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StartseiteCorsoWas die Digitalisierung mit uns macht02.02.2017

Internationales Zentrum für InternetforschungWas die Digitalisierung mit uns macht

Seit Januar 2017 erforschen Wissenschaftler am "Center for Advanced Internet Studies" (CAIS), wie das Internet unsere Kultur und Gesellschaft beeinflusst. "Wir sind momentan doch sehr skeptisch über bestimmte Entwicklungen", sagte der Institutsleiter Michael Baurmann im DLF. Wissenschaftliche Erkenntnisse seien wichtig, um gestaltend auf das Internet einzuwirken.

Michael Baurmann im Corso-Gespräch mit Anja Buchmann

Eine Frau berührt mit dem Zeigefinger den Touchscreen ihres Smartphones. (imago / Westend61)
"Wir wollen ja auch versuchen, gestaltende auf das Internet einzuwirken und seine Entwicklung mitzubestimmen", sagte der Soziologe Baurmann. (imago / Westend61)
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Anja Buchmann: Was macht das Internet mit uns, unseren Beziehungen und unserer Kommunikation, mit der Demokratie, der Kultur und der Gesellschaft? Das unter anderem soll erforscht werden am neuen Bochumer Center for Advanced Internet Studies, das morgen feierlich eröffnet wird, und zwar in der Jahrhunderthalle. Daran beteiligt sind neben der Ruhr-Universität Bochum die Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn, die Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf, die Westfälische Wilhelms-Universität Münster und das Grimme-Institut.

Was genau wird erforscht, wie wird’s getan und was bringt es auch Nicht-Wissenschaftlern? Antworten dazu gibt es sicherlich gleich von Michael Baurmann, Professor für Soziologie an der Uni Düsseldorf und vor allem wissenschaftlicher Leiter des Instituts, mit dem ich jetzt am Telefon verbunden bin. Schönen guten Tag, Herr Baurmann!

Michael Baurmann: Ja, guten Tag!

Buchmann: Herr Baurmann, warum braucht die Welt oder zunächst mal Deutschland ein internationales Zentrum für Internetforschung, vielleicht sogar gerade jetzt zur Zeit von alternativen Fakten, Hassreden und Filterblasen?

Baurmann: Ja, ein Stichwort haben Sie schon genannt, aber ich möchte das doch ausweiten. Wir sind momentan doch sehr skeptisch, zu Recht skeptisch über bestimmte Entwicklungen im Internet, aber wir sollten darüber nicht vergessen, dass wir das Internet alltäglich nutzen ohne Probleme und dass wir alle damit leben und auch daran gewohnt sind, von dem Internet zu profitieren. Also, man sollte bei allen Problemen, die momentan entstehen und entstanden sind, auch nicht vergessen, dass das Glas eben auch halbvoll ist.

Ja, und Forschung brauchen wir, weil das Internet ein sehr komplexes Phänomen ist, das ja nicht nur aus einem Bereich besteht, es hat viele Aspekte und viele Dimensionen. Und genauso wie wir die Gesellschaft insgesamt erforschen, müssen wir auch das Internet erforschen, und wir wollen ja auch versuchen, gestaltend auf das Internet einzuwirken und seine Entwicklung mitzubestimmen. Und dazu brauchen wir Forschung, und Wissenschaft ist eben ein Bereich, der da hilfreich sein kann. Aber die Wissenschaft nicht alleine, Wissenschaft muss zusammenarbeiten mit anderen Akteuren in der Gesellschaft.

Grundidee des Forschungskollegs

Buchmann: Wie funktioniert das an Ihrem Zentrum? Noch mal ein bisschen konkret gesehen, Sie laden Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler ein, die in sogenannten Fellow-Programmen oder in Projektprogrammen für eine begrenzte Zeit dann in Bochum arbeiten und forschen?

Baurmann: Ja, also, das Center for Advanced Internet Studies ist ein Forschungskolleg. Solche Forschungskollegs gibt es weltweit in verschiedenen Varianten, und die Grundidee ist immer die gleiche. Die Grundidee ist, dass Menschen auf Antrag eingeladen werden, Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, aber auch andere Personen eingeladen werden, um für eine bestimmte Zeit sich an diesem Center aufzuhalten und dort eben ihre Forschung, ihre Projekte durchzuführen, und dabei im Austausch mit anderen zu stehen. Das ist die Idee des Forschungskollegs, das eigentliche Team ist dabei sehr klein.

Buchmann: Und was können das für Themenbereiche sein? Also, Sie schreiben auf einer Pressemitteilung: Auswirkungen der Digitalisierung auf die Bereiche Politik und Zivilgesellschaft, Staat und Verwaltung, Wirtschaft und Arbeit sowie Bildung und Sicherheit. Nehmen wir mal zum Beispiel Politik und Zivilgesellschaft, was genau könnte da ein Forschungsfeld sein?

