Mittwoch, 13.12.2017
StartseiteHintergrundDas große Geld mit den Babys04.12.2017

Industriezweig boomtDas große Geld mit den Babys

Die Industrie um Neugeborene in Deutschland boomt. Zehn Milliarden Euro geben Eltern für Anschaffungen rund ums Baby aus. Tendenz steigend - auch weil in Deutschland wieder mehr Kinder geboren werden. Die Industrie nutzt den Trend, um ihre Produktpalette zu erweitern. Dabei ist durchaus fraglich, ob wirklich alles gebraucht wird.

Von Catalina Schäfer

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Ein Flugzeug-Baby-Sitz mit Puppe (dpa / Georg Wendt)
Mit Sicherheit macht die boomende Industrie um Babyprodukte große Gewinne (dpa / Georg Wendt)
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Die Geburt des ersten Kindes – für junge Eltern ist es DAS Ereignis. Das Baby stellt ihr Leben auf den Kopf. Fortan werden sie nachts geweckt und verbringen die Tage übermüdet auf der Arbeit. Sie wechseln tausende Windeln, geben unzählige Fläschchen und singen Einschlaflieder – manchmal bis zur Erschöpfung.

Doch nicht nur emotional verändert ein Baby das Leben seiner Eltern: Auch auf dem Konto vieler Paare sieht es schon vor der Geburt ihres Kindes deutlich leerer aus als zu der Zeit, als der Gedanke an ein Baby noch in weiter Ferne lag. Denn Kinder bereichern das Leben ihrer Eltern nicht nur – sie kosten auch jede Menge Geld. Rund ums Neugeborene hat sich eine regelrechte Industrie entwickelt. Das haben auch die jungen Mütter Janina, Sarka und Nadja erfahren müssen:

"Ich habe mal grob überschlagen für die Erstausstattung mit Kinderzimmer, also Wickeltisch, Bett, Kinderwagen, Kindersitz, Stubenwagen, erste Kleidung, bisschen Spielzeug, ungefähr 1.500, 2.000 Euro."

"Mit Zimmer und Kinderbett bestimmt also so 3.000 Euro, zwei- bis dreitausend Euro auf jeden Fall. Also, wir haben viele Freunde, die jetzt auch Kinder bekommen haben. Da weiß man schon ungefähr, was das kostet, aber bei so ein paar Sachen war ich wirklich geschockt, also auch gerade so beim Kinderwagen, dass man dann halt eben für einen normalen Kinderwagen 1.500 Euro ausgeben kann und da eigentlich noch nichts dabei ist, das fand ich schon extrem."

"Ich glaube, das waren bestimmt ... lass es 6.000 Euro gewesen sein? Ja, 5.000, 6.000 Euro würd ich mal sagen – in dem Bereich."

130.000 Euro bis zur Volljährigkeit

Glaubt man den Berechnungen des Statistischen Bundesamts, geben Eltern heute für ein Kind im Vorschulalter rund 6.200 Euro pro Jahr aus – das sind 566,66 Euro im Monat. Die Kosten für die Baby-Erstausstattung und die Betreuungskosten noch nicht eingerechnet. Als Faustregel gilt: Je älter die Kinder werden, desto teurer werden auch die Anschaffungen: Für Schulkinder bis zum zwölften Lebensjahr müssen Eltern mit rund 7.200 Euro im Jahr kalkulieren. Für Teenager zwischen 13 und 18 dann mit 8.400 Euro. Bis ein Kind volljährig ist, haben Eltern so insgesamt rund 130.000 Euro ausgegeben.

Angesichts solcher Summen hat das Kinderkriegen für viele Paare seine Unbeschwertheit verloren. Ein Baby zu bekommen – so scheint es – ist heute nichts Selbstverständliches mehr, sondern ein finanzielles Projekt, das man sich leisten können muss. Dabei ist es durchaus fraglich, ob ein Neugeborenes wirklich alles braucht, was angeboten wird. Doch die Industrie hat bei schwangeren Frauen auch ein leichtes Spiel. Denn deren Hormone machen sie zu relativ willigen Konsumentinnen.

