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StartseiteInterview"Ich spüre Hass"24.07.2014

Kritiker der Israel-Politik"Ich spüre Hass"

Der israelische Zeitungsjournalist Gideon Levy ist in seiner Heimat einer der bekanntesten Gegner der israelischen Palästinenser-Politik. Inzwischen könne er nur noch mit Leibwächter auf die Straße gehen, sagte er im DLF. Abweichende Meinungen würden nicht mehr akzeptiert.

Gideon Levy im Gespräch mit Thielko Grieß

Der Journalist Gideon Levy (Gideon Levy)
Die Zeitung hat Leibwächter für ihren Autor Gideon Levy organisiert. (Gideon Levy)
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Er habe einen kritischen Artikel über die Piloten der israelischen Armee geschrieben, die "Heiligen Kühe" seines Landes, sagte Levy im Deutschlandfunk. Seitdem habe er Morddrohungen erhalten und spüre auf den Straßen "Hass und Anfeindungen", seine Zeitung habe deshalb einen Leibwächter für ihn engagieren müssen. Über seine Arbeit der vergangenen 30 Jahre sagt der Journalist: "Ich habe mehr Grausamkeiten gesehen als jeder andere Israeli." Er sehe es als seinen "großen Auftrag im Leben, das zu dokumentieren" und für die Leserschaft nachvollziehbar zu machen.

Derzeit spreche niemand in Israel von Frieden oder glaube daran, so der Journalist. Israel sei in einem ganz anderen Fahrwasser und die Regierung sei zweifellos nicht imstande, Frieden zu bewirken oder die Besatzung aufzugeben.

Levy fordert dazu auf, die Stimme laut vernehmlich zur israelischen Politik zu erheben. Es gehe darum Gerechtigkeit zu üben. "Israel übt jetzt keine Gerechtigkeit" und halte derzeit das Völkerrecht nicht ein. Er befürchtet, das Israel das Opfer der eigenen Politik werden könnte.


Das Interview in voller Länge:

Thielko Grieß: Fast eine Woche dauert die Bodenoffensive der israelischen Streitkräfte im Gazastreifen jetzt schon an. Und wie immer ist ein solcher Konflikt auch einer, der medial geführt wird. Da stehen sich die Hamas und die israelische Armee in nichts nach. Gideon Levy ist Journalist und Redakteur bei der linksliberalen Tageszeitung "Haaretz" in Israel. Er schreibt seit Jahren über die israelische Politik mit blick auf den Gazastreifen und das Westjordanland, und er tut dies, anders vielleicht als viele seiner Kollegen, sehr, sehr kritisch. Er geht mit Regierung und Armee heftig ins Gericht. Dafür wird er heftig beschimpft und er erhält inzwischen auch Morddrohungen. Wir haben Gideon Levy vor dieser Sendung in Tel Aviv erreicht. Meine erste Frage an ihn: Warum, Herr Levy, erträgt Israel Ihre Artikel nicht?

Gideon Levy: Israel befindet sich seit den letzten Jahren in einer sehr nationalistischen Bestimmtheit. Es drängt sehr nach rechts. Manchmal schlägt sogar Rassismus durch. Der Zeitgeist ist vom Nationalismus geprägt. Dies gilt umso mehr in Zeiten des Krieges. Solche extremen Ansichten werden dann zur Mitte. Das ist die Frucht von jahrelanger Aufstachelung, von antidemokratischen Gesetzen, auch von Hass auf alle abweichenden Meinungen, und das alles spitzt sich im Krieg sehr zu. Dazu muss man noch fügen, dass ich einen dieser Artikel über die Piloten geschrieben habe, die jetzt die Bombardierungen im Gazastreifen ausführen, und Piloten gelten ja in allen Gesellschaften, in Ihrer Gesellschaft, in unserer Gesellschaft als Vorbilder. Sie sind unberührbar wie Heilige Kühe und ich habe diese Piloten angegriffen.

"Ich spüre auch Hass und sehr viel Anfeindungen"

Grieß: Wenn ich das richtig verstanden habe, bekommen Sie Morddrohungen in Israel. Wie gehen Sie damit um?

Levy: Nun, das ist äußerst unangenehm zu empfinden. Es geht nicht nur um diese Morddrohungen; es sind auch missgünstige Blicke auf den Straßen. Es sind Beleidigungen, ich spüre auch Hass und sehr viel Anfeindungen. Deshalb musste meine Zeitung leider für mich Leibwächter engagieren, wann immer ich auf die Straßen gehe.

Grieß: Wäre es nicht auch an der Zeit, dass Sie von der Polizei geschützt werden?

Levy: Ich fürchte, die israelische Polizei ist dafür nicht die richtige Adresse. Man hat es mehr als einmal gesehen, dass die israelische Polizei ganz auf der rechten Seite steht.

