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StartseiteUmwelt und VerbraucherNationale CO2-Messungen häufig fehlerbehaftet 10.08.2017

KlimaschutzNationale CO2-Messungen häufig fehlerbehaftet

Wie viel C02 gelangt weltweit in die Erdatmosphäre? Das lasse sich schwer errechnen, da die Angaben einzelner Staaten fehlerbehaftet seien, sagte Reimund Schwarze vom Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung im Dlf. Er fordert eine Verbesserung statistischer Grundlagen und eine unabhängige, überstaatliche Beobachtung.

Reimund Schwarze im Gespräch mit Georg Ehring

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Rauch kommt aus Schornsteinen in Jilin-Stadt im Nordosten Chinas. (Ding Dong, dpa picture-alliance)
Vor allem die große Schwellenländer wie China, Russland und Indien weisen laut Reimund Schwarze eine "kritische Unsicherheit" bei der Emissionsstatistik auf. (Ding Dong, dpa picture-alliance)
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Georg Ehring: Rund 32 Milliarden Tonnen Kohlendioxid - mit diesem gewaltigen Ausstoß hat der Mensch im vergangenen Jahr die Erdatmosphäre erwärmt. Seit der Jahrtausendwende sind die Zahlen übrigens um rund 40 Prozent gestiegen, so die offizielle Statistik. Aber - stimmt die überhaupt? Die Angaben stammen im Wesentlichen von den betreffenden Staaten selbst. Ob sie die Wahrheit sagen und wie genau ihre Daten sind, das ist durchaus umstritten. Raimund Schwarze ist Professor am Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung in Leipzig und er bemüht sich um eine Verbesserung der Datenbasis. Vor dieser Sendung habe ich Raimund Schwarze gefragt, ob man befürchten muss, dass da Staaten mit Emissionsdaten genauso betrügen, wie manche Autohersteller. 

Reimund Schwarze: Sicher nicht wie die Autohersteller, denn da war es eine abgesprochene Aktion. Hier kann es jetzt einzig um Einzelaktionen gehen, wo einzelen Staaten vielleicht zu wenig oder zu viel berichten. Also auch hier ist, anders als beim Dieselskandal, die Richtung noch gar nicht klar, in der berichtet wird. Aber wir wissen, dass es sehr fehlerbehaftet ist als Grundlage, auf der wir hier arbeiten im internationalen Klimaschutz.

Viele Schwellenländer mit fehlerhafter Energiestatistik

Ehring: Wie funktioniert denn die Überwachung? Woher weiß die Weltöffentlichkeit, ob ein Staat wie Deutschland oder Frankreich oder China oder Simbabwe so viele Emissionen meldet, wie es auch tatsächlich verursacht?

Schwarze: Das gegenwärtige System beruht darauf, dass es nationale Berichterstattung gibt, hauptsächlich Energiestatistik, die umgerechnet wird in Emissionsstatistik. Das geht bei CO2 auch leidlich gut. Das Ganze wird eingebettet in eine Energieberichterstattung hauptsächlich an die Internationale Energieagentur. Und dann gibt es natürlich auch noch verschiedene wissenschaftliche Modelle dazu, die das in gewisser Weise überprüfen.

Ehring: Aber es gibt ja auch Abweichungen. Gibt es da besonders krasse Beispiele?

Schwarze: Ein besonders krasses Beispiel war in den letzten Jahren und Jahrzehnten, möchte ich sagen, die Berichterstattung aus China, immerhin des weltweit größten Emittenten. Vor etwa fünf, sechs Jahren hieß es, 1,4 Gigatonnen Differenz ergeben sich aus der Berichterstattung der Nationalregierung zu dem, was sich ergibt, wenn man die Berichte der Regionalregierungen mal dagegenrechnet und zusammenzählt. Dann wurde in China in den letzten Jahren sehr viel getan, um das zu verbessern. Der Fehler ist ja durchaus auch international bekannt geworden. 2015 wurde aber der offizielle Bericht gegenüber dem Klimasekretariat mal kurzerhand um 14 Prozent nach oben korrigiert, um schon sechs Monate später wieder 15 Prozent nach unten korrigiert zu werden.

