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StartseiteForschung aktuellDer Lösung um das Zika-Rätsel näher gekommen18.05.2018

Im Norden BrasiliensDer Lösung um das Zika-Rätsel näher gekommen

In der Millionenstadt Recife im Norden Brasiliens erkranken weit mehr Menschen am Zika-Virus als im Rest des Landes. Lange war unklar, was der Grund für die gehäuften Infektionen sein könnte. Doch jetzt glauben Wissenschaftler, das Rätsel gelöst zu haben.

Von Gudrun Fischer

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Die Computer-Illustration des Zika-Virus zeigt einen bunten Ball, der aus kleineren Kügelchen zusammengesetzt ist.  (imago stock&people)
Computer-Illustration des Zika-Virus (imago stock&people)
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Wir sind in einem armen Stadtteil von Recife, einer Millionenstadt im Nordosten Brasiliens. Daniele, Biologiestudentin, kontrolliert Mückenfallen. Sie packt die unter den Betten der Bewohner gefangenen Mücken in eine Tüte. Die Mücken werden im Labor auf ihre Virenlast untersucht. Gerade saugt ihr Kollege mit einem langen Metallrohr weitere Mücken in einen Gazesack. Die Insekten sollen dabei helfen, eine rätselhafte Beobachtung zu erklären: In Recife lag die Zahl der Zika-Infektionen deutlich über dem landesweiten Durchschnitt. Aber warum erkrankten dort mehr Menschen als anderswo? Der Verdacht fiel auf eine zweite Überträgermücke.

"Hier in Recife haben wir weit mehr Culex-Mücken als ägyptische Tigermücken. Das hat uns dazu bewogen, einen Zusammenhang mit der Zika-Übertragung zu vermuten."

Betreuerin von Daniele ist die Insektenkundlerin Consância Ayres. Sie hat schon hunderte von Interviews gegeben, sagt sie. Ihre Publikationen sorgten für Aufregung.

"Eine meiner Arbeitsgruppen untersucht die gemeinen Stechmücken Culex. Wir beschäftigen uns mit der genetischen Diversität der Viren, die in den Mückenpopulationen hier in Brasilien zirkulieren. Denn wir interessieren uns für die Interaktion des Virus mit seinem Vektor, seinem Übeträger, also der Mücke. Dafür sammeln wir Mücken hier in der Stadt, isolieren die darin enthaltenen Viren und studieren deren genetische Unterschiede."

Forschungsboom durch Zika

In Brasilien folgte auf die Zika-Katastrophe ein Forschungs-Boom. Auch die Insektenforscherin Constância Ayres profitierte davon. Es wurde vor zwei Jahren ziemlich schnell klar, dass Zika von der ägyptischen Tigermücke übertragen wird. Und dass besonders viele erkrankte Kinder aus armen Stadtteilen kommen.

Es nieselt, die Luft dampft. Hunderte kleine, schief gemauerte, einstöckige Häuser stehen am Hügel. Dünne Rinnsale fließen aus den Häusern an Treppen und Wegen entlang. Das Abwasser sammelt sich in einem offenen, stinkenden Kanal. Mopeds sind hier das beliebteste Transportmittel.

Tigermücken sind auf Menschen spezialisiert

Hier ist die Dichte der ägyptischen Tigermücke besonders hoch. Die Mücke ist anthropophil, also auf Menschen spezialisiert und lebt nur in oder nah bei Häusern. Die weibliche Tigermücke benötigt für ihr Ei-Gelege sauberes, stehendes Wasser. Weil hier oft kein Wasser aus dem Wasserhahn kommt, bunkern die Leute Wasser in Eimern und Tanks. Das sind die idealen Brutstätten für die Tigermücke. In die Abwasserkanäle legt die gemeine Stechmücke gerne ihre Eier.

"Unsere Culex-Art hier heißt Culex cinquefasciatus. Als wir gefangene Culex-Mücken untersuchten, sahen wir, dass auch sie mit dem Virus infiziert sind. Im Labor konnten wir zudem nachweisen, dass sich das Zika Virus in Culex replizieren, also vermehren kann. Und Culex ist in der Lage, per Stich Zika auf uns Menschen zu übertragen. "

Eine rasend schnelle Verbreitung

Zwei Vektoren für Zika? Gleich zwei Mückenarten, die Zika übertragen? Das könnte der Grund sein, weshalb sich Zika im Nordosten Brasiliens so rasend schnell verbreitete, vermutet die Insektenkundlerin.

"Verglichen mit anderen Infektionen weist Zika eine Besonderheit auf. Wenn wir das epidemiologische Profil der Zika-Infektion mit dem anderer Infektionen vergleichen, fällt auf, dass es anders war. Das Virus hat sich in drei Monaten rasend schnell verbreitet und erreichte viele Regionen. Die Dengue-Viren haben zehn Jahre gebraucht, sich in Südamerika zu etablieren."

Constância Ayres findet es logisch, dass neben der Tigermücke noch ein anderer Vektor für Zika existieren muss. Ihre Argumente leuchten ein, ihre Publikationen wurden von anderen bestätigt. Aber ihre Ergebnisse sind in wissenschaftlichen Kreisen noch wenig bekannt. Warum?

"In der Wissenschaft müssen viele Studien durchgeführt werden, bevor ein neuer Faktor akzeptiert wird. Diese Forschungsarbeiten werden zur Zeit publiziert. Einige Länder, in denen Culex verbreitet ist, sollten sich vorsehen. Dass andere Krankheitsüberträger möglich sind, ist ein wichtiger Hinweis."

Das könnte auch für Deutschland interessant sein, denn die Gattung Culex gibt es auch in hier: es ist unsere heimische Stechmücke.

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