir natürlich zurückschauen und untersuchen, wo hat es denn richtig angefangen. Der Begriff Familie und die Werte, die haben natürlich immer bestanden, wurden aber im Nationalsozialismus missbraucht, pervertiert und wurden dann anschließend in den 68ern und von den 68ern auch wieder abgeschafft oder eben deswegen abgeschafft. Die Abschaffung begann im Prinzip schon in dieser Zeit, indem man diese Werte eben missbraucht hat. Und wenn wir nun fragen, warum sind wir heute hier, wo wir sind, dann bleibt uns gar nichts anderes übrig als zurückzuschauen. Aber das ist anscheinend in der heutigen Zeit sehr schwierig, öffentlich zu besprechen. Das erlebe ich gerade.

Heinemann: Also für Sie ist der Nationalsozialismus eine Zeit, in dem der Wert der Mutterschaft und der Kinder eben missbraucht wurde und nicht etwa gefördert wurde?

Herman: Auf gar keinen Fall wurden sie gefördert. Es sollte vielleicht so erscheinen, aber in Wirklichkeit war das natürlich ein ganz perfides Spiel, um natürlich die Kinder auch zu verstaatlichen, so viele Kinder wie möglich zu bekommen. Ich erinnere dabei an die Einrichtung des Lebensborn, wo man die Kinder von den Müttern separiert hat und auf grausame Weise "versucht" hat, angeblich in der Psyche stark zu machen. Das Gegenteil ist natürlich der Fall gewesen. Es gibt einen berühmten alten Kinderarzt in München, Professor Hellbrügge, der damals diese Kinder, die nach dem Krieg aus dem Lebensborn geholt wurden, versuchte zu betreuen. Er hat dramatische Abhandlungen darüber geschrieben und die Folgen, die verheerenden Folgen aus dieser Zeit deutlich gemacht.

Heinemann: Haben Sie sich bei der ursprünglichen Aussage missverständlich ausgedrückt, oder sind Sie bewusst missverstanden worden?

Herman: Es sind auf dieser Pressekonferenz am 6. September etwa 30 Pressevertreter gewesen. Während dieser Pressekonferenz durften auch Fragen gestellt werden, wie das nun mal üblich ist. Es hat niemand der Anwesenden eine Frage gestellt auf eine etwaige missverständliche Äußerung von mir und auch am nächsten Tag ist in keiner Zeitung, in keiner Berichterstattung irgendetwas in dieser Richtung erfolgt. Außer eine einzige Journalistin des "Hamburger Abendblatts", Barbara Möller, hat einen Halbsatz geschrieben, in dem sie behauptete, ich hätte die Familienpolitik des Dritten Reiches gelobt. Das ist schlichtweg falsch. Das ist auch verfälscht worden und völlig aus dem Zusammenhang gerissen worden. Diese Äußerung ist von mir so nie erfolgt, sondern sie hat einen Halbsatz herausgenommen, hat diesen noch mal anders dargestellt als ich ihn gesagt habe und hat damit behauptet, ich hätte die Familienpolitik gelobt. Das stimmt nicht! Dann ist etwas erfolgt. So schnell konnte man gar nicht schauen, wie auch angeblich seriöse Zeitungen in ihren Online-Diensten auf diesen Zug aufgesprungen sind und innerhalb von Stunden mich in die rechte Ecke geschoben haben. Es ist inzwischen ein durchschaubarer Mechanismus, nämlich wer heute dieses Thema aufgreift und über Werte spricht - und damit meine ich unsere heutige Zeit -, wer das wagt und wer auch wagt, gegen familienpolitische Entscheidungen anzugehen, indem er kritisiert, dass die eben nicht familienfreundlich genug seien und nicht genügend Wahlfreiheit für Frauen beinhalten, der wird sofort unmissverständlich in die rechte Ecke geschoben. Die Geister werden von einer ganz anderen Seite gerufen und mittlerweile erscheint es mir als ein Vorsatz, um jemanden so früh wie möglich mundtot zu machen, damit er sich über diese Themen nicht mehr äußert.

Heinemann: Frau Herman, wie erklären Sie sich diese Reaktion und diesen Mechanismus, den Sie beschrieben haben?

Herman: Das muss Angst sein.

Heinemann: Angst wovor?

