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StartseiteEuropa heuteEin Ortsverein zwischen Tapferkeit und Tristesse 04.04.2018

Frankreichs Parti Socialiste (2/5)Ein Ortsverein zwischen Tapferkeit und Tristesse

Die führenden Köpfe übergelaufen ins Macron-Lager, zerstörende Flügelkämpfe, Mitgliederschwund: Frankreichs Sozialisten haben sich vom Debakel bei der Präsidentschaftswahl 2017 nur schwer erholt. Die Hoffnungen ruhen auf Olivier Faure, der die Partei als Chef wieder aufrichten soll - doch die Basis hat ihre Zweifel.

Von Ursula Welter

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Männer und Frauen des Ortsvereins Issy-Les-Moulineaux des französischen Parti Socialiste treffen sich in einer Kneipe (Deutschlandradio / Ursula Welter)
Der Ortsverein von Issy-Les-Moulineaux hat sein Treffen in die Kneipe verlegt. "Happy Hour" - allerdings nur auf der Getränkekarte (Deutschlandradio / Ursula Welter)
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Müde Gesichter ziehen im Untergrund von Paris an dem Musiker vorbei. Die Metrolinie 12 verbindet den sozial schwachen Nordosten mit dem wohlhabenderen Südwesten. Feierabendverkehr.

Endhaltestelle, kurz hinter der Stadtgrenze von Paris. Im Juli 1969 spielte dieser Ort eine Rolle bei der Gründung des Parti Socialiste. Jetzt ist hier das Elend einer vormals stolzen Partei zu besichtigen.

Eine U-Bahn steht mit offenen Türen in der Pariser Metro-Station Mairie d`'Issy (Deutschlandradio / Ursula Welter)1969 beim Parteitag in Issy-les-Moulineaux wurde der Gründungsprozess der Partei abgeschlossen (Deutschlandradio / Ursula Welter)

Der Ortsverein hat sein Treffen in die Kneipe verlegt. "Happy Hour" - allerdings nur auf der Getränkekarte.

"Die Lage ist katastrophal, wir sind nur noch so wenige" – glückliche Stunden sind das nicht für die französischen Sozialisten. Die Partei pulverisiert, das Trauma der Wahlniederlage nicht verarbeitet. Immerhin, eine deutsche Journalistin interessiert sich für den Parti Socialiste:

Verrat, wohin die Partei schaut

Monatelang fand die Partei, die gerade noch regierte, in den französischen Medien kaum statt. Die führenden Köpfe entweder übergelaufen ins Mehrheitslager des Präsidenten Macron, oder – wie der gescheiterte Präsidentschaftskandidat Benoît Hamon – unterwegs mit einer eigenen Gruppierung. Verrat, wohin die Partei schaut.

Auch Hamon wohnt in diesem Vorort von Paris, man sehe sich manchmal, erzählt eine Frau in der Runde. Peinliches Schweigen unter Ex-Genossen? Nicht ganz.

"Ich bin Sozialist und Hamoniste …"

Räumt eine junge Frau ein. Inhaltlich gehe beides, sie sei eine Linke. Aber an diesem Abend wird ihr klar gemacht: Du musst Dich entscheiden. Bleiben, oder gehen?

"Man kann nicht mit einem Bein in der einen und dem anderen in einer anderen Partei stehen."

Louise, eine ältere Dame in der Mitte des Stuhlkreises zuckt mit den Schultern:

"Die große Schwierigkeit ist, dass seit Jahren jeder recht haben will. Wir akzeptieren das Prinzip Minderheit und Mehrheit nicht mehr und die Regel, dass die Mehrheit die Linie vorgibt."

Thomas Puijalon ist einer der führenden Köpfe der Partei in diesem Wahlkreis. Seine Familie ist seit dem 16 Jahrhundert in Issy-Les-Moulineaux verwurzelt, hat Wein angebaut an den steilen Ufern der Seine. Der IT-Spezialist sitzt im Kommunalparlament, ausgerechnet gegen einen Ex-Parteifreund musste er sich bei den Parlamentswahlen 2017 geschlagen geben, gegen einen, der zu Macron übergelaufen war.

