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StartseiteKalenderblattFinanzminister-Gattin Caillaux erschießt Chefredakteur des "Figaro"16.03.2014

Frankreich 1914Finanzminister-Gattin Caillaux erschießt Chefredakteur des "Figaro"

Henriette Caillaux erschoss am 16. März 1914 Gaston Calmette, den Chefredakteur der konservativen Pariser Tageszeitung Le Figaro. Damit wollte sie die "Kampagne" gegen ihren Mann, den Finanzminister Joseph Caillaux, stoppen. In den Medien verdrängte der Prozess die heraufziehende Kriegsgefahr in Europa.

Von Beatrix Novy

Die französische Zeitung "Le Figaro" macht mit dem Fall Dominique Strauss-Kahn auf. (picture alliance / dpa)
Die Ausgabe der französischen Zeitung "Le Figaro" vom 16. Mai 2011. Am 16. März 1914 wurde damalige Chefredakteur des Blattes erschossen. (picture alliance / dpa)

Ein Mann liegt am Boden, vor ihm steht, die rauchende Browning noch auf das Opfer gerichtet, eine Frau. Der Fall könnte klarer nicht sein: Die Frau ist eine Mörderin. Gaston Calmette, auf den Henriette Caillaux mehrmals geschossen hat, erliegt noch an diesem 16. März 1914 seinen Verletzungen.

Der Mord geschah im Büro des Opfers, in der Redaktion der konservativen Pariser Tageszeitung Le Figaro, deren Chefredakteur Calmette war. Die Täterin machte keine Anstalten zu fliehen; die herandrängende Menge der Angestellten stauchte sie hochherrschaftlich zusammen:

"Lassen Sie mich! Ich bin eine Dame."

Und das war Henriette Caillaux; sogar eine führende Dame der Pariser Gesellschaft. Ihr Mann, der Finanzminister Joseph Caillaux, bekleidete seit Jahren hohe Regierungsämter der Dritten Französischen Republik. Ein Mann, der es mit seinen Steuerplänen und seiner pazifistischen Gesinnung zu einem Lieblingsfeind der nationalistischen Rechten gebracht hatte; auf deren Seite standen der "Figaro" und Gaston Calmette. 

"Da es keine Gerechtigkeit mehr gibt in Frankreich, habe ich entschieden, dass nur ich diese Kampagne stoppen kann",

rechtfertigte Henriette Caillaux ihre Tat. Unter der "Kampagne" gegen ihren Mann verstand sie nicht nur die andauernden journalistischen Angriffe, die jeder Politiker vom publizistischen Gegner gewärtigen muss. Ihr ging es um einen Brief Caillauxs mit für ihn peinlichen politischen Enthüllungen, den der "Figaro" veröffentlicht hatte, geschrieben 13 Jahre zuvor an eine frühere verheiratete Geliebte. Ein zweifach skandalöser Brief also; und nun drohte Chefredakteur Calmette mit weiteren intimen Veröffentlichungen, die auch Mme. Caillaux kompromittierten. Jeder wusste, dass Seitensprünge und Affären zur Pariser Gesellschaft gehörten wie das Salz zur Suppe. Etwas ganz anderes war es, sie öffentlich zu machen. Auf diesen Konsens pochte Madame Caillaux in ihrem Prozess.

Die Öffentlichkeit ignorierte die Kriegsgefahr

"Meine Intimität war zerstört, mein liebstes und bestgehütetes Geheimnis, meine Frauenehre war entblößt",

barmte sie auf der Anklagebank in gezielt weiblicher Attitüde. Das Verfahren begann am 21. Juli 1914. Drei Wochen zuvor war in Sarajevo der österreichische Thronfolger erschossen worden, aber die Pariser interessierte jetzt wesentlich mehr der Gerichtssaal ihrer Hauptstadt. Wie eine aufgeregte Journaille ihr Übriges tat, schildert der amerikanische Historiker Edward Berenson:

"In Paris wurde der Prozess von den ersten Reportern der Hauptstadt verfolgt, eine Armee von Zeichnern wurde beschäftigt, Fotografen schossen Bilder für die immer mehr werdenden Wochenzeitungen."

Es erscheint heute skurril, dass der Prozess gegen Henriette Caillaux die schwelende europäische Krise von den Titelseiten der Pariser Blätter fegen konnte. Aber die krisengewohnte Öffentlichkeit ignorierte nicht nur in Frankreich die Kriegsgefahr, und hinter dem Prozess, seinem Zusammenspiel von Sensation, Prominenz, Sex and Crime wirkten starke gesellschaftliche Konflikte der Dritten Republik. Die Konfrontation zwischen dem linken Lager und einem immer aggressiver werdenden Nationalismus hatte sich mehr und mehr verschärft, moderne Anschauungen hier und die Angst vor moralischem Niedergang dort standen sich hart gegenüber.

Wunschbild der schwachen Frau

Die ideologische Spaltung schlug sich auch in der Prozess-Berichterstattung des weitgehend parteiischen Pariser Blätterwalds nieder.  

"Die Augen niedergeschlagen, blond und blass, wirkte Mme. Caillaux tief in ihr Unglück versenkt",

hieß es in einer liberalen Zeitung, während der Reporter des national-konservativen Figaro die Ehefrau des verhassten linken Politikers Caillaux ganz anders wahrnahm:

"Ohne Reue. Fast ein Neutrum mit ihrer dünnen Nase, den dünnen Lippen, dem groben Profil."

Die Angeklagte bediente ihrerseits mit Tränen und häufigen Ohnmachten das vom aufkommenden Feminismus bedrohte Wunschbild der schwachen Frau, als sei ihr bewusst, dass schon eine Ahnung von Emanzipiertheit sie zur Suffragette stempeln könnte. Es funktionierte. Am 28. Juli 1914, dem Tag der österreichischen Kriegserklärung an Serbien, wurde Henriette Caillaux freigesprochen. Sie hatte laut Urteilsbegründung nicht vorsätzlich gemordet, sondern war ihren "unkontrollierbaren weiblichen Gefühlen" erlegen. 

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