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StartseiteInterview"Man hat die Banken retten wollen und hat Griechenland dabei kaputt gemacht"14.02.2012

"Man hat die Banken retten wollen und hat Griechenland dabei kaputt gemacht"

Ökonom Wolfgang Gerke hält eine Insolvenz des Landes weiter für das Beste

Um Griechenland zu retten, sollen Gläubigerbanken einen Schuldenschnitt von mindestens 50 Prozent hinnehmen. Im Gegenzug bekämen die Banken neue griechische Anleihen: Um deren Zinssatz wird gerungen. Ökonom Wolfgang Gerke empfiehlt eine Insolvenz, um die Verhandlungen zu vereinfachen.

Das gespräch mit Wolfgang Gerke führte Mario Dobovisek

Das Ende des Euro in Griechenland wird nicht mehr ausgeschlossen. (picture alliance / dpa)
Das Ende des Euro in Griechenland wird nicht mehr ausgeschlossen. (picture alliance / dpa)
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Hoffnung oder Chaos
Kanzlerin warnt vor Insolvenz Griechenlands

Mario Dobovisek: Straßenschlachten in Athen und anderen griechischen Städten begleiteten die Parlamentsabstimmung über das Sparpaket des Landes in der Nacht zum Montag. Die harten Einschnitte bei Löhnen, Renten und im Öffentlichen Dienst sind Voraussetzung für weitere internationale Hilfe. Doch nach der Einigung ist wie so oft vor der Einigung, denn noch wartet die EU auf ein klares Signal auch von den Banken, die seit Wochen um die Details des sogenannten Schuldenschnitts ringen. Auch dieser ist fester Bestandteil der Rettungspläne für Griechenland, so sollen die privaten Gläubiger wie Banken und Versicherungen auf mindestens die Hälfte ihrer Forderungen verzichten, und zwar freiwillig. – Am Telefon begrüße ich Wolfgang Gerke, er ist Präsident des Bayerischen Finanzzentrums in München und Berater für Banken und Unternehmen. Guten Morgen, Herr Gerke!

Wolfgang Gerke: Schönen guten Morgen, Herr Dobovisek!

Dobovisek: Vergangene Woche drangen Informationen über eine Einigung auf einen Schuldenschnitt in Höhe von 70 Prozent durch, bereits im März solle der Tausch von Staatsanleihen vollzogen werden, hieß es. Danach herrschte jedoch Stillschweigen. Was versuchen die Banken, da in letzter Minute rauszuschlagen, Herr Gerke?

Gerke: Die Banken wollen für den Restbetrag, der ihnen da als Forderung bleibt, ein möglichst sicheres Papier haben. Und dann kommt noch was hinzu: Da dies ein langfristiges Papier sein wird, wollen sie eine Anleihe haben, die auch einen attraktiven Zins hat, und da sind die Verhandlungen festgelaufen. Man möchte Griechenland das Geld so billig wie möglich geben und die Banken nicht mit einer höheren Rendite ausstatten. Ganz schwierige Verhandlungen, weil es ja ein freiwilliger Prozess sein soll. Bei einer offiziellen Pleite ist das Ganze einfacher, da hat jeder, der eine griechische Anleihe hat, sein Geld verloren in Höhe der Insolvenzquote. Aber hier, wo es über den Verhandlungstisch läuft, da werden natürlich die Positionen bis ins Letzte ausgereizt.

Dobovisek: Wie nahe stehen da Schuldner und Gläubiger einer Einigung?

Gerke: Da man sich ja direkt an der Kante des Abgrunds bewegt, glaube ich doch, dass es auch hier so läuft wie im griechischen Parlament, dass man dann in einer letzten ernsthaften Sitzung sich doch einigen wird.

Dobovisek: Bis wann denken Sie kommt diese Einigung zustande?

Gerke: Ich meine, dass das innerhalb der nächsten zwei Wochen passieren muss.

Dobovisek: Wir sprechen bei dieser möglichen Einigung ja über jene mit dem internationalen Bankenverband. Etwa 100 Milliarden Euro soll sie schwer sein. Ist damit klar, wie viele private Gläubiger sich letztendlich beteiligen werden?

Gerke: Nein, das ist auch noch nicht klar, und da ist auch die Frage, wie weit man in solchen Verhandlungen dann einen Durchgriff hat auf diejenigen, die hinterher nicht mitmachen, was man mit denen macht. Die können ja nicht einfach 100 Prozent bekommen. Auch der private Bürger, hinter dem ist noch ein Fragezeichen. Kann der möglicherweise, wenn er anders behandelt wird, prozessieren, falls er seine Griechenland-Anleihe über einen Fonds bekommen hat und der Fonds quasi als Finanzinstitution mit unter die Regelung fällt, der Privatmann aber nicht. Also das sind noch einige Probleme, die in der Tat auch juristisch ganz klar die eindeutige Lösung noch brauchen.

Dobovisek: Verstehe ich das aber richtig, Herr Gerke, dass ein privater Investor, der möglicherweise über seine Bank einfach eine Griechenland-Anleihe erworben hat, die nun in seinem Depot schlummert, überhaupt keinen Schuldenschnitt zu befürchten hat?

