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StartseiteEuropa heuteMarsch der Lebenden08.04.2013

Marsch der Lebenden

In Auschwitz erinnern Zeitzeugen und Jugendliche an den Holocaust

Für viele der Opfer, die Auschwitz überlebt haben, ist der Marsch der Lebenden zu einer wichtigen Institution geworden. Die Möglichkeit mit jungen, interessierten Menschen über die Schrecken der Vergangenheit zu sprechen, hilft vielen das Erlebte besser zu verarbeiten.

Von Sabine Adler

Im Konzentrationslager Auschwitz erinnern Jugendliche und Zeitzeugen an Holocaust. (AP)
Im Konzentrationslager Auschwitz erinnern Jugendliche und Zeitzeugen an Holocaust. (AP)

Drei oder vier Mal im Jahr kehren Zofia Posmysz, Marian Turski und Kazimierz Albin an den Ort zurück, von dem sie sich sicher waren, dass sie ihn nicht mehr lebend verlassen würden. 1988, als zum ersten Mal Jugendliche aus Israel zu dem Marsch der Lebenden kamen, war Zofia Pozmysz noch nicht dabei, erst seit wenigen Jahren trifft sich die heute 90-Jährige in Auschwitz regelmäßig mit Jugendlichen und spürt, dass ihr die Treffen gut tun, sie lebte regelrecht auf.

"Diese Begegnungen haben mein Leben verändert, sie haben ihm einen neuen Sinn gegeben."

Der israelische Knesset-Abgeordnete Abraham Hirschson initiierte die jährlichen Märsche in Auschwitz. Ehemalige Gefangene und ihre Befreier, gemeinsam mit meist jugendlichen Juden gehen zu Fuß die drei Kilometer zwischen dem Stammlager Auschwitz und dem Vernichtungslager Birkenau. Schweigend. Im Gedenken an die 1,3 Millionen Opfer. Zwei Stunden dauert der Marsch, denn diejenigen, die Auschwitz überlebten, können nicht mehr so schnell wie damals, als sie in das Vernichtungslager deportiert wurden. Äußerlich scheint der Horror an Zofia Posmysz keine Spuren hinterlassen zu haben. Sie staunt, wie viel Kraft sie aus den Gesprächen mit den jungen Leuten bezieht, die heute so alt sind, wie sie damals war, als sie die Hölle durchlitt. Vor allem wenn sie auf echtes Interesse trifft, denn einfach nur ihre biografischen Daten herunterzubeten, wäre ihr viel zu banal.

"Eine Gruppe überredete mich, ob ich mit ihnen gemeinsam in Birkenau in den Block 27 gehen würde. Ich sollte ihnen zeigen, auf welcher Pritsche ich 1940 so Typhus-krank wie ich war, gelegen habe. Das war im ersten Gang ganz oben. Sehr komfortabel. Die jungen Leute verstanden nicht, wie ich in dieser Baracke, mit den dreistöckigen Betten von komfortabel reden konnte."

""Aber wer ganz oben lag, blieb von den Exkrementen verschont. Wer unter Fleckfieberkranken lag, und von denen gab es viele, bekam den blutigen Durchfall ab. Oder durch die Ritzen fiel das verfaulte Stroh, mit dem die Pritschen ausgelegt waren."

Zofia Posmysz wird 90 in diesem Jahr, noch älter, 91, Kazimierz Albin, er gehörte zum allerersten Transport derer, die in das Vernichtungslager kamen. Ihm gelang das Unmögliche: 1943 konnte erfliehen. Die Nummer 118 in seinem Unterarm erinnert an die einstige Todesgefahr. Marian Turksi erklärt, dass nur Auschwitz-Häftlinge tätowiert wurden für den Sklavenmarkt.

"Es wurde tätowiert, wer vorerst noch leben also nicht gleich in die Gaskammer sollte, diejenigen wurden nach Bergen-Belsen, Flossenburg oder in eines der fast 40 Außenlager verkauft, deswegen die Tätowierungen."

Marian Turski ist mit seinen 87 Jahren immer noch als Journalist tätig. Jeden Tag geht er in die Redaktion der Zeitschrift "Polityka". Gerade erst kehrte er von einer Reise aus Israel und Jordanien zurück. Dort traf er Palästinenser und Israelis und verstand, dass Europa, trotz oder wegen der Hölle von Auschwitz, der Krisenregion Nahost eine Menge Schritte voraus ist.

"Palästinensern wie Israelis fällt es schwer, es ist ihnen fast unmöglich, füreinander Verständnis und Empathie zu entwickeln, dem anderen das Existenzrecht zuzugestehen. Wohin soll das führen? Solche Einrichtungen wie in der Art der Jugendbegegnungsstätte in Auschwitz wären sehr wichtig, und auch in Auschwitz bleibt das so, selbst wenn es uns nicht mehr gibt. Damit sich Ukrainer und Polen und Russen und Deutsche usw. verstehen. Den Deutschen geht es um die Katharsis, aber darüber hinaus ist es eine gemeinsame Plattform, die den Menschen hilft, Vorurteile zu überwinden. Das ist die wichtigste Funktion dieses Hauses."

Kazimierz Albin, der 91-Jährige, war nach dem Krieg im Außenhandel tätig und verweist darauf, dass seit Jahren auch Gruppen aus deutschen Unternehmen nach Auschwitz kommen, bis zu 30 Personen, Manager, Meister, Jugendliche, manche so alt, wie er war, als er aus dem Lager floh. Längst beteiligen sich auch Nichtjuden an dem Schweigemarsch, denn in Auschwitz wurden neben Sinti und Roma auch sowjetische Kriegsgefangene und rund 100.000 Polen ermordet. Die polnisch-jüdischen Streitigkeiten früherer Jahre, als polnische Katholiken mit einem Wald von Kreuzen keineswegs nur an Opfer erinnern, sondern klarstellen wollten, wer in Polen das Sagen habe, diese Streitigkeiten sind entschärft aber nicht gänzlich erledigt. Doch sie werden nicht mehr beim Marsch der Lebenden ausgetragen und nicht mehr ausgerechnet auf dem größten jüdischen Friedhof der Welt.

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