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StartseiteBüchermarkt"Eine Generalsatire der Zeit"30.11.2017

Klassiker "Gullivers Reisen""Eine Generalsatire der Zeit"

"Gullivers Reisen" galt lange als Kinderbuch. Das sei es aber überhaupt nicht, sagte die deutsche Übersetzerin von Jonathan Swifts Klassiker Christa Schuenke im Dlf. Es sei ein "Buch über die condition humaine, ein ganz großartiges", so Schuenke. Das habe sie vermitteln wollen.

Christa Schuenke im Gespräch mit Tanya Lieske

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Das Ensemble des Deutsch-Sorbischen Volkstheaters Bautzen mit Stephan Siegfried in der Titelrolle probt am 26.06.2014 in Bautzen im Hof der Ortenburg das Stück "Gullivers Reisen". Im Rahmen des 19. Bautzener Theatersommers wird das Stück in der Adoption und Regie von Lutz Hillmann vom 03. Juli bis 10. August zu sehen sein. (dpa / Matthias Hiekel)
"Gullivers Reisen": Theateradaption im Hof der Ortenburg in Bautzen (dpa / Matthias Hiekel)
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Tanya Lieske: Gullivers Reisen ist ein Spiel mit dem Genre der Reiseliteratur aber es geht auch um Politik, um Staatstheorien, und darum, was für ein Wesen der Mensch eigentlich ist. Alles Gedanken, die zur Aufklärung gehören, und mit denen man sich in England schon 1726 beschäftigte, das ist das Jahr, in dem Gullivers Reisen zum ersten Mal veröffentlicht wurden. Der kleine Auszug von eben markiert diese uns etwas entrückte Epoche in vielen Wendungen und Anmutungen. Wie genau so etwas von einer Sprache in die andere wandert, das weiß keiner besser als die Übersetzerin Christa Schuenke. Sie hat viele englische Klassiker ins Deutsche übersetzt, darunter William Shakespeare und John Donne. Ich habe mit Christa Schuenke vor der Sendung telefoniert, und ich wollte zuerst von ihr wissen, warum Jonathan Swift denn in der Erstausgabe sich nicht zu erkennen gegeben hat, er ist damals verschwunden hinter dem fiktiven Erzähler und Autor Lemuel Gulliver.

Christa Schuenke: Der Mann war Geistlicher der anglikanischen Kirche und ein lebensfroher Mensch, aber niemals zur See gefahren, in seinem ganzen Leben nicht, und ich glaube, da wäre man eben nicht einfach raus gekommen, und außerdem hätte sich das, was er da beschreibt, natürlich nicht mit seinem Kirchenamt und den Erfordernissen desselben ohne Weiteres vertragen.

Lieske: Also durchaus Sie spielen an auf die frivolen Passagen ...

Schuenke: Genau.

Lieske: ... die es auch gibt bei dieser Reise.

Schuenke: Genau, ja.

Lieske: Also eine Camouflage, die durchaus auch lustig ist. Das Buch beginnt ja auch mit dem Schreiben eines fiktiven Herausgebers.

Schuenke: Genau.

Lieske: Dann gibt es ein Nachwort des fiktiven Autors an diesen fiktiven Herausgeber, in dem Letzterer den Ersteren der Fälschung und der Auslassung bezichtigt.

Schuenke: Eben!

"Ein ungeheuer bitterer und scharfer Satiriker"

Lieske: Auch da kann man verschiedene Lesarten walten lassen. War das jetzt politische Vorsicht, denn Swift hatte ja durchaus auch viele Zeitgenossen karikiert und persifliert, oder würden Sie sagen, Frau Schuenke, es war eher seine Lust am Spiel mit literarischen Formen?

Schuenke: Nein, ich denke schon, dass das auch eine politische Camouflage war. Er war ja nun auch politischer Mensch, man denke da nur an seinen Essay "Ein bescheidener Vorschlag", darüber, was man mit den Neugeborenen, die in reicher Zahl bei armen Menschen in Irland geboren wurden, anfangen könnte, wie man sie also als wohlschmeckenden Braten an die reichen Leute verfüttern könnte. Eine bitterböse Geschichte, und er hat ja unendlich viele solcher sehr, sehr bösen Geschichten geschrieben, und ich kann mir gut vorstellen, dass ihm das nicht nur Freunde gemacht hat in der Gesellschaft. Ich denke, es verbindet sich wie immer in solchen Fällen beides miteinander; die Lust an der Verkleidung, an der sprachlichen Verkleidung, und er ist eben ein ungeheuer bitterer und scharfer Satiriker gewesen, und das wollte er auch unterbringen.

Lieske: Wir sind in einer Zeit, in der Schreiben tatsächlich noch ein Risiko bedeuten konnte.

Schuenke: Ja.

