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StartseiteAndruck - Das Magazin für Politische LiteraturNeue Perspektiven für Dörfer und Kleinstädte21.08.2017

LandlebenNeue Perspektiven für Dörfer und Kleinstädte

Die Politik legt Masterpläne auf, um den ländlichen Raum zu bewahren. Und auch viele Landbewohner nehmen ihr Schicksal wieder selbst in die Hand. In dem Buch "Neuland gewinnen - Die Zukunft in Ostdeutschland gestalten" geht es um genau solche Menschen und Projekte.

Von Stefan Maas

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Herbstbestellung um die Ortschaft Penig im Landkreis Mittelsachsen. Ein Pflug auf den abgeernteten Feldern vor der Ortschaft. (imago/Rainer Weisflog)
Herbstbestellung um die Ortschaft Penig im Landkreis Mittelsachsen. (imago/Rainer Weisflog)
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Mag der ein oder andere beim Stichwort "Land" noch an die sonntägliche Landpartie denken, an Radtour mit Zwischenstopp im hübsch gestalteten Bauerncafé, fällt spätestens bei der Stichwortkombination "ländlicher Raum" und "Ostdeutschland" die Assoziation ziemlich verlässlich deutlich weniger pittoresk aus:

Strukturschwache Region, sterbende Dörfer, abgehängte Bevölkerung.

Dass dies nicht immer der Fall sein muss, zeigt das Buch "Neuland gewinnen - Die Zukunft in Ostdeutschland gestalten".

Denn wie es in einer Kapitelüberschrift heißt

"Landleben wird von Leuten gemacht".

Die Leute, um die es in diesem Buch geht, wollen ihre Heimat und die Gemeinschaft, die dort lebt, nicht nur irgendwie am Leben halten, sie wollen sie positiv gestalten. Zukunftsfähig machen. Sie wurden im Rahmen des Projekts "Neulandgewinner. Zukunft erfinden vor Ort" der Robert Bosch-Stiftung ausgewählten und gefördert. Der verfallende Bahnhof in Erlau, der als Generationenprojekt zu neuem Leben erwacht, die so genannten Wächterhöfe in Bad Düben, auf denen Städter - oder besser noch zukünftige Ex-Städter - ein neues Zuhause finden sollen.

60 Prozent der Bundesbürger leben auf dem Land

Dass dem ländlichen Raum selten Zukunftsfähigkeit bescheinigt wird, ist nicht auf die östlichen Bundesländer beschränkt. Ein harsches Urteil über einen Lebensraum, in dem, auf ganz Deutschland gesehen, immerhin rund 60 Prozent der Menschen leben.

Eine Zahl, die die meisten Leser erstaunen dürfte, schreiben auch die Herausgeber des Buches, Siri Frech, Babette Scurrell und Andreas Willisch, denn die zentrale Frage sei ja zunächst, was unter ländlichem Raum überhaupt zu verstehen ist. Und da werde jeder Bürgermeister einer noch so kleinen Stadt, wenn er nach dem ländlichen Raum gefragt wird, auf die Gegend jenseits seiner Stadtgrenzen verweisen, schreiben die Autoren.

"Dort sei das Land, denn dort seien die Dörfer. Dorf = ländlicher Raum. Wieder andere glauben, das Land seien die Felder, Wiesen und Wälder. Das Land sei da wirklich Land, wo nicht nur wenige Menschen sind, sondern überhaupt keine. Land = Menschenleere."

Dabei gehörten die Dörfer, kleineren und größeren Städte einer Region genauso zum ländlichen Raum wie die Wirtschaftsräume, die Felder, Wiesen, Seen und Wälder, schreiben Frech, Scurrell und Willisch.

Die LPG im 21. Jahrhundert

Im Verhältnis des sozialen Raumes und des Wirtschaftsraumes werde die Transformation besonders deutlich, die der ländliche Raum in den letzten Jahrzehnten durchgemacht habe. Waren früher Leben und Wirtschaften auf dem Land eng miteinander verflochten, hat sich diese Beziehung deutlich verändert, denn immer weniger Menschen auf dem Land leben von der Landwirtschaft. Die Anforderungen einer globalen Ernährungsgüterindustrie haben gleichzeitig dazu geführt, dass die Felder und Wiesen so intensiv bewirtschaftet werden wie nie zuvor.

Ein Agraringenieur steuert seine Drohne, mit deren Hilfe er seine Felder begutachtet. April 2015 in Finkenthal, Landkreis Rostock. (imago/Bild FunkMV)Ein Agraringenieur begutachtet mit Hilfe einer Drohne seine landwirtschaftlichen Nutzflächen (imago/Bild FunkMV)

Die Praxis zeige, dass die Flächen der früheren Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften besonders gut den modernen Anforderungen entsprechen, schreiben die drei Herausgeber des Buches. Da Landwirtschaft in der Europäischen Union jedes Jahr mit Milliarden gefördert werde,

"könnte man meinen, dass der ländliche Raum gerade in Ostdeutschland zu einem äußerst erfolgreichen Entwicklungssprung hätte ansetzen können. Nirgendwo sonst - vielleicht noch in Jena oder Dresden - wurden und werden so immense Summen von außen in die Region gepumpt."

