Samstag, 21.04.2018
 
Seit 06:00 Uhr Nachrichten
StartseiteEuropa heute"Wir mögen die Russen wirklich"13.04.2018

Konfrontationspunkt Kaliningrad (5/5)"Wir mögen die Russen wirklich"

Seit 2016 können Polen und Russen, die nahe der Grenze wohnen, nicht mehr visumfrei in das jeweilige Nachbarland reisen. Das trifft vor allem die polnische Grenzstadt Bartoszyce. Die Menschen auf beiden Seiten wünschen sich mehr Annäherung.

Von Gesine Dornblüth

Hören Sie unsere Beiträge in der Dlf Audiothek
Dmitrij Gurjew hat in der russischen Exklave Kaliningrad einen kleinen Laden und kauft in Polen ein. Dafür hat er ein Arbeitsvisum - der Kleine Grenzverkehr zwischen beiden Ländern ist seit 2016 ausgesetzt (Deutschlandradio/ Gesine Dornblüth)
Dmitrij Gurjew hat in der russischen Exklave Kaliningrad einen kleinen Laden und kauft in Polen ein. Dafür hat er ein Arbeitsvisum - der Kleine Grenzverkehr zwischen beiden Ländern ist seit 2016 ausgesetzt (Deutschlandradio/ Gesine Dornblüth)
Mehr zum Thema

Konfrontationspunkt Kaliningrad Die Frontlinie des neuen Kalten Krieges (Alle fünf Teile)

Zbygniew fährt Einkaufen. Er wohnt mit seiner Frau in einer Plattenbausiedlung im masurischen Bartoszyce. Es ist der letzte größere polnische Ort vor der Grenze zu Russland, bis nach Kaliningrad sind es knapp 70 Kilometer. Zbygniew plaudert ungezwungen auf Russisch:

"Ich habe fünf Jahre Russisch in der Schule gehabt und dann vier Jahre im Technikum in Olsztyn. In der Schule hatte ich eine sympathische Russischlehrerin. Im Technikum dagegen einen nicht wirklich guten Lehrer, ich würde sagen, ein echtes Arschloch, einen Stalinisten, Sibirier. Wir mochten ihn überhaupt nicht. Aber er hat viel von uns gefordert. Und ich denke, deshalb kann ich heute immer noch Russisch."

Zbygniew ist Pole, Ende 70. Seine Augen blitzen. Er kam gleich nach Kriegsende in die ehemals deutsche Stadt, Bartenstein hieß sie zuvor.

"Später habe ich viel mit Russen geredet, die aus dem Kaliningrader Gebiet zu uns kamen, um Sachen zu verkaufen: elektrische Geräte oder Produkte aus Bernstein."

Weil Zbygniew so ungezwungen plaudert, möchte er seinen Nachnamen nicht im Radio hören. Er schimpft über die Regierung in Warschau, die nur zurückblicke und sich mit allen Nachbarn zerstreite.

"Mit dem Kleinen Grenzverkehr war es einfacher"

Zbygniew fährt auf den Parkplatz eines deutschen Discounters. Vor ihm parkt ein Auto mit russischem Kennzeichen. Heute kommen die Russen vor allem zum Einkaufen nach Bartoszyce. Zbygniew stört das nicht: "Das ist kein Scherz, wir mögen die Russen wirklich."

Der Besitzer des russischen Autos steht vor den Getränkeregalen. Er heißt Dmitrij Gurjew:

"Ich kaufe von allem ein bisschen. Es kostet hier nur halb so viel wie bei uns." Im seinem Einkaufskorb stapeln sich Milchflaschen, Putzmittel, Zahnpasta, Kekse. "Ich komme einmal die Woche, manchmal alle zwei Wochen."

Gurjew hat in Kaliningrad einen kleinen Laden, verkauft die Waren dort weiter. Für die Einkaufsfahrten nach Polen hat er ein Arbeitsvisum. Seit dem Ende des "Kleinen Grenzverkehrs" 2016 muss er jedes halbe Jahr ein neues beantragen.

