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StartseiteBüchermarkt"Den Stil erkenne ich wieder" 28.09.2016

Handschrift von William Shakespeare"Den Stil erkenne ich wieder"

Lange wurde spekuliert, nun ist bewiesen: Eine über 400 Jahre alte Handschrift stammt tatsächlich von William Shakespeare. Unter dem Titel "Die Fremden" ist der Text gerade auf Deutsch erschienen. Angesichts der Flüchtlingssituation, zeige er eine erstaunliche Aktualität, sagte Shakespeare-Übersetzer Frank Günther im DLF.

Frank Günther im Gespräch mit Tanya Lieske

Ein bislang unbekanntes Portrait des englischen Lyrikers William Shakespeare wird am 12.02.2014 in Mainz (Rheinland-Pfalz) präsentiert. (picture-alliance/ dpa / Daniel Reinhardt)
Von William Shakespeare (1564 - 1616) waren bisher nur sechs Unterschriften bekannt. Nun konnte ihm eine weitere rund 500 Jahre alte Handschrift zugeordnet werden. (picture-alliance/ dpa / Daniel Reinhardt)
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Tanya Lieske: Von William Shakespeare (1564 - 1616) waren bislang nur sechs Unterschriften bekannt. Nun ist man sich sicher, dass eine Handschrift aus dem späten 16. Jahrhundert von ihm stammt. Demnach war Shakespeare Mitautor eines Dramas, in dem ein aufgebrachter Mob aus Londoner Bürgern die Fremden aus der Stadt verjagen will. In der Szene, die Shakespeare geschrieben hat, tritt der Katholische Moralphilosoph Thomas Morus (1478 - 1535) auf und beschwichtigt die Bürger. Er appelliert an ihre Ordnungsliebe und auch an ihr Mitgefühl: "Seht, wie Fremden mit ihren Kindern auf dem Rücken zur Küste fliehen." Herr Günther, wann haben Sie zum ersten Mal von dieser Handschrift "D" erfahren?

Frank Günther: Eigentlich weiß ich das schon immer, dass es den Text gibt. Immerhin wird schon seit 1871 vermutet, dass er von Shakespeare ist. Nach langem Streit ist erst jetzt durch die computerisierte, die statistische Linguistik möglich geworden, so viele Nachweise dafür zu erbringen, dass der Text von Shakespeare stammt. Es handelt sich dabei um einen kleinen Einschub in einem ganzen Stück, das von vier anderen Leuten geschrieben wurde. Und natürlich ist der Text, weil er auf eine Flüchtlingssituation der Jahre 1517 und 1595 zurückgeht, in der gegenwärtigen Situation der europäischen Flüchtlingskrise von besonderer Bedeutung. Also, dadurch hat der Text jetzt für den Moment einen Sinn gestiftet bekommen, durch die Situation unserer eigenen Zeit.

Lieske: Lassen Sie uns kurz noch mal bei der Echtheit dieses Textes bleiben. Es gab ja in den vergangenen Jahrhunderten auch immer wieder aufsehenerregende Fälschungsskandale. Und Sie sagten es, diese Handschrift, um die es geht, darüber wurde seit 1871 spekuliert, dass sie echt sei.

Günther: Ja.

Die Echtheit ist unter Fachwissenschaftlern Konsens

Lieske: Jetzt hat sich das erhärtet, punktgenau zum Shakespeare-Jahr 2016. Wie ist man denn da vorgegangen?

Günther: Es gibt drei, vier grundsätzliche Techniken, wie man es machen kann. Dieser Text hat keine Autorbezeichnung. Das ganze Manuskript nicht. Man geht nun davon aus, dass man interne Belege findet in der Art, wie ein Text geschrieben ist. Dabei hilft nun also einmal die Paläografie, also das Entziffern alter Texte. Dann gibt es die Grafologie, die vergleichende Textwissenschaft, die sagt: Wir haben von Shakespeare sechs Unterschriften, was sehr, sehr wenig ist als handschriftliche belegte Zeugnisse, und haben diese drei Folioseiten in dem Thomas-Morus-Stück. Dann gibt es die statistische Linguistik, die Besonderheiten in einem Text sucht und vergleicht, wo es sie wieder gibt. Ein Beispiel: Shakespeare hatte die Angewohnheit, das Wort "silence" mit "sci" anzufangen, also wie in "science". Diese Schreibweise findet sich in Handschrift D und diese Schreibweise findet sich in einem anderen Shakespeare-Stück in gehäuftem Maße. Sie findet sich allerdings nirgendwo sonst im gesamten Textkorpus der elisabethanischen Zeit. Denn man kann inzwischen diese gesamten Texte der elisabethanischen Zeit digital durchsuchen. Man geht jetzt aufgrund der Vielzahl von Untersuchungen mit Gewissheit davon aus, dass dieser Text von Shakespeare ist, und das ist der Konsens so gut wie aller Fachwissenschaftler.

