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StartseiteCorsoEine Katastrophe als Manga-Comic07.03.2016

Fünf Jahre nach FukushimaEine Katastrophe als Manga-Comic

Wie wird fünf Jahre nach der Katastrophe in Fukushima aufgeräumt und mit welchen Problemen haben die Arbeiter zu kämpfen? Das ist jetzt in einem Manga-Band nachzulesen, der gerade auf Deutsch erschienen ist: "Reaktor 1F" ist der erste Band einer Reihe, in der Katzuto Tatsuta dokumentiert, was er als Arbeiter bei den Aufräumarbeiten in Fukushima erlebt.

Von Andrea Heinze

Cover: "Reaktor 1” - ein Bericht aus Fukushima, Teil 1, von Kazuto Tatsuta (Carlsen Verlag, Hamburg)
Cover: “Reaktor 1” - ein Bericht aus Fukushima, Teil 1, von Kazuto Tatsuta (Carlsen Verlag, Hamburg)
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"Reaktor 1” - ein Bericht aus Fukushima, Teil 1, von Kazuto Tatsuta, Carlsen Verlag

Die Katastrophe von Fukushima - für viele Japaner ein nationales Trauma. Doch für den Mangazeichner Katzuto Tatsuta hatte sie gewissermaßen auch positive Seiten. Denn Tatsuta war komplett pleite: Keiner wollte seine Mangas verlegen, und der Mangaka schlug sich mehr recht als schlecht von einem Job zum nächsten.

Die Mangareihe "Reaktor 1F" – oder auch "ichi efu" hat ihn von seinen Geldsorgen befreit - und in Japan berühmt gemacht. Allein das Titelbild ist zur Ikone geworden: Da steht ein komplett vermummter Arbeiter ganz klein vor einem riesigen Stahlbetonskelett, darin ein Chaos aus Stahlträgern, Kabeln und Schutt.

"Das havarierte Reaktorgebäude symbolisiert ja den atomaren Unfall im Kernkraftwerk Fukushima 1. Dieses Bild haben sicherlich die meisten Japaner, wenn sie sich an die Havarie in F1 erinnern, - ein sehr eindrucksvolles Bild."

Auch Katzuto Tatsuta war ziemlich beeindruckt, als er im Sommer 2012 das erste Mal dort stand. Angelockt von den lukrativen Angeboten der Arbeitsämter von Tokio und anderen Städten. Der Kraftwerkbetreiber Tepco zahlt auch gut – aber nicht direkt an die Arbeiter, sondern an Subunternehmer, die immer neue Subunternehmen anstellen und denen Verbindungen zur japanischen Mafia nachgesagt werden.

"Ich wollte ja die Arbeit, aber als ich dort war, ging es einfach nicht los: Ich habe mich mit meinem Arbeitgeber in Verbindung gesetzt und irgendwann war er dann nicht mehr zu erreichen.

Komische Geschichte, habe ich gedacht, darüber könnte ich anfangen, Mangas zu zeichnen. Denn mir fiel auf, dass das nicht nur die Katastrophe betrifft – vielleicht ist ja die japanische Industrie grundsätzlich so aufgebaut – und deshalb wollte ich das weiter erforschen."

Arbeiten unter falschem Namen

Katzuto Tatsuta ist nicht der richtige Name. Der Mangaka arbeitet undercover, weil er für japanische Verhältnisse ziemlich scharf kritisiert, was auf der Baustelle alles schief läuft.

Als Augenzeuge zeichnet Katzuto Tatsuta minutiös, wie sich die Arbeiter in die Schutzanzüge quälen, um in der verstrahlten Reaktorruine aufzuräumen, – aber nie etwas zu Ende machen können, weil vorher sein Dosimeter Alarm schlägt. Routine für die Arbeiter.

"Der Arbeitsplatz im Kernkraftwerk Fukushima 1 ist nicht anders, wie jede andere Baustelle auch. Wir arbeiten oft sogar fröhlicher, als sonst, weil wir sehr viel Zeit im Aufenthaltsraum verbringen, denn die Zeit, die wir tatsächlich in dem verstrahlten Gebäude arbeiten müssen, ist wegen der erlaubten Strahlendosis sehr begrenzt."

Nüchterne und detaillierte Schilderung des Schreckens

Diese heiteren Szenen im Aufenthaltsraum fängt Katzuto Tatsuta in seinen Zeichnungen genauso ein, wie Einsätze mit neuen Kollegen, die aus lauter Angst vor der Radioaktivität schon mal zusammenklappen. Das macht er so nüchtern und detailverliebt, dass manche Seiten wie Schaubilder für Arbeitssicherheit wirken.

Trotzdem: Das Ergebnis ist eine Mischung aus Journalismus und Thriller – denn die Gefahr durch die Radioaktivität ist allen Arbeitern bewusst. Doch der Manga, der für den japanischen Markt gezeichnet wurde, ist kein Comic gegen die Atomkraft. Ganz im Gegensatz zu den japanischen Künstlern, die in Deutschland über Fukushima veröffentlichen.

"Die Japaner haben die Katastrophe nicht unbedingt gelassen hingenommen. Aber diejenigen, die nach diesem Ereignis Daten gesammelt haben und eine Bewertung vorgenommen haben, die wissen, dass das Ganze nicht so schrecklich gefährlich ist, sodass man gänzlich aus der Kernkraft aussteigen müsste, dass Deutschland diesen Weg gegangen ist, halte ich schon für eine Überreaktion."

Japans blauäugiger Blick auf die Kernenergie

In Sachen Atomkraft kommt der Manga für deutsche Augen so blauäugig daher, dass man das für Regierungspropaganda halten könnte. Doch wie Tatsuta denken die meisten Japaner. Eine Haltung, die auch daher rührt, dass Greenpeace-Aktivisten für gewaltbereite Lügner gehalten werden.

Tatsuta dokumentiert in seinem Manga "Reaktor 1F" den Glauben, dass man Atomkraft kontrollieren kann - und er dokumentiert, wie die Arbeiter von Fukushima im Ausnahmezustand leben - das ist bizarr und spannend zugleich.

Das Interview mit Katzuto Tatsuta wurde wir durch das Japanprogramm für Journalisten der Robert-Bosch-Stiftung möglich.

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