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Seit 06:50 Uhr Interview
StartseiteInterview"Jedes Land geht seinen Weg"21.03.2014

G8-Debatte"Jedes Land geht seinen Weg"

Als erstes Bundesland schafft Niedersachsen nach den Sommerferien 2015 das Abitur nach zwölf Schuljahren ab. In NRW bestehe ein schulpolitischer Konsens für G8, sagte im Deutschlandfunk Kultusministerin Sylvia Löhrmann. Ob dieser fortbestehe, werde nun ein Runder Tisch klären.

Sylvia Löhrmann im Gespräch mit Christoph Heinemann

NRW-Schulministerin Sylvia Löhrmann im Landtag. (picture alliance / dpa / Federico Gambarini)
NRW-Schulministerin Sylvia Löhrmann. (picture alliance / dpa / Federico Gambarini)
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Christoph Heinemann: Schulpolitisch erinnert Deutschland an den Flickenteppich vor der Einigung im 19. Jahrhundert. In den östlichen Bundesländern gilt G8, im Westen G8 oder G9, oder es gibt Zwitterwesen, Modellschulen, in denen G9 in einem G8-Umfeld angeboten wird. Am Telefon ist jetzt Sylvia Löhrmann (Bündnis 90/Die Grünen), die Kultusministerin von Nordrhein-Westfalen und Vorsitzende der Kultusministerkonferenz. Guten Morgen!

Sylvia Löhrmann: Guten Morgen, Herr Heinemann!

Heinemann: Frau Löhrmann, wann führt denn Nordrhein-Westfalen das 13. Schuljahr wieder ein?

Löhrmann: Wir haben in Nordrhein-Westfalen flächendeckend ein Angebot mit einem neunjährigen Bildungsgang zum Abitur. Wir haben nämlich Gesamtschulen, die akzeptiert sind, die überall erreichbar sind. Wir haben mit dem Schulkonsens Sekundarschulen geschaffen, die auch wachsen und die auch in Kombination mit gymnasialen Oberstufen der Gymnasien, der Gesamtschulen oder aber auch der vielen Berufskollegs, die wir haben, einen 13-jährigen Bildungsgang zum Abitur mit zentralen vergleichbaren Prüfungen anbieten. Deswegen kann man die Situation nicht so ganz vergleichen.

Heinemann: Und wann wird in Nordrhein-Westfalen das 13. Schuljahr an Gymnasien wieder eingeführt?

Löhrmann: Wir haben einen Konsens, einen schulpolitischen Konsens über die Grundstrukturen.

Heinemann: Konsens mit wem?

Löhrmann: Konsens mit der CDU, mit vielen, vielen Verbänden. Angesichts der Diskussion werde ich diesen Runden Tisch G8, den ich habe, einladen und wir werden darüber sprechen: Wie schätzen wir die Situation jetzt hier ein, steht der Grundkonsens? Bisher habe ich nichts anderes gehört. Und wir werden in diesem Runden Tisch auch ausloten: Welche weiteren Entlastungsmöglichkeiten müssen wir schaffen, wo gibt es noch Umsetzungsprobleme zu dem Handlungskonzept, was wir erarbeitet haben, um das G8 für Schülerinnen und Schüler, die den verkürzten Bildungsgang am Gymnasium wählen, um das vernünftig zu machen?

Heinemann: Frau Löhrmann, Eltern und Lehrer sind aber bei diesem Konsens offenbar nicht berücksichtigt worden. Gerade heute fordert noch mal Josef Kraus, der Präsident des Deutschen Lehrerverbandes, G8 solle in die Tonne entsorgt werden und G9 möglichst schnell wieder eingeführt werden.

Löhrmann: Jetzt kennt Herr Kraus, glaube ich, die Situation in Nordrhein-Westfalen nicht so genau.

Heinemann: Aber an den Schulen kennt er sich gut aus.

"Wir haben selbstverständlich die Eltern einbezogen"

Löhrmann: Er kennt sich, glaube ich, auch an unseren Schulen nicht aus. Er bekämpft zum Beispiel Gesamtschulen und integrierte Schulsysteme. Da würde ich mich jetzt erst mal nicht von irritieren lassen. Wir haben selbstverständlich die Eltern einbezogen. Das möchte ich noch mal sehr deutlich sagen. Selbstverständlich ist die Elternschaft der Gymnasien einbezogen in die Entwicklung des G8. Der Philologenverband ist bei uns einbezogen. Ich bin ja regelmäßig an Schulen unterwegs. Ich weiß, dass es immer noch Probleme gibt, unser Handlungskonzept umzusetzen, weil Schulentwicklung nicht auf Knopfdruck passiert.

Heinemann: Das heißt, Sie haben es schlecht eingeführt?