Lieske: Und offensichtlich hat es auch Sie überzeugt, denn Sie übersetzen derzeit das Gesamtwerk und in diesem Rahmen auch eben diese Shakespeare-Szene, die jetzt unter dem Titel "Die Fremden" bei uns in Deutschland erschienen ist. Das gesamte Stück ist Thomas Morus gewidmet. Er ist sehr bekannt als der Autor von "Utopia", Rechtsgelehrter, Jurist, Philosoph. Und der wurde tatsächlich 1517 gerufen, als Aufstände in London drohten, weil die Fremden, nämlich Menschen aus Flandern und aus Frankreich, in der Stadt waren. Was war denn da los, Herr Günther, wie war die Stimmung?

Günther: Es war eine sehr aufgeladene Stimmung, weil die Londoner Bürger, besonders die Handwerker, das Gefühl hatten, dass die Krone die Fremden übermäßig privilegiert: nicht auf die eigenen Bürger achtet, die Klagen der Bürger gegen die Fremden nicht wahrnimmt. Und so kam es nach massiven Übergriffen der Fremden auf die Londoner Bürger ­- sie haben sich beispielsweise Frauen geschnappt und Bürger bestohlen, das ist belegt – kam zu einer Zornesstimmung im Volk . Es wurde dann verkündet, dass zum 1. Mai 1517 ein großer Aufstand zur Vertreibung der Fremden losbrechen sollte. Thomas Morus schaffte es in dem Stück, mit einer humanistischen Rede nach dem Prinzip "Was du nicht willst, das man dir tu, das füge auch keinem anderen zu!" die Bürger dazu zu bringen, dass sie die Waffen niederlegen.

Lieske: Die Bürger tauchen in der Szene zuerst auf und die sagen allerlei fremdenfeindliche Stereotypen …

Günther: Ja.

Lieske: … die schleppen uns Krankheiten ein, die sind Schmarotzer…

Günther: Ja, ja.

Lieske: Oder man denkt an Hartz IV, ihr Gemüse schmeckt nicht. Und dann, Sie sagten es, hebt Thomas Morus zu einer Rede an, an der man den wirklich geschulten Rhetoriker erkennt.

Günther: Ja.

Lieske: Es läuft hinaus auf diese Nützlichkeitsformel, aber er sagt noch ein bisschen was vorher. Er appelliert auch an Mitleid und an Recht und Ordnung. Was sagt er?

Günther: Ja, er appelliert eigentlich vor allem an Recht und Ordnung. Es ist eine Rede, in der ein Einzelner eine große Volksmenge beruhigen will. Das gibt es im Shakespeare-Kanon mehrmals, das gibt es im "Julius Cäsar", im "Coriolanus" später, in mehreren Stücken ist das als Grundmuster vorhanden, das sind Ordo-Reden. Das heißt, beschworen wird eine ordentliche Welt nach dem mittelalterlichen Weltbild geordnet, von Gott bis herab zu den Mineralien, wo die Ordnung, wo das Recht aufhört, setzt Anarchie ein, Aufstand der Bürger gegen den König und gegen dessen Wort ist wie Aufstand gegen Gott, ist deswegen ein Vergehen gegen göttlich gesetztes Recht. Über diese Argumentation läuft die Rede des Thomas Morus und kommt dann zu dem Ergebnis: Und jetzt stellt euch vor, versetzt euch in die Lage der Fremden: Wie würdet ihr euch fühlen, wenn euch so begegnet würde, wie ihr jetzt diesen Fremden begegnet?

Lieske: Genau, also, da zitiert er Menschen, die mit Lumpenbündeln und mit Kindern, mit kleinen Kindern auf dem Rücken zur Küste streben.

Günther: Ja.

Der Text zeigt nicht zwangsläufig Shakespeares Meinung

Lieske: Also, das entspricht durchaus auch den Fernsehbildern, die wir heute sehen. Nun könnte man glauben, wenn man das alles liest, dass Shakespeare ein großer Fremdenfreund wäre. Aber ganz so einfach ist es nicht, denn wir finden in seinen Stücken auch immer wieder viele Spitzen gegen die Franzosen und natürlich auch antisemitische Narrative. Lässt dieses Stück denn wirklich, wie es jetzt etwas reflexartig getan wird, einen Rückschluss auf seine Geisteshaltung zu?

Günther: Nein, überhaupt nicht. Das ist ein Missverständnis. Man findet irgendwo eine Passage bei Shakespeare, in der er eine Figur dies und das sagen lässt, und dann sagt man: Das hat Shakespeare so gemeint. Das ist natürlich überhaupt nicht so. Shakespeare hätte genauso gut in diesem Thomas Morus die fremdenfeindliche Hetzrede des Dr. Beal schreiben können, der die Bürger also zum Mord aufgerufen hat. Ein Autor tut nicht eigene Meinungen kund, sondern er hat Figuren, Personen, fiktive Gestalten, denen er Meinungen und Haltungen in den Mund legt. Der große Humanist Thomas Morus hält eine menschenfreundliche Rede, um die Bürger davon abzuhalten, die Fremden totzuschlagen. Das ist die Geschichte. Das bedeutet aber, wir können überhaupt keine Rückschlüsse über Shakespeare ziehen, denn gerade die Vielfalt bei Shakespeare beweist ja eigentlich sein umfängliches Wissen über menschliche Verhaltensweisen, die ja nicht immer nur die schönsten sind.