Maja Prinzessin von Hohenzollern präsentiert ihre "Baby-Pflegelinie". (dpa / Henning Kaiser)Mittlerweile gibt es ganze Baby-Produktlinien. Das Angebot wird immer weiter ausgebaut. (dpa / Henning Kaiser)

"Man weiß aber sehr genau, es gibt einen bestimmten Hormoncocktail, der über die Schwangerschaft verändert wird, und einige der Hormone, die durch die Schwangerschaft durcheinandergeraten oder sich verändern, sind halt auch an Kaufentscheidungen und an kaufrelevanten Prozessen beteiligt und hier ist es vor allem das sogenannte Oxytocin", erklärt der Psychologe Benny Briesemeister, der sich an der Freien Universität Berlin mit dem "Neuromarketing" beschäftigt.

"Kaufanfälligkeit" bei Schwangeren

"Man weiß aus der Kaufverhaltensforschung, dass Oxytocin ein Hormon ist, das einen starken Einfluss darauf hat, für welche Marken und welche Produkte wir uns entscheiden. Das Oxytocin reguliert, inwieweit wir Kaufentscheidungen treffen, bei denen wir eher auf Sicherheit bedacht sind, wo wir eher bekannte Marken nehmen, eher starke Marken nehmen, eher Dinge kaufen, die wir kennen, die mit einer er bestimmten Qualität verbunden sind, wo wir einfach kein Risiko eingehen. Im Vergleich zu klassischem 'Ich probiere es mal aus' oder 'Kann ja nicht schaden'. Sowas tritt dann halt eher seltener ein, wenn der Oxytocin-Spiegel entsprechend hoch ist."

Anders gesagt: Wenn es um Produkte für ihren Nachwuchs geht, sind Schwangere nicht gerade experimentierfreudig. Noch stärker als zu anderen Zeiten in ihrem Leben, entscheiden schwangere Frauen sich aus emotionalen Gründen für ein Produkt.

"Die Kaufentscheidungen, die wir treffen, haben eigentlich fast immer irgendwo eine emotionale Ursache oder einen emotionalen Grund. Und gerade in der Schwangerschaft und in Bezug auf solche Prozesse ist es so, dass dadurch dass das gesamte emotionale Erleben sehr durchgewühlt wird und auch insgesamt alles viel emotionaler und intensiver erlebt wird, sind Menschen viel mehr dazu bereit Geld auszugeben für Dinge, die ihnen in dem Moment wichtig erscheinen."

Wunsch der Eltern nach Sicherheit

Die gesamte Industrie rund ums Neugeborene setzt laut dem Kölner Institut für Handelsforschung momentan vom Schwangerschaftstest über die Möbel fürs Kinderzimmer, bis hin zu Kleidung, Nahrung, Pflegeprodukten und Spielzeug in Deutschland jedes Jahr rund zehn Milliarden Euro um.

Tendenz steigend, denn es werden wieder mehr Kinder geboren: 2014 waren es nach Angaben des Statistischen Bundesamts knapp 715.000, 2015 schon mehr als 737.000. Erstmals seit 1982 wurden damit in Deutschland wieder 1,5 Babys pro Frau geboren. Die Industrie nutzt diesen Trend, um ihre Produktpalette zu erweitern. Dabei wissen die Hersteller um den Wunsch der Eltern nach Sicherheit. Besonders begehrt sind deshalb Belege dafür, dass ihr Produkt zu den besten und sichersten auf dem Markt gehört, sagt die junge Mutter Janina.

"Dann guckt man auf die Siegel, ja. Und deswegen hatte ich auch am Ende vier, fünf von diesen Cremes da stehen. Alle mit irgendeinem Siegel: Hebammen-empfohlen, von Eltern, von der Zeitschrift Eltern empfohlen, gibt's zum Beispiel auch: 99,9 Prozent der Eltern-Leser würden dieses Produkt empfehlen. Auch ganz interessant. Ja, hab ich mich von beeinflussen lassen."

