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StartseiteCampus & Karriere"Für uns ist es alltäglich, ständig zu scheitern"11.07.2016

Lebenslauf der Fehlschläge"Für uns ist es alltäglich, ständig zu scheitern"

"Für Wissenschaftler ist es völlig alltäglich, dass man die ganze Zeit auf die Nase fällt", sagte Johannes Haushofer im Deutschlandfunk. Der Assistenzprofessor an der Princeton University hat einen "CV of Failure", einen Lebenslauf des Scheiterns, online gestellt, in dem er alle Fehlschläge seiner Karriere auflistet.

Johannes Haushofer im Gespräch mit Michael Böddeker

Eine blaue Bewerbungsmappe mit dem Schriftzug Bewerbung (imago)
Bei einer Bewerbung sind die Lebensläufe meist tadellos und lückenlos - doch die meisten Karrieren laufen nicht so optimal ab, wie sie im Lebenslauf erscheinen. (imago)
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Michael Böddeker: Wenn man sich auf neue Stelle bewirbt, dann muss er beim Bewerbungsschreiben mitgeliefert werden – der Lebenslauf. Möglichst tadellos und lückenlos sollte er sein, als ob auf dem Karriereweg bisher alles optimal gelaufen wäre, aber wenn man mal ehrlich ist, läuft wohl kein Leben genauso ab, wie es im Lebenslauf erscheint. Fehlschläge gehören schließlich auch dazu.

Johannes Haushofer ist mit seinen 36 Jahren Assistenzprofessor an der Princeton University – alles richtig gemacht, könnte man also meinen, stimmt aber nicht. Auch bei ihm hat vieles nicht geklappt. Zusammengefasst hat er das in seinem CV of Failure, den er ins Internet gestellt hat, also dem Lebenslauf des Scheiterns. Mit ihm habe ich gesprochen und ihn nach den Dingen gefragt, die bei ihm nicht geklappt haben.

Johannes Haushofer: Hauptsächlich Sachen, die bei Wissenschaftlern oft scheitern, also beispielsweise, dass Artikel bei Fachzeitschriften abgelehnt werden, ich habe mich auf viele Professuren beworben, die ich nicht bekommen habe, ich habe mich für Forschungsgelder beworben, und diese Anträge wurden abgelehnt. Also Sachen in diese Richtung stehen auf dem Lebenslauf.

Böddeker: Genau, Sie haben das alles zusammengefasst in diesem Lebenslauf des Scheiterns und den ins Netz gestellt. Warum eigentlich?

Haushofer: Ich habe das ursprünglich gemacht, um eine Freundin aufzumuntern, die eine Bewerbung abgeschickt hatte, die nicht erfolgreich war, und angeregt war das von einem Artikel in der Fachzeitschrift "Nature", geschrieben von Melanie Stefan, die Dozentin an der Universität in Edinburgh ist, und die hat vorgeschlagen schon 2010, dass man so einen Lebenslauf schreiben könnte, um sich selbst ein bisschen Perspektive zu verschaffen, aber vor allem, um Freunde und Bekannte ein bisschen aufzubauen, wenn es mal nicht so gut läuft.

Lebenslauf des Scheiterns als "positives Signal"

Böddeker: Glauben Sie, es wäre sinnvoll, wenn alle in ihren Lebensläufen bei Bewerbungen auf einen Job ein bisschen ehrlicher wären?

Haushofer: Das ist eine sehr gute Frage. Also das ist vielleicht ein Experiment, dass mal jemand machen sollte. Ich könnte mir gut vorstellen, dass es an Arbeitgeber ein Signal sendet, dass man ehrlich ist und vielleicht auch, dass man hart arbeitet, wenn da viele gescheiterte Bewerbungen draufstehen. Andererseits kann es natürlich auch negativ rüberkommen.

Also ich glaube, das ist eine empirische Frage, auf die es momentan noch keine Antwort gibt. Ich glaube, da sollte jemand mal das Experiment machen, indem man Arbeitgebern Lebensläufe schickt, auf denen zufällig eben das Scheitern mit draufsteht oder auch nicht, und dann kann man vergleichen, was der Effekt ist, ob der im Mittel positiv oder negativ ist.