Lieske: Diese Szene war durchaus prekär. Man kann durchaus nachvollziehen, dass Shakespeare als Skriptdoktor sozusagen herbeigerufen wurde, denn als das Stück geschrieben wurde, drohte sich die historische Lage zu wiederholen, wieder waren Franzosen in der Stadt, wieder gab es Unruhen, aber mittlerweile war Thomas Morus auch schon geköpft. Und das wegen seiner Standhaftigkeit dem katholischen Glauben gegenüber. Also, man konnte sich damit auch leicht in die Nesseln setzen!

Günther: Ganz leicht in die Nesseln setzen, deswegen wurde das Stück auch vom Zensor quasi verboten. Er hat den Autoren, also vier oder fünf an der Zahl, gesagt, lasst den ganzen Aufstand weg! Das könnte nämlich verstanden werden als Aufstachelung zur Rebellion. Zur Zeit, als Shakespeare das schrieb, das war wahrscheinlich der ungünstigste oder der richtigste Zeitpunkt, wer will es wissen? Zugleich war Thomas Morus eine umstrittene Figur, für die Protestanten war er eine Hassfigur eigentlich, weil er sich bei den Protestantenverfolgungen sehr hervorgetan hatte, für die Katholiken war er ein katholischer Märtyrer, weil er standhaft im katholischen Glauben aufs Schafott ging. Also, eine vielfältige Gemengelage in der Zeit kurz vor 1600, als dieses Stück geschrieben wurde. Es war ein Stolperstein offenbar und wurde deswegen auch irgendwie in irgendeiner Schublade versenkt als tot geborenes Kind.

"Ich erkenne den Stil wieder"

Lieske: Die Regentschaft von Königin Elizabeth näherte sich dem Ende zu und man könnte ja argumentieren, dass Shakespeare sich mit dieser Recht-und-Ordnungs-Rede auch als königstreuer Künstler positionierte, dass er auch durchaus an sich selbst gedacht hat?

Günther: Die Positionierung, dass man sich der Staatsmacht gefällig erweist, war auch eine normale Überlebensstrategie. Nicht wenige konnten für aufmüpfige Texte im Gefängnis enden, Ben Jonson zum Beispiel, die der Staatsmacht nicht passten, schon saß er im Knast.

Lieske: Shakespeare zugeordnet wird die Signaturnummer D, A bis E waren am Werk, fünf Autoren insgesamt. Und ich habe mir sagen lassen, dass er sich sehr gut schlägt, dass diese Szene sozusagen ein Glanzstück ist in dem ganzen Ensemble. Um mal kurz über die Übersetzungsarbeit zu sprechen, man erkennt Ihren Duktus wieder, es gibt da eine Wendung, einen Satz, in dem Thomas Morus den Bürgern ihren eigenen Wohlstand vorhält. Er sagt: "And you in rough of your opinion clothed", "Ihr, die ihr da so schön angezogen seid" und bei Ihnen, Herr Günther, wird daraus: "Und ihr, gespreizt im Protzornat des Dünkels". Protzornat des Dünkels, eine wundervolle Wendung, wie finden Sie so was?

Günther: Indem man zum Beispiel eine Stunde über so ein blödes Wort nachdenkt. "In the rough" bezog sich auf diese ausladend großen Spitzenhalskrausen, die die Höflinge damals trugen und die ausgestellten Reichtum, ausgestellte höhere Klassenzugehörigkeit signalisiert. Sagt heute keinem Menschen mehr irgendetwas, wenn man nur Halskrause sagt, das bedeutet gar nichts, also, was macht man damit? In dem Protzornat ist das Auftrumpfen enthalten, im Ornat ist ein Kostüm, ein Mantel, eine Vorstellung von einer reichen Kleidung. Und das Ganze jetzt also lächerlich gemacht mit dem Protz war für mich jetzt eine Möglichkeit, das auszudrücken. Ich finde, es ist ganz gut und so, aber es dauert eine Stunde, bis man auf so ein Wort kommt.

Lieske: Sie werden der einzige Mensch sein, der jemals Shakespeares Werk in Gänze in einer Sprache übertragen hat. Eine sensationelle Leistung.

Günther: Wenn ich fertig bin!

Lieske: Seit fast 40 Jahren sind Sie damit beschäftigt und Sie haben ja in einem anderen Zusammenhang mal gesagt, dass Shakespeare der Letzte ist, der Ihnen am Tage Gute Nacht sagt, und morgens der Erste, der Sie grüßt. Frank Günther, letzte Frage: Wenn man die Paläografie und die Grafologie und alles, was da jetzt am Werke war, und die Linguistik weglässt, was sagt Ihnen denn Ihr Günther-Bauch? Hat Shakespeare diese Szene geschrieben?

Günther: Mein Bauchgefühl sagt mir: Ja, den Stil erkenne ich wieder.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

Informationen zum Buch:

William Shakespeare: "Die Fremden"
Übersetzt von Frank Günther, DTV Verlag 2016, 72 Seiten, 6,20 Euro. 

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