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StartseiteInterview"Der Zug in Richtung G9 ist nicht aufzuhalten"10.05.2014

G8 versus G9"Der Zug in Richtung G9 ist nicht aufzuhalten"

Die Einführung des Abiturs nach acht Jahren in der Mehrzahl der Bundesländer sei ein Fehler gewesen, sagte der Präsident des Deutschen Lehrerverbandes, Josef Kraus, im Deutschlandfunk. Er begrüße es, dass das jetzt in einigen Ländern wieder rückgängig gemacht werde.

Josef Kraus im Gespräch mit Jürgen Liminski

Der Präsident des Deutschen Lehrerverbands Josef Kraus (Horst Galuschka, dpa picture-alliance)
Der Präsident des Deutschen Lehrerverbandes, Josef Kraus (Horst Galuschka, dpa picture-alliance)
Weiterführende Information

Hessen will Gymnasien die Rückkehr zu G9 ermöglichen (Deutschlandfunk, Campus & Karriere, 26.06.2012)

Die Einführung des Abiturs nach acht Jahren in den Ländern sei überstürzt und konzeptionslos erfolgt, sagte Kraus. Er sei froh, dass jetzt wieder eine Debatte über eine Rückkehr zum Abitur an deutschen Gymnasien nach neun Jahren begonnen habe. "Der Zug ist nicht mehr aufhaltbar", gerade in den großen Bundesländern.

Die Verkürzung der Gymnasialzeit auf acht Jahre sei ein Fehler gewesen. Auf die Entwicklung der Schüler sei keine Rücksicht genommen worden, sagte Kraus. Die Schüler seien bei ihrem Abiturs ein Jahr weniger reif, ein Jahr weniger erwachsen. Er plädiere für eine Vereinheitlichung der Bildungswege, nicht der Schulformen. Die Rahmenbedindungen in den einzelnen Bundesländern seien noch sehr unterschiedlich.

Das Gymnasium sei die erfolgreichste Schulform der Welt. Das Abitur in Deutschland mit den Schulabschlüssen in anderen Ländern sei nicht vergleichbar, sagte Kraus. Der Lebensalter sei nicht alles, was nach einem Studium zähle. Auch Arbeitgeber legten immer mehr Wert auf gereifte Persönlichkeiten.

 


Das vollständige Interview

 

Jürgen Liminski: Die Investition in Bildung bringt die beste Rendite, meinte schon Benjamin Franklin, aber meinte mit Rendite nicht nur Gehalt, sondern vor allem Gewinn für die Persönlichkeit. Um diesen potenziellen Gegensatz zwischen Wissensanhäufung und Persönlichkeitsbildung geht es auch bei der Diskussion um das Gymnasium mit acht oder neun Jahren. Manche Länder haben dieses Experiment acht Jahre Gymnasium beendet, andere sind noch in der Überlegung, zum Beispiel Nordrhein-Westfalen. Wieder andere wollen das Abitur vereinheitlichen. Was wird aus G8 oder G9 in Deutschland? Bietet sich hier eine Chance für die Vereinheitlichung der Schullaufbahnen. Zu diesen und anderen Fragen rund um die Bildungsdiskussion in Deutschland begrüße ich den Präsidenten des Deutschen Lehrerverbands, Josef Kraus. Guten Morgen, Herr Kraus!

Josef Kraus: Guten Morgen, Herr Liminski!

Liminski: Herr Kraus, die Diskussion um G8 oder G9 ist noch in vollem Gang. Als Präsident des Lehrerverbandes haben Sie bundesweit Einblick in die Diskussion. Bekommen wir da noch einmal ein einheitliches System hin?

