• Deutschlandfunk bei Facebook
  • Deutschlandfunk bei Twitter
  • Deutschlandfunk bei Google+
  • Deutschlandfunk bei Instagram

 
Seit 11:35 Uhr Interview der Woche
StartseiteInterviewGlobales Wissen statt Frontalunterricht14.01.2011

Globales Wissen statt Frontalunterricht

Zum zehnjährigen Geburtstag von Wikipedia

"Wer im Studium und in der Schule Wikipedia zitiert, um damit Aussagen zu belegen, der macht einen Fehler." Wikipedia werde zwar stetig besser, dennoch sei es für eine gute Recherche immer wichtig, mehrere Quellen zu prüfen, sagt der Erste Vorsitzende von Wikimedia Deutschland.

Sebastian Moleski im Gespräch mit Christoph Heinemann

Wikipedia (AP)
Wikipedia (AP)
Mehr bei deutschlandradio.de

Links bei dradio.de:

Wissen per Mausklick - Zehn Jahre Wikipedia

Christoph Heinemann: Wikipedia ist ein Projekt zum Aufbau einer Enzyklopädie aus freien Inhalten in allen Sprachen der Welt. Jeder kann mit seinem Wissen beitragen. Seit 2001 sind so rund 1.174.800 Artikel in deutscher Sprache entstanden. Gute Autorinnen und Autoren sind stets willkommen. – Raten Sie einmal, wo ich diese, jetzt leicht veränderte Beschreibung kopiert habe? – Richtig: aus Wikipedia. Die Internet-Enzyklopädie feiert ihren 10. Geburtstag.
Wir wollen die Konkurrenz zu Wort kommen lassen: Beate Varnhorn, Verlagsleiterin der Brockhaus-Redaktion, in einem Deutschlandfunk-Interview:

"Wikipedia wird genutzt. Das zeigt, dass die Wikipedia einen hohen Nutzwert für alle Menschen hat. Es gibt Bereiche, in denen das nicht wirklich weiterhilft. Nehmen wir andere Stichwörter: Hitler, Angela Merkel, Firmen, politische Gruppierungen, Begriffe, die einfach brisant sind. Immer da, wo es also um Terminologie geht, bei denen also absolute Genauigkeit und Unparteilichkeit in der Information wichtig ist, etwa in schulischen Kontexten, in wissenschaftlichen Kontexten, da kann man sich, glaube ich, nur auf eine Quelle verlassen, die absolut seriös ist und die wissenschaftlich abgesicherte Informationen aufbereitet."

Heinemann: Beate Varnhorn von der Brockhaus-Redaktion. Und am Telefon ist Sebastian Moleski, der Erste Vorsitzende von Wikimedia Deutschland. Wikimedia ist ein gemeinnütziger Verein, der sich für die Förderung freien Wissens einsetzt, vor allem eben für das Wikipedia-Projekt. Guten Morgen!

Sebastian Moleski: Schönen guten Morgen.

Heinemann: Herr Moleski, stehen in Ihrem Bücherregal noch Lexikonbände?

Moleski: Ehrlich gesagt nein, das tun sie nicht. Das haben sie mal. Ich hatte tatsächlich in den 90er-Jahren mal ein paar Bände des Brockhaus, aber da steht keiner mehr.

Heinemann: Wo sind die geblieben?

Moleski: Die Bände sind verkauft, tatsächlich, an einen guten Freund, der alte Bücher sammelt. Und der Brockhaus wird irgendwann auch dazugehören. Meine Inhalte und meine Fragen beantworte ich hauptsächlich über Wikipedia.

Heinemann: Es sei denn, der Strom fällt mal aus?

Moleski: Es sei denn, der Strom fällt mal aus. Aber es gibt ja durchaus auch in dem Fall noch das Mobiltelefon, das durchaus mir auch Zugriff darauf ermöglicht. Wenn das auch tot ist, dann muss ich zu meinem Freund hingehen und ihn bitten, mir noch mal einen Brockhaus auszuleihen.

