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StartseiteBüchermarktEine Zukunft für Norwegen27.01.2017

Literarische TiefenbohrungenEine Zukunft für Norwegen

Eigentlich wollte Alf Veber die Welt und die Menschen um ihn herum retten, doch er mutiert zum Zerstörer. Der norwegische Schriftsteller Jan Kjaerstad versucht in seinem Roman "Der König von Europa", das Unfassbare mit einem erzählerischen Netz realistischer Spekulation zu fassen.

Von Guido Graf

Drei Gebäude auf der norwegischen Insel Utøya. Im Vordergrund flattert ein rot-weißes Absperrband mit den Buchstaben AUF. Sie stehen für die Jugendorganisation der norwegischen Arbeiterpartei. Im Hintergrund sind Wasser und Bäume zu sehen.  (Sigrid Harms/dpa)
Die norwegische Insel Utøya, auf der im Jahr 2015 erstmals wieder ein Jugendlager stattfand. (Sigrid Harms/dpa)
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Der 22. Juli 2011 hat sich ins kollektive Gedächtnis Norwegens eingegraben. Und immer noch gibt es in großen Teilen der Bevölkerung eine Leerstelle: Die offene Frage, wie es zu Anders Breiviks Morden kommen konnte. Das hat auch mit einem für die norwegische Gesellschaft typischen Verständnis von Verbrechen als einem gesellschaftlichen Scheitern zu tun, aber auch damit, dass es in diesem großen Land nur fünf Millionen Norweger gibt und jeder einzelne sich von dem Massaker in Utøya betroffen fühlt.

Kein norwegischer Schriftsteller hat von dieser Wohlstandsgesellschaft, die - mit Ausnahme der deutschen Besatzungszeit - seit zweihundert Jahren keinen Krieg gesehen hat, so genau und aufregend erzählt wie Jan Kjaerstad.

Geschichten machen ein Leben aus 

Seine Romantrilogie über einen landesweit bekannten TV-Moderator, der wegen Mordes angeklagt wird, verfolgte über viele Zeitebenen hinweg wie mit einer Kombination aus Kaleidoskop und Röntgenkamera die Frage: Wie hängt ein Leben zusammen? Die wichtigste Antwort darauf – dass es vor allem Geschichten sind, die ein Leben ausmachen und zu einem Ganzen fügen – hat auch die folgenden Romane Kjaerstads maßgeblich bestimmt. So souverän er als Autor mit der Form des Romans zu spielen imstande ist, so sehr legt sein erzählerisches Wirbeln doch auch eine besondere norwegische Mischung aus Vorurteilen und Verunsicherung bloß.

Einen Roman über die Breivik-Morde muss Kjaerstad nicht schreiben. Den hat Don DeLillo, einer seiner Lieblingsschriftsteller, schon 1988 geschrieben: In Libra erzählt DeLillo vom Mord an John F. Kennedy und wie dieser Mord das Land verändert hat. Seine eigenen literarischen Tiefenbohrungen in die norwegische Gegenwart hat Kjaerstad nach der Trilogie mit ganz anderen Themen fortgesetzt, die schon vor Breivik die Risse in der Gesellschaft markieren.

Nur ein Teil dieser Romane wurde bislang ins Deutsche übersetzt. Nach der Trilogie, die in den 90er Jahren bei Kiepenheuer & Witsch erschienen ist, hat nun der kleine Wiener Septime Verlag 2013 den Roman Ich bin die Walker-Brüder und jetzt Der König von Europa herausgebracht. Beide Bücher sind im Original bereits vor Breivik veröffentlicht worden.