Kraus: Ich bin sehr froh, dass diese Debatte wieder angefangen hat, denn die Einführung des G8 in der Mehrzahl der deutschen Länder war ein großer Fehler. Erstens, weil sie überstürzt erfolgt ist, diese Einführung, und zweitens, weil sie konzeptionslos war, und drittens, weil sie keine Rücksicht genommen hat auf das, was man sich unter gymnasialer Bildung vorstellt, und auch keine Rücksicht genommen hat auf Tatsachen aus der Entwicklungspsychologie. Man kann nun einfach mal Entwicklungen nicht beschleunigen. Und dass wir heutzutage Abiturienten haben, die ein Jahr weniger erwachsen, ein Jahr weniger reif sind als im neunjährigen Gymnasium, das haben wir nun mit den ersten G8-Jahrgängen festgestellt. Aber wenn Sie darauf abheben, dass wir eine Reihe von Bundesländern haben, die nun zurück wollen zum G9 oder das auch schon entschieden haben, dann kann ich das nur begrüßen. Ich glaube, der Zug in Richtung G9, zurück zum G9, ist nicht aufhaltbar. Und wenn wir eines Tages dann wieder in der Mehrzahl der Bundesländer, vor allem der großen Länder, ein G9 haben werden, würde ich das sehr begrüßen. Niedersachsen geht in die Richtung, Hessen geht in die Richtung, Baden-Württemberg teilweise in die Richtung, und in Bayern zeichnet sich das auch ab.

Liminski: Wäre das nicht auch eine Chance für eine Vereinheitlichung der Schullaufbahn, wenigstens zeitlich?

Kraus: Ich möchte eine Vereinheitlichung der einzelnen Bildungswege. Ich möchte deutschlandweit eine Vereinheitlichung des Weges zum Abitur, des Weges zur mittleren Reife, des Weges zu einem Hauptschulabschluss, egal, wie man ihn nennt. Aber ich möchte natürlich keine Vereinheitlichung über alle Schulformen hinweg, da bin ich nach wie vor ein Überzeugter eines differenzierten Schulwesens mit jeweils eigenen Schulprofilen. Schulprofile, die dann der Unterschiedlichkeit der Begabungen und des Leistungsvermögens von Kindern gerecht werden.

Erkennbares Bemühen um etwas mehr Vergleichbarkeit

Liminski: Immerhin haben sich jetzt sechs Länder, Herr Kraus, auf einen gemeinsamen Aufgabenpool für das Abitur geeinigt. Bringt das nicht länderübergreifend mehr Gerechtigkeit und Vergleichbarkeit?

Kraus: Es ist ein erster kleiner Ansatz. Aber ich betone, ein sehr kleiner Ansatz. Das, was wir jetzt in den sechs Ländern haben mit Teilen von Abituraufgaben, mit einem gemeinsamen Aufgabenpool erfasst aber bestenfalls im einstelligen Prozentbereich das Abiturzeugnis. Wir haben nur Teilaufgaben. Es ist eine von fünf Deutschaufgaben beispielsweise, und das bedeutet, dass wir nach wie vor keine Vereinheitlichung haben im Bereich der elften, im Bereich der zwölften Jahrgangsstufe, also in den beiden letzten Schuljahren, die ja zweidrittel mit ihren Leistungen des Abiturzeugnisses, der Abiturwertung ausmachen. Dann haben wir in den Ländern zum Teil vier, zum Teil fünf Abiturprüfungsfächer. Auch die werden nur teilweise erfasst. Also es ist ein zunächst mal erkennbares und anerkennbares Bemühen um etwas mehr Vergleichbarkeit. Aber es ist auch ein erhebliches Stück Schaufensterpolitik, denn die Bedingungen, die Rahmenbedingungen für das Abitur sind nach wie vor von Bundesland zu Bundesland sehr, sehr unterschiedlich. Hier muss sich einfach die Kultusministerkonferenz noch mal selbstkritisch besinnen, ob das so der richtige Weg ist. Ich will keine Vereinheitlichung des Abiturs in Deutschland, ich möchte auch nicht, dass jetzt dort Berlin oder ein Bundesbildungsminister bestimmt, was in Sachen Abitur in den 16 Ländern geschieht.

Liminski: Bei all der Vielfalt und den zum Teil doch großen Unterschieden – hat sich denn der Bildungsföderalismus nicht doch überlebt? Wäre mehr Zentralismus nicht angebracht?

