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StartseiteEuropa heuteSchwere Zeiten für Europa und den Euro29.05.2018

ItalienSchwere Zeiten für Europa und den Euro

Italien steckt in einer Regierungskrise. Die Koalitionsregierung der populistischen Parteien Lega und Fünf Sterne kam nicht zustande. Hauptauslöser: der Euro und die Wirtschaftspolitik. Hört bei der Währung die EU-Begeisterung auf?

Von Kirstin Hausen

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Carlo Cottarelli vor einer italienischen und einer europäischen Flagge (AFP/Andreas SOLARO)
Der Ökonom Cottarelli führt Italien bis zu den Neuwahlen (AFP/Andreas SOLARO)
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"Europa?" Könnte gut sein, sagt dieser 20jährige Süditaliener, der zum Studium nach Mailand gezogen ist. Er geht auf die "Bocconi", eine renommierte Elite-Universität für Wirtschaft und Finanzen. Hier werden die künftigen Manager des Landes ausgebildet, hier ist Internationalität Pflicht. Doch die Europabegeisterung hält sich in Grenzen.

Nützlich ist es schon wegen Austauschprogrammen und so, räumt der junge Student ein. Die Europäische Union als Dienstleistungscenter. Der europäische Gedanke - eine Kosten-Nutzen-Kalkulation?

Das ursprüngliche Projekt Europa ist zum Teil verraten worden, klagt diese Signora, eine gut gekleidete Endfünfzigerin, die mit ihrem Mann aus dem Supermarkt kommt. Der Inhalt ihrer Einkaufstüten kostet sie heute ungefähr das Doppelte von dem, was sie vor der Einführung der Einheitswährung Euro bezahlt hätten: "Die Schuld daran wurde Europa gegeben, aber das ist ziemlich ignorant. Der Übergang zum Euro war ein historischer Schritt. Nur ist das den meisten Leuten egal. Sie interessiert allein, wieviel Geld sie im Portemonnaie haben."

Resigniert hebt die Dame die Schultern Die anti-europäische Stimmung in der Bevölkerung macht sie traurig. Ihr Mann ist optimistischer: "Es stimmt, in Italien hat die Begeisterung für Europa nachgelassen, aber wir gehören doch zu den Gründerstaaten."

"Italien schaut nur noch zu"

Stolz schwingt in seiner Stimme mit. Stolz auf Politiker wie Alcide de Gaspari, der sich als Premierminister gemeinsam mit dem französischen Ministerpräsidenten Robert Schumann und dem deutschen Bundeskanzler Konrad Adenauer für den Aufbau der Montanunion einsetzte. Damals spielte Italien eine zentrale Rolle im Einigungsprozess, heute schaue es nur noch zu, kritisiert das Ehepaar.

"Das ist finde ich ein Teil der Erbschaft von Berlusconi auch, der hat die politische Kultur Italiens zerstört," sagt dazu Thomas Jansen, Politikwissenschaftler und ehemaliger Vorsitzender der Europäischen Volkspartei in Brüssel. Er ist mit einer Italienerin verheiratet und nach seiner Pensionierung nach Triest gezogen, ganz im Nord-Osten Italiens. Er schaut auf den Springbrunnen vor ihm auf der malerischen Piazza und wirkt bekümmert.

"Die meisten Probleme, die Italien hat, sind hausgemacht, aber es gibt eine starke Neigung, die Schuld dafür auf andere zu verschieben und das ist auch ausgeprägt in der Politik. Und solange man die Fehler bei anderen sucht, solange ist man unfähig, die eigenen Fehler zu sehen und die Veränderungen herbeizuführen, die notwendig sind."

Matteo Salvini, Parteiführer der Lega Nord, ist dafür ein Paradebeispiel. Jahrelang gab er die Schuld an Italiens Wirtschaftskrise allein dem Euro und den Sparvorgaben aus Brüssel: "Kein Wunder, dass die Deutschen den Euro mit Zähnen und Klauen den Euro verteidigen, sie haben ja nur Vorteile von ihm. Jetzt verkaufen sie wie die Weltmeister und sind wirtschaftlich überlegen während ganz Südeuropa unter einer Rekordarbeitslosigkeit leidet."

Europa bedeutet: Unerwünschte Einmischung.

Vor dem Euro konnte Italiens Wirtschaft aufgrund wiederholter Abwertungen der Lira auf dem Weltmarkt konkurrenzfähig bleiben. Dass die Bürgerinnen und Bürger dafür hohe Inflationsraten in Kauf nehmen mussten, scheint heute vergessen. Heute ist "Europa" für viele Italiener kein emotional positiv besetzter Begriff mehr, sondern zum Symbol für unerwünschte Einmischung von außen geworden.

"Es ist außerordentlich bedauerlich. Ich weiß nicht, wie sich das noch entwickeln wird."

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