Eine von innen nach außen gestülpte Gesellschaft

Doch die dramatische und berührende Walker-Doppelgeschichte, die sowohl aus der Gegenwart des norwegischen Ministerpräsidenten wie aus seiner Perspektive als Heranwachsender erzählte Geschichte führt ebenso mitten hinein in eine von innen nach außen gestülpte Gesellschaft, die nicht mehr die Balance zwischen Fortschritt und Solidarität halten kann. Wie auch Der König von Europa, ein umfangreicher Roman, der die Geschichte von Alf I. Veber erzählt - einem Erfinder, Entrepreneur, Start-Up-Unternehmer, Musiker, Fußballer, Literaturwissenschaftler und Buchautor – und dem die Frau, der er so lange vergeblich hinterher sehnt, sagt:

"Du bist ein Mysterium, Alf. Wie kann ein Mensch mit so vielen Kenntnissen so wenig wissen?"

Um das Wissen und was man damit anfängt, geht es in diesem Roman. Alf versucht offensichtlich alles und noch ein wenig mehr, um nicht nur die Frage nach dem, was das Leben zusammenhält, zu beantworten, sondern weiterzugehen. Immer wieder scheitert er in seinen Bemühungen, die Welt zu retten, doch um nicht weniger geht es ihm. Die Menschen um ihn herum zu retten, die er liebt, die für ihn wichtig waren und sind, die ihm aber doch entgleiten - und zugleich doch ihn als den Visionär sehen, der so weit voraus schaut, dass es schwer ist ihm zu folgen.

Alf Veber mutiert zum Zerstörer

Aber er will auch einen Weg finden, wie Norwegen in die Zukunft finden kann, die für ihn nur Europa sein kann, das Europa der Aufklärung, in dem Wissen und Werte untrennbar miteinander verwoben sind. Doch nichts davon gelingt: Er verliert die engsten Freunde, verliert schließlich fast sich selbst, wenn er etwa monatelang in einem Park in London haust, bis er überaus zaghaft Zutrauen zu einer sehr viel jüngeren Frau fasst. Auch sie will er eigentlich noch retten, diesmal aber vor sich selbst. Denn Alf Veber ist kein Verführer, Entdecker und Eroberer mehr wie Kjaerstads frühere Protagonisten. Dieser Alf Veber mutiert zum Zerstörer. Ohne, dass er es weiß. Wie bei Johanne, der Freundin von Kindheit an, die er nie zu erkennen vermag und die ihm alles gibt. Zum Beispiel einen großen funkelnden Stein aus Glas.

""Du kannst ihn zu Hause auf dem Couronnequeue befestigen, so tun, als wäre es das Zepter, das du bekommst, wenn du mutig genug wirst, König wirst." Alf drehte und wendete ihn, fand, dass er eine Mandelform hatte. Wie Amygdala, dachte er später, etwas, das nach Hause in seinen Kopf gehörte. Der See lag dunkel und bewegungslos vor ihm. Alf fühlte sich sowohl glücklich als auch traurig. Er glaubte, es müsse möglich sein, die Sterne im Wasserspiegel zu sehen, strengte die Augen an, entdeckte aber nichts. Die Oberfläche blieb vollkommen schwarz. Die Sterne hatten eine Vampirqualität heute Abend, dachte er, hatten kein Spiegelbild. Oder war es, weil sich das Universum ausdehnte, wie Johanne sagte. Leerer und leerer wurde. Alle diese Sternbilder, alle diese Geschichten. All diese Glut. Ein Deckmantel für die Leere. Und die Leere hatte kein Spiegelbild."

Der Wunsch nach Veränderung

Kaskaden von Geschichten auf vielen hundert Seiten erzählen schwindelerregend von Alf Vebers Rettungsversuchen, von seinem enthusiastischen Zweifel. Die Geschichten können - und sollen - uns bekannt vorkommen, die von ehemaligen Revolutionären berichten, die zu Geld und Einfluss kommen, Kultur und Medien beherrschen. Kjaerstad geht es dabei nicht um Breiviks paranoiden Hass auf diese Eliten. Vielmehr sucht er nach Mustern, nach dem, was übrig geblieben ist von dem einstigen revolutionären Elan, dem Wunsch nach Veränderung.