Gerke: Das wäre verfrüht, da sind die Verhandlungen noch nicht so weit gediehen, dass man hier Entwarnung geben kann. Das wäre ja sonst auch ein hoch attraktiver Titel für diejenigen, die sagen, jetzt bei den niedrigen Kursen kaufen. Da wird man sicherlich auch endverhandeln müssen.

Dobovisek: Jahrzehntelang machten Politik und Banken den Anlegern ja weis, Staatsanleihen seien die sichere Anlage schlechthin. Ist der Schuldenschnitt privater Gläubiger ein Fehler?

Gerke: Nein, ganz im Gegenteil. Zu einer Schuld gehört auch immer ein gewisses Risiko, das muss im Zins sich widerspiegeln, und warum haben so viele Banken die Anleihen eines kleinen Landes wie Griechenland gekauft, weil es ein bisschen mehr Zinsen gab. Die waren natürlich nicht marktkonform. Deshalb hat sich Griechenland mit so viel Geld vollgepumpt und damit missgewirtschaftet leider. Wäre dieses Geld gut angelegt worden, stünde Griechenland heute blendend da. Aber man hat ineffiziente Strukturen damit finanziert, ein völlig falscher Weg, der da gegangen wurde. Natürlich haben die Banken auf die europäischen Steuerzahler gehofft, aber man hätte ihnen gleich sagen müssen, dies ist der falsche Weg, ihr seid das Risiko eingegangen, ihr müsst für das Risiko geradestehen. Man hat so lange hin- und hergemacht, weil man gesagt hat, erst mal möchte man die Banken, die europäischen, retten, die sollen in sicherem Fahrwasser sein, und dann kann man Griechenland, die Anleihen abwerten.

Dobovisek: Es wird inzwischen ja auch breit über Konjunkturhilfen für Griechenland gesprochen, über eine Art Marshallplan, der immer wieder zitiert wird. Nur dürfen dafür keine neuen Kredite aufgenommen werden, betont die Bundesregierung. Woher soll dann das Geld kommen?

Gerke: Ja, da müsste dann gezaubert werden. Natürlich auch über einen Marshallplan, egal wie das Ding hinterher heißt, fließt dann neues Geld. Das, was einen so verärgert, ist, dass vor vielen Jahren absehbar war, zumindest vor über zwei Jahren habe ich gewarnt, dass das ein teurer Weg wird, dass es das griechische Volk kaputtmacht, dass es zu Unruhen führt, und genau das ist natürlich eingetreten. Man hat die Banken retten wollen und hat Griechenland dabei kaputtgemacht. Die Griechen haben sich ihr Problem selber eingehandelt, durch Misswirtschaft, gar keine Frage. Aber man ist den falschen Weg gegangen, Griechenland hätte sofort ein Insolvenzverfahren gebraucht, sofort aus dem Euro heraus gemusst. Da kann man jetzt nicht sagen, die Verträge sehen das nicht vor. Wenn man Griechenland sagt, ihr bekommt einen schönen Marshallplan, um euer Land endlich vernünftig wieder aufzubauen, aber im Euro könnt ihr nicht bleiben, hätte Griechenland diesen Weg auch freiwillig gewählt, er wäre auch für das Land besser gewesen. In der Zwischenzeit liegen 200 Milliarden Euro griechisches Geld, Fluchtgeld in der Schweiz, das sich den ganzen Aktionen entzieht. Da muss man leider hinterher sagen, hat die Politik versagt.

Dobovisek: Gestern erst warnte Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble erneut vor der Pleite Griechenlands.

O-Ton Wolfgang Schäuble: "Es bleibt dabei: Wir wollen alles tun, um Griechenland zu helfen, die Krise zu meistern. Und das, was wir jetzt erleben, ist wesentlich weniger schlimm als das, was Griechenland drohen würde, wenn die Bemühungen um das Verbleiben Griechenlands in der Euro-Zone scheitern würden."

Dobovisek: Wie groß, Herr Gerke, wäre denn tatsächlich der Schrecken für die Finanzmärkte, für die Wirtschaft, wenn Griechenland im März Pleite gehen würde?

Gerke: Der Schrecken wäre heute größer, als er vor zwei Jahren gewesen wäre. Aber auch Herr Schäuble lernt dazu. Vor zwei Jahren hätte er niemals das Wort in den Mund genommen, dass Griechenland kein Fass ohne Boden werden darf. Heute steht er vor diesem Dilemma. Er ist fast in einer Situation wie ein Flugzeugpilot, der eigentlich nicht hätte starten dürfen und plötzlich sieht, dass er den Punkt "the point of no return", also den Punkt überfliegt, wo er plötzlich nicht mehr bremsen kann. Das ist eine ganz schwierige Situation für ihn. Ich glaube dennoch, dass es sicher der bessere Weg wäre, sich auch jetzt noch der Wahrheit zu stellen und Griechenland ein geordnetes Insolvenzverfahren zu geben und aus dem Euro herauszunehmen.

Dobovisek: Professor Wolfgang Gerke vom Bayerischen Finanzzentrum in München. Vielen Dank für das Gespräch.

Gerke: Einen schönen Tag!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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