Wir rechnen das hier in diesem Zusammenhang an der Zehnprozentmarke: Ist es über zehn Prozent Fehler, mit dem man rechnen muss, dann ist es ein kritischer Fehler, und die Länder, die in der Kategorie kritischer Fehler liegen, die wachsen. Früher waren es eben nur die Kyoto-Länder, also Länder wie Deutschland und USA, die durchaus auch über Jahrzehnte eine sehr sorgfältige Energiestatistik erarbeiten. Jetzt aber haben wir das Paris-Abkommen. Viele Länder, die jetzt als große Schwellenländer reingekommen sind, China, Russland, Indien und so weiter, und genau diese Länder weisen eben so eine kritische Unsicherheit auf, also über zehn Prozent. Insofern, das Problem wird immer größer.

Unabhängige Quelle der Überwachung

Ehring: Wie lässt es sich denn lösen?

Schwarze: Natürlich kann man darauf hoffen, darauf hofft jetzt das Klimasekretariat, und auch die Verhandlungen gehen genau in diese Richtung, dass man eben die statistischen Grundlagen für die nationalen Berichte, insbesondere die Energiestatistik verbessert, das ist sicher ein wichtiger Weg, aber aus meiner Sicht nicht hinreichend. Ich selbst und viele andere Wissenschaftler schlagen halt vor, dass es eben auch unabhängig und eigenständig von anderen Ländern überwacht werden soll.

Wir können aus dem All relativ zuverlässig beobachten, wie der CO2-Kreislauf sich gestaltet. Das kann durchaus mit Hilfe moderner Methoden bis hin zur Verursachung am Boden heruntergerechnet werden. Natürlich enthält das auch Unsicherheiten, aber wenn man die gegenüberstellt, dann haben wir eben eine dritte unabhängige  und eigenständige Quelle der Überwachung, die dann natürlich helfen, ein bisschen genauer diesen Prozess des Benennens und Beschämens, der jetzt im Paris-Abkommen vorgesehen ist für solche Länder, die eben nicht sorgfältig berichten, zu stützen. 

Sehr vorsichtig vorgehen

!Ehring:!! Lassen sich denn Länder, die auf ihre Souveränität bedacht sind, so in die Karten gucken?

Schwarze: Das nicht, aber ist sicher auch ein international fragiler Prozess. Wir müssen dort sicher sehr vorsichtig auch vorgehen. Andererseits ist es so, in vielen anderen internationalen Übereinkommen, denken Sie zum Beispiel an die Nichtweiterlieferung von Atomwaffen, haben wir auch dieses Mittel bereits lange eingesetzt. In Wien gibt es eine Kommission, die nichts anderes tut, als vonseiten der UN eine aus internationalem Raum beobachtete Aufstellung und Verbreitung von Atomwaffen zu überwachen. Und natürlich kann ich mir auch so was vorstellen, dass das für die UN entstehen kann.

Gesamter Prozess gewinnt, indem Unsicherheiten verkleinert werden

Ehring: Wenn das nicht funktioniert, die internationale Überwachung, welche Folgen kann das denn für das Klima haben?

Schwarze: Nun ja, ich sag ja, Unsicherheit hat zwei Richtungen. Aber es ist halt so, dass der Vertrauensverlust, der damit entsteht - auch, egal, in welcher Richtung die Unsicherheit ist - sobald sie ein kritisches Maß überschreitet, sicher erheblich ist. Und damit gibt es eine gewisse Erosion in den internationalen Verhandlungen. Wenn man sich nicht mehr vertraut, weil man nicht weiß, wer wie berichtet und wie fehlerbehaftet das Ergebnis ist, der kann auch letzten Endes nicht langfristige Minderungsleistungen versprechen, so wie das jetzt eben passiert.

Und wenn der Prozess des Benennens und Beschämens ein Ausmaß annimmt, dass es nur noch Aufeinanderzeigen heißt mit Unsicherheiten, die zum Teil eben unvermeidlich sind, dann wird auch Unsicherheit im diplomatischen Prozess instrumentalisiert werden. Insofern geht es nicht nur darum, dass Europa was Unabhängiges, Eigenständiges zur Verifizierung als Infrastruktur braucht, sondern der gesamte Prozess dadurch gewinnt, indem die Unsicherheiten verkleinert werden und nicht weiter instrumentalisiert werden können für den Verhandlungsprozess.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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