Herman: Vor der Wahrheit. Die Wahrheit ist ja, dass wir große Probleme haben in der Gesellschaft. Die können auch nicht schön geredet werden. Wir haben eine Entwicklung bei Kindern und Jugendlichen, die besorgniserregend ist und auch immer schlimmer wird. Bei allen Kinder- und Jugendumfragen stehen die Jugendlichen vor einem großen schwarzen Loch, wenn sie über ihre eigene Zukunft befragt werden. Sie haben große Ängste. Sie vermissen Gespräche und das Zusammensein mit ihren Eltern. Wir wissen, dass Frauen völlig überlastet sind in dieser Doppelverantwortung, die sie oftmals freiwillig nicht wählen, sondern wählen müssen, damit sie wirtschaftlich überleben können. Wir haben eine gestiegene Depressionsrate. Wir haben eine gestiegene Alkoholrate bei gerade erfolgreichen, beruflich erfolgreichen Frauen. Immer häufiger verweigern Männer Familie, wollen nicht mehr heiraten. Es sind fast 50 Prozent der jungen Männer bis 40 die sagen, wir lehnen eine Verantwortung für eine Familie ab. Und schließlich zeigen uns die demographischen Zahlen ja ganz deutlich: Wir leben in einem System, das nicht überlebensfähig ist. Würde dieses System in einem wirtschaftlichen Unternehmen ausprobiert werden, würde man irgendwann unterm Strich sagen: nein, das funktioniert nicht, weil wir aussterben, und würde es abschaffen und ein neues suchen. Aber das tun wir nicht!

Heinemann: Frau Herman, Sie haben in einem Interview mit der "Bildzeitung" gesagt, Sie vermuteten einen bedeutsamen Unterschied zwischen der öffentlichen und der veröffentlichten Meinung. Worauf stützt sich diese Vermutung und worin unterscheiden sich beide?

Herman: Meine Erfahrung ist die: Egal in welche Sendung ich eingeladen wurde und werde, in fast allen Fällen werde ich heftig angegriffen und es wird auch ein Programm um mich herum aufgebaut, das mich angreift und welches in der Regel auch versucht, mich kaputt zu machen. Anders kann ich das gar nicht sagen und ich leide wahrlich nicht an Verfolgungswahn, sondern ich nehme das ja an und ich nehme das auch auf mich. Die Reaktionen der Menschen, die Zuschriften, die ich bekomme - ich habe ja letztes Jahr extra auch ein Buch darüber veröffentlicht, nur alleine mit den Zuschriften der Menschen, die dieses Thema unendlich bewegt und die sagen wir merken, dass etwas im Argen liegt, und wir kommen damit auch nicht klar; endlich spricht es jemand aus und wir wollen darüber reden. Ich habe nun nach der Pressekonferenz am 6. September - wir haben jetzt Mitte Oktober - in dieser Zeit über 20.000 Zuschriften und die Menschen sind fast zu 100 Prozent teilweise dankbar und sagen ja, diese Diskussion wollen wir jetzt führen. In den Fernsehsendungen, vor allem nahezu in den kommerziellen sowieso, werde ich einfach diskreditiert, wo ich nur diskreditiert werden kann. Man versucht mit allen Mitteln, mich unglaubwürdig zu machen. Das nutzt nichts. Das weiß ich. Das werden sie auch irgendwann alle sehen, denn die Menschen sind glaube ich jetzt auch aufgewacht.

Heinemann: Frau Herman, wie gehen Sie mit dem Vorwurf um, Wasser zu predigen und Wein zu trinken? Sie waren diejenige, welche Sie heute verteufeln, nämlich eine Karrierefrau.

Herman: Ja, ganz genau. Diese Bücher schreibe ich nicht trotz meiner Karriere, sondern wegen dieser Karriere. Ich bin in der Zeit der Emanzipation groß geworden und habe mich auch genauso entwickelt, wie es vom Feminismus gepredigt wurde: "Nehmt euch alles, ihr könnt alles und ihr Frauen seid sowieso die besseren Menschen". Ich habe das auch immer geglaubt und mir hat das auch Spaß gemacht. Deswegen kann ich auch jede Frau heute verstehen, die gerne Karriere macht und gerne ihren Beruf ausübt. Und ich bin auch nicht dagegen, dass eine Frau ihren Beruf ausübt.
Allerdings müssen wir überlegen, wie Astrid Lindgren es auch sagte, wenn dann Kinder kommen, dann dürfen die Frauen nicht sagen, es ist eine Schande, dass ich zu Hause bleiben muss bei den Kindern. Bei mir ist es so gewesen: Als ich schwanger wurde, veränderte ich mich. Ich bemerkte das auch, dass ich Menschen plötzlich anders ansah, dass mein eigener Focus in den Hintergrund geriet und ich mich plötzlich für viel mehr rundherum interessierte. Ich habe eben dadurch auch erkannt, dass der Ehrgeiz und der Erfolg von Karrierefrauen Frauen auch häufig - so war es bei mir auch - vom Inneren, vom eigenen Kern wegführt. Ich würde Ihnen heute auch lieber sagen, ich hätte es gerne umgekehrt, vier Kinder und einen Mann, aber mein Weg war nun dieser und vielleicht kann ich gerade deswegen auch darüber sprechen.

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