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StartseiteCampus & KarriereBrandbrief gegen völlige Überlastung11.06.2018

Grundschulerzieher in Berlin wehren sichBrandbrief gegen völlige Überlastung

Mangelnde Sprachkenntnisse und unterschiedlichste Förderbedarfe: 500 Neuköllner Erzieherinnen und Erzieher haben genug. Mit einem Brandbrief wehren sie sich gegen die zunehmende berufliche Überlastung bei gleichzeitiger schlechter Bezahlung.

Von Anja Nehls

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Grundschüler und eine Lehrerin während einer Unterrichtsstunde in einem Klassenzimmer (imago/photothek)
Erzieherinnen und Erzieher in Berlin-Neukölln fühlen sich durch die Vielzahl ihrer Aufgaben überfordert (imago/photothek)
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Ein Brandbrief wie eine Kinderzeichnung – mit höchst ernsten Inhalten verpackt in lustig-luftige Comicblasen. 500 Erzieherinnen und Erzieher aus Berlin Neukölln hatten ihrem Ärger Luft gemacht:

Dass Inklusion nicht zulasten der Lehrer und Erzieher geht, ohne die Bedingungen vor Ort anzupassen, ist eine ihrer Forderungen. Dass der Beruf finanziell deutlich attraktiver werden muss, damit die jungen Fachkräfte nicht in andere Bundesländer abwandern.

Dass schriftliche Verfahren vereinfacht, die Grundausstattung verbessert, der Personalschlüssel überarbeitet und die Senatsverwaltung für Erzieher auch mal erreichbar sein soll.

Sichtbare und spürbare Probleme

Persönlich will sich von den Neuköllner Erzieherinnen und Erziehern zu den Forderungen leider niemand äußern – aber die Probleme sind sichtbar und spürbar, wenn man Berliner Grundschulen besucht. Statt Kinder einfach zu beschäftigen oder den Hortbetrieb zu gewährleisten, der seit 2005 an Berliner Grundschulen Pflicht ist, werden Erzieher mit in den Unterricht einbezogen:

"Lies noch einmal, Noa!"- "Wir feiern das Erntedankfest." – "Super machst du das. Und was bedeutet das?" – "Dass da ganz viel wachst." – "Gewachsen ist, ja genau."

Während ihre Klassenkameraden mit der Lehrerin im Klassenzimmer sind, haben sich die siebenjährige Noah und eine Erzieherin in der Bibliothek zum Lesen üben zurückgezogen. So etwas sei auch an ihrer Schule üblich, sagt Barbara Jürgens Streicher, die stellvertretende Schulleiterin der Jens-Nydahl-Grundschule in Kreuzberg – eine gebundene Ganztagsschule mit 40 Lehrern und 20 Erziehern.

Hier gibt es kein einziges Kind, das deutschsprachige Eltern hat, dafür mindestens drei bis vier pro Klasse mit besonderem Förderbedarf, mit Sprachdefiziten, emotional-sozialen Beeinträchtigungen, Lernschwierigkeiten oder sogar geistiger Behinderung. Diese Kinder angemessen zu fördern, ginge nicht ohne die Hilfe der Erzieher auch im Unterricht, sagt Barbara Jürgens Streicher:

"Festgelegt ist, das sie mit einer vollen Stelle zehn Stunden im Unterricht sein müssen, es gibt aber hier viele engagierte Erzieher, die sogar mehr machen. Aber die Anzahl der Kinder mit Förderstatus nimmt immer stärker zu und eigentlich gibt es ja so eine Empfehlung, dass es nicht mehr als drei bis viel Kinder pro Klasse geben soll und das wird oft überschritten."

Und um die sich häufig auch die Erzieher kümmern müssen und sich dabei immer öfter überfordert, zu wenig wertgeschätzt und nicht ausreichend bezahlt fühlen. Die GEW, die den Brandbrief an die Senatsverwaltung weitergeleitet hat, kann der Frust der Erzieher verstehen. Gerade erst hat nämlich der Berliner Senat eine deutlich bessere Bezahlung der Grundschullehrer beschlossen – aber nicht die der rund 8.000 Erzieherinnen und Erzieher, die mit den Lehrkräften in enger Zusammenarbeit in den Berliner Grundschulen tätig sind, beklagt Tom Erdmann von der GEW

"Eine Klassenlehrerin verdient bald 500 mehr, weil eben Grundschullehrer so bezahlt werden wie am Gymnasium. Aber damit verdient die Klassenlehrerin genau doppelt so viel, wie die Klassenerzieherin und da ist der Frust verständlich."

In der Gesundbrunnenschule im Berliner Wedding koordiniert Erzieher Heiko Großer ein Team von über 20 Kolleginnen. Vor dem Bildungsausschuss des Berliner Abgeordnetenhauses versucht er zu erklären, warum 5 Gehaltsstufen weniger für Erzieher als für Lehrer ein Problem sind:

"De Kolleginnen arbeiten im Schichtdienst von sechs bis 18 Uhr, die Kolleginnen arbeiten in allen Ferienzeiten. Keine Erzieherin und kein Erzieher ist neidisch und gönnt den Lehrerinnen und Lehrern nicht den wichtigen Beschluss, nämlich E13.

Aber wir wollen aufmerksam machen, dass an Schulen dadurch die Schere größer geworden ist. Ich verliere zunehmend Kolleginnen und Kollegen nach Brandenburg."

Denn dort werden Erzieher nach dem Tarifvertrag des Öffentlichen Dienstes TVöD bezahlt, in Berlin nur nach dem niedrigeren Tarifvertrag der Länder TV-L. Das will jetzt die Berliner Bildungssenatorin Sandra Scheres ändern.

"Es geht darum, die Lücke zwischen TVöD und TdL zu schließen, und das ist ja auch der Wunsch der Koalition, das steht im Koalitionsvertrag.

Ich finde, wir müssen auch auf Bundesebene darüber reden, dass es auch um eine andere tarifliche Eingruppierung geht und da wird sich das Land Berlin stark machen."

Hoffen auf bessere Zeiten

Angesichts des katastrophalen Erziehermangels in er Hauptstadt hoffentlich bald. Bereits beschlossen ist jetzt immerhin, dass nicht nur Lehrer, sondern auch Erzieher von den Geldern profitieren, die als sogg. Bonus für Brennpunktschulen bereitstehen – immerhin 8,6 Millionen Euro pro Doppelhaushalt.

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