Löhrmann: Shame and blame hilft gar nicht weiter, sondern Schulentwicklung braucht Zeit, Schulentwicklung braucht Unterstützung. Wir haben immer noch Probleme, weil auch bei uns das G8 überhastet eingeführt worden ist. Das ist ja gar nicht mein Konzept gewesen. Und trotzdem kann man nicht Rosinen picken und sich nur das schöne raussuchen, was entwickelt worden ist, sondern wir setzen das um. Und wie gesagt: Ich lade alle zum Runden Tisch ein und wir beraten die Lage und wir sondieren, was wir an der Umsetzung verbessern müssen.

Heinemann: Entschuldigung! Laden Sie ergebnisoffen ein? Das heißt, könnte auch das Ergebnis sein, dass man im Zuge des Nachdenkens zu der Überzeugung kommt, dass G9 an den Gymnasien wieder eingeführt werden sollte?

Löhrmann: Ich lade ein, um mit allen die Lage und die Situation zu beraten. Ich habe gestern mit dem Philologenverband gesprochen, mit der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft, mit der Landeselternschaft der Gymnasien. Die haben damals diesen Konsens mit begründet. Und wir haben eins ja erreicht in Nordrhein-Westfalen: Wir haben einen Schulkonsens über die Struktur bis 2023. Da gehe ich doch nicht her und kündige das mal eben auf, sondern da wird mit allen Beteiligten gesprochen, was der richtige Weg ist, und alle sind froh, dass wir diesen Konsens haben, dass wir das Hin und Her in der Schulpolitik nicht haben, abhängig von Wahlterminen.

Heinemann: Geschaut aufs Land haben wir ja genau dieses Hin und Her, das was Sie vermeiden wollten. Es gibt eine Tendenz in allen Bundesländern. Gymnasien, die G9 anbieten, sind vollkommen überlaufen. Was folgt für Sie daraus?

Löhrmann: Ich kann noch mal sagen, dass wir in Nordrhein-Westfalen beide Wege zum Abitur haben.

Heinemann: Aber nicht auf den Gymnasien.

Löhrmann: Wir haben ein G8 und ein G9.

Heinemann: Nicht auf den Gymnasien.

Löhrmann: Und unsere Gymnasien haben sich für diesen weg entschieden. Ich habe ja vor drei Jahren alle gefragt, wollt ihr zurück, und von den 630 Gymnasien haben nur 13 gesagt, wir wollen. Dazu haben wir einen Schulversuch, wo das auch noch mal evaluiert wird. Alle anderen Schulen haben mir gesagt, sie wollen genau das nicht. Sie wollen nicht wieder zurück, sondern sie wollen den Optimierungsweg gehen, damit, wie Sie am Anfang gesagt haben, Sportvereine, Schulvereine, damit die Jugendlichen natürlich, wenn sie aus der Schule kommen, noch Zeit für ihre Freizeit haben, noch Zeit für kulturelle Angebote haben.

Heinemann: Genau das haben sie ja jetzt nicht mehr, beziehungsweise sie kommen völlig übermüdet hin, oder sie haben keine Zeit zu üben oder zu trainieren. Ist das nicht allein schon ein Grund, G8 in die Tonne zu klopfen? 

"Wir bauen ja auch den Ganztag an den Schulen weiter aus"

Löhrmann: Ich habe letzte Woche zwei Schulen besucht, zwei Gymnasien besucht, an denen Förderbänder entstanden sind, an denen 60-Minuten-Takte sind, an denen die Hausaufgaben in den Schulen gemacht werden, sodass dort eine andere Situation eingetreten ist. Wir bauen ja auch den Ganztag an den Schulen weiter aus, und auch das trägt natürlich dazu bei, dass das G8 gestaltbar wird.

Heinemann: Frau Löhrmann, ist Rot-Grün in Hannover schulpolitisch weiter als Rot-Grün in Düsseldorf?

Löhrmann: Jedes Land geht seinen Weg. Entscheidend ist, ...

Heinemann: Das ist ja gerade das Problem!

Löhrmann: Entscheidend ist doch, dass am Ende einer Gymnasialzeit ein vergleichbares Abitur ist. Niemand hat die Jugendlichen, die bisher in Rheinland-Pfalz nach achteinhalb Jahren das Abitur gemacht haben, nicht an anderen Universitäten studieren lassen. Die Ergebnissicherung und die Vergleichbarkeit, das ist das Entscheidende aus meiner Sicht in Deutschland.

Heinemann: Und das heißt für Familien, die zum Beispiel in Nordrhein-Westfalen wohnen, dass sie gefangen sind. Das heißt, ein Schulwechsel von dem einen in das andere System ist unendlich schwierig.