Zerstörende Flügelkämpfe

Für seine Partei stellt er an diesem Abend fest: Die ewigen Flügelkämpfe haben uns zerstört und ob sie mit der Wahl des gemäßigten Vorsitzenden Olivier Faure zum Parteivorsitzenden nun zu Ende sind – wer weiß?

Olivier Faure spricht in der Parteizentrale der Partie Socialiste bei einer Pressekonferenz. (dpa / MAXPPP / Christophe Petit Tesson)Der neue Partei-Vorsitzende, der Fraktionschef der Sozialisten im Parlament, Olivier Faure, wird Anfang April vom Parteitag in Aubervilliers offiziell ins Amt eingeführt (dpa / MAXPPP / Christophe Petit Tesson)

Die Frauen und Männer in diesem Raum haben alle jahrelang Wahlkampf für die Partei gemacht, auf Märkten Zettel verteilt, sich kalte Finger und platte Füße geholt.

Paul gehört zu den älteren und er will die Partei nicht verloren geben, er wird bleiben und kämpfen:

"Ich bin seit 52 Jahren dabei, 1966 eingetreten, und ich habe meine Werte nicht verloren, die übrigens schon die Werte meiner Eltern waren und die ich für meine Kinder und Enkel verteidige: Nur in einer Gemeinschaft ist der Mensch ein Mensch."

"Wir sind überflüssig geworden"

Maude plädiert für Zuversicht. Sie hatte zunächst die Bewegung des Ex-Spitzenkandidaten Hamon unterstützt. Jetzt ist sie zurück im Kern der Sozialistischen Partei:

"Die Leute haben das Bedürfnis sich hinter einer Person zu versammeln. Das sieht man bei Macron. Mein Eindruck ist, die Inhalte sind zweitrangig."

Thomas widerspricht, gerade die Selbstdarsteller hätten dem PS geschadet:

"Ich bin der Meinung, wir müssen uns erst mal inhaltlich sortieren. Da sind wir noch nicht, weil die Egos hier zu viel Raum eingenommen haben, statt sich mit dem zu befassen, was um uns herum passiert. Mit dem Problem ist Frankreich nicht allein, das betrifft die ganze europäische Sozialdemokratie: Wir sind überflüssig geworden."

Antworten auf die sozialen Ungerechtigkeiten finden

Es gibt immer einen, sagt er, der den Anführer spielt, aber wir müssen Antworten auf die sozialen Ungerechtigkeiten in unseren Gesellschaften finden.

"Aber bis jetzt liefern wir da nicht. Wir haben keine Idee, ich finde mich jedenfalls in den Texten für den Parteikongress Anfang April nicht wieder."

Dabei gebe es so viel zu tun, sagt der dunkelhaarige, wortgewandte Sozialist: So viele sind von der Fahne gegangen, das Misstrauen regiert.

Das Scheitern aus der Regierung heraus lastet schwer auf der Partei. Wir müssen konstruktiv sein, sagen die einen beim Treffen im Ortsverein. Wir müssen echte Opposition sein, meinen die anderen. Der Parti Socialiste sei eingeklemmt zwischen den technokratischen Populisten von En Marche, den Populisten der extremen Rechten und den Populisten der extremen Linken, sagt Thomas.

Ob der Kongress und die Nominierung des neuen Vorsitzenden in Aubervilliers am 7. und 8. April die letzte Chance sei? Die letzte Chance für die Partei? … Vielleicht kann man das so sagen …

Und fast wirkt es wie ein böses Omen: Auf der Metro der Linie 12, die an diesem Abend zurück Richtung Osten fährt, steht auf Fahrerkabine eben das: Endstation Aubervilliers.

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