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StartseiteEuropa heuteEinheimische gegen Betten24.01.2018

Freizeitpark Alpen (3/5)Einheimische gegen Betten

Als in Mühlbach im Salzburger Land die Kupferminen schlossen, setzte der Ort erfolgreich auf Tourismus. Allerdings verkommt er inzwischen zur Durchgangsstation, der Ortskern verödet, viele ziehen weg. Lässt sich dem mit mehr Betten auf der grünen Wiese beikommen?

Von Antonia Kreppel

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Almhütte vor dem Hochköniggipfel in Mühlbach im Salzburger Land (Imago)
Eine Almhütte vor dem Hochköniggipfel bei Mühlbach im Salzburger Land (Imago)

Zwei Frauen um die 60 stapfen die letzten Meter durch den tiefen Schnee zur Mittereggalm. Wirt Josef Mitteregger steht lang und hager in kurzärmeligem T-Shirt vor der Türe und genießt für einen Moment die Sonne und die unverbaute Aussicht hinüber zu den Radstädter Tauern. Christa Storck und Sieglinde Arndt halten inne; seit zwanzig Jahren kommen die Pfälzerinnen in das Skigebiet Hochkönig im Salzburger Land.

Sieglinde: "Wir sind früher mit Kind und Kegel hierhergekommen, wir waren 16 bis 20 Personen, haben oft Ferienhäuser gemietet gehabt. Herrlich meines Erachtens, es ist alles so nah, man kommt von Lift zu Lift, wirklich traumhaft."
Christa: "Wir würden nie nach Ischgl fahren oder Bad Gastein oder in ein großes Skigebiet, noch größeres Skigebiet muss man ja sagen, denn hier ist ja auch ganz schön ausgebaut worden. Und diesen großen Skizirkus findet man hier gotteidank nicht; diese Ballermann-Atmosphäre."

Der Almwirt ist gegen mehr Übernachtungsplätze

Josef Mitteregger holt tief Luft und erzählt den beiden, dass es mit der Beschaulichkeit hier in 1.400 Meter Höhe bald vorbei sein könnte. Zwischen der Loipe im Talboden und der Alm sollen 3.000 Quadratmeter Almwiese mit Chalets bebaut werden.

Josef Mitteregger: "I bin ja einer der größten Gegner gegen die Umwidmung in eine touristische Zone von dem Grünland jetzt, weil ich auch finde, dass es genügend Gästebetten gibt."
Christa: "Nein, um Gottes Willen nein – das ist ja die Idylle dieser Mittereggalm, diese tolle Aussicht."

Die Wandergäste verabschieden sich etwas aufgeregt, wünschen alles Gute. Den Almwirt drängt es in die Küche, er muss für seine Hausgäste kochen.

Die Gaststube ist geräumig, solide Holztische und Bänke, Geweihe an den Wänden, ein ausgestopfter Fuchs auf der Theke. Josef Mittereggers Eltern haben in den siebziger Jahren das Haus aufgebaut; da gab es noch nicht einmal Strom.

Wegen etwas weniger Betten "muss keiner verhungern"

Er holt einen dicken roten Ordner, legt ihn energisch auf den Tisch und entfaltet einen knittrigen Plan:

"Das ist der Plan vom räumlichen Entwicklungskonzept, und da werden neue Zonen umgewidmet, und das ist hier blau markiert, und das sind eben 3.000 Quadratmeter. Und das liegt jetzt beim Land Salzburg auf, und die entscheiden des dann, ob das durchgeht oder nicht."

Arthur, der kleine Sohn des Almwirts, krabbelt auf die Holzbank. Er wächst hier auf, wo schon sein Vater groß geworden ist. "Wir erben nicht das Land von unseren Vorfahren, wir leihen es von unseren Kindern", schreibt der 36-Jährige in seinem Einspruch, den er auf Facebook veröffentlicht hat.

Der Ort Mühlbach am Hochkönig im Salzburger Land (Imago)Mühlbach ist eine der Hochburgen des Skitourismus im Salzburger Land. Doch viele Skifahrer lassen den Ortskern links liegen, denn ihre Unterkünfte stehen draußen auf der grünen Wiese (Imago)

Er zeigt auf das Biotop, das an die Zone angrenzt, und auf das EU-Schutzgebiet mit den zehntausend Jahre alten Bestand an Zwergbirken. Bürgermeister Manfred Koller weist die Kritik zurück. Eine Stärkung des Tourismus sei für die gesamte Region notwendig. Inzwischen flattern Rechtsanwaltsbriefe des Grundstückseigentümers in Josef Mittereggers Haus. Er solle eine Unterlassungserklärung unterschreiben. "Einschüchterungsversuche", empört er sich:

"Man solle in erster Linie schon schauen, dass für die Einheimischen die Lebensqualität passt, und wenn wir uns dann nimmer wohlfühlen, dann macht's auch wenig Sinn. Und i glaub, es muss keiner verhungern, wenn da ein paar hundert Gästebetten weniger sind."

Durchgangsverkehr steigt, Ortskern stirbt aus

Mittagszeit: Die Hausgäste der Alm trudeln zum Essen ein. Junge kanadische Skirennläufer; Josef Mittereggers Frau ist Kanadierin. Wenn sein Einspruch keinen Erfolg hat, dann so überlegt er, könnte er mit seiner Familie nach Kanada auswandern. Noch ein Einheimischer, der weggeht.

Auch einige Kilometer talabwärts, im Zentrum von Mühlbach, regt sich einzelner Protest gegen Tourismusprojekte auf der grünen Wiese. Neben der Skiabfahrt, außerhalb des Dorfes wollen Gemeinde und Bergbahnen ein neues Hotel mit 300 Betten errichten.

Der Ortskern stirbt aus, kritisiert Johann Harlander. Der agile Hotelier steht in einem pinkfarbenen T-Shirt hinter der Bar und macht einen Kaffee; im Gastraum gähnende Leere. Er führt das Sporthotel, das seine Eltern 1963 aufgebaut haben. Es läuft sehr schlecht. Mühlbach lebte einst vom Kupferbergbau; in den Siebzigern wurden die Minen geschlossen. Dann begann man verstärkt auf Tourismus außerhalb des Ortszentrums zu setzen.

"Wir haben dagegen immer protestiert und gesagt, wir brauchen die Lifte vom Ort aus als sanften Tourismus, wir wollen keinen Massentourismus. Aber die Profitgesellschaft und natürlich die Wirtschaft hat gesagt, wir brauchen viele, viele Gäste in Mühlbach. Und dann hat man Parkplätze gebaut am Ortsende und die beiden Dorflifte sind sukzessive in den Ruin getrieben worden."

"Alles, was dem Ganzen dient, unterschreib' ich"

Von einstmals sieben Geschäften im Dorf sind nur eine Bäckerei und ein kleiner Lebensmittelladen geblieben. Der Durchzugsverkehr zu den Liften ist enorm gestiegen, beklagt Johann Harlander. Mühlbach soll sich zu einem Ski-und Wanderdorf entwickeln, das ist sein Herzenswunsch. Die Hoffnung gibt er nicht auf:

"Mein Herz ist dort zu Hause, wo die Vernunft siegt. Alles, was dem Ganzen dient, das unterschreib' ich."

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