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StartseiteInformationen am MorgenEine Bar als Ort der Sehnsucht29.02.2016

IsraelEine Bar als Ort der Sehnsucht

Ein Platz für Araber, Israelis und Minderheiten: Die Bar Anna Loulou im traditionell arabischen Jaffa widersetzt sich jedem Label im Nahen Osten. Sie gilt als Ort der Sehnsucht - auch weil hier mit den Stereotypen des Nahen Ostens gebrochen wird.

Von Torsten Teichmann

Blick auf eine Straße in Jaffa. (picture-alliance/ dpa / Peer Grimm)
Kleine Basare und Galerien prägen das Straßenbild von Jaffa. (picture-alliance/ dpa / Peer Grimm)
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Auf dem Weg von Tel Aviv hoch nach Jaffa, gibt es am Hügel rechts, in einer dunklen Einfahrt, eine Bar, die sich jedem Label in Nahost wiedersetzt:

"Jeder, der in den Laden kommt, hat ein anderes Bild. Der eine sieht das hier als einen Ort für Schwule und Lesben. Der nächste denkt, das sei ein Platz für Araber. Oder für die Linken. Jeder hat seinen eigenen Blick."

Ein Ort, an dem sich jeder mit seiner Identität wohlfühlen kann. So beschreibt der palästinensische Israeli Marwan Hawash die Bar "Anna Loulou". In Nahost klingt das wie ein Ort der Sehnsucht. Die Malerin Alma Itzhaki kommt seit fünf Jahren in die Bar:

"Das ist einer der wenigen Orte in Jaffa, der weiter einen Bezug zur Umgebung hat. Denn in den letzten Jahren durchläuft Jaffa einen Prozess der Veränderung, der Gentrifizierung. Die Orte sind selten geworden, an denen es eine junge urbane palästinensische Kultur gibt. Und zu denen auch ein jüdisches Publikum kommt. "

Aus Gästen wurde eine Gemeinschaft

Alma und Marwan haben zusammen mit anderen Gästen die Bar als Betreiber übernommen. Um das Besondere zu retten, wie sie sagen. Alma, die Malerin hat ihr Atelier hinter dem Bloomfield-Stadion. An der Grenze zwischen dem traditionell arabischen Jaffa und der hebräischen Metropole Tel Aviv. Ihre Kunst fängt die krassen Unterschiede perfekt ein.

Eine Frau steht vor einer Leinwand und hält Pinsel in ihren Händen. (Deutschlandradio /  Thorsten Teichmann)Die Künstlerin Alma hat zusammen mit anderen Gästen die Bar als Betreiber übernommen. (Deutschlandradio / Thorsten Teichmann)

"Ich habe die letzten zehn Jahre in Jaffa und im Süden von Tel Aviv gewohnt, also in den ärmeren Teilen der Stadt. Das sind Viertel mit Industrie. Viertel, in denen unterschiedliche Menschen leben. Also Palästinenser oder Wanderarbeiter aus allen möglichen Ländern. Ja, es ist sehr viel heterogener und bunter als der Rest des Landes."

Es sind Stadtteile mit Problemen. Die fortschreitende Gentrifizierung in Jaffa, mit Millionen-Dollar-Apartments und schicken Restaurants schwebt über den Dingen. Die Bar Anna Loulou sollte sich dagegen in die Gegend einfügen.

Bar der Co-Existenz

Das war nicht leicht, der Journalist Eyal Begui Bizawe berichtet über jüdisch-israelische Gäste, die sich zu Beginn über moderne arabische Musik aufregten. Und arabisch-israelische Besucher meckerten über Hymnen der schwulen, hebräischen Popkultur. Aber zumindest in den zwei Räumen haben alle gelernt, damit zu leben.

Video mit Marwan Hawash:

Aus Gästen wurde eine Gemeinschaft, die sogar einsprang, als die ursprünglichen Betreiber aufgaben, erklärt Marwan.

"Als wir zum Anwalt gingen, um die Übernahme zu unterschreiben, hat der uns darauf gebracht, wie unterschiedlich wir sind. Einer kommt aus Kolumbien, der andere aus Tel Aviv, einer aus Bethlehem – da mussten wir lachen.

Ein alternativer Ort des Zusammenlebens

Koexistenz fällt einem ein. Aber das Wort halten sie für Quatsch im Anna LouLou. Die Bar ist ein Ort an dem Stereotype des Nahen Ostens aufbrechen. Ein alternativer Ort, der aber niemand zurückweist:

"So wie hier müsste eigentlich jeder Ort, jeder Club, und jeder Mensch funktionieren. Aber wir sind an einen Punkt gekommen, an dem das Zusammenleben nicht mehr normal, sondern total speziell und besonders ist."

An diesem Punkt denkt der Student Marwan Hawash darüber nach wegzugehen. Der palästinensische Israeli beklagt Benachteiligung, Rassismus und fehlende Perspektiven im Alltag:

"Ich sehe keine Hoffnung auf Besserung in der nächsten Zeit und langfristig. Deshalb ist es für mich persönlich das Beste, einfach das Land zu verlassen. Andere würden sagen, das ist falsch. Aber das bringt hier alles nichts und deshalb muss ich weg."

Die Bar Anna Loulou und Jaffa sind für ihn auch ein letzter Versuch.

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