Baurmann: Na ja, Politik und Zivilgesellschaft, das Erste, an was man gedacht hat in den Zeiten, in denen der Optimismus noch sehr groß war im Hinblick auf das Internet, ist: Das Internet kann doch ein sehr machtvolles Instrument sein, um politische Partizipation, politische Teilhabe der Bürger zu fördern, Ideen auch der Wiederbelebung der direkten Demokratie, wir können das Internet nutzen, um direkt an Entscheidungsprozessen mitzuwirken. Dieser Optimismus ist vielleicht etwas verflogen, …

Buchmann: In der Tat.

Baurmann: … ist realistischer geworden, aber das Projekt, dass man das Internet benutzt, um demokratische Partizipation zu fördern, ist nach wie vor auf der Tagesordnung.

Phänomen von Filerblasen und co.

Buchmann: Aber Sie sehen, auch wenn Sie anfangs, eingangs sagten, dass das Glas lieber halbvoll als halbleer gesehen wird, Sie sehen natürlich auch die Problematiken, die das Internet, Digitalisierung mit sich bringen. Ich habe gerade die Tage mal wieder im Internet einen Artikel gelesen zum Beispiel jetzt über den suspendierten Bundesliga-Fußballer, der Verbindungen zur salafistischen Szene haben sollte, nur mal jetzt als Beispiel rausgenommen, darunter dann Hassposts von Rechten gegen Moslems allgemein, aber auch Hass von Islamisten gegen Deutsche. Das sind halt ganz konkrete Probleme von Menschen, von der Gesellschaft. Was kann die Wissenschaft da konkret bewirken? Kann die da irgendwas bewirken?

Baurmann: Natürlich kann sie irgendwas bewirken. Das heißt, sie kann mitwirken an Versuchen, Lösungen zu finden für solche Probleme. Aber …

Buchmann: Aber wie?

Baurmann: … es muss auch natürlich klar sein, dass es da keine Patentrezepte geben kann. Ich meine, die Aufgabe besteht ja darin, dass im Internet sich, das stimmt, zunehmend – das ist schon ein relativ neues Phänomen –, zunehmend Bereiche entwickeln, die sozusagen abgekoppelt sind von unseren sonstigen sozialen Normen und Ordnungsprinzipien und dort irgendwie … also etwa den elementaren Normen menschlichen Anstands und menschlichen Respekts nicht mehr befolgt werden, dass Menschen sich innerhalb des Internets ihre Gesinnungsgenossen suchen und dort nur innerhalb dieses Raums dann kommunizieren.

Buchmann: Und innerhalb ihrer Filterblase.

Baurmann: Ganz genau, die Filterblase, Echokammern oder wie immer man das nennen will. Die Aufgabe besteht darin, allgemein gesagt: Wie kriegen wir diese Bereiche, wie reintegrieren wir die wieder in unsere allgemeine soziale Welt, in der eben bestimmte Normen und Verhaltensregeln gelten, indem bestimmte Mechanismen der Vertrauensbildung existieren? Das ist die Aufgabe, das heißt aber nicht, dass man schon weiß, wie das zu lösen ist. Aber natürlich kann Wissenschaft hier erst mal das Phänomen untersuchen, wir müssen das ja auch verstehen, wir müssen verstehen, wie entwickeln sich solche Echokammern, solche Blasen, was ist die Dynamik darin, also wie verstärken und polarisieren Leute dann ihre Meinung innerhalb dieser Bereiche?

Das müssen wir auch erst mal verstehen, wie das genau funktioniert. Dann auch verbunden mit der Hoffnung, dass wir vielleicht Möglichkeiten finden, wie wir dort einwirken können. Aber um es noch mal zu sagen: Wissenschaft alleine wird das nicht bewerkstelligen können. Wir dürfen ja nicht vergessen, das Internet ist ein Phänomen, das durch uns alle ja auch angetrieben wird. Wir alle nutzen das Internet, wir alle gehören zu den Faktoren, die das Internet auch weiterentwickeln. Wir können nicht erwarten, dass Wissenschaft allein hier den Zauberstab findet, mit dem wir diese Probleme lösen können.

"Wir wollen eben neue Formate entwickeln, wie wir Wissen vermitteln können"

Buchmann: Das ist klar, aber die Ergebnisse der Forschung, der Wissenschaft müssen ja auch irgendwie unter die Leute gebracht werden. Sie schreiben zum Beispiel, es soll bei Ihnen auch Vorträge geben, Werkstattgespräche und sogar Kneipengespräche. Also, Sie legen ja schon zumindest erst mal theoretisch Wert darauf, auch raus aus dem Elfenbeinturm zu gehen und ran an die Menschen sozusagen zu kommen.