Alles Wissen, das Alf Veber anhäuft, all die Gespräche und Kontakte, die er - wie sein Autor Kjaerstad - knüpft und pflegt, helfen nicht. Sie helfen nicht zu verstehen.

Einmal hat er einen Job bei Norwegen umfangreichster Enzyklopädie. Er soll die Verschlagwortung effektiver machen. Doch Alf Veber macht genau das Gegenteil und wird rausgeworfen.

"War er wirklich der Einzige, der mit diesem weitgreifenden Projekt verknüpft war, der sich selbst fragte, wie man all diese Fakten in Weisheit verwandeln könnte? Wenn so viele Norweger Store Norske in ihren Heimen hatten, weshalb kam die Weisheit da nicht zu ihrem Recht? So wie Alf das sah, saß das norwegische Volk mit dieser Anhäufung von Lexika auf einem enormen ungenutzten Potenzial. Durch seine Querverweise, seine Schlagworte, wollte er deshalb all diese Werke seriell verbinden. Und eine Explosion verursachen. Oder Revolution. Jedenfalls eine radikale Metamorphose. Norwegen von den Hochlanden zu den Niederlanden. Was stellen wir mit all unserem Wissen an?"

Also begegnet Kjaerstad dem alten Imperativ der Vernunft mit einem erzählerischen Netz realistischer Spekulation. Er wirft ein weitverzweigtes Netz aus, um mithilfe der Fiktion alternative Denkweisen in Gang zu setzen.

"Ich dachte mir den Charakter wie eine Melodie", schreibt Kjaerstad in einem Essay, "eine Reihe verschiedener Handlungen, die für die Entwicklung der Hauptfigur sorgen. Die Charakterzüge, die dabei hervortreten und weiterklingen, stellte ich mir wie die Harmonien vor. Mit anderen Worten, ich sah den Menschen als ein Netz aus horizontalen und vertikalen Linien."

Kjaerstadt: "Unsere Identität ist erfunden"

Es geht um Leere und Sehnsucht: Die erzählerische Entwurfsstrategie des "Was-wäre-wenn" ist nicht neu, doch so konsequent und gegenwärtig hat selten ein Romancier davon Gebrauch gemacht.

"Egal, wer oder was wir zu sein beschließen", so Kjaerstadt, "es wird nur ein Ersatz für das sein, was fehlt. Daher ist unsere Identität erfunden. Sie ist nicht die Ursache von irgendetwas, sie ist selbst eine Wirkung." Am Anfang des Romans - nicht am Anfang der Geschichten, die er erzählt - macht sich Alf Veber im norwegischen Jotunheimen in der Silvesternacht 1999 allein auf den Weg durch den Schnee zu einem Berggipfel. Er verirrt sich und um 0 Uhr feuert er die einzige Rakete ab, die er dabei hat - um seine Position irgendjemandem mitzuteilen. Niemand bemerkt das Signal, er gräbt sich in den Schnee ein, um so die Nacht zu überstehen. Am nächsten Morgen weiß er, was er tun muss:

Erweckungserlebnis im Schnee

""Er zündete die Lunte. Ein Funkenregen, ein glühender Streifen gen Himmel. Er wartete mit einer Art Begehren darauf, dass sich die rote Blüte öffnete. Hilfe, ich bin Norweger! Ich bin allein inmitten der Einöde. Kommt und rettet mich. Aber die Flamme war blau. Er hatte in der Eile die falsche Farbe eingepackt. Egal. Joni Mitchell hätte es gemocht. Anna auch. Der blaue Stern sank einige Sekunden und erlosch. Blue, here is a song for you. In die Hirnrinde tätowiert".

Jan Kjaerstad: "Der König von Europa" 
Aus dem Norwegischen von Alexander Riha. Septime Verlag, Wien 2016. 686 Seiten. 26 Euro. 

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