Andrea Sturm arbeitet seit 39 Jahren als Hebamme und weiß, dass längst nicht jedes Siegel seriös ist. "Sie können auf der Straße eine Hebamme fragen und wenn die dann sagt, ich empfehle das, kann er sagen: Von Hebammen empfohlen."

Die Oma als Vorbild gibt es nicht mehr

Andrea Sturm glaubt, dass das Streben schwangerer Frauen nach Produkten, die ihnen Sicherheit versprechen und das Gefühl geben, alles für das Wohlergehen ihres Babys zu tun, auch daher rührt, dass die wenigsten von ihnen heute noch in Großfamilien leben.

"Wir sind nicht irgendwo, wo die Oma greifbar ist, wo man vorgelebt kriegte über Generationen, wie man das so macht mit den Kindern. Das war nicht immer besser, das will ich überhaupt nicht sagen. Aber es gibt hier gar keine Vorbilder mehr. Man merkt schon, dass in den Familien, wo es so Traditionen und auch Vorbilder gibt, das auch viel lässiger läuft und die auch nicht immer denken, sie brauchen noch irgendwas."

Den großen Hype, der heute oftmals um die Ausstattung fürs Kind gemacht wird, gab es in Sturms Anfangszeit als Hebamme nicht.

Hygieneartikel für Babies (dpa / Henning Kaiser)Hygieneartikel für Babies (dpa / Henning Kaiser)

"Also die Wiege gab's meistens im Haus schon von der Generation vorher. Die Matratze war vielleicht neu und die Klamotten, diese schönen orangenen Strampler, die hautanliegend waren, was viel besser ist weil es viel wärmer hält. Ja, diese Frotteeteile? Die gab's auch von der großen Schwester. Ich glaube in Euro gehe ich vielleicht von 250 oder so aus. Die Familien hatten auch nicht mehr."

Das Kinderkriegen hat heute nichts Beiläufiges mehr. Kinder werden geplant. Immer häufiger sollen sie zu einem Zeitpunkt auf die Welt kommen, an dem es den werdenden Eltern auch beruflich gerade passt. Das ist ein Grund dafür, dass Frauen bei der Geburt des ersten Kindes heute im Durchschnitt 29,6 Jahre alt sind. 1965 waren sie beim ersten Kind 24,9 – also fast fünf Jahre jünger.

Auch in der Schwangerschaft funktionieren

Die Hebamme Andrea Sturm hat den Eindruck, dass viele Frauen die Schwangerschaft heute als eine Phase begreifen, in der sie trotz der großen körperlichen Veränderungen einfach weiter funktionieren wollen – und dafür bietet die Industrie Hilfsmittel an.

"Wenn ich denke an meine Anfänge in der Wochenbettbegleitung oder auch der Schwangerenbegleitung, da war es eher mal ein Kräutertee, den man dann der Frau gegeben hat, oder doch, man hat sie, denke ich, sehr auf ihre Selbstheilungskräfte hingewiesen."

Doch die Zeit nehmen sich heute wenige Frauen. "In dieser auch sehr schnelllebigen Welt ist klar: Es muss immer ein Erfolg ... ich geh irgendwohin, das ist ja die andere Seite, ich, Frau, geh irgendwo hin und brauche ein Erfolgsrezept. Ich brauche nicht eine Anleitung, wie ich es vielleicht in einem längerfristigen Prozess machen kann, sondern die meisten wollen sofortigen Erfolg."

Das wissen auch die Firmen und sind deshalb sehr interessiert daran, möglichst früh mit den Schwangeren in Kontakt zu kommen.

