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StartseiteAndruck - Das Magazin für Politische LiteraturDie Großeltern in zwei Weltkriegen31.07.2017

FamiliengeschichteDie Großeltern in zwei Weltkriegen

"1945. Die Welt am Wendepunkt". In diesem Buch bildete der Publizist Ian Buruma die Aufbruchszeit nach dem Zweiten Weltkrieg ab. In seinem aktuellen historischen Werk steht die Verwandtschaft im Mittelpunkt, die Geschichte seiner Großeltern mit dem Titel "Ihr gelobtes Land" zieht den Leser in die Geschichte der beiden Weltkriege hinein.

Von Paul Stänner

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Der niederländisch-britische Journalist, Autor und Dozent Ian Buruma (Imago/ ZUMA Press)
Der niederländisch-britische Journalist, Autor und Dozent Ian Buruma (Imago/ ZUMA Press)
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"Als ich noch ein recht kleiner Junge war, wollte er unbedingt seine Reliquien aus dem Großen Krieg weitergeben, und so besitze ich sein Mützenabzeichen (...) und sein Notverbandspäckchen in graubrauner Hülle, hergestellt in Doncaster."

Ian Buruma wurde 1951 in Den Haag geboren. Gelebt hat er lange Zeit in Singapur, Tokio und London. Er ist Collegeprofessor in New York, Sachbuchautor und gelegentlich auch Romancier. Neben den Orten, an denen er gelebt hat und von denen er sich motivieren ließ, scheint seine Familie eine inspirierende Quelle für sein Schreiben zu sein. Dieses Mal ist es die Geschichte seines Großvaters Bernard.

"Außer der in Manchester geborenen Mutter meines Großvaters waren meine Urgroßeltern alle aus Deutschland eingewandert. Alle waren deutsche Juden. Mit anderen Worten, meine Großeltern, Bernard Schlesinger und Win Regensburg, waren so englisch, wie ihre deutsch-jüdischen Vorfahren deutsch gewesen waren."

So englisch wie möglich sein

Jedoch waren sie englischer als die - Zitat - "Ureinwohner". Ein Jugendfreund Burumas hielt dessen Großeltern für die englischsten Menschen, die er je gesehen hatte.

"Ihr Haus, sagte er, sehe aus, als sei es einem Agatha-Christie-Krimi entsprungen."

Ian Buruma versucht das Leben seiner Großeltern Bernard und Win, die er als kleiner Junge und später als Jugendlicher von Holland aus oft besucht hat, anhand ihrer nachgelassenen Briefe zu rekonstruieren. Er tut dies durchaus mit Skrupeln, denn es finden sich in den Papieren auch sehr private Mitteilungen, wenn etwa die jungen Verlobten in der Jahre andauernden, enthaltsamen Wartezeit bis zur Heirat versuchten, sich über einander klar zu werden.

Auf der Suche nach der eigenen Identität

Buruma mischt seine Schilderung aus verschiedenen Quellen: aus den Briefen seiner Großeltern, aus der Geschichte der Familie, wie er selbst sie kennt oder erlebt hat und aus dem Wissen des Historikers. Die Geschichte von Win und Bernard ist eingebettet in die Weltgeschichte dieser Epoche, aber diese Geschichte erzählt im Kern von Burumas Familie.

"Ich suchte nach Antworten in den Briefen und fand lediglich Andeutungen..."

Ein solcher Satz ist durchaus repräsentativ für Ian Burumas Ansatz: Er sucht nach Antworten, weil er im Kontakt mit der Vergangenheit herausfinden will, wie und was er selbst ist. Er schreibt, dass man es sich als Angehöriger einer Mehrheitsgesellschaft immer leisten könne, im Strom mitzuschwimmen. Seine Biographie ist aber anders:

"Wenn man in mehr als einer Kultur aufgewachsen ist und Eltern unterschiedlicher Nationalität und religiöser Herkunft hat, denkt man zwangläufig über den eigenen Platz in der Welt nach."