Löhrmann: Nein, das stimmt nicht. Wir haben ja Schulwechsel innerhalb des Systems und wir haben auch Schulwechsel von einem in das andere Land, weil wir Kernlehrpläne haben und Vergleichbarkeit des Systems gesichert haben. Auch in Finnland gibt es doch Jugendliche, die zu unterschiedlichen Zeiten das Abitur machen. Wir haben im Osten breit akzeptiert das G8 und auch von Ost nach West können erfreulicherweise Menschen, Familien und Jugendliche umziehen.

Heinemann: Aber Menschen und Familien, genau die sagen, wenn sie mit drei oder vier schulpflichtigen Kindern von G8 nach G9 oder von G9 nach G8 umziehen, herzlichen Glückwunsch!

Löhrmann: Jede Schule muss, wenn ein Kind kommt und eine Familie kommt, überlegen, in welcher Lerngruppe ist dieses Kind am besten aufgehoben und kann in dieser Lerngruppe am besten lernen. Das ist individuelle Förderung, das ist der individuelle Blick auf die Kinder und Jugendlichen und nicht die Frage allein aufs System. Es kommt auf die Qualität des Unterrichts und die Qualität der Arbeit einer Schule an.

Heinemann: Wie würden Sie einem Menschen aus dem Ausland erklären, dass SPD und Grüne im Norden Hü und im Westen Hott sagen?

Löhrmann: Jedes Land hat unterschiedliche Traditionen und hat unterschiedliche Schulformen, und trotzdem gibt es die Vergleichbarkeit. Manchmal können Sie von einem G9-Gymnasium zu einem anderen G9-Gymnasium gehen und es gibt auch da Unterschiede im Schulklima. Jede Schule hat doch auch ihre eigene Geschichte und hat, obwohl sie auf die gleichen Ziele hinarbeitet, manchmal eine andere Atmosphäre in dieser Schule und hat auch andere Profile, und diese Vielfalt zeichnet uns aus.

Heinemann: Möglichst schnell Abitur, danach ein inzwischen weitgehend verschultes Studium. Frau Löhrmann, geht es Ihnen eigentlich noch um Bildung, oder nur noch um Ausbildung?

Löhrmann: Mir geht es um ganzheitliche Bildung. Mir geht es um kulturelle Bildung, wie vielen anderen auch. Auch darin sind wir einig. Wir haben in Nordrhein-Westfalen zum Beispiel auch eines getan: Wir haben gestoppt, dass die Einschulung weiter vorgezogen war. In der Kombination habe ich das zum Beispiel für nicht gut befunden, und auch das ist in Nordrhein-Westfalen jetzt breit akzeptiert, sodass die Kinder mit sechs in die Schule kommen und dann einen individuellen Weg, der zu ihnen passt und zu ihrer Familie passt, in Nordrhein-Westfalen gehen können. Natürlich geht es nicht um Ausbildung, sondern um ganzheitliche Bildung.

Heinemann: G8 wurde auch eingeführt, weil die Wirtschaft das gefordert hat. Mittlerweile geht die Wirtschaft auf Distanz. Der Hauptgeschäftsführer des Arbeitgeberverbandes Metall Niedersachsen sagt, die Mathematiknoten werden schlechter, immer weniger Schüler entscheiden sich für ein naturwissenschaftliches Studium. Und jetzt rudern in einigen Ländern die Kultusminister wieder zurück, zum Beispiel in Niedersachsen. Sind eigentlich Kultusminister Marionetten der Wirtschaft?

Löhrmann: Überhaupt nicht. In unsere Entwicklung ist die Wirtschaft einbezogen, sind die Gewerkschaften einbezogen, immer beteiligt gewesen, genauso wie Sozialverbände, und die Ergebnisse von G8 und G9 – wir hatten es ja im letzten Abitur. Wir haben auch eine Studie, was die Studierfähigkeit angeht, und dort ist den G8-Schülerinnen und Schülern bestätigt worden durch die Noten, die sie erreicht haben, dass es keinen Unterschied gibt. Sie sind sogar in Nuancen besser gewesen. Also auch das ist kein Beleg dafür. Wissenschaftliche Studien zeigen, Professor Ackermann von der Uni Essen-Duisburg, dass die Studierfähigkeit ausdrücklich gegeben ist, und deswegen folgen wir nicht irgendeinem Trend von Wirtschaft, sondern wir wollen, dass Jugendliche ihren Weg in unserem Schulsystem gehen können zu erfolgreichen Bildungsabschlüssen.

Heinemann: Sylvia Löhrmann (Bündnis 90/Die Grünen), die Kultusministerin von Nordrhein-Westfalen und Vorsitzende der Kultusministerkonferenz. Danke schön für das Gespräch und auf Wiederhören.

Löhrmann: Gerne, Herr Heinemann.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk/Deutschlandradio Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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