Heinemann: Herr Moleski, über die Lemmata, das heißt die Schlagworte eines Lexikons, entscheidet eine Redaktion. Wer entscheidet über die Artikel in Wikipedia?

Moleski: Also, das ist im Prinzip eigentlich nicht wirklich anders. Wir haben eine Gemeinschaft von mehreren Tausend aktiven Autoren, die regelmäßig dabei sind, die nicht nur ihre eigenen Artikel schreiben, sondern sich auch ein wenig um Artikel anderer Autoren kümmern, begutachten, wie gut die sind, ob die Themen relevant sind, und so weiter. Und das passiert alles in Diskussionen im Internet, in der Wikipedia, die man als normaler Leser nie sieht, die aber einen sehr, sehr großen Teil dessen ausmachen, was eigentlich in der Wikipedia passiert.

Heinemann: Gute Autorinnen und Autoren sind stets willkommen, heißt es bei Ihnen auch im Text. Wie trennen Sie da die Spreu vom Weizen?

Moleski: Das zeigt sich meist relativ schnell, muss man sagen. Es gibt Menschen, die haben da ein gewisses Talent, eine gewisse Fähigkeit, Artikel zu schreiben, enzyklopädisch Inhalte darzustellen. Das drücken sie dann in ihrer Arbeit, in ihrer Artikelarbeit, im Diskussionsverhalten aus. Und es gibt Menschen, denen das nicht liegt, die vielleicht auch gar kein Interesse haben, sondern ein ganz anderes Interesse haben, warum sie bei Wikipedia mitmachen, und die relativ schnell auffallen dadurch und dann auch relativ schnell ihre Schreibrechte verlieren.

Heinemann: Das heißt, die schmeißen Sie dann raus?

Moleski: Genau.

Heinemann: Nach welchen Kriterien wird ausgesucht? Oder anders gefragt: Wer oder was ist denn würdig, überhaupt in Wikipedia beschrieben zu werden, aufgenommen zu werden. Und wer oder was nicht?

Moleski: Das ist eine der langwierigsten Diskussionen, die wir haben, hatten und wahrscheinlich haben werden. Im Übrigen sind das ähnliche Diskussionen, die auch der Brockhaus hatte, nur dass man die dort nur hinter verschlossenen Türen hätte miterleben können.
Wir haben inzwischen ein Regelwerk, das ist viele Druckseiten lang, aus Kompromissen und Konsensfindungen, Diskussionen ausgearbeitet, welche Themen relevant genug sind für Wikipedia und welche Themen nicht.

Heinemann: Welche denn?

Moleski: Zum Beispiel gibt es einen Grundsatz, dass jede Gemeinde relevant genug ist. Jede Gemeinde, jeder Ort mit einem Namen, hat das Recht, einen Artikel zu bekommen. Jeder Bürgermeister einer bestimmten Gemeinde mit einer gewissen Größe hat ein Recht sozusagen oder es wird angenommen, dass es relevant genug ist, um in der Wikipedia aufgenommen zu werden.

Heinemann: Größe und Relevanz. - Sie haben eben Brockhaus angesprochen. In einem Lexikon wird vergeblich blättern, wer etwas über Dolly Buster erfahren möchte. Wikipedia gewährt in Schrift und Bild Einblicke in deren hervorstehendste Eigenschaften. Gibt es denn nichts Wichtigeres für Sie oder Wissenswerteres?

Moleski: Doch, natürlich gibt es das, also für mich persönlich auf jeden Fall. Man muss da auch ein bisschen unterscheiden zwischen dem, was wir als relevant betrachten, und was vielleicht andere als wichtig sehen. Da sind andere Faktoren, die eine Rolle spielen.

Heinemann: Wieso ist Dolly Buster relevant?

