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StartseiteCampus & Karriere"Sie wollen einen Schulabschluss haben"24.04.2015

Flüchtlinge an der Spree-Oberschule"Sie wollen einen Schulabschluss haben"

Seit Anfang der 90er-Jahre engagiert sich die Spree-Oberschule im brandenburgischen Fürstenwalde für die Bildung junger Flüchtlinge: Ein Drittel der 330 Schüler kommen aus Ländern wie Syrien, Pakistan, Somalia oder Afghanistan. Die meisten von ihnen haben sich allein auf den gefährlichen Weg nach Europa gemacht, viele sind traumatisiert - aber sehr ehrgeizige und zielstrebige Schüler.

Von Vanja Budde

Sportunterricht in Potsdam für Flüchtlingskinder   (picture alliance / dpa / Foto: Ralf Hirschberger)
Die Spree-Oberschule ist mit zwei zusätzlichen Lehrer-Stellen für den Sonderunterricht ausgestattet und hat über die Jahre ein ausgeklügeltes System entwickelt. (picture alliance / dpa / Foto: Ralf Hirschberger)
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Sie sind zwischen 15 und 19, die Jugendlichen im sogenannten Vorkurs von Lehrerin Bärbel Probst. Es ist eine kleine Klasse, nur ein Dutzend Schüler, damit die jungen Flüchtlinge möglichst schnell Deutsch lernen.

"Ja, ich bin alleine gekommen. Ich bin von Afghanistan hier her gekommen. Vielleicht kann ich hier eine gute Zukunft aufbauen."

Für die Lehrer ist der Umgang mit Schülern wie Reza, von denen manche als Analphabeten ankommen, eine besondere Herausforderung, erklärt Schulleiterin Ute Schädlich.

"Dass es nicht in Mitleid übergeht, sondern dass man auch trotzdem den Jugendlichen zeigt, es sind immer andere Wege noch für euch möglich. Nutzt die Chancen, die ihr jetzt hier habt." "Ich bin Hower, ich komme aus Pakistan, und ich finde die deutsche Sprache ein bisschen schwer. Besonders diese Grammatik ist sehr, sehr schwer!" "Ich bin Abdelrachman, ich komme aus Somalia. Ich will diesen Schulabschluss machen. Ist nicht so einfach, ich muss viel arbeiten. Wenn man viel lernt, dann geht's doch. Ich will Krankenpfleger sein und Menschen helfen und so."

100 fremdsprachige Schüler, 200 einheimische: Die Spree-Oberschule ist mit zwei zusätzlichen Lehrer-Stellen für den Sonderunterricht ausgestattet und hat über die Jahre ein ausgeklügeltes System entwickelt: Vom Vorkurs geht es je nach Können in Leistungsgruppen, die sich schon am Rahmenplan orientieren, aber immer noch verstärkten Deutschunterricht bieten, und danach so schnell wie möglich in die Regelklassen.

Frei von Konflikten - bis jetzt ...

Jahrzehnte lang war das Miteinander an der Schule frei von Konflikten, erzählt Direktorin Schädlich. In Zeiten von massiv steigenden Flüchtlingszahlen, Pegida-Aufmärschen und der Hetze der Brandenburger AfD gegen Flüchtlinge, gibt es aber neuerdings erste Eintrübungen.

"Wir haben jetzt oft Rückmeldungen, dass dann Eltern sagen ‚ja, wir würden Ihre Schule gern nehmen, aber sie haben zu viele Ausländer an der Schule'."

Dabei sind die Jugendlichen aus fernen Ländern keine Belastung, sondern im Gegenteil ein Gewinn für ihre Schule, betont die Direktorin.

"Sie haben ja schon eine ganz andere Erfahrungswelt hinter sich. Und sie haben ein klares Ziel: Sie wollen einen Schulabschluss haben. Es gibt Einzelfälle, wo es nicht funktioniert, aber es sind wirklich Einzelfälle. Wir haben immer die besten Schulabschlüsse von fremdsprachigen Schülern, vom Durchschnitt her, das muss ich ganz deutlich sagen. Und diese Lerneinstellung beeinflusst auch positiv unsere deutschen Jugendlichen."

Zukunft hängt am seidenen Faden

Eine Leistung, die viele unter starker psychischer Belastung erbringen: Der Aufenthaltsstatus der Jugendlichen ist meist unsicher, sie werden nur geduldet, so lange sie zur Schule gehen. Reza aus Afghanistan hat die Zusage für einen Ausbildungsplatz als Zahntechniker in Berlin, aber seine Zukunft hängt trotzdem am seidenen Faden.

"Ich habe noch nicht meinen Aufenthalt bekommen. Zurzeit Duldung, alle sechs Monate verlängert. Ist ein bisschen schwierig, aber was soll ich machen?"

Nur geduldet

Immer wieder zittern, dass die Duldung verlängert wird und dabei fürs Abi lernen, alleine in einem fremden Land: Lehrerin Bärbel Probst hat es schon öfter erlebt, dass ihre Schüler quasi mitten aus dem Unterricht abgeschoben wurden.

"Und das sind Dinge, die können und dürfen nicht sein. Der erste Wunsch wäre, wenn ein Schüler hier ne Schule besucht, dass er  nicht vor dem Ende des Schulabschlusses hier abgeschoben wird. Oder auch kurz bevor er die Zehnte absolviert, einfach entschieden wird, vom Schreibtisch aus, jetzt muss er nach Hause."

Falls es dieses Zuhause überhaupt noch gibt. Bashar aus Syrien zum Beispiel weiß nicht, was aus seiner kurdischen Familie geworden ist.

"Ich habe zwei Schwestern und einen Bruder in Syrien verloren, und ich habe keine Ahnung wo sie jetzt sind."

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