"Also, die Pharmaindustrie hat da verschiedene Instrumente, mit denen die ihre Werbung betreibt und bei den meisten Pharmaunternehmen sieht man das am Budget schon, da ist für Vertrieb und Werbung ein größeres Budget als für Forschung und Entwicklung vorgesehen. Ein Instrument sind sogenannte Pharmareferenten, die kommen vorbei und haben da so ein Tablet und zeigen dann irgendwie wie toll ihre Medikamente sind und übergeben auch immer kleinere oder größere Präsente", erklärt der Aachener Arzt Jan Salzmann.

Er ist Vorstandsmitglied der Ärzteorganisation Mezis. Das Akronym steht für "Mein Essen zahl ich selbst". Etwa 800 der insgesamt rund 250.000 Ärzte in Deutschland gehören zu der gemeinnützigen Organisation, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, den Einfluss der Pharmaindustrie auf Ärzte zu reduzieren und für die Öffentlichkeit transparenter zu machen.

"Ich arbeite in einer Gemeinschaftspraxis, wo ich quasi Mezis-Arzt bin und keinen Pharmareferenten empfange, meine Kollegen aber schon. Und wir haben jeden Tag ein bis drei Pharmareferenten in der Praxis stehen."

Der Einfluss der Pharmareferenten

Werden Ärzte gefragt, ob sie sich von den Empfehlungen der Pharmareferenten beeinflussen lassen, geben mehr als 90 Prozent an, dass das nicht der Fall sei. Gleichzeitig glauben aber über 60 Prozent, dass ihre Ärztekollegen sich sehr wohl davon leiten lassen.

"Ich glaube, es gibt 15.000 Pharmareferenten ungefähr in Deutschland und das sind ja auch hart kalkulierende Unternehmen und wenn das nicht sich in höheren Verschreibungszahlen quasi widerspiegeln würde, dann würden die das auch sicher nicht machen."

Salzmann und seine Kollegen von Mezis beobachten seit Jahren, dass von den Referenten viele überflüssige und vor allem teure Produkte in den Praxen vorgestellt werden.

"Das sind dann eher die hochpreisigen Produkte, die halt Mischungen von Vitaminen und Folsäure und Spurenelementen haben, und die meisten dieser Stoffe, die in den Kombipackungen drin sind, haben nirgendwo eine Wirksamkeit bewiesen."

In einer Umfrage unter 500 Schwangeren fand die Technische Universität München vor einigen Jahren heraus, dass 97 Prozent von ihnen Nahrungsergänzungsmittel nehmen. In der Gesamtbevölkerung sind es nur 28 Prozent. Gerade bei der medizinischen Versorgung von Schwangeren findet Salzmann es bedenklich, wenn Ärzte die immer neuen Produkte der Pharmaindustrie weiterempfehlen.

Frauenärzte gehören zu den Profiteuren

"Also, eine Frau jetzt, die schwanger ist, ist jetzt auch anders in ihrer Freudigkeit Geld auszugeben oder in ihrer Konsumbereitschaft als in einer anderen Lebenssituation. Da will man für sein Kind das Allerbeste und das Optimalste machen und man sucht einen guten Kinderwagen aus und gute Kleidung und insofern ist da quasi, wenn dann durch eine Vertrauensperson wie einen Frauenarzt oder eine Frauenärztin was schon mal empfohlen wird oder weitergegeben wird, natürlich hoch, das weiter zu machen."

Viele Frauenärzte gehören inzwischen selbst zu den Profiteuren der Industrie rund ums Kind. Zwölf Vorsorge- und drei Ultraschalluntersuchungen und unter Umständen auch ein CTG, also eine Untersuchung bei der die Herztöne des Kindes gemessen werden, sind in der Schwangerschaft vorgeschrieben. Die Kosten werden von den Krankenkassen übernommen. Doch bei den meisten Schwangeren werden darüber hinaus zusätzliche Untersuchungen gemacht. Und die müssen sie aus eigener Tasche bezahlen, erzählen die jungen Mütter Sarka und Nadja: "Wir haben zum Beispiel in der 13. Woche diese Nackenfaltenmessung gemacht. Ich glaube, 130 Euro haben wir dafür bezahlt."

