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StartseiteKultur heuteKulturgut als Privatsache04.08.2012

Kulturgut als Privatsache

Italiens Regierung kürzt drastisch die Kulturbudgets

Italien muss sich um so viele Kulturgüter kümmern, wie kein Land der Welt. Doch auch bei ihrem Unterhalt hat die Monti-Regierung den Rotstift angesetzt. Reiche Privatleute sollen es stattdessen richten. Das Kolosseum wird bereits mithilfe eines Sponsoren restauriert.

Von Thomas Migge

Bröckelte vor sich hin: Das Kolosseum in Rom (picture alliance / dpa / Caroline Seidel)
Bröckelte vor sich hin: Das Kolosseum in Rom (picture alliance / dpa / Caroline Seidel)

"Spending review". Dieses Wort hört und liest man in Italien seit einiger Zeit immer häufiger. Mit dem gut klingenden englischen Wort wollen Italiens Politiker und Finanzfachleute der Notenbank eine hässliche Realität nicht direkt beim Namen nennen, also nicht in ihrer Landessprache. "Spending Review" meint in etwa "Ausgabenüberprüfung", heißt letztendlich aber nichts anderes als: Sparen, sparen und nochmals sparen. Genau das also, was Italiens Regierungschef Mario Monti seit Ende vergangenen Jahres seinen Landsleuten verschrieben hat.

Auch seinen Ministerien: Sie müssen mit immer weniger Geld auskommen. Auch das Kulturministerium. Dass dieses Ministerium sich um so viele Kulturgüter kümmern muss wie sie kein anderes Land weltweit besitzt, das interessiert Monti nicht. Im kommenden Jahr, verkündete Kulturminister Ornaghi, müsse sein Ressort mit 50 Millionen Euro weniger auskommen. Kein Problem, meinte der Minister vor wenigen Tagen bei einer Pressekonferenz in Rom:

"Seit einiger Zeit ist klar, dass man andere Kräfte mit in Anspruch nehmen muss, ihre Hilfe suchen muss. Damit meine ich Italiens Unternehmer, an deren humanistische Ideale ich appelliere. Der Staat allein: Er schafft es nicht mehr, sich um alle Kulturgüter zu kümmern. Seine Mittel reichen dazu nicht aus."

Damit meint Italiens Kulturminister zweierlei. Zum einen nimmt er die erneuten Kürzungen der Regierung für sein Ressort ohne Proteste hin. Zum anderen spricht Minister Ornaghi Italiens Unternehmer an: Sie sollen ihm bei seiner Arbeit unter die Arme greifen. Als positives Beispiel wird der Unternehmer Diego Della Valle vorgeführt. Der Lederwarenproduzent machte 25 Millionen Euro für die Restaurierung des Kolosseums locker. Eine Restaurierung, die von Roms Archäologen seit Jahren eingefordert wird, denn die antike Arena bröckelt vor sich hin. Wie durch ein Wunder wurden Romtouristen bisher nicht durch herabfallende Steine verletzt.

Die Forderungen der Archäologen wurden von städtischen, regionalen und staatlichen Kulturpolitikern nie erhört. Kein Geld, hieß es immer wieder. Bis Della Valle einsprang. Geld von privaten Helfern: Genau darum geht es Kulturminister Ornaghi. Er argumentiert wie seine Vorgänger unter Berlusconi: Der Staat kann sich ohne private Sponsoren nicht mehr um seine Kulturgüter kümmern. Das allerdings bleibt nicht ohne Widerspruch. Eine solche Argumentation und die immer neuen Kürzungen für das Kulturministerium seien ein Armutszeugnis des Staates, meint etwa Salvatore Settis, Kunsthistoriker und mehrere Jahre lang Berater verschiedener italienischer Kulturminister:

"Das alles ist nur schwer zu akzeptieren, vor allem aus institutioneller Sicht. Unsere Regierungen haben die Pflicht, sich um unser Kulturerbe zu kümmern, es zu erhalten. Aber diese Politiker haben ja noch nicht einmal genügend Geld für unseren die kulturellen Highlights, wie beispielsweise für das Kolosseum, für das jetzt ja ein Privatmann jetzt aufkommt. Hier geht es um ein zentrales Thema dieses Landes"

Wenn Italiens Kulturminister ganz offen erklärt, dass sein Ressort nicht mehr für den Erhalt bedeutender Kulturgüter wie das Kolosseum aufkommen kann, wie sieht es dann mit jenen archäologischen Grabungsstätten, mit jenen Museen, Burgen, Schlössern und Kirchen im Staatsbesitz aus, die nicht so bekannt und für mögliche private Sponsoren so werbewirksam sind?

Die dank der "Spending Review" der Regierung Monti finanziell immer knapperen Kommunen und Regionen verfügen über immer weniger Mittel, um Kulturgüter zu erhalten und zu restaurieren. Wenn dann auch noch das Kulturministerium immer knapper bei Kasse ist, so die Kritiker dieses kulturpolitischen Kurses, dann bleibt tatsächlich nur noch die Hilfe von privater Seite. Und das bedeutet: Hilfe nur für prominente Kulturgüter. Und so verwies Antonia Pasqua Recchia, Generaldirektorin im Kulturministerium, auf die vor sich hingammelnde Villa der Mysterien in Pompeji und auf die berühmte Ruine der Villa von Kaiser Hadrian in Tivoli bei Rom.

In beiden Fällen, erklärte Signora Recchia, fehlen jeweils zwei bis drei Millionen Euro für dringend angesagte Restaurierungsarbeiten. Millionen, die das Ministerium nicht mehr aufbringen kann. Anstatt immer mehr zu sparen, so Settis und andere Kritiker des kulturpolitischen Kurses von Minister Ornaghi, müsste mehr Geld in die Restaurierung von Kulturgütern investiert werden. Restaurierte Kulturgüter ziehen mehr Touristen an und die bringen mehr Geld in die Kassen. Eine Argumentation, die aber in der Regierung von Mario Monti auf taube Ohren stößt.

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