Moleski: Das müsste ich mir jetzt mal im Einzelnen anschauen. Aber meine Vermutung ist, dass Dolly Buster deswegen relevant ist, weil sie eine relativ hohe mediale Aufmerksamkeit bekommen hat, weil sie wirtschaftlich sehr erfolgreich ist und weil sehr viele andere Menschen, andere Institutionen über sie geschrieben haben. Das ist immer noch der wichtigste Faktor eigentlich bei dieser Wichtigkeitsfindung: Wer beschäftigt sich mit dem Thema und wie viele beschäftigen sich mit dem Thema. Eine Garagenband, die niemand kennt, kann schon deswegen nicht relevant sein, weil ich keine Quellen finde, weil ich gar keine Möglichkeit habe, zu prüfen, ob das, was da geschrieben wird über sie, überhaupt stimmt.

Heinemann: Herr Moleski, der Frankfurter Soziologe Christian Stegbauer hat in einem Buch sinngemäß geschrieben, die Legende des egalitären Mitmachlexikons stimme so gar nicht. Er schreibt über die Herrschaft der Administratoren. Wer sind denn die Hierarchen in Ihrem Verein?

Moleski: In der Wikipedia gibt es gewisse Abstufungen, das stimmt schon. Die haben sich über die Jahre entwickelt, weil man festgestellt hat, dass dann, wenn man alles jedem freilässt, auch sehr viel Mist dabei herauskommt, sehr viel Schaden hervorgebracht wird. Deswegen gibt es bestimmte Funktionen, wie zum Beispiel das Entziehen der Schreibrechte, wo wir sagen können, dass ein Benutzer nicht mehr in der Wikipedia mitschreiben kann, weil das, was er macht, schädlich ist. Für den Aufbau einer Enzyklopädie einfach nicht geeignet, nicht nützlich und auch dem nicht irgendwie förderlich ist. Dazu gibt es Administratoren, die aus dieser Gemeinschaft heraus gewählt werden, die das alles öffentlich machen, was sie tun, wo auch jeder nachvollziehen kann und kontrollieren kann, was sie tun, wen und wo sie sperren, wo sie Einschränkungen vornehmen. Und die auch ihre Rechte wieder verlieren können, wenn sich herausstellt, dass das missbräuchlich gemacht wird.

Heinemann: Wie werden Fehler korrigiert?

Moleski: Wir haben für jede Seite eine Liste aller Änderungen. Wir können zum Beispiel jederzeit schauen, wer wann wo wie welche Änderung, welches Wort hinzugefügt, welchen Satz entfernt, welche Seite gesperrt hat. Das heißt, Fehler sind relativ schnell zu korrigieren.

Heinemann: Verändert Wikipedia die Wissensvermittlung?

Moleski: Wir hoffen es ein wenig, dass wir das tun. Also der größte Vorwurf, den Wikipedia in der Vergangenheit bekommen hat, ist, dass es nicht verlässlich ist, dass man sich nicht darauf verlassen kann, wenn da Tausende von Amateuren in ihrer Freizeit eine Enzyklopädie schreiben. Jetzt habe ich über diese Jahre natürlich durchaus sehr viele gute Inhalte, sehr viel gute Artikel geschaffen, sehr viele gute Texte wurden geschrieben. Und es gibt auch nicht wenige Wissenschaftler, die zeigen, dass das, was wir schreiben, recht gut ist und dass die Qualität stetig besser wird.
Was sich geändert hat und was sich vielleicht noch stärker ändern wird, ist, dass ich noch weniger einfach glaube, was irgendjemand schreibt, dass ich noch stärker dazu gezwungen werde eigentlich, mir die Quellenlage anzuschauen. Dass ich mir anschaue, gerade auch in der Wikipedia, inwiefern die Inhalte, die Aussagen, die da stehen, belegt sind, inwiefern ich da auf andere Quellen verweisen kann. Das sind alles Informationen, die ich beim Brockhaus nicht habe. Die Möglichkeit, das zu überprüfen, was im Brockhaus steht, also zu schauen, welche Quellen benutzt wurden, um die Brockhaus-Artikel zum Beispiel zu schreiben, die Möglichkeit gab es gar nicht und die gibt es in der Wikipedia und die ist auch sehr wichtig, dass es die gibt. Und was wir hoffen ist, dass das Bewusstsein dafür, für die Notwendigkeit der Quellenkritik, der Nachprüfung von den Aussagen, dass die gestärkt wird.