"Und dann kann man da noch gleichzeitig als Zusatzangebot ist es dann, dass du dann das Geschlecht des Kindes erfahren kannst und dann haben wir gesagt: Okay, wenn man das schon mal machen lässt, na klar. Aber ja, das kostet glaube ich 300 Euro hat das gekostet dieser Test, wurde mir aber so angepriesen: Ich kann froh sein, dass es nur 300 Euro sind, weil früher waren das über 1.000, wo du selber zahlen musstest als Patient. Und dann denkst Du Dir: Och ja, ist ja 'n Schäppchen, dann machst du das natürlich."

Studie zur Überversorgung in der Schwangerschaft

Petra Kolip ist Gesundheitswissenschaftlerin an der Universität Bielefeld und hat 2015 zusammen mit der Bochumer Hebammenwissenschaftlerin Rainhild Schäfers und der Bertelsmann Stiftung eine Studie zur Überversorgung in der Schwangerschaft durchgeführt. Knapp 1.300 Mütter, die in den Monaten zuvor ihr Baby zur Welt gebracht hatten, wurden dafür befragt. Und sehr viele von ihnen haben mehr Untersuchungen wahrgenommen, als die Krankenkassen vorsehen.

"Das Fatale daran ist ja: Für viele Frauen ist gar nicht klar, was gehört eigentlich zur Routine und was sind zusätzliche Leistungen, die auch nicht immer einen belegten Nutzen haben? Also, in der Untersuchung, die wir gemacht haben, haben 80 Prozent der Frauen gesagt: Ja, sie mussten dazuzahlen."

Je weiter sich die Technik entwickelt, desto mehr Diagnostik ist möglich. Und je mehr Diagnostik möglich ist, desto mehr bieten Ärzte ihren Patientinnen an. Manch ein Arzt will seinen Verkaufserfolg in Sachen Zusatzuntersuchungen nicht dem Zufall überlassen.

"Es gibt durchaus ja auch sozusagen Trainings und Schulungen, wie ich das der Patientin oder der schwangeren Frau auch sozusagen verkaufen kann. Es geschieht ja immer mit diesem Unterton, wie gesagt: Lieber einmal gucken, dann kann man auch auf Nummer sicher gehen, und keine Frau will sich hinterher Vorwürfe machen nach dem Motto: Ach, hätte ich jetzt mal diese 30 Euro ausgegeben, dann wär alles gut gegangen. Also das ist ja schon auch ein Stück weit ein Geschäft mit der Angst."

Wenn es um die Gesundheit ihres Babys geht sind schwangere Frauen – verständlicherweise – eine leicht zu beeinflussende Zielgruppe. Auch Sarka gehörte während ihrer Schwangerschaft dazu.

"Da steht dann auf den Zetteln: ja, wenn Sie das nicht machen und Sie das aber haben, dann kann das und das und das passieren und dann muss Ihr Kind noch …auf Intensiv liegen und da denkt man natürlich nicht zehn Mal drüber nach, sondern sagt: Okay, ich mach das auf jeden Fall."

Hebammen sind Ziel der Industrie

Auch die Hamburger Hebamme Andrea Sturm und ihre Kolleginnen sind immer wieder das Ziel der Industrie rund ums Kind. Denn neben den Frauenärzten hat wohl kaum jemand anderes so großen Einfluss auf die werdenden Mütter. Sturm glaubt, dass vielen ihrer Kolleginnen gar nicht klar ist, wie sehr die Industrie Einfluss auf Hebammen nimmt und dadurch versucht, an die werdenden Mütter heranzukommen.