Dieses Geld aber fließe vor allem den Eigentümern der Agrarunternehmen und den Bodenbesitzern zu, denen oft riesige Flächen gehörten.

"Kein Bericht zur demografischen Situation auf dem Land kommt ohne ein Kapitel zum Verfall der Immobilienpreise aus. Kein Wort aber wird darüber geschrieben, wie im Gegenzug die Preise für landwirtschaftliche Böden explodiert sind."

Die Mühen der Provinz

Es seien oft nicht einmal die Dörfer, die besonders unter dieser Entwicklung litten. Die hätten sich in vielen Fällen mit der neuen Form der Landwirtschaft arrangiert. Besonders hart treffe der Wandel die kleinen, ehemaligen Ackerbürgerstädte.

"Nach dem Einbruch der lokalen Industrie und dem Funktionsverlust als Dienstleitungsort für die Region, nach dem Niedergang des lokalen Einzelhandels und dem Verschwinden großer Teile des regionalen Handwerks ringen die kleineren Städte, die sich noch immer - nur ohne Funktion - wie ein Netz über den ländlichen Raum verteilen, heute um ihre Zukunft, um jedes Gewerbegebiet, jede Schule und jedwede Verwaltungsaufgabe."

So erklärt sich, dass in "Neuland gewinnen" nicht nur dörfliche Projekte vorgestellt werden, wie die Renovierung des neoklassizistischen Kulturhauses im ehemaligen sozialistischen Musterdorf Mestlin. Es finden sich auch städtische Projekte wie der der Quartiershof in Dessau. Dort wurde eine karge Rasenfläche zwischen Plattenbauten zum Gemüsegarten, Ziegenherde inklusive.

Die Ideen und ihre Umsetzung

Die Menschen, die in dem Buch ausführlich zu Wort kommen, sind mal jünger, mal älter, gehen mal chaotischer, mal sehr viel zielstrebiger an Projekte heran, schaffen etwas Neues oder müssen am Ende einsehen, dass es doch nicht geht.

Wie Thomas Winkelkotte. Der plante in Reichenow, nicht weit von Berlin, die Mobilität im ländlichen Raum zu verbessern:

"Autofahrer und Tramper im Landkreis Märkisch-Oderland konnten sich registrieren, erhielten im Gegenzug eine pinkfarbene Autoplakette oder eine Tramperkarte zum Hochhalten. Mehr Sicherheit für alle Beteiligten. Über 600 Menschen meldeten sich an. Mehrheitlich Autofahrer, nur selten stand jemand mit Tramperkarte an der Straße."

Winkelkotte und seine Mitstreiter mussten erkennen, die Unsicherheit, wann das nächste teilnehmende Auto an den gekennzeichneten Bushäuschen vorbeifahren würde, hielt viele ebenso davon ab, teilzunehmen, wie der Gedanke, die Tramper könnten als hilfesuchende Habenichtse wahrgenommen werden.

Dass auch solche Erfahrungen nicht verschwiegen werden, macht das Buch sympathisch. Und zeigt, dass es manchmal mehr braucht als eine gute Idee. Da wird gerungen. Mit den lokalen Behörden, der Politik, um Anerkennung bei den Nachbarn. Und immer wieder stehen die Neulandgewinner vor der Frage: Ist das Projekt lebensfähig - finanziell betrachtet?

Auch das ist eine interessante Erkenntnis bei der Lektüre:

"Das ist das Paradox jeder Förderung. Man will kluge Köpfe, die diese Klugheit schon bewiesen haben, man will, dass die Projekte sich verstetigen und auf andere Orte übertragen werden, aber man will gleichzeitig nur neue Ideen fördern. Die Vorstellung, dass doch schon viele neue Ideen schon in der Welt sind und es verdient hätten, weitergefördert zu werden, bricht sich nur langsam Bahn."

Wer auf den ersten Blick vermutet, bei "Neuland entdecken" handele es sich eher um ein Buch zum Stöbern als um eines, das man von vorne bis hinten am Stück liest, der hat Recht. Es gibt neben den Erfahrungsberichten, die den Kern des Buches bilden, einige wissenschaftliche Beiträge - etwa vom Soziologen Heinz Bude, aber es fehlen die marktschreierischen Thesen, mit denen andere politische Bücher aufwarten. Politisch ist dieses Buch dennoch. Denn es zeigt nicht nur, dass es sich durchaus leben lässt in den manchmal für tot erklärten Gegenden. Wenn sich dort nur die richtigen Leute finden. Es ist auch ein Aufruf an Politik und Gesellschaft, den ländlichen Raum nicht einfach abzuhaken, sondern vielleicht auch unkonventionelle Wege zu eröffnen, um dort Neuland zu gewinnen.

Andreas Willisch, Babette Scurrell, Siri Frech (Hrsg.):
Neuland gewinnen. Die Zukunft in Ostdeutschland gestalten.

Ch. Links Verlag, 272 Seiten, 25 Euro.

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