Buchcover: Jonathan Swift: "Gullivers Reisen" (Buchcover: Manesse Verlag, Foto: AFP / Sonny Tumbelaka)Sprachspielerei um ihrer selbst willen ist nicht Sache von Übersetzerin Christa Schuenke, dennoch musste sie Mittel und Wege finden, das Englisch des 18.Jh. sprachlich zu transportieren (Buchcover: Manesse Verlag, Foto: AFP / Sonny Tumbelaka)

Lieske: Die Sprache ist das Englisch des frühen 18. Jahrhunderts – wie muss man sich diesen Sprachkorpus vorstellen, in welchem Zustand war die Sprache?

Schuenke: Also es ist längst nicht so weit entfernt vom heutigen Englisch wie zum Beispiel das Mittelenglische oder das Altenglische. Das ist im Deutschen ja ähnlich. Unser Mittelhochdeutsch ist uns ja viel fremder als zum Beispiel das Deutsch des 18. Jahrhunderts. Die Unterschiede sind eigentlich gering, wenn man es sich genau anguckt beim Englischen. Es ist mir auch immer wieder passiert mit meiner Übersetzung der Shakespeare-Sonette, dass Briten gesagt haben, mein Gott, wie kannst du dieses alte Englisch von Shakespeare verstehen, aber das ist überhaupt nicht kompliziert, wenn man sich einfach hineindenkt, und so habe ich das dann in der Übersetzung eben auch gemacht, dass ich mir überlegt habe, was will ich erreichen. Ich will keine Lesebehinderung erreichen durch Sprachspielerei orthografischer Art oder grammatikalischer Art oder so, aber ich will ein Deutsch schreiben, das mit dem Deutsch des 18. Jahrhunderts spielt und eine Ähnlichkeit hat.

Ich habe eigentlich so eine ähnliche Mimikry gemacht wie Swift selbst, der ja, wie gesagt, nie zur See gefahren ist und sich dort als Captain Gulliver ausgibt. Ich habe halt so getan, als wenn ich die Sprache des 18. Jahrhunderts nachbilden könnte, bis hin zu der Entscheidung, dass ich also natürlich auf der stilistischen und grammatikalischen Ebene arbeite, aber das nur sehr sparsam, also so Sachen wie zum Beispiel "wurde" durch "ward" konsequent zu übersetzen. Das habe ich nicht gemacht, sondern dem Rhythmus angepasst. Solche Entscheidungen. Man muss ja beim Übersetzen ständig Silben zählen, damit der Rhythmus stimmt!

Lieske: Das haben Sie gemacht, ja?

Schuenke: Und "ward" hat eben nur eine Silbe und "wurde" hat zwei, und manchmal braucht man eben zwei Silben in einem solchen Satz.

Lieske: Ich habe die beiden Texte mal in Auszügen neben- und sozusagen übereinander gelegt, Ihre Übersetzung, Frau Schuenke, und das englische Original. Das englische Original zeigt natürlich auch sein Alter, und dabei ist mir aufgefallen, dass Sie das Alter des Textes an anderen Passagen markieren.

Schuenke: Das ist richtig. Das ist ja etwas, was wir als Übersetzer ständig tun, dass wir an einer Stelle, wo das einfach nicht passt und den deutschen Textfluss behindern könnte, dass wir es da dann vielleicht abschwächen oder ganz sein lassen und dafür aber an einer Stelle, wo es sich gut fügt, eben diese Mittel substituieren.

"Ich habe ein Ganzes zu übersetzen"

Lieske: Swift war ja auch ein immens politischer Autor ...

Schuenke: Ja.

Lieske: ... und Sie, Frau Schuenke, haben einen ganzen Fußnotenapparat mit beigefügt ...

Schuenke: Ja!

Lieske: ... mit recherchiert, nehme ich auch, an dem sich sehr viel rekonstruieren lässt, auch der Tagespolitik zur Zeit. Ist das auch genuin mit Aufgabe der Übersetzerin oder war das jetzt liebendes Beiwerk?

Schuenke: Nein, ich denke, das ist mit genuine Aufgabe, weil ich habe ja nicht irgendwie Wörter oder Sätze zu übersetzen, sondern ich habe ein Ganzes zu übersetzen, und gerade bei Swift und gerade im "Gulliver" ist eigentlich fast jedes Wort, jeder Name, der natürlich vorkommt, eine Anspielung an reale politische Auseinandersetzungen und Differenzen, und da dachte ich, dass das Buch einfach dem Leser nicht halb so viel Freude macht – es galt ja lange der "Gulliver" als Kinderbuch, und das ist er natürlich überhaupt nicht. Klar, wenn man nur bei Liliput oder bei den Zwergen und den Riesen verweilen will, dann kann man das Kindern harmlos darstellen. Es ist eigentlich eine Generalsatire der Zeit, und es ist ein Buch über die condition humaine, ein ganz großartiges, wie ich finde, und das wollte ich einfach vermitteln.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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