"Auf dem Hebammenkongress, der hier im Frühjahr war, war eine Messe eben voller Aussteller, die ihre Produkte an die Frau gebracht haben und haben natürlich große Taschen mit Proben verschenkt. Und das ist etwas, da können Sie gar nicht viel machen, weil Sie können den Kolleginnen das sagen und sagen: Du bist Teil einer Industrie, willst Du das?"

Auch Sturms Verband kommt ohne die Sponsorengelder der Pharma-Unternehmen nicht über die Runden. Doch wann immer sie kann, versucht sie die Berührungspunkte zu minimieren.

"Es gibt eine Babymesse, auf der tausende von Eltern rumlaufen und sich Produkte andrehen lassen. Teure Windeleimer! Da wollten sie auch immer, dass der Hebammenverband sich da mit einem Stand hinstellt, aber da hab ich gesagt, also: Bei aller Liebe!"

Für sich selbst hat Andrea Sturm im Laufe der Jahre eine ganz eigene Methode entwickelt, um zumindest den Einfluss der Industrie auf ihre Patientinnen so gering wie möglich zu halten.

"Wenn ich jetzt ein Produkt mitbringe als Hebamme oder im Kurs verteile, ja, sämtliche Firmen wollen von uns ja, dass wir ihre Produkte in den Kursen verteilen. Oder mitbringen nach Hause. Dann gibt's so kleine Pröbchen, wird man zugeschmissen mit, man muss nur hinschreiben zu der Firma, kommt ein Riesenkarton. Dann würde sie das auch immer wieder kaufen. Inzwischen fülle ich das immer in so weiße Apothekendöschen ab. Und dann sag ich: Kannste irgendeine Ringelblumensalbe nehmen in der Apotheke."

Dänisches Designerbett für 1.000 Euro

Einen großen Teil des Geldes, den Eltern für die Erstausstattung ihres Babys einplanen, geben sie für Möbel, Kleidung und Spielzeug aus. All das kann man im Geschäft Sprösslinge Design von Britta Raabe in Hamburg-Eppendorf erwerben.

"Genau, wir können ja mit der Grundausstattung anfangen, also mit den Möbeln. Das braucht man auf jeden Fall. Also, man kann da von einer ganz kleinen Summe bis hin zu einer gigantischen Summe ausgeben bei Betten. Da kommt's natürlich aufs Material an, auf den Namen, den Hersteller und so weiter und so fort. Auch was sie können. Mitwachsen, Schlupfsprossen, also alle möglichen Stationen dieses Kinderlebens dann auch mitmachen."

Das teuerste Baby-Bett in Raabes Geschäft kostet 1.000 Euro – ein dänisches Designerbett. Für alles gibt es eine Kundschaft.

Britta Raabe hat selbst einen Sohn zur Welt gebracht. Ohne die Erfahrung aus ihrem Job wäre sie beim Einkauf der Erstausstattung kläglich gescheitert. "Also wär ich nicht in der Branche, hätte ich auch ganz viel Unnützes gekauft und hätte mich viel unsicherer gefühlt und hätt mich auch verleiten lassen von diesem ganzen Angebot. Man braucht halt wirklich nur n Bruchteil von dem, was angeboten wird. Ja es ist halt ein großer Zweig, ne und da probiert jeder sein Geld zu machen."

Die Industrie rund ums Kind – sie wird auch in den kommenden Jahren weiter wachsen. Wissenschaftler gehen davon aus, dass die Geburtenrate weiter steigt – von heute 1,5 Kindern pro Frau, auf 1,7 schon in den kommenden Jahren. Für die Unternehmen ist das eine gute Nachricht. Gerade für Erstlingseltern bedeutet es aber, dass das Angebot, mit dem sie konfrontiert werden, künftig noch größer, noch unübersichtlicher und in mancher Hinsicht sicherlich auch noch teurer wird. Die junge Mutter Sarka hat dazu ihre ganz eigenen Ansichten:

"Wir sagen immer: Überall, wo Baby und Hochzeit drauf steht, da wird immer noch mal der doppelte Preis drauf gemacht."

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