Böddeker: Wie wäre es denn bei Ihnen? Würden Sie jemanden einstellen, der in seinem Lebenslauf viele Fehlschläge und berufliche Sackgassen hat?

Haushofer: Ich würde das zumindest nicht als negativ empfinden, wenn das mit auf dem Lebenslauf steht und fände das, glaube ich, sogar relativ erfrischend und ehrlich. Also ich fände das ein positives Signal, wenn ich das bei jemandem sehen würde.

"Ich weiß nicht, ob ich viel dümmer wäre, wenn ich nie gescheitert wäre"

Böddeker: Ihre eigenen Fehlschläge haben Sie zusammengefasst im CV of Failure. Wie sind Sie denn mit Fehlschlägen umgegangen bisher in Ihrem Leben?

Haushofer: Ach, ich denke, nicht anders als die meisten Leute damit umgehen. Also ich wende mich an Familie und Freunde und hol mir ein bisschen Trost und hoffe darauf, dass es in Zukunft besser läuft, denke dran, dass andere Sachen schon geklappt haben. Also ich denke, ich gehe damit nicht groß anders um als viele andere auch.

Böddeker: Kann man denn noch was Positives vielleicht rausziehen? Es ist ja oft die Rede vom Scheitern als Chance. Würden Sie das auch so sehen?

Haushofer: Das ist eine interessante Frage, die mir recht oft gestellt wurde, also lernt man aus seinen Fehlschlägen. Ich weiß nicht, ob ich viel dümmer wäre, wenn ich nie gescheitert wäre. Das steckt jetzt ein bisschen in der Frage mit drin. Also ich weiß ehrlich gesagt nicht, ob man schlau wird, wenn man oft scheitert. Ich kann mir schon vorstellen, dass da drin ja Feedback enthalten ist, aber ich weiß nicht, ob da drin mehr Feedback enthalten ist als in den Erfolgen.

Böddeker: Seit Sie den Lebenslauf ins Netz gestellt haben, gab es auch schon viele Reaktionen, zum Beispiel in den sozialen Medien wurde die Geschichte stark weitergetragen. Hätten Sie das erwartet?

Haushofer: Nein. Ich war davon sehr überrascht. Ich hatte erwartet, dass meine Studenten das lesen und ihnen das hoffentlich ein bisschen hilft und vielleicht ein paar Kollegen das lesen und ein bisschen drüber schmunzeln, aber ich hatte nie erwartet, dass das solche Wellen schlägt, nein.

"Studenten fanden Lebenslauf hilfreich"

Böddeker: Wie waren denn die Reaktionen darüber in Ihrem Umfeld, bei den Studierenden und auch im akademischen Umfeld?

Haushofer: Meine Studenten, glaube ich, fanden es eine Mischung aus amüsant und hilfreich, also die haben mir sehr nett geschrieben in relativ großer Zahl und haben gesagt, dass sie das hilfreich fanden und erfrischend, und meine Kollegen haben hauptsächlich so ein bisschen mit den Achseln gezuckt, weil das für Wissenschaftler völlig alltäglich ist, dass man die ganze Zeit auf die Nase fällt im wissenschaftlichen Betrieb. Also da war fast sogar ein bisschen Verwunderung drüber da, wie hohe Wellen das geschlagen hat, wie es ja bei mir auch der Fall war, eben weil es für uns so alltäglich ist, ständig zu scheitern.

Böddeker: Auch wenn es alltäglich ist, andererseits ist es ja auch im akademischen Umfeld wichtig, eine gute Karriere, einen guten Lebenslauf vorweisen zu können oder nicht?

Haushofer: Bestimmt, aber ich weiß nicht, ob das jetzt unbedingt anders ist als in anderen Bereichen. Also ich kann mir vorstellen, dass es in der freien Wirtschaft oder in der Unterhaltungsindustrie beispielsweise auch sehr hart zugeht. Ich weiß es nicht, ob da die Wissenschaft besonders hervorzuheben ist.

Böddeker: Sagt Johannes Haushofer von der Princeton University. Mit ihm habe ich über seinen Lebenslauf des Scheiterns gesprochen, den er ins Internet gestellt hat.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

 

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