Freitag, 24.11.2017
StartseiteGesichter EuropasWas wird aus der Hauptstadt des Kitschs?11.11.2017

Mazedonien nach dem Machtwechsel (1/5)Was wird aus der Hauptstadt des Kitschs?

Für Mazedoniens Ex-Ministerpräsident Nikola Gruevski waren die Statuen und neu verzierten Gebäude in Skopje Symbol für die Größe Mazedoniens, für die Demonstranten der "Bunten Revolution" willkommene Zielscheiben für ihre Farbbeutel. Was wird nun unter der neuen Regierung aus dem "nationalen Disneyland"?

Von Leila Knüppel

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Bunt angestrahlte klassizistische und barocke Fassaden in der Innenstadt der mazedonischen Hauptstadt Skopje (Deutschlandradio/ Leila Knüppel)
Bunt angestrahlte klassizistische und barocke Fassaden in der Innenstadt der mazedonischen Hauptstadt Skopje: Alles erst vor wenigen Jahren errichtet, im Rahmen des Bauprojekts „Skopje 2014“. (Deutschlandradio/ Leila Knüppel)
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"Bunte Revolution“ Mazedonien nach dem Machtwechsel

Biljana Ginova geht mit ihren beiden Freundinnen über die alte, steinerne Fußgängerbrücke, die sich über die Vardar spannt. Von hieraus haben die drei einen guten Blick auf die Innenstadt Skopjes.

"Früher habe ich es geliebt hierherzukommen. Als Schülerin habe ich hier mit meinen Freunden auf den Steinstufen gesessen. Und nun - natürlich gehe ich hier lang, aber möglichst ohne hinzusehen."

Kalia Dimitrova, mit 25 die jüngste der drei Frauen, schaut nun ausnahmsweise doch genau hin: auf Marmorbrunnen und von Scheinwerfern angestrahlte Barockfassaden. Alles vor wenigen Jahren erst errichtet. Dazu Dutzende heroische Statuen: Krieger, Mönche und andere ernst dreinblickende Herren.

Der ehemalige Ministerpräsident Nikola Gruevski sitzt nicht mehr im Regierungsgebäude. Sein bronzenes Gefolge samt Marmor-Kitsch ist aber in der mazedonischen Hauptstadt geblieben.

"Manche sagen, dass der Premier diese Sachen selbst entworfen hat, auf die Stadtpläne soll er sie gemalt haben, so nach dem Motto: Ok, das tun wir hierhin, das dahin."

"Jetzt nach dem Regierungswechsel wissen wir nicht, was aus dem Projekt wird."

Biljana schließt ihr Mountainbike an, blickt über all die kitschige Marmorpracht.

"Wenn du mich fragst, was damit geschehen soll: Ich würde die Dinge an irgendeinen Ort außerhalb der Stadt verfrachten und dort einen Park oder ein Museum eröffnen. In Erinnerung daran, was für eine Tragödie uns passiert ist."

Mit den Denkmälern kamen die Demonstranten

Über zehn Jahre hat die national-konservative Regierung unter Nikola Gruevski das kleine Balkanland regiert und mit dem Projekt "Skopje 2014" die Hauptstadt nach ihrer Vorstellung umgestaltet. Aber je zahlreicher die neuen Denkmäler wurden, desto öfter gingen die drei Freundinnen demonstrieren: Biljana Ginova, die Menschenrechtsaktivistin, die Künstlerin Ivana Vaseva und Kalia Dimitrova, die bei einer NGO arbeitet.

Kalia zeigt auf eine Barockfassade, auf der noch bunte Farbpunkte zu sehen sind. Reste der Farbbeutel, mit denen die Demonstranten die Gebäude beschmissen. Schließlich, nachdem sie bereits mehrere Monate demonstriert hatten. "Bunte Revolution" haben viele die Demonstrationen ab 2016 deshalb genannt.

