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Seit 07:05 Uhr Presseschau
StartseiteInterviewLesekompetenz in Deutschland nimmt ab23.04.2004

Lesekompetenz in Deutschland nimmt ab

Gespräch mit Georg Ruppelt, Vorstandsvorsitzender der Stiftung Lesen

<strong>Remme: </strong> Lesen und lesen lassen, das ist heute in zahlreichen Veranstaltungen das Motto. Anlass ist der UNESCO-Welttag des Buches, der seit 1995 einmal jährlich stattfindet. Am Telefon begrüße ich Georg Ruppelt, Vorstandsvorsitzender der Stiftung Lesen. Herr Ruppelt, wie wird dieser Tag begangen in Deutschland?

Moderator: Klaus Remme

Bücherstapel  auf der Buchmesse (AP)
Bücherstapel auf der Buchmesse (AP)
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Stiftung Lesen

Ruppelt: Er wird mit großen, schönen Festen begangen. Ich komme eben von der zentralen Veranstaltung der Stiftung Lesen am Hauptbahnhof hier in Mainz. Dort waren trotz schlechten Wetters über Tausend Kinder dabei ein Lesefest zu feiern, wie man es sich schöner nicht vorstellen kann. Es wurden Preise verliehen und das schlechte Wetter machte den fröhlichen Kindern überhaupt gar nichts aus. Man hat sie noch kilometerweit in der Stadt gehört. Das ist die zentrale Veranstaltung. Wir haben aber gleichzeitig, seit vorgestern, eine ganz wichtige Veranstaltung hier ebenfalls in Mainz, im Mainzer Rathaus und die läuft noch bis heute Abend. Es ist nämlich der erste internationale Leseförderungskongress "Reading Promotion International", der hier stattfindet und wir sind ganz froh und dankbar und glücklich darüber, dass wir sehr, sehr viele Gäste haben. Die Plätze waren innerhalb weniger Wochen vergeben. Das wir aus 20 Nationen Leseförderer unter uns haben, auch das ist ein großartiger Erfolg.

Remme: Braucht das Volk der Dichter und Denker Nachhilfeunterricht in Sachen Lesen?

Ruppelt: Das braucht es leider. Die Stiftung Lesen ist seit Jahren dabei, wie Wanderprediger durch die Lande zu ziehen und darauf hinzuweisen, dass die Lesekompetenz bei Jugendlichen abnimmt und nachlässt. Das hat man in früherer Zeit ein wenig belächelt und das ganze als altmodisch abgetan. Man sagte eben, jeder sollte ein Computer haben, dann wird sich das schon alles richten. Weit gefehlt. Lesekompetenz muss man haben, um die neuen Medien richtig bedienen zu können. Sie selbst haben in der Presse oder auch aus anderen Meldungen in den letzten Tagen ja gehört, wie geklagt wird, dass junge Menschen, die sich für einen Ausbildungsplatz interessieren, bis zu einem Viertel nicht genommen werden, weil Sie nicht richtig Lesen und Schreiben können.

Remme: Wie kann man dazu ermuntern? Das ist doch an einem solchen Tag mit bunten Aktionen und auch einem innovativen Kongress nicht getan?

Ruppelt: Nein, das kann man sicherlich nicht. Gerade der Kongress, aber auch das, was wir hier mit diesen Veranstaltungen, mit diesen Feiern bezwecken, ist natürlich eine Nachhaltigkeit. Dass heißt, wir wollen in der Öffentlichkeit bewusst machen und gerade eben auch bei jungen Eltern bewusst machen, dass man mit Leseförderung nicht früh genug beginnen kann. Das ist auch eines der Ergebnisse dieses Kongresses. Ein schönes Beispiel ist England. Die haben mit der Aktion bookstart - wie wir zum Beispiel bei uns ja Windeln oder Babyöl oder Fläschchen als neuer Erdenbürger mit in die Wiege gelegt bekommen - dort seit 1992 den neugeborenen Kindern, gerade auch in problematischen, sozialen Bereichen, Kinderbücher mit in die Wiege gelegt und auch leicht zu verstehende Anweisungen oder Ratschläge an die Eltern, wie man vorlesen kann. Der Erfolg gibt den Leuten von bookstart Recht. In den Bereichen, wo das erfolgreich durchgeführt wurde, steigen die Ausleihzahlen in den Bibliotheken.

Remme: Sie haben eben gesagt, die Lesekompetenz nimmt ab. Gilt das durch die Bank, oder gibt es Problemgruppen?

Ruppelt: Es gibt Problemgruppen und das sind sozial schwierige Bereiche, dort nämlich, wo zu Hause nicht gelesen wird, dort, wo die Eltern nicht mehr vorlesen, wo ausschließlich das Fernsehen das einzige Kommunikationsmittel ist. Dort können wir ein rapides Nachlassen der Lesekompetenz feststellen, was auch gleichzeitig ein Nachlassen der Medienkompetenz heißt. Es ist so, dass in unserer Gesellschaft heute, wenn Sie nicht vernünftig verstehend lesen können, keinen Platz in der Gesellschaft finden, um sich auch selbst zu ernähren.

Remme: Die Glotze, der Feind des Buches? Ist das so einfach?

Ruppelt: So einfach ist es ganz gewiss nicht. Die Glotze ist eine sehr, sehr gute Ergänzung. Auch der Computer ist kein Feind des Buches. Es ist eine hervorragende Ergänzung. Es ist sogar, wenn Sie sich die Beiträge und die Aktion von Frau Heidenreich etwa anschauen, oder früher Marcel Reich-Ranicki und so weiter, gerade für die Lesewelt, für die Buchwelt, ein großer Segen gewesen. Es ist eine wunderbare Ergänzung, auch was Literatur anbelangt. Aber wenn Sie sich vorstellen, dass manche Kinder zu Hause täglich fünf oder sechs Stunden vor dem Fernseher sitzen, dann ist einfach die Zeit nicht mehr da, auch noch etwas anderes zu machen. Dass man diese Zeit auch durch Anderes verbringen kann, nämlich zum Beispiel durch Lesen, das versuchen wir seit Jahren zu vermitteln.

Remme: Welches Buch lesen zur Zeit?

Ruppelt: Ich lese zur Zeit einen Science-Fiction Roman. Ich bin ein großer Freund der Science-Fiction. Gleichzeitig, immer und immer wieder, lese ich "Josef und seine Brüder" von Thomas Mann. Das ist für mich lebensbegleitende Lektüre.

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