"Mit dem Kleinen Grenzverkehr war es einfacher und bequemer. Da bekamen wir Kärtchen. Die galten erst ein Jahr, dann zwei Jahre, und am Ende galt meins sogar fünf Jahre." Gurjew legt eine Flasche Gemüsesaft in den Korb. "Die Politiker schüren Streit. Die Menschen kommen gut miteinander aus."

Besucher aus Kaliningrad sind ein Wirtschaftsfaktor in Polen

Zbygniew kauft nur ein paar Kleinigkeiten, dann schaut er im Rathaus vorbei. Er wird mit Handschlag begrüßt. Robert Pająk, ein untersetzter Mann mit Brille und Cordsacko, leitet die Stadtverwaltung. Auf seinem Schreibtisch stapeln sich Papiere. Auf die Beziehungen zu den Russen angesprochen, bittet er, sein Büro zu verlassen, um im Flur gerahmte Urkunden zu zeigen. Es sind Dokumente der Städtepartnerschaft mit dem russischen Pionerskij. Der Ort liegt nördlich von Kaliningrad an der Ostseeküste.

"Wir treffen uns bei Festen. Sie feiern den Tag des Fischers, wir das Stadtfest von Bartoszyce. Es gibt Arbeitstreffen, und wir schicken viele E-Mails hin und her. Das gehört zu unserer täglichen Arbeit."

Nachdem der Kleine Grenzverkehr zwischen Polen und dem Kaliningrader Gebiet abgeschafft wurde, seien eine Zeit lang gar keine Russen nach Bartoszyce gekommen, erzählt Pająk. Nun würden es langsam wieder mehr. Die Besucher aus Kaliningrad sind ein Wirtschaftsfaktor. In der Stadtverwaltung sähen sie es gern, wenn die Visapflicht in der Grenzregion wieder aufgehoben würde:

"Wir haben keine große Angst vor der russischen Großmacht: Vor Putin, vor Bomben, vor Flugzeugen. Vor Atombomben. Hier geht alles seinen Gang, die Menschen sind weiterhin in Kontakt."

In Bartoszyce und den Nachbargemeinden haben sie sogar Unterschriften gesammelt, damit der Kleine Grenzverkehr zurückkommt. Ob das etwas bringt? Robert Pająk verdreht die Augen: "Das müssen Sie in Warschau fragen. Wir können dazu nichts sagen."

"Wir wissen ja nicht, was Putin im Kopf hat"

Auch Zbygniew zuckt mit den Schultern. Bei aller Abneigung gegen die nationalistische PiS-Regierung hält er es für richtig, Russland militärisch etwas entgegenzusetzen. Die multinationalen Kampfverbände der NATO um das Kaliningrader Gebiet findet er gut. In Polen werden sie von den USA geführt und stehen rund hundert Kilometer von Bartoszyce entfernt.

"Ich denke, das ist besser für uns, denn ich weiß, was die Russen in der Ukraine gemacht haben. Sie haben ihr die Krim abgenommen, sie sind in den Donbass einmarschiert, und das, obwohl sie den Ukrainern vorher - im Tausch gegen deren Atomwaffen – in einem internationalen Vertrag Unabhängigkeit zugesichert hatten. Die Russen sind einfach gekommen und haben ihnen das weggenommen. Sie können auch zu uns kommen! Wir wissen ja nicht, was Putin im Kopf hat. Dass das russische Volk keinen Krieg will, weiß ich. Aber ich weiß nicht, was Putin und die russischen Generäle wollen: Die Sowjetunion wiederherstellen? Es gibt sehr viele Waffen. Atomwaffen. Die Iskander-Raketen hier in der Nähe. Putin muss ja nur einen Knopf drücken und es gibt Krieg. Aber ich glaube, die Wahrscheinlichkeit ist gering."

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk