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Freitag, 24.11.2017
StartseiteTag für TagKyros der Große kehrt zurück03.01.2017

Islamkritik im Iran Kyros der Große kehrt zurück

In der Islamischen Republik Iran sind viele Menschen enttäuscht vom Staatsislam. Aber Kritik daran kann schnell zu Problemen führen. Eine Möglichkeit ist jedoch die Rückbesinnung auf die iranische Geschichte – zum Beispiel auf Kyros den Großen, der zu einem anti-islamischen Symbol junger Iraner wird.

Von Reinhard Baumgarten

Die Emamzadeh Saleh Moschee in Tehran. (AFP / Atta Kenare)
Die Emamzadeh Saleh Moschee in Tehran. (AFP / Atta Kenare)
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"Kyros ist unser Vater, der Iran ist unser Land", ruft die Menschenmenge.  Zehntausende Menschen haben sich in Pāsārgād im südlichen Zagros-Gebirge versammelt. Am Grabmal von Kyros dem Gro­ßen huldigen sie dem König des altpersischen Achämenidenreiches. Es ist mehr als eine Huldigung.

"Freiheit des Denkens ist mit Bart und Wolle nicht möglich", rufen die Menschen unter Anspielung auf die Herrschaft der Geistlichen in ihrem Land.  Die Versammlung am Grab von Ky­ros habe viele im Herrschaftsapparat ins Grübeln ge­bracht, erklärt Sadegh Zibakalam. Der Politikwissenschaftler von der Uni Teheran ist einer der führenden liberalen Intellektuellen Irans.

"Kyros ist unser Vater"

"Die Herrschaft konnte sich nicht vorstellen, dass sich bis zu 50.000 Menschen dort versammeln", erklärt Zibakalam. "Sie kann auch keine ausländische Macht wie die USA oder die ‚Zio­ni­s­ten‘ dafür verantwortlich machen."

"Kyros ist unser Vater, alle Völker Irans sind seine Soldaten", deklariert ein Kyros-Ver­ehrer auf Arabisch. Dann fährt er auf Persisch fort: "Kurden aus Sanandaj und Kermanshah, Aseri aus der Provinz Azerbaidschan, Araber aus Khuzistan - sie alle verehren Kyros den Großen."

Das Grab von Kyros dem Großen in Pasargard (Stock.XCHNG / Mira Pavlakovic)Das Grab von Kyros dem Großen in Pasargard (Stock.XCHNG / Mira Pavlakovic)

"Wer hat denn für Ky­ros geworben?", fragt Zibakalam. "Es sind keine Bücher über ihn veröffentlicht und gelesen worden. Ky­ros ist zu ei­nem Sym­bol der Ablehnung des Regimes geworden."

Was am Grab des Achämenidenkönigs aus dem 6. Jahrhundert vor Christus zu hören war, lässt die Alarmgloc­ken bei den Herrschenden der Islamischen Republik laut läuten. "Wir sind Arier und beten keine Araber an", rufen die Menschen am Grab von Kyros dem Großen.

"Ky­ros und Islam haben keine Gemeinsamkeiten"

Das neuspersische Reich der Sasaniden wurde in der ersten Hälfte des 7. Jahrhunderts nach und nach von arabischen Heeren unterworfen. Es folgten Jahr­zehnte blu­tigen Widerstands mit drakonischen Strafmaßnahmen durch die musli­mi­schen Er­obe­rer. Persien wurde schließlich weitgehend islamisch. Seit der Revolution von 1979 ist der Islam stärker denn je Richtschnur für die Herrschenden des Landes.

"Vor 37 Jahren, als die Revolution losging, hat man Kyros keine Bedeutung bei­ge­messen", erklärt Zibakalam. "Die heutige Gesellschaft sollte eigentlich sehr islamisch und gläubig ge­wor­den sein, denn alles ist ja hier islamisch: Die Führung, der Präsident, das Parla­ment, die staatlichen Medien und die Universitäten – einfach alles. Wir wissen sehr genau, dass es zwischen Ky­ros und dem Islam keine Gemeinsamkeiten gibt."

Shāh-e Shāhān – König der Könige wird Kyros der II. genannt. Direkt nach der Re­volu­tion sollte sein Grabmal geschleift, die Erinnerung an ihn gelöscht werden. Tau­sende Menschen stellten sich den Abrisstruppen damals in den Weg. Dann herrschte lange Schweigen. Die Erinnerung an alte Größe kommt nun in Zeiten wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Krise zurück.  

"Vom Islam enttäuscht"

"Die zweite und dritte Generation nach der Islamischen Revolution – sie sind vom Islam enttäuscht", sagt Zibakalam. "Sie suchen nach Ersatz. Für meine Generation war der Islam die Ant­wort. Die jungen Menschen von heute werden wegen ihrer Islam-Enttäuschung so lange su­chen, bis sie etwas Anderes gefunden haben."

"Alles ist Gottes Wille, aber alles Unheil kommt von den Arabern", skandiert die Menschenmenge. Worte, die im Land der Velayat-e Faqih – der Herrschaft des Rechtsgelehrten – wie reinste Blas­phe­mie klingen. Eine Minderheit äußere sie, räumt Sadegh Zibakalam ein. Aber diese Minder­heit bringe Gefühle vieler vor allem junger Menschen zum Ausdruck:

"Die Generationen nach der islamischen Revolution glauben nicht mehr an die Poli­tik der Führung. Wenn die Herrschenden hier von Hizbollah-Chef Hassan Nasral­lah sprechen, dann sagen sie, wer ist das überhaupt? Die Herrscher spre­chen von Hamas und die anderen sagen: Hamas, was bitteschön ist das. Die Füh­rung sagt, die USA sind unser Feind. Die andere Seite sagt, nein, das sehen wir nicht so."

Die Kluft zwischen Herrschaft und Volk sei groß, sagen viele im Iran. Die Herrschaft folge den Vorgaben Gottes und diene dem Volk, das hingegen sagen die Herrschenden.

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