Heinemann: Herr Moleski, wenn es denn andere Quellen dann noch gibt. Sie haben ja selber eben gesagt, Sie haben Ihre Lexika schon verkauft. Wird Wikipedia in 10, 20, 30 Jahren darüber entscheiden, was wir wissen?

Moleski: Ich hoffe nicht. Also man hat früher schon ziemlich viel Ärger bekommen in Schule und Studium, wenn man Enzyklopädien zitiert hat, da das keine Primär-, oder Sekundärliteratur ist. Das ist keine Recherche, das ist im Prinzip recherchiertes Recherchiertes noch mal wiederzugeben. Das war damals schon nicht okay und das ist heute auch nicht okay. Wer im Studium und in der Schule Wikipedia zitiert, um damit Aussagen zu belegen, der macht einen Fehler, der hat nicht verstanden, was Sinn und Zweck einer Enzyklopädie ist. Und wird das lernen müssen, das, was Lehrer, was Professoren auch weiter ihren Schülern und Studenten beibringen müssen.

Heinemann: Herr Moleski, Politik war bislang Sache der Politiker, nun eignen sich Bürger die Politik wieder an. "Stuttgart 21" ist ein Beispiel dafür. Für die Wissensvermittlung gab es früher Institutionen, über Lexika haben wir schon gesprochen, heute die Wiki-Projekte. Vollzieht die Zivilisation gerade den Wandel vom Frontal- zum globalen Gruppenunterricht?

Moleski: Was wir auf jeden Fall sehen ist, dass das Thema Wissensvermittlung und Informationsvermittlung, Informationen sammeln und verbreiten, auf ganz neue Beine gestellt wurde. Und zwar auf viel, viel, viel breitere Beine, als das vorher der Fall war. Die "Gay Keeper", die vorher existierten, spielen keine so große Rolle mehr, sie werden aber auch nicht verschwinden. Für meinen Teil gehe ich auf jeden Fall nicht davon aus, dass wir zukünftig überhaupt keine Redaktionen mehr haben werden oder zukünftig keine organisierten Zeitungen, ob nun im Internet oder gedruckt oder wie auch immer, weil diese Arbeit trotzdem gemacht werden muss und weil sich die Arbeitsweise, die in der Wikipedia benutzt wird, nicht für alles eignet. Insbesondere eignet sie sich nicht so sehr gut für wirklich zeitintensive, also für Themen, die in einer bestimmten Zeit, nämlich mit Geschwindigkeit, umgesetzt werden müssen, wie das bei einer Zeitung der Fall ist.

Heinemann: Sebastian Moleski, der Erste Vorsitzende von Wikimedia Deutschland, des Vereins, der sich für die Förderung freien Wissens und damit für Wikipedia einsetzt. - Letzte Frage noch: Wie kamen Sie eigentlich zu Wikipedia?

Moleski: Ich war damals Student und habe das benutzt als Anfang für meine Recherche damals, viele Artikel zu Wirtschaftsthemen. Ich habe Volkswirtschaftslehre studiert damals in Amerika und fand eines Abends, stellte fest, dass es diesen "Bearbeiten"-Link da gibt, und dachte mir mit einer gewissen Neugier, was denn sich dahinter verbirgt. Das war mein Einsatz. Daraus folgten viele hundert Artikel und Veränderungen, Bearbeitungen, in der englischen Wikipedia und der deutschen Wikipedia.

Heinemann: Und Sie sind dabei geblieben?

Moleski: Und ich bin dabei geblieben, ja.

Heinemann: Danke schön für das Gespräch und auf Wiederhören!

Moleski: Vielen Dank! Tschüß.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk