Donnerstag, 14.12.2017
StartseiteBüchermarktPauls abenteuerlicher Sommer 24.03.2016

Fußball-Jahr 1974Pauls abenteuerlicher Sommer

Mit fast 50 Jahren legt Martin Schult sein literarisches Debüt vor und entführt den Leser in das Jahr 1974, in dem Deutschland Fußballweltmeister wurde. Ein zwölfjähriger Junge erlebt einen abenteuerlichen Sommer. Eine harmlos klingende Hausaufgabe bringt ihn in Bedrängnis.

Von Detlef Grumbach

(picture-alliance / Hartmut Reeh)
1974 erlebt ein Junge einen abenteuerlichen Sommer. (picture-alliance / Hartmut Reeh)

"Können Sie sich noch an den ersten Schultag nach den Herbstferien erinnern? Da haben Sie uns eine Reizwortgeschichte aufgegeben."

So schreibt der fast 13-jährige Schüler Paul an seine Lehrerin Frau Ludwig.

"Ich möchte, dass ihr bis Mittwoch eine Reizwortgeschichte schreibt", haben Sie gesagt, "und zwar nicht über das, was ihr gerade in den Herbstferien erlebt habt. Nein, ihr sollt über den Sommer schreiben. Ich möchte wissen, an was ihr euch erinnern könnt".

Die recht harmlos klingende Hausaufgabe bringt Paul in Bedrängnis. Sie erinnert ihn an eine verwickelte Kette von Ereignissen in diesem Sommer, an deren Ende er sich für den Tod einer alten Wohnungsnachbarin verantwortlich fühlt. In seiner Not bringt er keine Zeile aufs Papier, wird dann auch aufgerufen, schaut ins leere Heft und erfindet aus dem Stegreif etwas ganz anderes. Als er nach zehn Minuten immer noch nicht umgeblättert hat, blickt ihm die Lehrerin über die Schulter. Das wird zu lang, sagt sie, er solle beim nächsten Mal zu Ende lesen. Paul ist ihr dankbar, weiß aber auch nicht weiter. Er traut sich nicht mehr in die Schule, will weglaufen und schafft es gerade mal in den Heizungskeller des Mehrfamilienhauses, in dem er wohnt.

Paul versucht, Frau Ludwig alles zu erklären

"Und wissen Sie, was ich gemacht habe? Ich habe heimlich aus unserer Garage einen Eimer geholt und gleich auch noch eine Stehlampe und den Sessel von Großvater – Dinge, die wir seit einem Tod dort lagern. Und natürlich seinen Schreibmaschinentisch."

