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Seit 13:10 Uhr Themen der Woche
StartseiteEssay und DiskursKolonialkriege - Im Herzen der Finsternis05.09.2010

Kolonialkriege - Im Herzen der Finsternis

Reihe: Politische Gewalt im 20. Jahrhundert, Teil 5

Das 20. Jahrhundert war das blutigste in der Menschheitsgeschichte. Leider ist die Diskussion über die Ursachen, Manifestationen und Konsequenzen politischer Gewalt allzu oft auf den eigenen Nationalstaat verengt worden. Unsere fünfteilige Serie befasst sich deshalb mit der "politischen Gewalt im 20. Jahrhundert" in einem europäischen Kontext.

Von Stephan Malinowski

Demonstration gegen den Vietnam-Krieg, Berlin 1968. (AP Archiv)
Demonstration gegen den Vietnam-Krieg, Berlin 1968. (AP Archiv)
<p>In der letzten Folge hören Sie nun einen Essay von Stephan Malinowski zum Thema "Kolonialkriege oder: Im Herz der Finsternis". Der Autor lehrt seit 2009 deutsche und westeuropäische Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts am University College in Dublin. <br /><br /><br /></p><p><strong>Kolonialkriege - Im Herzen der Finsternis</strong></p><p>Von Stephan Malinowski<br /><br />In seinem Meisterwerk Apocaplypse Now, einem frühen Abgesang auf den Vietnamkrieg, lässt Francis Ford Coppola einen Captain der amerikanischen Spezialeinheiten den Mekong flussaufwärts fahren, um einen abtrünnigen Oberst der amerikanischen Armee zu liquidieren. Oberst Kurtz, ein Kriegsheld der Sonderklasse, hat sich von seiner Einheit abgesetzt und im kambodschanischen Urwald ein Regime aus Terror, Gewalt und Rausch erschaffen. <br /><br />In der späteren Langfassung des Films erweitert Coppola sein Epos von 1979 um eine Szene, in der Captain Willard die Witwe eines französischen Siedlers trifft, die als Relikt der französischen Kolonialherrschaft in Indochina zurückgeblieben ist. Willard ignoriert ihre Warnungen und verbringt eine rauschhafte Nacht mit ihr. Die Begegnung ist eine Metapher: Die USA, einst selbst hervorgegangen aus einem antikolonialen Aufstand, infizieren sich in Vietnam mit den kolonialen Krankheiten Europas und tragen diese Gewalttradition weiter. <br /><br />Bereits sieben Jahre vor Coppolas Film hatte der deutsche Avantgarde-Regisseur Werner Herzog das Motiv des Europäers, der sich im kolonialen Abseits selbst abhandenkommt, in den Urwald von Peru verlegt und als Geschichte eines spanischen Konquistadoren im 16. Jahrhundert erzählt. Ein rasender Klaus Kinski interpretiert die historische Figur des Don Lope de Aguirre bei seiner südamerikanischen Flussfahrt auf der Suche nach Eldorado<br /><br />&quot;Wir werden ganz Neuspanien in der Hand haben – und wir werden Geschichte inszenieren. Wie andere Stücke auf dem Theater. Ich, der Zorn Gottes, werde meine eigene Tochter heiraten. Und mit ihr die reinste Dynastie gründen, die je die Erde gesehen hat. Zusammen werden wir über diesen Kontinent herrschen. Wir halten durch. Ich bin der Zorn Gottes – wer sonst ist mit mir?&quot;<br /><br />Beide Filme sind von einer der größten europäischen Novellen inspiriert, die über innere und äußere Abgründe kolonialer Gewaltexporte je geschrieben wurden. Heart of Darkness, Im Herzen der Finsternis, so der Titel des 1902 erschienenen Romans eines polnischen Abenteurers und Seefahrers mit britischer Staatsangehörigkeit: Joseph Conrad. Der Strom, auf dem die Reise einer europäisch gemischten Mannschaft flussaufwärts führt, ist der Kongo, den historischen Hintergrund bildet die belgische Kongo-Kolonie, in der nach vagen Schätzungen der Historiker zu Beginn des 20. Jahrhunderts fünf bis zehn Millionen Afrikaner in einem Inferno aus Gier, Zwangsarbeit und abgehackten Händen als Währungseinheit der Kautschukhändler ihr Leben verlieren. <br /><br />Die Globalisierung hat uns um den Begriff der Sonderhandelszone bereichert. Für den Kolonialismus ließe sich in Anlehnung daran von Sondererfahrungszonen sprechen. <br /><br />Die Leichtigkeit, mit der sich das Motiv von der Flussfahrt in die Finsternis von Südamerika um 1560, über den Kongo um 1900 bis ins Vietnam des Jahres 1967 transportieren lässt, spricht für eine gewisse Zeitlosigkeit des Phänomens. In seiner berühmten Analyse der Eroberung Amerikas im 16. Jahrhundert schreibt Tzvetan Todorov:<br /><br /><em>" >Alles ist erlaubt

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