Die Weltkriege und das Streben nach Integration

Um eine Vorstellung von diesem Platz zu gewinnen, hat Buruma das Leben seiner Großeltern nachgezeichnet. Es scheint, als seien die Lebenslinien des späteren Ehepaares Schlesinger durch zwei Themen bestimmt gewesen: Sicherlich durch Bernards Teilnahme als Soldat an beiden Weltkriegen des vorigen Jahrhunderts, vor allem aber durch den Kampf um die gesellschaftliche Position im Gefüge ihres "gelobten Landes", ihrer Heimat.

Sie versuchten so englisch zu sein wie es nur geht, und dennoch stießen sie immer wieder an die gläserne Wand des Antisemitismus. Es war natürlich kein blutiger Nazi-deutscher Antisemitismus, aber doch spürten die Schlesingers eine Distanz, die mal als offene Ablehnung, mal als blasierte Arroganz der englischen Klassengesellschaft in Erscheinung trat. Zu keinem Zeitpunkt konnten sie sich sicher sein, dass sie ganz und gar in die Inselgesellschaft aufgenommen waren - der "Name", wie Win und Bernard es in ihren Briefen umschreiben, stand oft genug im Weg.

Nähe und Distanz zur Herkunft

So sehr England ihr "gelobtes Land" war - nie haben sie ihr deutsches Erbe aufgegeben. Richard Wagner war und blieb für sie das Non-plus-Ultra der europäischen Kultur, immer wieder geistern Figuren aus seiner Opernwelt durch die Briefe.

Ihre kritische Haltung gegenüber anderen Juden wird oftmals fast erschreckend deutlich. Etwa wenn Großmutter Win über ein Kind schreibt, das mittlerweile zu einem jungen, hübschen Mädchen herangewachsen ist.

"... ohne eine Spur 45 oder Deutsch."

"45" ist eine familieninterne Umschreibung für "jüdisch". Die Herkunft dieses Geheimwortes konnte Buruma nicht ermitteln, aber die Tatsache, dass es überhaupt einen Code gab, erzählt viel. Im Kriegsjahr 1943 hielt Großmutter Win es für erstrebenswert, so wenig deutsch zu sein wie jüdisch.

Aus den Briefen und den persönlichen Erinnerungen Burumas erfahren wir, wie sehr das Ehepaar Schlesinger bestimmte Werte der britischen Gesellschaft bewunderte: den Stoizismus in der Gefahr, den Mut, die Ausdauer.

Win schildert, wie sie in London einkaufen ging und ein Fliegeralarm Kunden wie Verkäufer in die Schutzkeller zwang. Und wie dort in aller Ruhe die Verkaufsgespräche weiter geführt wurden, während oben die Motoren der Bomber dröhnten. Das ist die englishness, für die sich die Schlesingers immer begeistert haben.

Eine Familie zwischen den Welten

Bernard, der als Militärarzt in Indien weit entfernt von allen Fronten Dienst tat, litt darunter, sich nicht intensiver einbringen zu können:

"Bei den Erzählungen von ihren Schlachten wurde ich neidisch & empfand schmerzlich, wie sehr ich zur Division der Schreibtischkrieger gehöre."

schreibt er, obwohl er schon im Ersten Weltkrieg an der Front gewesen war und wusste, in welche Hölle er sich hinein wünschte - wie Buruma vermutet - einzig aus Pflichtgefühl.

Was sind Burumas große Themen? Da ist die Migration, der erzwungene oder begehrte Wechsel in eine neue Heimat, der auch für die folgende Generation, Burumas Großeltern, noch nicht vollzogen war. Damit verbunden ist das Heilsversprechen des Landes, von dem man auf- und angenommen werden möchte. Da sind der Prozess der Integration und die immer wieder drängende Frage nach der eigenen Identität unter anderen Identitäten. Es geht also um das, was viele Gesellschaften gerade heute beschäftigt und noch in den kommenden Generationen beschäftigen wird.

Burumas Erzählung, die vordergründig eine Familiengeschichte beschreibt, ist ein großes Stück Gegenwartsliteratur. Sie ist Basislektüre für die Zukunft und außerdem ein Meisterwerk biographischer Schriftstellerkunst.

Ian Buruma: "Ihr gelobtes Land. Die Geschichte meiner Großeltern"
Hanser Verlag, 268 Seiten, 24 Euro.

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