"Auftrag im Leben all das zu dokumentiern, die israelische Besatzung"

Grieß: Israel ist auch bekannt als ein Land, in dem der Dissens gepflegt wird, in dem der Streit gepflegt wird. Es gibt ja sozusagen Witze, die die Israelis am besten über sich selber machen können. Wenn zwei miteinander diskutieren, sind mindestens drei Meinungen am Tisch. Wo ist diese Grundhaltung hin verschwunden, oder warum ist diese Grundhaltung in diesen Jahrzehnten verschwunden?

Levy: Nun, das beruht alles auf dem, was ich über die letzten 30 Jahre hinweg gesehen habe, die israelische Besatzung des Westjordanlandes und in Gaza. Ich glaube, ich habe mehr Grausamkeiten, mehr Verbrechen gesehen als jeder andere Israeli. In gewisser Weise ist es auch mein großer Auftrag im Leben, all das zu dokumentieren, die israelische Besatzung, und sie für die israelische Leserschaft nachvollziehbar zu machen. Ich glaube auch, meine Meinung hat sich, wie Sie sagen, im Laufe dieser Zeit radikalisiert, weil ich so viele Grausamkeiten und Verbrechen gesehen habe, ihnen ausgesetzt war.

Grieß: Natürlich wird bei Ihnen im Land argumentiert, dass die Hamas Angriffe startet, Angriffe beibehält und das Land nach wie vor mit Raketen beschießt. Das war in der Vergangenheit so und das ist noch immer so. Wie sollte denn Ihr Land reagieren?

Levy: Ohne jeden Zweifel hat Israel wie jedes andere Land auf der Welt das Recht, sich zu verteidigen. Kein Land wird es hinnehmen, dass Raketen auf die eigene Bevölkerung, die eigenen Städte fallen. Man muss aber auch fragen, warum diese Raketen abgeschossen werden, und dazu muss man in die Vergangenheit schauen und auch den Blick etwas ausweiten, und da muss man sagen, Gaza ist seit acht Jahren vollständig belagert und besetzt von Israel und Ägypten. Als vor einigen Monaten drei Israelis entführt und getötet wurden, hat Israel mehr als 500 Hamas-Aktivisten verhaftet, die nichts mit diesem Vorgang zu tun hatten. Israel hat das Auszahlen von Gehältern an mehr als 40.000 Hamas-Beschäftigte eingestellt. Und die einzige Art, wie Hamas sich noch ins Gedächtnis der Welt zurückrufen konnte, war das Abschießen von Raketen. Das ist selbstverständlich nicht hinnehmbar. Israel musste darauf reagieren. Aber man muss sich schon auch fragen, wie es dazu kommen konnte, und dann muss man sehen, dass der Friedensprozess oder der sogenannte Friedensprozess vor einigen Monaten durch Israel hauptsächlich eingestellt wurde und dass die Palästinenser damit ohne jede Hoffnung verblieben sind.

"Niemand in Israel spricht vom Frieden"

Grieß: Was muss denn passieren, Herr Levy, um dem Frieden vielleicht wieder eine kleine Chance zu gewähren, auch wenn im Augenblick niemand wirklich daran glaubt?

Levy: Ich sehe in diesem Begriff im Moment keine Bedeutung. Niemand in Israel spricht vom Frieden oder glaubt an den Frieden. Israel ist jetzt in einem ganz anderen Fahrwasser und die israelische Regierung ist zweifellos auch nicht imstande, den Frieden zu bewirken oder die Besatzung aufzugeben. Wir sind weit davon entfernt.

"Israel übt jetzt keine Gerechtigkeit

Grieß: Erwarten Sie von europäischen Ländern, von den Amerikanern mehr Kritik an Ihrer Regierung? Sie wissen, dass in Deutschland diese Debatten natürlich vor historischem Hintergrund geführt werden und deshalb nicht leicht zu führen sind. Erwarten Sie dort mehr direkte Ansprache?

Levy: Ich glaube, jeder, dem die Zukunft Israels am Herzen liegt, insbesondere jeder Deutsche, dem die Zukunft Israels am Herzen liegt, sollte die Stimme laut vernehmlich zur israelischen Politik erheben. Das hat nichts mit dem Existenzrecht Israels zu tun. Es geht darum, Gerechtigkeit zu üben, und Israel übt jetzt keine Gerechtigkeit. Es geht um die Einhaltung des Völkerrechts. Israel hält das Völkerrecht derzeit nicht ein. Schließlich, so fürchte ich, wird Israel ja das Opfer der eigenen Politik werden.

"Ich werde in jedem Fall mit meiner Arbeit fortfahren"

Grieß: Herr Levy, noch einmal abschließend persönlich zu Ihnen selbst. Ihr Beruf, ist der Ihnen inzwischen zu gefährlich geworden?

Levy: Ich weiß nicht, ob er zu gefährlich ist, aber sicherlich fühlt es sich unangenehm an. Ich weiß nicht, wie gefährlich das Ganze ist, ob diesen Worten auch Taten folgen werden, oder ob es nur Gerede ist. Ich werde in jedem Fall mit meiner Arbeit fortfahren. Daran kann kein Zweifel bestehen.

Grieß: Eine Stimme aus Israel war das, der mit Morddrohungen bedachte Journalist Gideon Levy.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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