Hier sitzt er jetzt vormittags und versucht, Frau Ludwig alles zu erklären. Er schreibt ihr Briefe und im Wechsel Kapitel für Kapitel der Reizwortgeschichte, die er ihr noch schuldet und mit der "seinen" Sommer 1974 ordnen will. Mittags geht er hoch in die Wohnung und tut so, als sei er in der Schule gewesen. So hat sich Martin Schult eine raffinierte Ausgangssituation für sein literarisches Debüt geschaffen: Fußball ist eines der Reizwörter, Teppich, Buch, Katze und Waschmaschine die anderen. Im Wohnzimmer liegt ein für die Zeit typischer Flokati, der Großvater hat dem Vater "Zettels Traum" von Arno Schmidt vererbt. Alle Reizwörter passen, das weitere funktioniert wie Kettenreaktionen. Zu Beginn lässt Frau Schellack, die Nachbarin, ihre Handtasche irgendwo liegen: Wäre nicht Fußballweltmeisterschaft, wäre die Familie in den Urlaub gefahren und Paul hätte nichts mit dieser Handtasche zu tun gehabt. Wäre der Großvater nicht gestorben, würde der Vater nicht Arno Schmidt lesen, sondern helfen, den Flokati zu kämmen. Wenn Paul nicht neugierig auf "Zettels Traum" geworden wäre, wenn nicht, wenn nicht, wenn nicht. Irgendwann ist Frau Schellack tot. Es ist eine abenteuerliche und durchaus charmante Geschichte, die Martin Schult hier seinem Ich-Erzähler unterschiebt. Paul verzettelt sich, fabuliert sich um Kopf und Kragen, schmückt seine Erlebnisse reichhaltig aus und findet immer wieder den Punkt, wo das Nebensächlichste plötzlich wichtig wird. Doch worum geht es in diesem Roman eigentlich? "Flokati oder mein Sommer mit Schmidt" heißt das Buch, die Kapitelüberschriften der Reizwortgeschichte lauten von "Chile" über "Australien" bis "Polen" nach den Gegnern der Nationalmannschaft. Im Anhang sind auch noch deren sämtliche Spiele mit allen Details aufgeführt. Das alles ist ziemlich beliebig und ergibt sich nicht einmal aus der am Ende des Sommers rein zufällig gestellten Hausaufgabe, doch worum geht im Kern der Geschichte? Wenn Pauls Familie in den Sommerferien in den Urlaub gefahren wäre, hätte er nichts mit dem Tod von Frau Schellack zu tun. Dann wäre die Familie aber auch im Herbst zu Hause geblieben und Paul hätte nicht in einer Tiroler Kirche den Pfarrer predigen hören:

Der Tod von Frau Schellack: kein Zufall?

"Nichts in der Welt passiert durch Zufall, denn Er hat seine Finger im Spiel! […] Nichts, was in der Welt passiert, ist Schicksal, denn Er ist es, der die Geschicke lenkt. [...] Zufall und Schicksal, sie sind gottgewollt. […] Und er vergibt dir deine Schuld, deine große, große Schuld."

Der Tod von Frau Schellack: kein Zufall? Auch die Hausaufgabe nicht, die alles wieder hochbringt? Paul glaubt das nicht, er gerät in höchste Not, doch der Autor huldigt in spürbarer Fabulierlust dem Prinzip des Zufalls, folgt immer kurioseren Einfällen und schreibt ihn damit frei von Schuld. Irgendwie knirscht es dabei in der Konstruktion der Geschichte. Der Junge wirkt mal naiv und anbiedernd, mal naseweis, mal altklug. Mal spricht er wie ein Achtjähriger, dann bewegt er sich fast auf dem Niveau eines Deutsch-Leistungskurses, wenn er Arno Schmidt interpretiert. Er ist mit fast 13 so groß und stark, dass er Opas Sessel heimlich von der Garage in den Keller trägt, aber so klein, dass er am Bücherregal Richtung "Zettels Traum" hochklettert, am oberen Brett hängt und nicht mehr herunter kommt. Die Vorstellungskraft des Lesers versagt, die Mutter muss eine Leiter holen. In einem Brief an die Lehrerin heißt es:

"Mir wird die Geschichte helfen, die Ereignisse noch einmal zu hinterfragen. Deswegen bleibe ich hier im Keller, bis ich fertig bin. Und vielleicht entdecken Sie dann später beim Lesen irgendetwas, was mich entlasten kann. Dann können Sie als Zeugin der Verteidigung mein Leben retten. "

Da ist Witz, Komik, Slapstick und eine grandiose Konstruktion, doch dieses Hinterfragen bleibt auf der Strecke, wirkt unernst, scheint zunehmend als Vorwand: Der Autor, so entsteht der Eindruck, verfolgt andere Ziele als sein Erzähler. Am Ende ist das Diktum des Pfarrers gebrochen und Paul frei von Schuld, doch die Leserinnen und Leser bleiben etwas ratlos zurück: War es vielleicht doch die große Vergebung?

Martin Schult: Flokati oder mein Sommer mit Schmidt, Roman, Ullstein Verlag, 224 Seiten, 18,00 €, auch als Ebook

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