Kraus: Wir haben in Deutschland eine andere Tradition als in anderen Ländern. Deutschland als Staat ist anders gewachsen als etwa Frankreich, das ist ganz klar. Wir sind föderal strukturiert, das ist ein Bau- und Architekturprinzip unseres Grundgesetzes. Ich würde mal sagen, es hat sich im Wesentlichen auch bewährt, denn Föderalismus bedeutet Ringen um die beste Lösung, bedeutet Konkurrenz belebt das Geschäft, bedeutet Wettbewerb. Deshalb bin ich ein unbedingter Verfechter gerade auch in Sachen Bildungspolitik eines kompetitiven Föderalismus, also eines Föderalismus, wo es tatsächlich um die Konkurrenz geht, was die beste Gestaltung von Politik betrifft. Leider aber haben wir die Entwicklung in den letzten Jahren, dass wir etwa in dem Gremium der Kultusministerkonferenz eher immer Beschlüsse haben in Richtung des Kompromisses, des Kompromisses, sodass sich immer mehr auch anspruchsvollere Bildungsländer in Deutschland dann an einem Mittelmaß orientieren oder gar an den Schwächeren orientieren. Hätten wir in Deutschland beim Regierungswechsel 1969 einen Bildungszentralismus gehabt, ich sage es mal sehr platt, hätten wir wahrscheinlich heute in ganz Deutschland PISA-Ergebnisse wie in Bremen oder Berlin.

Das Collège in Frankreich ist einheitlich, aber ungerecht

Liminski: Noch mal zum Bildungsföderalismus. In Frankreich, Sie haben es ja eben auch kurz erwähnt, gibt es ein Zentralabitur und G8, die französischen Studenten haben mit 23 oder 24 ihren Abschluss und sind damit eher im Berufsleben und wettbewerbsfähiger als deutsche Studenten, gerade in dieser ersten Phase des Berufslebens. Ist das kein Vorbild oder ein Wettbewerbsvorteil?

Kraus: Ich möchte der These ein bisschen widersprechen, dass das Lebensalter beim Abschluss einer Hochschulausbildung unbedingt ein Konkurrenzvorteil ist. Ich glaube, dass man auch seitens der Arbeitgeberschaft und seitens der Wirtschaft allmählich kapiert hat, dass es nicht bloß um solche Äußerlichkeiten wie Lebensalter, sondern wirklich um gereifte Persönlichkeit geht. Im Übrigen ist Deutschland mit Frankreich und umgekehrt nicht ohne Weiteres vergleichbar. Das, was am Ende von zwölf Jahren in Frankreich als Schulabschluss da steht, ist nicht vergleichbar mit dem deutschen Abitur. Wenn ich mir beispielsweise vergegenwärtige, dass man in Frankreich, wenn man wirklich den deutschen Begriff des Abiturs verwenden will, eine 80-prozentige Abiturientenquote hat, also dass es fast nichts mehr außerhalb dieses Schulabschlusses gibt. Wenn ich mir vergegenwärtige, dass die Folge natürlich ist, das wissen wir, dass in Frankreich eine Studierabbrechquote von 60 Prozent da ist; wenn ich mir vergegenwärtige, dass eine Classe prépératoire erst mal dazwischengeschaltet werden muss, wenn man die Aufnahmeprüfung an einer renommierten Hochschule haben will – also bitte Vorsicht mit solchen Vergleichen. Frankreich hat in den 1970er-Jahren das Schulsystem vereinheitlicht mit der Folge, dass sogar ein ehemaliger Staatspräsident Sarkozy gesagt hat, wir haben das Collège unique bekommen, ein einheitliches Collège bekommen, aber es ist ein Collège inique, ein ungerechtes Collège geworden. Also wir sollten auf unsere eigenen Traditionen besinnen. Das Gymnasium ist noch die erfolgreichste Schulform der Welt, aber man ist dabei, diese Schulform zu atomisieren.

Liminski: Die Vielfalt im deutschen Schulwesen hat viele Vorteile – das war Josef Kraus, Präsident des Deutschen Lehrerverbands. Besten Dank für das Gespräch, Herr Kraus!

Kraus: Danke auch, Herr Liminski!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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