Baurmann: Ja, das ist ein ganz wesentlicher Aspekt unseres Programms. Also, die Forscherinnen und Forscher, die am CAIS forschen, ist es ganz wichtig, es ist ganz wichtig, dass sie da nicht in ihrem Häuschen sitzen und vor sich hinforschen und das irgendwann wissenschaftlich publizieren, sondern die sollen während ihres Aufenthalts in Bochum eben auch diese verschiedenen Formate der Kommunikation mit der Öffentlichkeit nutzen. Und wir haben eben auch, versuchen, da neue Ideen zu entwickeln, wir haben das Stichwort Kneipengespräch genannt, wir wollen eben neue Formate entwickeln, wie wir Wissen vermitteln können oder in die Diskussion mit der Öffentlichkeit einbringen können.

Also, es geht nicht darum, dass dort der große Experte sitzt, der dann den staunenden Bürgern erklärt, was er alles erforscht hat, sondern wir denken, dass gerade im Bereich des Internets, bei dieser dynamischen Entwicklung, die das erlebt, die Forscher auch lernen müssen von den Leuten, den Bürgern, den Menschen in der Praxis, was da vor sich geht. Es darf kein einseitiger Prozess sein. Und man kann sich zum Beispiel vorstellen, dass sich Arbeitsgruppen bilden mit jemand aus der Wirtschaft, gemeinsam mit jemand aus der Zivilgesellschaft, und die gemeinsam eben ein Projekt entwickeln oder auch eine Veranstaltung entwickeln oder auch mit Journalisten zusammen – Stichwort Lügenpresse –, dass man gemeinsam da etwas konzipiert und gemeinsam ein Projekt entwickelt. Das ist unsere Hoffnung, dass das funktionieren kann.

Buchmann: Also, Sie wollen weg von der Experten-Laien-Kommunikation hin zu mehr Partizipation und Austausch. Es klingt schick mit diesem Kneipengespräch, aber ich frage mich: Wer geht dann dahin? Haben Sie da Erfahrungen mit oder ist das erst mal eine Idee und Sie hoffen, dass das irgendwie funktioniert und es können auch noch andere Ideen kommen?

Baurmann: Ja, da hat man in Bochum wohl sehr gute Erfahrungen gemacht. Das hängt natürlich immer sehr stark vom Thema ab. Das sind Dinge, die sich auch einbürgern müssen. Das sind Dinge, da muss sich eine kleine Tradition entwickeln und da muss man auch ein bisschen Geduld haben. Und ich bin ganz sicher, dass da Nachfrage entsteht. Wir haben gerade in Düsseldorf eine Vorlesung, eine Ringvorlesung zu Terrorismus gemacht in der Stadt und da sind dann immer 100 Bürger gekommen und haben sich das angehört. Also, das Interesse ist da, aber es muss auch eine Veranstaltung sein, die nicht langweilig ist.

Buchmann: Ihr Institut hat zunächst mal eine Förderung vom Wissenschaftsministerium von etwa drei Millionen für drei Jahre bekommen. Sie waren aber auch noch an einer Ausschreibung des Bundesministeriums für Bildung und Forschung für ein Deutsches Internetinstitut beteiligt und haben die Endrunde des Wettbewerbs erreicht. Wann wird denn da was entschieden, ob Sie daran teilhaben können?

Baurmann: Ja, zunächst mal eine kleine Korrektur: Wir haben es für drei Jahre, wie Sie richtig sagen, diese Förderung von drei Millionen erhalten, mit der Option, bei positiver Evaluation weitere zwei Jahre.

"Das CAIS ist ja entstanden als Teil unseres Konzepts für ein großes Deutsches Internetinstituts"

Buchmann: Okay, ja, das stimmt.

Baurmann: Das heißt also, die Perspektive für das CAIS ist tatsächlich fünf Jahre. Ja, Sie haben vollkommen recht, das CAIS ist ja entstanden als Teil unseres Konzepts für ein großes Deutsches Internetinstituts, da war die Idee: Wenn wir dieses große Institut tatsächlich nach Bochum holen, dann wird das CAIS in gewisser Weise da integriert, wird ein Baustein auch für dieses große Institut sein. Wir rechnen damit, dass Juni/Juli die Entscheidung fällt.

Buchmann: Herzlichen Dank, Herr Baurmann! Wissenschaftlicher Leiter des Center for Advanced Internet Studies in Bochum, das morgen seine Eröffnungsveranstaltung zelebriert, und zwar in der Jahrhunderthalle in Bochum, Beginn ist 10 Uhr.

Baurmann: Ich danke Ihnen!

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