Mindestens 680 Millionen Euro sollen all die Bauten und Denkmäler gekostet haben, hat das investigative Recherchenetzwerk BIRN ermittelt. Etwa ein Viertel des mazedonischen Staatshaushaltes. Und noch etwas fand das Recherchenetzwerk heraus: Die meisten Rechnungen des Bauprojekts waren verdächtig hoch: Ein Fall von groß angelegter Korruption?

Demonstrantin während der "Bunten Revolution" in Mazedonien (picture alliance / dpa / epa / Nake Batev)Demonstrantin während der "Bunten Revolution" in Mazedonien (picture alliance / dpa / epa / Nake Batev)

Massendemos erst nach Abhör-Affäre

Die Empörung über den neuen National-Kitsch brachte allerdings nur wenige Demonstranten auf die Straße: Architekten, Studenten und Künstler wie Ivana. Erst als die damalige Oppositionspartei, die sozialdemokratische SDSM, Telefonmitschnitte zugespielt bekam und diese im Frühjahr 2015 veröffentlichte, begannen die Massendemonstrationen. Etwa 6.000 Mazedonier waren illegal abgehört worden: Oppositionelle, Journalisten, Menschenrechtsaktivisten, aber auch Regierungsmitglieder.

"In diesen mitgeschnittenen Telefongesprächen konnten wir zum Beispiel hören, dass die Regierung acht Euro pro Wahlstimme gezahlt hat. So lief Korruption in den vergangenen elf Jahren ab."

Ivana, Biljana und all die anderen Demonstranten erzwangen durch ihre Proteste Neuwahlen. Doch es dauerte Monate, bis Gruevski sich geschlagen gab, Neuwahlen stattfinden konnten, bis eine neue Regierung gebildet wurde, auch unter Vermittlung der EU.

Bei den Protesten gegen Korruption und Wahlbetrug haben sich die beiden Aktivistinnen kennengelernt: Kalia Dimitrova (links) und Biljana Ginova (rechts) (Deutschlandradio/ Leila Knüppel)Bei den Protesten gegen Korruption und Wahlbetrug haben sich die beiden Aktivistinnen kennengelernt: Kalia Dimitrova (links) und Biljana Ginova (rechts) (Deutschlandradio/ Leila Knüppel)

Spürbare Veränderungen seit dem Regierungswechsel

Seit Mai ist nun eine Koalition unter der Führung der Sozialdemokraten SDSM an der Macht. Jener Partei, die die diskreditierenden Mitschnitte veröffentlicht hatte. So richtig erleichtert scheinen Biljana und ihre Freundinnen darüber aber nicht. Schließlich haben auch die jetzt regierenden Sozialdemokraten jahrelang in der mazedonischen Politik mitgemischt, sahen sich Korruptionsvorwürfen ausgesetzt. Dann beginnt Ivana aber doch aufzuzählen, was sich geändert hat:

"Die Regierung hat alle staatliche Werbung in den Medien gestoppt. Vorher mit der Gruevski-Regierung war der Staat der größte Werbe-Auftraggeber in den elektronischen Medien. Das war eine der legalen und offensichtlichsten Wege, die Meinung der Journalisten zu korrumpieren. Und du konntest in keiner staatlichen Institution einen Job bekommen, wenn die damalige Regierungspartei nicht zugestimmt hat. In der Hinsicht hat sich echt viel geändert."

"Ja, aber wir haben noch keine neuen Stellenbesetzungen gehabt, wir müssen sehen, was die Zukunft bringt."

Die jüngste der drei, Kalia, ist vor einem der zahlreichen neuen Brunnen stehengeblieben. Sie schreibt in ihrer Freizeit Gedichte, auch über das neue Stadtbild Skopjes. Nun scheint sie ein neues Objekt für ihre Verse gefunden zu haben:

"Das ist Mazedonien gerade, würde ich sagen. Es ist etwas, das ein Brunnen sein möchte, aber es gibt kein Wasser."

Während Kalia noch redet, beginnt Wasser aus dem Brunnen zu fließen. Ein kleines Rinnsal, das gleich wieder versiegt.

"There is always hope!"

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